Zäsur, Umbruch, Kontinuität? Die Bedeutung von 1989 im tschechischen Gedächtnis

Anfang des Jahres stellte sich unser Autor in unserer Printausgabe die Frage, welche Rolle die Erinnerung an die Samtene Revolution im gegenwärtigen tschechischen Gedächtnis im Jubiläumsjahr 2019 spielen würde. Dass nun in Prag am 17. November über 200.000 Menschen auf die Straße gingen, um ihren Frust über die herrschenden Verhältnisse und den amtierenden Regierungschef Andrej Babiš auszudrücken, zeigt die enorme Deutungskraft, die der Chiffre 1989 immer noch innewohnt.

von Klaas Anders
Václav Havel auf dem Prager Wenzelsplatz im November 1989. Foto: MD, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)
Václav Havel auf dem Prager Wenzelsplatz im November 1989. Foto: MD, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)

Mit Raketen und den Rolling Stones ins neue Gedenkjahr

Das Neujahrsfeuerwerk am 1. Januar wurde dieses Jahr anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der „Samtenen Revolution“ zu einem politischen Massenevent. Mit einem Budget von insgesamt 1,7 Millionen tschechischer Kronen orchestrierte die tschechische Hauptstadt Prag ein elfminütiges Feuerwerk, das verschiedene Aspekte der politischen Wende 1989 inszenierte (ČTK 2019). Begleitet wurde das Feuerwerk durch eine textliche und musikalische Untermalung, die über Lautsprecher an zentralen Orten der Prager Innenstadt abgespielt und über das Radio ausgestrahlt wurde. Zu hören war ein fiktives Gespräch eines Vaters mit seiner Tochter, in dem er ihr den Verlauf der Revolution schilderte. Am Schluss erklärte er ihr, dass westliche Musik verboten war und die Menschen für den Zugang zu dieser Musik kämpften und schlussendlich gewannen. Damit leitete er in das musikalische Programm über, das neben tschechischen „widerstands-romantischen“ Liedern auch die Rolling Stones und die Beatles beinhaltete, die den Kampf um die musikalische und kulturelle Freiheit illustrieren sollten. Das Ereignis zog viele Tschech:innen auf die Straßen Prags und führte zu etlichen Debatten in tschechischen Medien. Während sich konservative Magazine und Zeitungen, die fast ausschließlich dem Konzern MAFRA des tschechischen Oligarchen und gegenwärtigen Ministerpräsidenten Andrej Babiš gehören, besonders auf die verursachten Kosten des Projekts konzentrierten, berichteten linksliberale Medien über die Erinnerung an die Errungenschaften durch Václav Havel und die Menschenrechtsorganisationen in der Tschechoslowakei (Vgl. Lidové noviny vom 19.12.2018/ČTK 2019). Andere Medien erwähnten die Belastungen für Tiere und Umwelt durch das Feuerwerk. Die Zeitung Haló noviny diskutierte die Rücknahme von sozialstaatlichen Leistungen nach 1989. Sie steht der Komunistická strana Čech a Moravy [Kommunistischen Partei Böhmen und Mährens], kurz KSČM,  nahe  (Kojzar 2019). Deutlich wird vor allem eines: 30 Jahre nach 1989 bietet die Frage nach der Bewertung des Umbruches und seiner heutigen Inszenierung erheblichen Diskussionsbedarf. Welche Rolle spielt die Chiffre 1989 dreißig Jahre später im Jahr 2019?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf die Genese der kollektiven Erinnerung an 1989 im kulturellen Gedächtnis der Tschechischen Republik. Das kulturelle Gedächtnis lässt sich als Grundpfeiler einer gemeinschaftlichen Identität verstehen, die zentral für die nationale Identitätsstiftung ist (J. Assmann 1997; A. Assmann 2006; Spiritova 2017: 23).  Besonders im östlichen Europa ging mit dem Ende des Staatssozialismus ein regelrechter „Erinnerungsboom“ einher (Spiritova 2017: 21ff.). Bei der Analyse dieser Nationalisierungsmechanismen sind Riten, Erinnerungsorte oder zunehmend auch „neuere“ Medien Gegenstand erinnerungswissenschaftlicher Analysen, allerdings hat die Forschung den Bereich der „Populärkultur“ bislang größtenteils ausgespart (Spiritova 2017: 23). Zentral für dieses Forschungsfeld ist das „populäre Gedächtnis“ als eine Spielart kultureller Erinnerung (Spiritova 2013: 181). Dieses „populäre Gedächtnis“ ist im Hinblick auf die Bedeutungen von Masseninszenierungen, beispielsweise von rituellen Gedenktagen, aber auch im Kontext von Rezeptionen der Vergangenheit in multimedialen Formaten wie Literatur, Film, Computerspiele oder Fernsehproduktionen eine hilfreiche Kategorie zur Analyse der Inszenierung nationaler oder nationalisierter Erinnerung, die hier Anwendung finden soll. (Spiritova 2017: 23)

