Willkommen in der Volksrepublik Israel

Aus heutiger Sicht mag uns die Unterstützung Josef Stalins für das junge Israel absurd erscheinen. Vor allem, wenn man die Entwicklung der sowjetisch-israelischen Beziehungen in ihrer Gesamtheit betrachtet, kann man hier im wahrsten Sinne von einer ungewöhnlichen Allianz sprechen. Dennoch, ohne Stalin gäbe es den modernen Staat Israel nicht. Bis heute soll sich in dem einen oder anderen Kibbuz ein Porträt des sowjetischen Machthabers befinden, der als einer der Väter Israels über die Gemeinschaftssäle der Kibbuzniks wacht. Grund genug, sich die Geschichte, wie Israel fast ein Ostblockstaat geworden wäre, einmal genauer anzusehen.

von Lee Wiegand, Berlin
Flickr, Government Press Office, CC BY-NC-SA 2.0
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Am 14. Mai 1948 wurde der Traum Theodor Herzls, dem Begründer des modernen Zionismus, Wirklichkeit: Nachdem die britischen Besatzer Palästina verlassen hatten, verlas David Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung. Der moderne Staat Israel war geboren. Doch die Freude währte nur kurz. Noch in derselben Nacht erklärten Ägypten, Syrien, die Königreiche Jordanien und Saudi-Arabien und der Irak dem jungen Staat den Krieg, gewillt, den jüdischen Staat und die jüdische Bevölkerung auszulöschen.

Im folgenden Krieg, der das ehemalige Mandatsgebiet Palästina verwüstete und einen Großteil der arabischen Bevölkerung in die Flucht trieb – wobei man jedoch nicht vergessen sollte, dass gleichzeitig die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in nordafrikanischen und arabischen Staaten vertrieben wurde – konnten die Jüd:innen sich und ihren Staat behaupten und eine langfristige Basis für seine Etablierung schaffen. Die militärische Niederlage der arabischen Allianz und die unterschiedlichen strategischen Ziele ihrer Regime machte hingegen die Gründung eines arabisch-palästinensischen Staates unmöglich, wie ihn der Teilungsplan der Vereinten Nationen im November 1947 ursprünglich vorsah.

 

Ein ungewöhnlicher Vater Israels

Den israelischen Sieg im Unabhängigkeitskrieg hatte kein anderer als der sowjetische Machthaber Josef Stalin möglich gemacht: I.) Die UdSSR erkannte Israel bereits am 17. Mai vollumfänglich an;1 II.) Sie leistete über Polen umfassende Wirtschaftshilfen; III.) Sie setzte sich über das bestehende Waffenembargo hinweg und belieferte über die wiedergegründete Tschechoslowakei die Vorläufer der israelischen Armee unter anderem mit Gewehren, Munition, Kampfflugzeugen und anderem nützlichen Kriegsgerät. Dieser Akt der praktischen Völkerfreundschaft und internationalen Solidarität war dringend notwendig gewesen, so hatte zum Beispiel die Hagana zuvor gerade einmal genug Schusswaffen, um jedes dritte Mitglied auszurüsten, während es bei anderen Verbänden noch deutlich schlechter ausgesehen hatte. Die Waffenlieferungen aus dem sich konsolidierenden Ostblock waren demnach für die Israelis kriegsentscheidend.

Hinter Stalins Unterstützung für Israel standen mehrere Ziele, allen voran ein machtpolitisches Kalkül: Die offizielle und noch durch Lenin vorgegebene Politik sah nach der Oktoberrevolution für die „jüdischen Frage“ die vollständige Assimilation und keine separate jüdische Sowjetrepublik analog zur russischen, ukrainischen, und so weiter vor. Stalin selbst sprach den Jüd:innen bereits in den 1910ern ab ein eigenes Volk zu sein.2 Die spätere Gründung eines autonomen jüdischen Siedlungsgebiets in den 1930ern war allenfalls den sowjetischen Bemühungen, dem „westlichen“ Zionismus, sprich der Abwanderung sowjetischer Jüd:innen nach Palästina, einen Riegel vorzuschieben, geschuldet und schließlich gescheitert. Das „sowjetische Zion“ in der kalten Einöde Sibiriens konnte sich in der Realität nicht gegen Herzls weit verbreiteten Traum einer Rückkehr in die jüdische Heimstätte im Nahen Osten durchsetzen.

 

Sowjetisches Hin und Her zwischen Pro- und Antizionismus

Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Ereignisse um die Shoah begünstigten im Nachkriegs-Europa und der UdSSR das erneute Aufkommen des Zionismus als realpolitische Option. Außenpolitisch nahm Stalin seit 1944 eine pro-zionistische Haltung ein. Die UdSSR stellte sich in der UNO, vertreten durch den späteren Außenminister Andrei Gromyk, öffentlich und vorbehaltlos hinter den Teilungsplan für Palästina und das Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht des jüdischen Volkes. Selbstverständlich kalkulierte Stalin, dass ein zukünftiger Staat Israel, der vor allem durch die Kibbuz-Bewegung und die jüdisch-palästinensische Arbeiter:innenbewegung geprägt sein würde, sich zu einem sozialistischen Staat entwickeln und dieser den Einfluss Großbritanniens im Nahen Osten zurückdrängen würde. Die Anerkennung Israels und die Waffenlieferungen waren also eine logische Konsequenz aus Stalins macht- und weltpolitischem Vorhaben, den sowjetischen Sozialismus über den gesamten Globus zu exportieren und gegen die ehemaligen Alliierten in Stellung zu bringen.

