Tschechischer Geschichtsrevisionismus auf Kosten der Roma

Im Schatten der Debatte um das so genannte „Holocaustgesetz“ in Polen haben auch in Tschechien dunkle Seiten der eigenen Geschichte die öffentliche Meinung erregt. Das „Holocaustgesetz“ sah eine Bestrafung vor, wenn die Verantwortung für deutsche Verbrechen im Zweiten Weltkrieg „entgegen der Fakten“ der polnischen Nation zugeschrieben wurden. Mittlerweile wurde dieser Teil des Gesetzes gestrichen. In Tschechien kam es infolge der Debatte zu einer Diskussion über die Rolle der tschechischen Polizei im Völkermord an den Roma, dem rund eine halbe Million Menschen in ganz Europa zum Opfer fielen.

von Martin Wycisk, Poznań

Das Thema der Kollaboration führt in Osteuropa immer wieder zu hitzigen Debatten. Auch in Tschechien wollen viele nicht wahr haben, dass es Landsleute gab, die das jähe Ende der eigenen Souveränität durch die deutsche Besetzung als ihre Gunst der Stunde nutzten, um das eigene Überleben zu sichern oder gar gesellschaftlich aufzusteigen und sogar vor Mord nicht zurückschreckten. Andere leugnen heute in revisionistischer Absicht die Schwere dieser Schuld, wie zuletzt der Vizepräsident des tschechischen Abgeordnetenhauses und Vorsitzender der rechtsextremen Svoboda a přímá demokracie (SPD, „Freiheit und direkte Demokratie“) Tomio Okamura. Er behauptet, dass „das Lager in Lety nicht umzäunt war“ und „die Insassen es jederzeit verlassen konnten“.

Gedenktafel auf dem Friedhof in Mirovice für die in Lety ermordeten Roma-Kinder. Foto: Richenza, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Gedenktafel auf dem Friedhof in Mirovice für die in Lety ermordeten Roma-Kinder. Foto: Richenza, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Damit meint er das KZ bei Lety u Písku, welches, wie das Lager in Hodonín u Kunštátu, nicht wie andere Konzentrationslager unter der Kontrolle der nationalsozialistischen SS, sondern unter der vollen Kontrolle tschechischer Kollaborateure stand. Mit der Aussage rief Okamura heftige Reaktionen hervor, nicht nur von der jüdischen Gemeinde und den bürgerlichen Parteien, welche erfolglos versuchten den SPD-Politiker vom Posten des stellvertretenden Präsidenten des Abgeordnetenhauses abzuberufen, sondern vor allem auch von den tschechischen Roma-Organisationen.

Typhus und Hunger unter tschechischer Aufsicht

Das Münchener Abkommen und die Annektion des Sudetenlandes durch das Dritte Reich führten zu einem drastischen Kurswechsel der tschechoslowakischen Innenpolitik. Die Enttäuschung über den Verrat Großbritanniens und Frankreichs sowie der Eindruck der Hilflosigkeit der Demokratie angesichts der ausländischen Aggression führten zur einem autoritären Turn der Regierung der bisher demokratischen Republik. Ein Ausdruck dieses Prozesses war ein Gesetz, welche den Bau von Strafarbeitslagern für „arbeitsscheue“ Männer vorsah.

Die folgende Okkupation des heutigen Tschechiens führte zur Entstehung des „Protektorats Böhmen und Mähren” – eines formal autonomen Gebiets innerhalb des Großdeutschen Reichs, welches jedoch nur eine verdeckte Form der Besetzung war. Auf Grundlage des Anfang März 1939 verabschiedeten Gesetzes errichtete die Protektoratsregierung die beiden Strafarbeitslager in Lety u Písku und Hodonín u Kunštátu. Häftlinge mussten mehrere Monate schwere körperliche Arbeit bei minimalen Essensrationen leisten, bevor sie entlassen wurden.