 

Die Menschen auf der Straße, Havel auf der Burg: 1989 und seine Folgen

Unter der Chiffre 1989 verbirgt sich meist die Erinnerung an den 17. November 1989, der als Auslöser der „Samtenen Revolution“ gilt. Rückblickend lässt sich allerdings feststellen, dass es bereits in den Wochen vor dem 17. November 1989 in den größeren Städten der sozialistischen Tschechoslowakei immer wieder zu Demonstrationen und Kundgebungen gekommen war. Auch waren Protest und Widerstand keine neuen Phänomene des Zweiten Tschechoslowakischen Staates: 1968 gipfelten Reformbewegungen innerhalb des sozialistischen Machtapparates in den Prager Frühling und schließlich in seiner Niederschlagung durch Truppen der verbündeten Staaten des Warschauer Pakts. In den 1970er- und 1980er-Jahren formierte sich der in der ČSSR fest verankerte kulturell–akademische Dissens in der Menschenrechtsorganisation Charta 77 und publizierte reihenweise subversive Schriften im Samisdat. Ende der 1980er Jahre kam es häufiger zu Protesten von Studierenden, die allerdings meist unabhängig vom „etablierten“ Dissens ihre Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen auf die Straße trugen.

CIA-Aufnahme von den Protesten während des Prager Frühlings 1968.
CIA-Aufnahme von den Protesten während des Prager Frühlings 1968.

Vor diesem Hintergrund ist es auch am 17. November 1989 zu einer angemeldeten Demonstration zur Erinnerung an den von den deutschen Okkupanten ermordeten Studenten Jan Opletal gekommen. Die Demonstration von Studierenden entschied sich jedoch nicht für die angemeldete Route, sondern zog in Richtung des zentralen Wenzelsplatzes. Kurz vor ihrem Ziel, auf der Nationalstraße, kam es schließlich zu einer gewaltsamen Konfrontation mit den bereitgestellten Polizeikräften. Dieses Ereignis gilt als Startpunkt der Revolution, an deren Ende der ehemalige Dissident und Dramatiker Václav Havel auf die Prager Burg einzog, dem Regierungssitz der Tschechoslowakei. Hier begann eine Reihe von Entwicklungen, die schließlich zu der Transformation der sozialistischen Tschechoslowakei und schlussendlich zur Trennung der tschechischen und slowakischen Republiken führen sollten.

Mit dem Beginn der Transformation stellte sich die Frage, wie man mit den „alten Eliten“ verfahren sollte. Außerdem wurde diskutiert, wie man sich an die einstige sozialistische Republik erinnern sollte. Diese Fragen waren von direkter strafrechtlicher Relevanz. Außerdem betrafen sie die Art und Weise, wie die post-sozialistische Gesellschaft in den neuen Staat integriert werden sollte (Fehr 2008: 85). Dieser Kampf zwischen liberalen und konservativen Kräften, der in den 1990er-Jahren um das Erbe des 20. Jahrhunderts und seine Erinnerung entbrannte, prägt bis heute die Deutungen der Chiffre 1989 (Fehr 2008: 85, Hoffmann 2008: 181).