Auch innerhalb der UdSSR verbesserten sich zunächst die Lebensverhältnisse der sowjetischen Jüd:innen, jedoch folgte bald eine (weitere) Umkehr der sowjetischen Innenpolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Nachdem die linksgerichtete Regierung Israels die sowjetischen Annäherungsversuche resistent zurückwies, im Herbst 1948 Golda Meir ihren Dienst als israelische Botschafterin in Moskau antrat und von Tausenden begeistert empfangen wurde und sich der Kalte Krieg anbahnte, begann Stalin, mehr und mehr paranoid, die sowjetischen Jüd:innen als potentielle „Fünfte Kolonne“ des Westens im eigenen Land zu betrachten. Es begann die berüchtigte, antisemitische Kampagne gegen „wurzellose Kosmopoliten“, von der die „Sowjetvölker“ nicht unbeeindruckt blieben. Das Jüdische Antifaschistische Komitee und andere jüdische (Kultur-)Einrichtungen in der UdSSR wurden 1948 de facto liquidiert und die Ausreise nach Palästina wurde verunmöglicht.3 Ilja Ehrenburg schrieb: „Sowjetische Juden blicken nicht in den Nahen Osten, sie blicken in die Zukunft.“ Stalins Wahn erreichte mit der so genannten Ärzteverschwörung ihren Höhepunkt und wurde auch in den anderen Staaten der sowjetischen Einflusssphäre mit Begeisterung nachgeahmt.

Die Entwicklungen der sowjetischen Innenpolitik blieben auch der israelischen Regierung nicht verborgen, dementsprechend kühlten die diplomatischen Beziehungen beider Staaten enorm ab. Stalins Traum von einer Volksrepublik Israel und einem sowjetischen Satelliten im Nahen Osten zerplatze auch an den veränderten außenpolitischen Konstellationen im Nahen Osten. Die Folgen der Niederlage der „Armee des heiligen Krieges“ und ihre Verbündeten, die katastrophale Verluste hinnehmen mussten, führten zur Destabilisierung ihrer Mitgliedsstaaten. In Ägypten putschte sich 1952 Gamal Abdel Nasser an die Macht, in Syrien und dem Irak kamen langfristig die arabisch-sozialistischen Baath-Parteien an die Macht, lediglich in Jordanien und Saudi-Arabien konnten sich die Monarchen gerade so an der Macht halten. Plötzlich besaß die UdSSR mit den irgendwie sozialistisch und bestimmt anti-westlich eingestellten Regimen passendere Verbündete im Nahen Osten, die es zu unterstützen galt. Israel geriet in die prekäre Lage, nicht nur von Feinden umzingelt zu sein, sondern auch noch dabei zusehen zu müssen, wie diese vom ehemaligen Verbündeten bis an die Zähne bewaffnet wurden.

 

Ende der diplomatischen Beziehungen

Die unmittelbar folgenden Konflikte taten ihr Übriges dazu, dass sich Israel langfristig enger an die westlichen Staaten Großbritannien, Frankreich und die USA anlehnte, während die UdSSR die diplomatischen Beziehungen nach dem Sechs-Tage-Krieg für die nächsten 24 Jahre abbrach und die „arabisch-sozialistischen“ Staaten mit allem Nötigen versorgte. In der sowjetischen Propaganda wandelte sich das Bild Israels vom Produkt eines antikolonialen Befreiungskampfes zum imperialistischen Aggressor schlechthin („Nazis der Gegenwart“, war auch in der sowjetischen Propaganda keine unbekannte Phrase). Eine fatale Entwicklung, die auch die westliche Linke beeinflusste, die einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg tendenziell pro-israelisch gewesen war. Erst mit dem Untergang der UdSSR näherten sich der Nachfolgestaat Russland und Israel wieder aneinander an.

Was bleibt also übrig vom Mythos, Stalin sei ein Freund der Jüd:innen gewesen, der ihnen einen eigenen Staat ermöglicht hat? Nun ja, ein Mythos eben. Fakt aber ist, ohne Stalins Intervention im Unabhängigkeitskrieg hätte der arabische Antisemitismus bereits sein 1949 Werk vollendet und die Menschen umgebracht, die Hitler und den Deutschen entwischen konnten. Ohne Stalin gäbe es in Israel heute keine jüdische Selbstbestimmung und Selbstverteidigung. Doch Stalin ging diese ungewöhnliche Allianz nicht wegen, sondern trotz seines Verständnis des Marxismus-Leninismus ein. Seine Vaterschaft Israels ist getrübt durch zahlreiche antisemitische Maßnahmen und Entgleisungen und das antisemitische Erbe, das er seinen Nachfolgern hinterlassen hat. Reinwaschen kann man Stalin wegen seines Anteils an der Geburt Israel nicht, und letztlich ist es unerheblich, ob wirklich Stalin-Porträts in den Kibbuzim Wache halten.

Endnoten:

1 Zwar hatten die USA Israel de facto bereits am 15. Mai 1948 anerkannt, de jure aber erst nach den ersten Parlamentswahlen am 25. Januar 1949.

2 Wenngleich auch anzuerkennen ist, dass der junge Sowjetstaat während und nach der Oktoberrevolution Pogrome entschieden bekämpfte, Antisemitismus unter Strafe stellte und hohe Popularität unter den, nun sowjetischen, Jüd:innen besaß. Allerdings sahen sie die Lösung der „jüdischen Frage“ in der klassenlosen Gesellschaft zu verwirklichen.

3 Diese Regelung galt allerdings nur für sowjetische Jüd:innen. Jüd:innen aus anderen Staaten des späteren Ostblocks wurde die Ausreise nach Israel vollumfänglich gestattet.

Der Artikel erschient zuerst in der Printausgabe 04/2018 „Ungewöhnliche Allianzen“ im Dezember 2018 | Seite 80-83

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