„Wir sind mehr!“ – Und danach läuft alles weiter wie bisher?

Am Montag demonstrierten 65.000 Menschen unter dem Motto „Wir sind mehr“ gegen rechte Hetze. Das war ein starkes Zeichen. Doch langfristig brauchen zivilgesellschaftliche Organisationen in den ländlichen Regionen mehr als Feuerwehrpolitik. Ein Appell.

von Stephan Conrad, Döbeln

Letzte Woche veröffentlichte ich auf Facebook einen genervten Post über #wirsindmehr, der für ein privates Posting viel Aufsehen erregte. Seitdem wollen viele mit mir reden, scheinbar habe ich einen Nerv getroffen. Dabei wollte ich nur meinen Facebookfreund*innen auf die Füße treten und sie zum Nachdenken animieren. Von Kolleg*innen, die in ähnlichen Vereinen, Initiativen und Zentren wie ich aktiv sind, erhielt ich viel Zuspruch. Hin und wieder wurde auch Kritik an meiner Formulierung geäußert.

 

Nichts als Symbolpolitik

Meine Sorge ist, dass Veranstaltungen wie das am Montag in Chemnitz veranstaltete Konzert leider nichts als Symbolpolitik sind. Sie ändern nichts an den Zuständen, mit denen wir es in der sächsischen, vielleicht sogar ostdeutschen Provinz zu tun haben. Sie setzen zwar einmalig ein wichtiges Zeichen, aber sie ändern kaum etwas an den bisherigen Entwicklungen in der Peripherie. Es fehlt ein Umdenken. In der Politik, in der Verwaltung, bei jeder*m einzelnen, die*der sich vermeintlich auf der „richtigen“ Seite wähnt. Und so wird gefeiert, demonstriert, für einen Tag, vielleicht für zwei. Und danach läuft alles so weiter wie bisher.

 

Sind wir wirklich mehr?

Der Großteil kreativer, alternativer Menschen verlässt früher oder später die dörflichen und kleinstädtischen Regionen Sachsens. Die wenigsten kommen zurück. Es bleiben mehrheitlich keine Musterdemokrat*innen. Die Zurückgebliebenen sind verbittert, erzkonservativ, weiß, heterosexuell, männlich – eine gefährliche Mischung für die Gesellschaft. Scheinbar die Mehrheit.

Wären ‚Wir‘ wirklich mehr, dann hätten die montäglichen Gegenproteste gegen Pegida nicht nachgelassen. Wären ‚Wir‘ wirklich mehr, dann wäre Heidenau, dann wäre Clausnitz, dann wäre Freital nicht passiert.

Also was ist überhaupt gemeint mit diesem ‚Wir‘? Sind es Linke? Sind es Demokrat*innen? Oder sind es einfach Nicht-Nazis? Meiner Wahrnehmung nach sind ‚Wir‘ nicht mehr. Ich definiere dieses ‚Wir‘ als die in Sachsen gesellschaftlich engagierten Menschen. Aktiv in der Sozio- und Subkultur, aktiv in der Alternativkultur, in der Arbeit mit geflüchteten Menschen und gegen rechte Tendenzen.

Wären ‚Wir‘ wirklich mehr, dann hätten die montäglichen Gegenproteste gegen Pegida nicht nachgelassen. Wären ‚Wir‘ wirklich mehr, dann wäre Heidenau, dann wäre Clausnitz, dann wäre Freital nicht passiert. Wären ‚Wir‘ wirklich mehr, dann müssten wir uns das womöglich nicht mithilfe eines Hashtags und Großevents einreden.

 

Starke Strukturen sehen anders aus

Es gibt in Sachsen wahrscheinlich tausende Menschen, die sich in soziokulturellen Zentren, in Vereinen und Initiativen engagieren, die ehrenamtlich mit Geflüchteten arbeiten, die Recherchearbeit betreiben, Nazi-Sticker und Nazi-Graffiti entfernen, das Jugendzentrum oder Alternative Zentrum um die Ecke am Laufen halten und unzählige weitere Sachen machen. Diese Menschen engagieren sich im Ehrenamt, meist nicht nur in einer Initiative. Einige sind Angestellte. Ihre Jobs sind von Fördermitteln abhängig und in der Regel befristet. Starke Strukturen sehen anders aus.

Fördermittel werden oftmals nur nach Nachweis von Eigenanteilen bewilligt. Das stellt gerade kleine Vereine in ländlichen Regionen vor große Hürden. Niedrigschwellige Angebote, die viele Menschen erreichen sollen, müssen gleichsam Geld einbringen, um die Projekte zu finanzieren. Häufig sind Projektmittel zudem von den jeweiligen Sitzgemeinden und Kommunen abhängig. So kommt es nicht selten vor, dass Stadträt*innen Debatten über Nestbeschmutzer*innen und Linksradikale führen, wenn es um Engagement gegen neonazistische Strukturen in den jeweiligen Orten geht. Leidtragende dieser Debatten sind neben den Engagierten und Aktiven auch die Nutzer*innen vor Ort, also Jugendliche, Geflüchtete und Angehörige von Minderheiten.

Auf politischer Ebene werden wichtige Strukturen vor Ort spätestens mit den 2019 anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen vor weitere Herausforderungen gestellt. Bereits jetzt schon macht die AfD im Sächsischen Landtag und auf regionaler Ebene vielen Träger*innen das Leben schwer. Es wird sich zeigen, wie die Wahlergebnisse die Entwicklung weiter beeinflussen.

 

Kontinuität und Demokratisierung

Um langfristig Strukturen in ländlichen Regionen zu stärken, statt Feuerwehrpolitik und Wochenendengagement zu betreiben, brauchen wir junge und alte Menschen, die sich in den Zentren, Projekten und Vereinen in Sachsen einbringen. Menschen, die ehrenamtlich aktiv werden. Menschen, die Veranstaltungen in der Peripherie besuchen. Menschen, die nicht nur zu Events in die Großstädte fahren. Menschen, die Vereinsmitglied werden und mit ihren Mitgliedsbeiträgen helfen, Strukturen zu erhalten. Menschen, die Geld spenden. Es braucht Kontinuität für unsere Arbeit. Kontinuität in der Finanzierung, Kontinuität in der Unterstützung durch Zeit und Geld jeder*s Einzelnen oder zumindest von mehr Menschen als bisher.

Wir brauchen Menschen, die Veranstaltungen in der Peripherie besuchen. Menschen, die nicht nur zu Events in die Großstädte fahren. Menschen, die Vereinsmitglied werden.

Dass man in Sachsen seit der Wende immer wieder betonen muss, dass der Feind der Rechtsradikalen nicht die Linksradikalen, sondern die Demokrat*innen sind, spricht Bände. Was hier fehlt, ist Demokratisierung. Grundlegend und grundsätzlich. Und diese leisten zahlreiche wichtige Vereine, Initiativen, Kulturzentren, Jugendclubs und viele mehr. Sie brauchen dabei mehr Unterstützung.


Titelbild: Das Konzert in Chemnitz unter dem Motto „Wir sind mehr!“ am 03.09.2018. Quelle: D. Bache/Ost Journal

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