 

„Der dritte Weg ist der schnellste Weg in die dritte Welt“?

Auf der neoliberal, konservativen Seite vertraten Václav Klaus und seine Partei Občanská demokratická strana [Demokratische Bürgerpartei], kurz ODS, einen „strategischen Antikommunismus“ (nach Birgit Hofmann 2008: 180), der sich besonders in einem Punkt von dem Geschichtsbild Havels und seinem „moralischen Antikommunismus“ unterschied: Für die Konservativen war die ČSSR kein Abschnitt einer längeren tschechoslowakischen oder tschechischen Geschichte, sondern eine Leerstelle dieser Geschichte. Der Sozialismus galt nicht als eine genuine Erfahrung der Tschech:innen, womit beispielsweise auch nicht das Reformpotenzial des Prager Frühlings einen konstruktiven Aspekt der tschechischen Identifikation hätte ausmachen können (Hofmann 2008: 181). Diese Deutung propagieren konservative Akteur:innen bis heute: So antwortet Václav Klaus etwa in einem Interview mit der Wiener Zeitung vom 16.03.2019 auf die Frage nach einer Kontinuität von 1968 zu 1989:

„Die Samtene Revolution von 1989 war ein richtiger Bruch, das war die Liquidation der Ideen des Prager Frühlings, die auf eine Reform des Kommunismus und den dritten Weg […] abzielten. 1989 wählten wir den ersten Weg: Kapitalismus und freie Marktwirtschaft. Ich war sechs Wochen nach der Samtenen Revolutionen zum ersten Mal beim Weltwirtschaftsforum in Davos und wurde dort nach dem dritten Weg befragt. Und meine Antwort lautete: Der dritte Weg ist der schnellste Weg in die dritte Welt.“ (Huhold 2019)

Deutlich wird hier die enorme Ablehnung, mit der Klaus dem „Experiment“ des Prager Frühlings gegenübersteht. Allerdings ist diesem Narrativ eine – eben auch strategische – Ablehnung der ersten nicht-sozialistischen Regierung der Tschechoslowakei nach 1989 unter Václav Havel immanent, da dieser von Klaus und seiner Partei als „Reformkommunist“ deklariert wurde. Durch diese Ablehnung konservativer und marktliberaler Kräfte begründete sich die Durchsetzung einer Deutung der tschechischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert als „totalitär“, die mit der Exklusion der ambivalenten und vielschichtigen Erfahrungen innerhalb des Staatssozialismus einherging und diese auf diesen einzigen Begriff verkürzte. Diese Deutung des „Totalitarismus“ ist bis in die Gegenwart hinein ein in der Tschechischen Republik sehr beliebtes Analysemuster. Dabei umfasst der Begriff sowohl die Teilung und Okkupation durch die deutschen Besatzer:innen im „Protektorat Böhmen und Mähren“ als auch die Epoche der sozialistischen Tschechoslowakei. Beispiele für die erinnerungspolitischen Konsequenzen dieses Narratives sind etwa das 2002 eingeweihte zentrale Denkmal für die Opfer des Kommunismus oder das Ústav pro studium totalitních režimů [Institut für das Studium totalitärer Regime], kurz ÚSTR, das 2007 die Arbeit aufnahm (Hoffmann 2008: 176; Blaive 2010). Das ÚSTR ist das einzige Institut in der Tschechischen Republik, das sich mit der Erforschung der Geschichte des Sozialismus beschäftigt. Gleichzeitig ist es jedoch, wie der Name bereits zum Inhalt hat, mit der Untersuchung und Aufklärung „beider“ Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts betraut (Blaive 2010). Dieser Universalismus des „Totalitären“ impliziert für die Chiffre 1989 eine politische Zäsur und einen „neuen“ Anfang der tschechischen Geschichte. Die einzige Kontinuität, die durch diese Deutung zugelassen wird, sieht man im Erbe der Ersten Republik von 1918.

