Tamar, where are you? Ein Fotobuch über das heutige Georgien

Tamar war die Königin Georgiens, die das Land Ende des 12. Jahrhunderts auf den Höhepunkt seines goldenen Zeitalters führte. Der Fotograf Andreas Oetker-Kast hat sich auf die Suche nach Tamar im heutigen Georgien begeben. Das Fotobuch „Tamar, where are you?“ basiert auf seiner langjährigen fotografischen Auseinandersetzung mit dem Land. Vor allem ist es aber das Resultat einer deutsch-georgischen Zusammenarbeit, die Oetker-Kast initiiert hat. Wir haben mit ihm über das Projekt gesprochen.

Foto: Andreas Oetker-Kast
Foto: Andreas Oetker-Kast

Andreas Oetker-Kast, welche Assoziationen haben Sie, wenn Sie an Georgien denken?

Georgien verbinde ich mit den Menschen, die ich in den letzten sieben Jahren dort getroffen habe und mit den Erlebnissen, die ich mit ihnen hatte. Ob das Abende bei Freunden waren, lange Diskussionen über Georgien und das Leben dort, die Arbeit am Buch mit den Kolleg:innen, spontane Einladungen zu eigentlich Fremden, oder einfach kurze Begegnungen unterwegs – über die Menschen hat sich mir das Land eröffnet, deshalb sind das immer die ersten Assoziationen, die mir zu Georgien einfallen.

Andreas Oetker-Kast ist freiberuflicher Fotograf, wohnhaft in Kiel und spezialisiert auf dokumentarische Fotografie und Musik-Fotografie. Nach einer erfolgreichen Laufbahn im Agenturbereich in Deutschland und Amerika widmet sich der studierte Soziologe seit 2004 auch beruflich der Fotografie. Seit 2006 wurden freie Arbeiten und Projekte durch Stipendien und Auszeichnungen unterstützt, in Einzel- und Gruppenausstellungen sowohl in Deutschland als auch international gezeigt und als Katalog oder Buch publiziert. Zusammen mit seiner Frau gründete er 2012 den eigenen bt:st verlag.

Wie ist die Idee für das Buch entstanden?

Als ich 2011 das erste Mal nach Georgien kam, war ich überwältigt von den Eindrücken, von dem was ich sah, lernte, erfuhr – und am meisten von den Menschen, der unnachahmlichen Gastfreundschaft. Ich fing sofort an, das fotografisch für mich zu erfassen und glücklicherweise konnte ich das in den Folgejahren fortführen, so nahm das Projekt seinen Anfang. Die Idee für das Buch war dann, Georgien über Fotografie und Text näher zu kommen und vor allem näher zu bringen, aus einer Perspektive des Alltags heraus.

Doch es fehlte etwas: Wenn ich wirklich unter die Oberfläche gehen wollte, dann war meine externe Perspektive nicht genug, schließlich bin ich als Fotograf automatisch beeinflusst vom eigenen kulturellen Hintergrund. Dieser bestimmt meine Sichtweise auf die Welt und damit auch die Fotos, die ich von dieser mache. Für ein umfassenderes Bild des Landes brauchte ich also die Perspektive von Innen – und so entstand die Idee, die georgischen Fotograf:innen und Autor:innen anzusprechen und ihre Arbeiten im Buch in eine Art Dialog zu meinen zu setzen.

Foto: Yuri Mechitov
Foto: Yuri Mechitov

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den georgischen Fotograf:innen?