Da die Deutschen die tschechische Industrie und Arbeiter:innen für die Kriegswirtschaft ausnutzen wollten, war die Okkupation im Vergleich zu den späteren in Polen oder der UdSSR vergleichsweise milde. Erst nach dem erfolgreichen Attentat tschechischer Widerstandskämpfer auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 nahm die Repression zu.

Im August desselben Jahres wurde auch die Gesamtheit der Roma in Tschechien in Strafarbeitslager deportiert. Dies führte dazu, dass die Strafarbeitslager in Lety und Hodonín zu so genannten „Zigeunerlagern“ erklärt und somit Teil der Mordmaschinerie des Dritten Reiches wurden. Die Folge war eine deutliche Verschärfung des Lagerregimes. So wurden keine Häftlinge mehr freigelassen und inhaftiert wurden nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Die Überbesetzung führte zu katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Lagern. Es mag daher kaum verwundern, dass im KZ Lety Ende 1942 Typhus ausbrach.

Insgesamt waren in den Konzentrationslagern Lety Hodonín rund 2600 Menschen inhaftiert, von denen 520 nicht überlebten. Die häufigsten Todesopfer waren die Kinder, welche die Tortur aus Erschöpfung, Unterernährung und Typhus nicht überlebten. Die restlichen Gefangenen wurden ab Dezember 1942 in das KZ Auschwitz deportiert und dort zum größten Teil ermordet. Zwei Jahre später wurden die Lager in Lety und Hodonín von den Deutschen aufgelöst, formal waren sie aber während der gesamten Zeit ihres Bestehens der Protektoriatsregierung unterstellt und die gesamte Wachmannschaft bestand aus kollaborierenden tschechischen Polizisten.

Kampf um die Erinnerung an den Porajmos

Dem Ausschuss für Holocaust-Entschädigung für die tschechischen Roma zu Folge wurden 90% der 6000 im Protektorat lebenden Roma ermordet. In ganz Europa kamen während des Porajmos genannten Völkermords rund 500.000 Roma ums Leben. In der Tschechoslowakei wurde jedoch nur der Kommandant des KZ Lety Josef Janovský 1948 angeklagt. Obwohl er für seine Brutalität bekannt war, wurde er nach drei Verhandlungstagen freigesprochen. Es bleibt unklar, weshalb das Gericht ein solches Urteil gefällt hat. Ein möglicher Grund mag die „Unglaubwürdigkeit“ der Opfer in den Augen der Richter gewesen sein, da viele der Kläger in der Vorkriegszeit für kleinkriminelle Delikte verurteilt worden sind. Möglicherweise wollten die kommunistischen Machthaber die tschechoslowakische Gesellschaft nicht mit dem unbequemen Thema der Kollaboration konfrontieren.

In der Tschechoslowakei wurde nur der Kommandant des KZ Lety Josef Janovský 1948 angeklagt. Obwohl er für seine Brutalität bekannt war, wurde er nach drei Verhandlungstagen freigesprochen.

So gerieten die Konzentrationslager Hodonín und Lety nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit, auf dem Gebiet des letzteren entstand in den 1970ern sogar ein Mastbetrieb.

Die Situation nach der Samtenen Revolution 1989 ermöglichte erstmals eine öffentliche Debatte über eine tschechische Erinnerungskultur. Die geplante Privatisierung des Mastbetriebes löste den Protest der tschechischen Roma aus, die ein würdiges Gedenken an die Opfer der Konzentrationslager forderten. Obwohl die Privatisierung nicht verhindert werden konnte, eröffnete 1995 Präsident Václav Havel ein Denkmal für die Opfer des Lagers Lety. Sieben Jahre später entstand ein weiteres Mahnmal auf dem nahegelegenen Friedhof von Mirovice. Erst 2017 entschied sich die damalige Regierung des Landes den Mastbetrieb aufzukaufen, um an dieser Stelle eine Gedenkstätte zu errichten.