 

Weißt du noch, damals auf der Nationalstraße?

Während Václav Klaus und die neoliberalen Kräfte den Sozialismus als Fremdherrschaft und gescheitertes Experiment betrachten, versuchte Havel die Erfahrungen der Tschech:innen im Sozialismus in den neuen Staat einzubeziehen. Dabei bezogen sich Havel und seine Regierung positiv auf die Reformbewegungen des Prager Frühlings. Für Havel waren der Prager Frühling und die folgende Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten prägende Ereignisse: In der Nacht zum 21. August marschierten die Truppen des Warschauer Pakts über verschiedene Grenzen in die Tschechoslowakei ein. Auch durch die Stadt Liberec nahe der Grenze zur DDR rollten in dieser Nacht die schweren Ketten der Panzer der „sozialistischen Bruderstaaten“. Havel war durch einen Zufall selbst vor Ort, da er wenige Tage zuvor auf Einladung befreundeter Künstler:innen nach Liberec gekommen war. Er kommentierte von dort aus den Einmarsch im tschechoslowakischen Radio und gab Handlungsanleitungen an die Bevölkerung:
„Dieses Land lässt sich nicht dadurch retten, dass Dubček geopfert wird. Die einzige Chance unseres Landes besteht im Gegenteil nur und allein in der bedingungslosen und konsequenten Unterstützung von Dubček. […] Wer ein Amt aus anderen Händen als aus jenen des Volkes durch reguläre Wahlen annimmt, ist ein Verräter Dubčeks und des Landes.“ (zitiert nach Mládková 2013)

Die Personalie Alexander Dubček, dem ehemaligen Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei von 1963 bis 1968 steht symbolisch für den Prager Frühling und sein gewaltsames Ende. Nachdem Dubček 1969 als Verantwortlicher für die „Konterrevolution“ in Moskau zur Rechenschaft gezogen und zu erheblichen Zugeständnissen gegenüber Moskau gebracht wurde, verschwand er aus dem politischen Leben der Tschechoslowakei (Mládková 2012). Während der „Samtenen Revolution“ wurden die Rufe nach Dubček buchstäblich wieder laut, denn die Studierenden auf der Straße forderten seinen erneuten Einzug auf die Prager Burg. Schließlich zog dort jedoch Havel ein. Der „Reformkommunist“ Dubček wurde allerdings 1989 unter Havel rehabilitiert und als Vorsitzender des föderalen tschechoslowakischen Parlamentes eingesetzt. In der öffentlichen Wahrnehmung machte Dubček den Weg für Havel frei. An diesem Beispiel wird die ideelle und personelle Verflechtung von 1968 und 1989 sehr deutlich: Havel versuchte, an die Reformbewegungen der 60er anzuknüpfen und ihr „Erbe“ im neuen Staat zu erhalten.

Retrospektiv lässt sich allerdings feststellen, dass sich der Bezug auf die Erfahrungen des Staatssozialismus im „neuen“ Staat nicht durchsetzen konnte. Dies lässt sich in der mangelnden Wirkmächtigkeit des dissidentischen Erbes in der Tschechischen Republik begründen: Es gelangt nicht, aus dem akademischen und elitären Dissens ein umfassendes „nationales“ Integrationsparadigma zu genieren, da es große Teile der Gesellschaft nicht inkludieren konnte (Spiritova 2017: 19). Das ideelle Vakuum, das Havel und seine Freund:innen der Charta 77 nicht durchdringen konnten, füllte die Deutung des „Totalitären“. Allerdings verschwand die Rezeption des Prager Frühlings nicht vollends aus dem Diskurs.