Zuerst einmal hat mich das positive Feedback sehr gefreut, mit dem die Idee von den georgischen Künstler:innen aufgenommen wurde, als ich sie im Herbst 2016 kontaktierte. Der Austausch war dann einfach nur konstruktiv. Mein Ansatz war: wenn ich Dich nach Georgien frage, welche Geschichte würdest Du mir erzählen? Diese Geschichten haben wir jetzt in „Tamar, Where Are You?“ versammelt. Sehr geholfen hat mir dabei, dass die Produktion des Buchs vom Georgian National Book Center unterstützt wurde, und dass ich über diese Verbindung Otar Karalashvili traf, einen georgischen Buchgestalter, mit dem ich absolut auf einer Wellenlänge war – und der alle beteiligten Künstler:innen kannte, was natürlich den Austausch enorm vereinfacht hat. Wir haben uns Anfang dieses Jahres sozusagen fünf Wochen bei ihm im Studio in Tiflis eingeschlossen und das Konzept für das Buch entwickelt, die Bilder ausgesucht und zusammengestellt, das Layout fertig gemacht. Und immer, wenn wir eine Strecke einer der georgischen Kolleg:innen fertig hatten, kam er oder sie ins Studio, damit wir das gemeinsam abstimmen konnten. Im Nachhinein beeindruckend, wie gut so etwas funktionieren kann, wenn alle sich einig sind und darauf fokussieren, einfach das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

 

Einige Fotos sind sehr drastisch. Yuri Mechitov beispielsweise zeigt Aufnahmen vom Kriegsgeschehen in den frühen 1990er Jahren. Es scheint, als ginge es ihm gar nicht um die Kunst des Fotografierens, sondern darum, die Wirklichkeit zu dokumentieren.

Yuri ist ein großartiger Künstler. Im Tumult der Zeit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre ging es ihm allerdings darum, Zeuge zu sein, die Ereignisse zu dokumentieren ohne sie zu kommentieren. Und damit späteren Generationen die Möglichkeit zu geben, sich eine Meinung zu bilden und ihre Schlüsse daraus zu ziehen. „Schaut her, das ist passiert, so habe ich es gesehen – und nun macht Euch ein eigenes Bild“, so empfinde ich seine Fotos und das, was er dazu geschrieben hat.

Foto: Dina Oganova
Foto: Dina Oganova

Dina Oganova hat Menschen in ihren privaten Wohnungen porträtiert. Sie gehört zu den jüngsten Fotograf:innen, die am Band mitgewirkt haben. Wo sehen junge Menschen ihre Zukunft?

Darauf eine allgemeine Antwort zu geben, ist schwierig. Andererseits, wenn man die offiziellen Statistiken verfolgt, verortet sich die große Mehrheit der jungen Menschen in einem westlichen Kontext. Sie wünschen sich eine stärkere Integration in die westliche Gemeinschaft inklusive Mitgliedschaft Georgiens in der Nato und der EU. Damit einher geht die Öffnung hin zu einem westlichen Lebensstil, inklusive Toleranz gegenüber Menschen, die andere Lebensweisen pflegen wie beispielsweise die LGBTQ-Community. Allerdings gibt es hier mit Sicherheit strukturelle Unterschiede, abhängig von den Lebensumständen, das heißt, wo die Menschen und in welchem familiären Kontext sie leben. Aber auch, welchen Einfluss die Religion auf sie hat und welche Rolle die orthodoxe Kirche in ihrem Leben und in dem ihrer Familien spielt. Ich habe das Gefühl, dass wir da in den nächsten Jahren noch einige Entwicklungen sehen werden. Meine Erfahrung ist aber auch, dass die meisten Georgien als ein ur-europäisches Land ansehen und die Zukunft deshalb dort gesucht wird.

Fragen von Stefan Kunath

„Tamar, Where Are You?“ basiert auf der langjährigen fotografischen Auseinandersetzung von Andreas Oetker-Kast mit Georgien. Seine Perspektive wird erweitert um Geschichten georgischer Fotograf:innen und Autor:innen, so geht das Buch unter die Oberfläche in den Alltag eines faszinierenden Lands.
Mit Beiträgen von: Ana Kordzaia-Samadashvili, Andreas Oetker-Kast, Dato Turashvili, Dina Oganova, Giorgi Shengelia, Giorgi Tabliashvili, Guram Tsibakhashvili, Natela Grigalashvili, Tinatin Kiguradze, Vakho Khetaguri, Yuri Mechitov

bt:st verlag
ISBN: 978-3-9815444-4-2

39,00 € (zzgl. Versand)

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