Zonenkinder begehren auf: Für unteilbare Solidarität!

30 Jahre nach dem kurzen Herbst der Utopie im Osten ist es Zeit, die verschütt‘ gegangenen Geschichten eines Systemzusammenbruchs hervorzuholen.

Von Anna Stiede, Berlin/Reggio Emilia
Foto: Bundesarchiv, Joachim F. Thurn, CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, Joachim F. Thurn, CC-BY-SA 3.0

Ab Sommer ’89 nahmen für einige Monate viele Menschen im Osten ihr Geschick selbst in die Hand. Sie wollten raus aus der kleinbürgerlichen Enge des DDR-Miefs. Sie wollten die Gesellschaft umbauen und in einen undogmatischen Sozialismus von unten verwandeln. Es kam zu Selbstorganisierungen in Fabriken und Schulen. Gegen die Treuhandabwicklungen folgten Fabrikbesetzungen. In Bischofferode kam es sogar 1993 zu einem Hungerstreik. All jene Geschichten werden in der hiesigen Geschichtsschreibung nicht erzählt, weil diese von einer westdeutschen Sicht geprägt ist.

Für mich als Ostlerin, und ich weiß, ich bin damit nicht allein, gab es stets etwas Uneindeutiges in meiner Sozialisation, weil alles, womit ich als Kind und Jugendliche seit der Schulzeit geprägt wurde, nach BRD-Maßstab ausgerichtet war. Das passte oft nicht zu dem, was ich in meiner Familie und meinem sozialen Umfeld wahrnahm. Für uns Zonenkinder, die diesen Systemzusammenbruch und die darauffolgende schwarz-rot-goldene Transformation erlebten, gab es keinerlei Bezugspersonen, egal ob Familienmitglieder, Lehrkräfte, Kindergärtnerinnen oder andere, die uns in diesen wirren Zeiten Erklärungen liefern konnten für die Geschehnisse und vor allem die Folgen des sozialen Kahlschlags und der unmittelbaren Abwertung des Ostens. Das Land, in dem wir geboren wurden, ist von der Landkarte gestrichen worden. Es wird heute so getan, als könne die Existenz dieses anderen Landes mit einem grundlegend anderen Wirtschaftssystem einfach vergessen werden. Da passiert es schon mal, dass das Bundesinnenministerium die „Wiedervereinigung“ verpennt, was schon eine Komik sondergleichen ist.

 

Westler:innen: hört zu!

Dass wir jetzt beginnen Fragen zu stellen, uns selbstbewusst Gehör verschaffen, das Zuhören der Westler:innen einklagen, all das ist dem geschuldet, dass wir in ein westliches Demokratiesystem hinein gezwungen wurden, welches auf der Abwertung unserer Lebenserfahrungen und -verhältnisse beruht. So wie die 68er die familiären Verstrickungen in Faschismus und NS bearbeiteten oder sich die Kinder und Jugendlichen der migrantischen Gastarbeiter:innen der BRD Ende der 1990er Jahre begannen zu organisieren, so beginnen jetzt auch wir die gesellschaftlich notwendigen Fragen zu stellen. Es ist höchste Zeit, dass wir Ostler:innen Geschichte schreiben. Wir können und sollten unseren Erfahrungsschatz, unsere Erinnerungen, die DDR in uns wertschätzen und uns der Scham und Unsicherheit entledigen, die uns Kohl, Treuhand und die D-Mark aufgezwungen haben.