Ein Beispiel hierfür stellt der Roman Národní třída von Jaroslav Rudiš dar. Der Schriftsteller, Dramatiker und Drehbuchautor Rudiš beschreibt hier die Geschichte des ehemaligen Polizisten Vandam, eines Schlägertyps und selbstbezeichneten „Europäer“, der sich als eine Art Archetyp des „Wendeverlierers“ interpretieren lässt. Vandam, der sich selbst nach dem Actionstar Jean Claude van Damme benannt hat, trinkt und schlägt sich gerne in einer Kneipe in der Prager Nordstadt und erinnert sich immer wieder zusammen mit seinen Freund:innen an die Geschehnisse auf der Nationalstraße. Dort habe er den ersten Schlag abgeben: Vandam, der Polizist, auf seinen Bruder, der ihm in den Reihen der Demonstrant:innen gegenüber stand. Es sei nur eine „Rauferei unter Brüdern“ gewesen, die schließlich zur Revolution führen sollte. In seiner Geschichte beschreibt Rudiš immer wieder Motive der Erinnerung seiner Protagonist:innen an 1989 und die Nationalstraße:

„Und einer fragt: Was meinst du mit Nationalstraße? Froster sagt: Dort hat Vandam es doch losgetreten. Und ein anderer sagt: Unten in der Stadt sag ich, auf der Nationalstraße. Damals im November 1989. Und der andere lacht abschätzig: Dort sind wir doch alle gewesen, oder? Wir alle haben es losgetreten. Und Froster sagt: vielleicht sind alle da gewesen, Vandam aber ganz bestimmt. Unser Vandam hat es losgetreten.“ (Rudis 2015: 62.)

Národní třída stellt einen Beitrag zum „populären Gedächtnis“ der tschechischen Gesellschaft dar. Es ist ein Aspekt des Gedächtnisses eines bestimmten Teils der Gesellschaft. Rudiš schreibt aus der Perspektive eines liberalen und intellektuellen Erinnerungsmilieus. Er bezeichnet sich selbst als „Havelisten“ und greift damit einen Schmähbegriff der politischen Rechten auf, geprägt unter anderem durch Václav Klaus (Rudiš 2016). Rudiš Texten ist meist eine bestimmte Sicht auf die „Samtene Revolution“ und ihre Aktuer:innen immanent, die für einen Teil der Gesellschaft charakteristisch ist. Dies wird in Národní třída deutlich:

„Darauf stoßen wir an. Und noch einer sagt: Auf die samtene Revolution. Und ein anderer sagt: Auf Havel. Und ein anderer sagt: Auf die Freiheit. Und ein anderer sagt: Auf Wahrheit und Liebe, die über Lüge und Hass triumphieren.“ (Rudiš 2015: 64)

Rudiš lässt seine Charaktere auf die Freiheit und die Revolution anstoßen. Mehr noch zitieren sie Havel und damit eines der Leitmotive der „Samtenen Revolution“. Ob in Kneipen der Prager Nordstadt wirklich gegenwärtig auf Havel und die Revolution angestoßen wird, bleibt zwar fraglich, in Národní třída geht dieses Narrativ jedoch auf. Es verdeutlicht die Bedeutung der Chiffre 1989 für die tschechische Literatur, für Rudiš und für andere liberale Literat:innen. Národní třída zeigt, dass der Erinnerungsort 1989 in Teilen der Gesellschaft sehr präsent ist.

