The Bosnia List: Wenn aus Nachbarn Mörder werden

Die Jugoslawien-Kriege haben tausende Familien auseinandergerissen und in die Flucht getrieben. So auch Kenan Trebinčević, der in seinem Buch von den Schrecken des Krieges berichtet und mit seiner Vergangenheit abrechnet. Eine Rezension unserer Partner:innen von ReadOst.

Von Annika Grützner, Berlin

Kenan Trebinčević’ Titel The Bosnia List ist eine Abrechnung mit der Vergangenheit und zugleich ein Neuanfang. Sein autobiografisches Buch behandelt die Ereignisse rund um die furchtbaren Kämpfe nach dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der 90er Jahre: Zum einen berichtet er über seine Erinnerungen an die Wochen nach dem Ausbruch des Krieges in seiner Heimatstadt Brčko in Bosnien, zum anderen handelt das Buch vom Anspruch an die Gegenwart in den USA, wo die Familie nach der Flucht ein neues zu Hause gefunden hat.

Kenan Trebinčević / Susan Shapiro (2014): The Bosnia List: A Memoir of War, Exile, and Return, Penguin Books, 336 Seiten.

The Bosnia List beginnt mit zehn Punkten, die von düsteren Inhalten geprägt sind: „Ich will auf Peros Grab stehen, um zu sehen, dass er wirklich tot ist“ oder „Ich will ein Foto von Vater und Eldin machen, wie sie vor dem Konzentrationscamp stehen, in dem sie festgehalten wurden“. Mit dieser To-Do-Liste macht sich Trebinčević fast zwei Jahrzehnte später mit seinem Vater und seinem Bruder auf, um noch einmal den Ort zu sehen, an dem sie eigentlich nie zurückkehren wollten.

The Bosnia List enthüllt die grausame Seite der Menschen. Wenn im Krieg aus Freunden Feinde werden, sei es aus religiösen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen, trifft es die Kinder meist besonders hart. Auch für Trebinčević ist es bis ins Erwachsenenalter unbegreiflich, wie sich seine engsten Freunde plötzlich gegen ihn wenden konnten, wie die Nachbarn auf einmal vor ihren Augen ihr Eigentum entwendeten, wie ehemalige Arbeitskollegen zu Mördern wurden…

Indem Trebinčević seine Liste abarbeitet, wird ihm immer stärker bewusst, dass sein Hass die Vergangenheit nicht ändert.

Der Krieg ist unbegreiflich, das vermittelt The Bosnia List in jedem Satz. Und umso unbegreiflicher ist er, wenn die Familie sowohl in den USA als auch in Bosnien nach langer Zeit immer noch die unsichtbaren Barrieren spürt, die die Kämpfe auslösten. Die Frage nach dem „Warum?“ ist ebenso zentraler Bestandteil des Buches wie die Frage nach der Heimat. Trebinčević, der als Tattoo die Flagge Bosniens auf dem Arm trägt, ist mittlerweile durch und durch Amerikaner. Dennoch wird er selbst in seinem neuen zu Hause nach seiner ethnischen Herkunft beurteilt. So fühlt er sich zu einer Identität gezwungen, an der er nicht festhalten kann. In den USA ist er Bosnier, in Bosnien Amerikaner. Die temporäre Rückkehr nach Bosnien ist für ihn eine Prüfung, die er dort jeden Tag aufs Neue bestehen muss, wenn er ehemaligen Freunden und Gegnern begegnet und diese so tun, als hätten sie nie mit der Waffe auf ihn gezielt.

Besonders beeindruckt The Bosnia List durch die schonungslose Ehrlichkeit, mit der Trebinčević die Situation in Bosnien beschreibt. Seine Angst und Hilflosigkeit werden greifbar. Selbst als Erwachsener haben ihn die Erinnerungen fest im Griff. Seine neue Heimat kann nur dann endgültig zu einem friedlichen Platz werden, wenn er mit der alten abgeschlossen hat. Indem Trebinčević seine Liste abarbeitet, wird ihm immer stärker bewusst, dass sein Hass die Vergangenheit nicht ändert. Die meisten Menschen, die auf seiner Liste stehen, sind tot und können kein Zeugnis mehr ablegen. Und eine Entschuldigung oder gar Erklärung wird es nicht geben. Aus der ursprünglichen Negativliste wird so nach und nach eine hoffnungsvolle, wenn er beginnt, sie mit positiven Wünschen für die Zukunft seiner Heimat und seiner Freunde zu füllen.


Titelbild: Bud Ellison, Flickr, CC BY 2.0

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