In den gängigen (Geschichts)Erzählungen fehlt, dass eine gewaltige Krisensituation in den 90er Jahren im Osten eine enorme Reservearmee an arbeitslosen Arbeitskräften freisetzte, das Wissen hochqualifizierter Arbeitskräfte massivst entwertet und soziale Infrastruktur von einem auf den anderen Tag privatisiert wurde. Zugleich profitierte die BRD von jenen Arbeitskräften und verleibte das Volkseigentum der DDR dem bundesrepublikanischen freien Markt ein. In sämtlichen gesellschaftlichen Institutionen in Rechtsprechung, Wissenschaft, Verwaltung, Polizei oder Militär sind „Ostdeutsche in entscheidenden Positionen bis heute kaum anzutreffen“. Gerade mal 1,7 % der Führungskräfte in der deutschen Wirtschaft haben – 30 Jahre nach der sogenannten „Wiedervereinigung“ – einen ostdeutschen Hintergrund. Den Chef der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger veranlasst das, um von einem „kulturellen Kolonialismus“ durch westdeutsche Dominanz zu sprechen. Frappierend auch wie in der BRD eisern konservative Rollenbilder beispielsweise durch das Ehegattensplitting aufrecht erhalten werden und dabei mehr Westfamilien im Gegensatz zu Ostfamilien profitieren: Das westdeutsche Alleinverdienermodell, welches steuerlich durch das Ehegattensplitting begünstigt wird, ist in ostdeutschen Familien schon allein deswegen viel weniger real, weil die Löhne viel niedriger sind und Erwerbstätigkeit notwendig ist, um eine Familie zu ernähren. „Von den etwa 22 Milliarden Euro, die der Staat Jahr für Jahr fürs Ehegattensplitting verteilt, gehen 93 Prozent in den Westen“. Bis heute profitiert der Westen in Zeiten großer Weltwirtschaftskrisen von der Deklassierung des Ostens, was die massiven Demokratie- und Männlichkeitskrisen noch vertieft. Deswegen ist es an der Zeit für eine kollektive und in die Zukunft gerichtete Aufarbeitung der Osterfahrung. Wir werden damit brechen, uns als Ostler:innen immer zuerst rechtfertigen zu müssen, uns zwischen einer Verteidigung oder Ablehnung der DDR entscheiden zu müssen, bevor man uns möglicherweise zuhört. Die DDR ist passé, wir aber nicht. Und die DDR klebt an uns dran, ob wir es wollen oder nicht.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Meine 1990er und 00er Jahre im Osten waren grau, angespannt und gewaltvoll. Für meine Erfahrungen gab es keine Erklärungen in den Geschichtsbüchern oder im Fernsehen. Im Geschichtsunterricht kam das Thema nicht vor. Erst jetzt verstehe ich, dass der Moment, als ich zu den Wenigen aus meinem Dorf gehörte, die die nächsten Jahre in die größere Stadt fahren sollten, um das Gymnasium zu besuchen, jener Moment war, in dem ich erstmals selbst eine Rolle bei der Einrichtung der westdeutschen Klassengesellschaft zugeteilt bekam. Wir Kinder wurden getrennt: in potenzielle Aufsteiger:innen und in subalterne Abgehängte. Überall breitete sich Arbeitslosigkeit aus. Vor allem die ostdeutschen Männer stürzten in eine tiefe Krise, die sich oft in Aggressivität und Hass entlud. Was Manja Präkels in „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ mit den immer größer werdenden Gorilla-Fascho-Banden beschreibt, die Gewalt und Totschlag mit sich brachten, ist keine Fiktion. So sah das ostdeutsche Hinterland in den 90er Jahren aus, so war der Alltag für uns, die dort bunt, unangepasst und Fragen stellend ihre Jugend verlebten. Die Angst war ein ständiger Begleiter.

Meine 1990er und 00er Jahre im Osten waren grau, angespannt und gewaltvoll. Für meine Erfahrungen gab es keine Erklärungen in den Geschichtsbüchern oder im Fernsehen.

Heute, 30 Jahre nach ’89, dürfen der Osten und dessen Geschichtsschreibung nicht den rechten Kräften überlassen werden, da es zu viele solidarische Zellen im Osten gibt, die wertvolle und hilfreiche Erfahrungen einer Gesellschaft in der Krise in sich tragen. Als Ostfrau bin ich zwangsläufig von dem Wissen geprägt, dass ich ökonomisch unabhängig von Männern leben kann. Was sich Frauen im Westen mühsam erkämpften, war den Frauen in der DDR selbstverständlicher und staatlicherseits gegeben. Die Frauenbiografien in meiner Familie und Umfeld unterscheiden sich von jenen meiner Freundinnen aus dem Westen. Beispielhaft ist der Frauenkampftag am 8. März. Wer im Westen politisch engagiert ist, weiß schon länger, dass dies ein wichtiger feministischer Tag ist, doch im Alltagsverstand setzt sich dieser bedeutsame Tag nur langsam durch.