 

Ausblick

„Modlitba, Holé ruce, Jednota, Zakázané ovocem a Svoboda“ [Gebet, bloße Hände, Einheit, verbotene Frucht und Freiheit] wurden die verschiedenen Abschnitte dieses Feuerwerks am Anfang dieses Jahres genannt, die jeweils Etappen auf den Weg zur Revolution verdeutlichen sollten (ČTK 2019). Diese sehr aufgeladenen Begriffe passen zum Eindruck, den dieses Event hinterlässt: Nach und nach entstehen gewaltige Bilder am Himmel, die vom narrativen Kontext der Erzählung von Vater zu Tochter eingerahmt das Bild einer Katharsis zeichnen, deren Zenit durch das Einsetzen der Musik der Rolling Stones und Beatles erreicht wird. Am Ende der Revolution stand die Freiheit der Nation. Das Narrativ, das hier bemüht wird, ist eine Inszenierung des Nationalen im „populären Gedächtnis“ (Spiritova 2017: 21ff.). Aber um den Umbruch als Identifikationsfigur nutzen zu können, muss zwingend eine andere Frage beantwortet werden: Was war davor? War die sozialistische Tschechoslowakei eine fremde Okkupation, ein fehlgeleitetes Experiment? Ist sie Teil der tschechischen und slowakischen Geschichte oder ist sie das Ausbleiben von Geschichte? Diese unterschiedlichen Sichtweisen deuten darauf hin, dass sich die „Samtene Revolution“ bisher nicht für ein gemeinsames tschechisches Erbe und damit als Nationalisierungsmechanismus eignet. Die Chiffre 1989 stellt allerdings bis heute eine Projektionsfläche für verschiedene, gesellschaftliche Debatten dar. Die Besonderheit der Erinnerung an 1989 liegt auch darin begründet, dass es sich um eine „Erinnerung von unten“ handelt und nicht um eine herrschaftstragende Masseninszenierung (Spiritova 2016: 176). So wurde das Feuerwerk zu Beginn des Jahres von der Stadt Prag und nicht von der tschechischen Regierung konzipiert und finanziert. Für das diesjährige Erinnerungsjahr, in dem die „Samtene Revolution“ immer wieder Thema sein wird, hat die tschechische Regierung zwar einen Kostenplan von circa 55 Millionen Kronen vorgelegt, das ist aber vergleichsweise wenig im Vergleich zu den Erinnerungsfeierlichkeiten im letzten Jahr. 2018 wurde an die hundertjährige Staatsgründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918 erinnert. Hierfür stellte die Regierung 400 Millionen Kronen zur Verfügung (Lother 2019). In dieser Relation wird deutlich, dass die Chiffre 1989 zwar eine wichtige Zäsur für die tschechische Erinnerung darstellt, sie jedoch von anderen Erinnerungsparadigmen weit überschattet wird.


Der Artikel erschien im Sommer 2019 in der Printausgabe #5 Die Wende der Anderen.

Literaturverzeichnis:

Assmann, Aleida: „Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis – Zwei Modi der Erinnerung.“ In: Platt, Kristin/Dabag, Mihran (Hrsg.), Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten. Opladen: Springer 1995, S. 169-185.

Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München: C.H.Beck 2006.

Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: C.H.Beck 1997.

Blaive, Muriel: „The 1989 Revolution as a Non-Lieu de Memoire in the Czech Republic.” In: Gjuričová, Adéla (Hg.): Elektronický sborník z conference 1989-2009: Společnost. Dějiny. Politika. [Elektronischer Konferenzband 1989-2009: Gesellschaft. Geschichte. Politik], Prag: Heinrich-Böll-Stiftung 2009, online: https://cz.boell.org/sites/default/files/downloads/http___oldmail.otoman(1).pdf, (Stand: 01.03.2019).

Fehr, Helmut: „Lustration und Vergangenheitspolitik in der Tschechischen Republik.“ In: Großbötling, Thomas/Hofmann, Dirk (Hg.): Vergangenheit in der Gegenwart. Vom Umgang mit Diktaturerfahrungen in Ost- und Westeuropa. Göttingen: Wallstein 2008, S. 83-90.

Hofmann, Birgitt: „Prager Frühling und Samtene Revolution: Narrative des Realsozialismus in der tschechischen nationalen Identitätskonstruktion.“ In: Fritz, Regine/Sachse, Carola/Wolfrum, Edgar (Hg.): Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa. Göttingen: Wallstein 2008, S.171-192.