Antiziganismus und Geschichtsrevisionismus als osteuropäisches Narrativ

Wie in anderen Staaten der Region gehören (verbale) Angriffe auf die Minderheit der Roma auch in Tschechien seit dem Beginn der Transformation zur politischen Folklore. In den 1990ern war dafür vor allem die nationalistische Sdružení pro republiku – Republikánská strana Československa (SPR-RSČ, „Vereinigung für die Republik – Republikanische Partei der Tschechoslowakei“) und andere kleinere, rechtsextreme Gruppierungen verantwortlich. Auch SPD-Vorsitzender Tomio Okamura fällt seit dem Beginn seiner politischen Karriere durch antiziganistische Aussagen auf. So suggerierte er 2013, dass die Roma nach Indien emigrieren und dort ihren eigenen Staat gründen sollten. Als Begründung wies er auf ihren Lebensstil hin, welcher mit den Werten zivilisierter Nationen kollidieren würde.

Aus dem Regierungsbericht von 2016 geht hervor, dass in der Tschechischen Republik 250.000 Roma und Sinti leben, was 2% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Zu ihren größten Problemen zählt eine überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit (6,6% in 2016), Armut, Verschuldung, soziale Ausgrenzung und schwierige Wohnsituation. Nach einer Studie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften halten 76% der Tschech:innen Roma für „nicht normal“, 85% halten sie für faul und 82% sind überzeugt, dass Roma Gesetze brechen.

Auch der neue tschechische Premierminister Andrej Babiš, Begründer der rechtspopulistischen ANO-Bewegung („Aktion unzufriedener Bürger“), fiel in der Vergangenheit durch antiziganistische Entgleisungen auf. So ließ er 2016 während der Besichtigung einer Roma-Siedlung in Varnsdorf verlauten „dass es Zeiten gab, in denen alle Roma arbeiteten. Das, was sie in den Nachrichten schreiben, diese Trottel, dass es in Lety ein Konzentrationslager gab, ist eine Lüge. Es war ein Arbeitslager“. Bagatellisierungen der Konzentrationslager gehören scheinbar bei einem Teil der tschechischen Politiker:innen zum guten Ton, wobei ausgenutzt wird, dass der Begriff Konzentrationslager vor allem mit den Vernichtungslagern in Auschwitz und Treblinka assoziert wird.

Bagatellisierungen der Konzentrationslager gehören bei einem Teil der tschechischen Politiker:innen zum guten Ton.

Nicht nur die Diskussion über die Lager in Lety und Hodonín zeigt, dass die schwierige Geschichte des 20. Jahrhunderts immer noch starke Emotionen und Revisionismus hervorrufen kann. Sowohl Tschech:innen als auch Pol:innen fällt es oft schwer über weniger glorreiche Momente ihrer Geschichte zu sprechen. Vermutlich entspringt das den Erfahrungen der mittel- und osteuropäischen Unabhängigkeitsbewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Geschichte dient seit jeher als Legitimation der Bestrebungen zur Errichtung eines eigenen Staates. In diesem Kontext galt das Zugeben von eigenen historischen Fehlern als eine große Schwächung im Diskurs gegenüber den politischen Gegner:innen.

Wenn die Geschichte im 19. Jahrhundert der Entstehung eines eigenen Staates diente, so wurde die historische Legitimation der eigenen Unabhängigkeit nach 1918 weiter gebraucht. Die Existenz vieler Staaten (gerade der Tschechoslowakei und Polen) Mittel- und Osteuropas wurde von vielen Seiten offen in Frage gestellt. Dass diese Befürchtungen nicht grundlos waren, zeigt das Schicksal der Region in den Jahren 1938-1945. Hundert Jahre nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei (bzw. Tschechiens und der Slowakei) und Polens wird weder ihre Unabhängigkeit noch ihre Grenzen in Frage gestellt. Das 21. Jahrhundert konfrontiert uns mit anderen Herausforderungen. So stellt sich die Frage, ob sich die Einstellung unserer Gesellschaften zur Geschichtspolitik nicht auch ändern kann.

Martin Wycisk ist Analyst im Westinstitut Posen. Die Erstfassung des Artikels erschien auf Polnisch am 5. April 2018 und auf Russisch am 24. April 2018 auf Eastbook.eu.

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