Was gibt es sonst noch aus dem Osten zu lernen? Dass politische Systeme nicht in Stein gemeißelt sind, sondern auch brüchig; dass die nachbarschaftliche Hilfe eine Bereicherung für alle sein kann; dass sich Häuser, Betriebe, Gesellschaft von unten gestalten lassen, durch die Bildung basisdemokratischer Räte. Der kurze Herbst der Utopie ’89 hinterlässt die Erkenntnis, wie hilfreich künstlerische Subversion sein kann; dass Basisgewerkschaften eine Alternative zu dem eingefahrenen westdeutschen (damals wie heute überwiegend männlich geprägten) Gewerkschaftsmodell sein können; dass sich Frauen unabhängig, wie in der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes, zusammenschließen können; dass Menschen ihr Geschick selbst in die Hand nehmen können und solidarisch wirtschaften und Gesellschaft und Politik gestalten können.

Um nun der sozialen Ungleichheit, die den Osten seit 30 Jahren abwerten und Hetze und Hass vertiefen, ein Ende zu bereiten, muss endlich Schluss sein mit den Lohnunterschieden bei gleicher Arbeit, die noch anhalten zwischen der Arbeiter:in im Osten zur Kolleg:in im Westen. Die Leute im Osten haben das gleiche Recht, weniger Zeit erwerbstätig sein zu müssen und den gleichen Lebensstandard wie ihre Brüder und Schwestern im Westen erleben zu können. Es wird Zeit, uns als Menschen, die im Osten aufgewachsen sind, zuzuhören und damit gemeinsam zu ermächtigen, uns einzumischen. In einem offenen Palast der Republik 2019 heißt es endlich, ein transnationales Sprechen, Zuhören, Ansehen, Berühren zwischen Ost und West zu trainieren.

 

Den solidarischen Osten stärken und gemeinsam lernen

Stets wurden Frauen* für Empathie- und Kommunikationsarbeit in die Verantwortung genommen: Es ist auch dem Widerstand der ostdeutschen Arbeiterinnen zu verdanken, dass feministische Errungenschaften in der BRD seit den 1990ern weiter durchgesetzt werden konnten: weil Westfrauen von Ostfrauen lernen konnten, was Selbstbestimmung und ökonomische Unabhängigkeit angeht, aber auch umgekehrt. Von meinen Westfreundinnen lerne ich zum Beispiel beständig, das in der DDR sozialisierte Produktivitäts- und Leistungsprinzip abzutrainieren. Durch die Auseinandersetzung mit meinen Ostfreundinnen Renate Hürtgen und Judith Braband weiß ich, dass genau dieser Arbeits- und Leistungsimperativ der DDR kritisch zu hinterfragen ist und es sich diesem zu widersetzen gilt. Dabei handelt sich um eine tendenzielle Leerstelle in der DDR-Oppositionsbewegung, weil auch diese eine überwiegend patriarchale Bewegung war. Wir können viel voneinander lernen, wenn wir unsere Biografien als Sozialgeschichte ernst nehmen. Gemeinsam können wir durch Schmerz und Differenzen lernen, unteilbare Solidarität zu gestalten. Ähnlich der Losung des oppositionellen Herbst ’89 aus Leipzig nach „einem offenen Land mit freien Menschen“, so gilt es heute „Für eine offene Welt, mit Brücken statt Mauern und mit freien Menschen“ einzutreten, denn es gibt nur diese eine offene Welt, der lebendigen Menschen, die wir nur gemeinsam erleben und gestalten können. In diesem Sinne: Für einen solidarischen Aufbruch Ost!


Der Text erschien zuerst in Ausgabe #05 „Die Wende der Anderen“.

 

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