Huhold, Klaus: „Vaclav Klaus: 1989 war Liquidation des Prager Frühlings.“ Wiener Zeitung, 16.03.2019, online: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/2001710-1989-war-Liquidation-des-Prager-Fruehlings.html?em_cnt_page=1, (Stand:18.03.2019).

Lother, Martin: Regierung will 2019 für Staatsfeiern 55 Millionen Kronen ausgeben, Radio Prag, 27.01.2019, online: https://www.radio.cz/de/rubrik/nachrichten/regierung-will-2019-fuer-staatsfeiern-55-millionen-kronen-ausgeben (Stand:10.03.2019).

Mládková, Jitka: Aufnahme gefunden: Havel kommentiert den Einmarsch 1968 im Radio, Radio Praha vom 31.08.2013, online: https://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/aufnahme-gefunden-havel-kommentiert-den-einmarsch-1968-im-radio (Stand: 18.04.2019)

Mládková, Jitka: Samtene Revolution 1989: das politische Comeback von Dubček, Radio Praha vom 17.11.2012, online: https://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/samtene-revolution-1989-das-politische-comeback-von-dubcek,(Stand: 18.04.2019)

Pražský novoroční ohňostroj připomene sametovou revoluci. Magistrát za něj zaplatí 1,7 milionu korun Zdroj [Das Prager Neujahrsfeuerwerk wird an die Samtene Revolution erinnern. Die Gemeinde wird dafür 1,7 Millionen Kronen zahlen], Artikel in Lidové noviny, 19.12.2018, online: https://www.lidovky.cz/domov/prazsky-novorocni-ohnostroj-pripomene-sametovou-revoluci-magistrat-za-nej-zaplati-1-7-milionu-korun.A181219_120223_ln_domov_blv (Stand:10.03.2019).

Pražský novoroční ohňostroj připomněl sametovou revoluci [Das Feuerwerk des Prager Neujahrs erinnerte an die Samtene Revolution], ČTK, 01.01.2019, online: https://www.ceskenoviny.cz/zpravy/prazsky-novorocni-ohnostroj-pripomnel-sametovou-revoluci/1701001 (Stand:10.03.2019).

Rudiš, Jaroslav: Bier, Rock ’n’ Roll und Václav Havel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.12.2016.

Rudiš, Jaroslav: Národní třída. Praha: Labyrint 2013. [Deutsche Übersetzung von Eva Profousová: Nationalstraße. München: Luchterhand 2015.]

Spiritova, Marketa: „Performing the Nation. Inszenierung des Nationalen in der Populären Kultur.“ In: Götz, Irene/Roth, Klaus/Spiritova, Marketa (Hg.): Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: Transcript 2017, S. 17-37.

Spiritova, Marketa: „Das Jubiläum als Event. Die ‚Samtene Revolution‘ in der populären Erinnerungskultur.“ In: Radonic, Ljiljana/Uhl, Heidemarie (Hg.): Gedächtnis im 21. Jahrhundert. Zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs. Bielefeld: Transcript 2016, S. 159-182.

Spiritova, Marketa: „Gedenkfeiern zwischen Geschichtspolitik und Streetparty. Das ‚populäre Gedächtnis‘ als Forschungsparadigma in der Populärkulturfoschung.“ In: Bareither, Christoph/Maase, Kaspar/Nast, Mirjam (Hg.): Unterhaltung und Vergnügung. Beiträge der Europäischen Ethnologie zur Populärkulturforschung. Mit einem Vorwort von Hermann Bausinger. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013, S. 118-132.

Spiritova, Marketa: „Performing Memories. Erinnerungspraktiken zwischen Geschichtspolitik und Populärkultur am Beispiel Tschechiens.“ In: Zeitschrift für Volkskunde, 1 (2014), S. 91-111.

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email