Rock ’n’ Roll im Minenfeld der deutsch-russischen Beziehungen

Wertediskurs in neuer Gestalt: Deutsche und russische Jugendliche begegnen sich in Frankfurt am Main beim „demoSlam“ und diskutieren über Meinungsfreiheit und Patriotismus.

Von Ekaterina Venkina
Felix Blatt und Aleksandr Valkov diskutieren über Patriotismus.
Felix Blatt und Aleksandr Valkov diskutieren beim demoSlam über Patriotismus.

„Ich soll mit einer Sputnik-Redakteurin auf der Bühne stehen und einen Vortrag über Meinungsfreiheit halten. Als ich diese Situation realisiere, bekomme ich Angst. Sie ist doch gewiss ausgebildet, um genau meine Sichtweisen totzuargumentieren.“ Die 24-jährige Johanna Verhoeven, eine Kultur- und Medienmanagement-Studentin aus Düsseldorf, ist als grenzüberschreitende Weltenbummlerin ein waschechtes Millennial-Kind. Gleich nach dem Abitur ist sie mit der Transsib durch ganz Russland gefahren. Als Volontärin hat sie ihren Freiwilligendienst in Serbien geleistet. Doch schwingt an diesem Abend in ihren Worten ein Nachklang des Kalten Krieges mit – in einer Art paralysierender Befangenheit.

Man könnte Sputnik, den Namen eines staatlichen russischen Nachrichtenmediums, durch den Zeitungstitel Prawda ersetzen, das Sprachrohr der damaligen Sowjetischen Kommunistischen Partei, so sehr gleichen die heutigen Denkmuster denen der 1970er Jahre.

 

Ein neues Format für den Wertediskurs

Nach den bisherigen Diskussionsrunden in Dresden (Deutschland) und in Jekaterinburg (Russland) kommt jetzt der dritte Debatten-Abend, und zwar in Form eines „demoSlam“, eines neuen Formats für den Wertediskurs mit Russland, so die Veranstalter.

Die aktuellen Themen lauten: Meinungsfreiheit, Freiheit, Patriotismus. Diesmal findet die Diskussion in Frankfurt am Main statt, in der Stadt der Paulskirche, Symbol der demokratischen Bewegung in Deutschland.

Dicht dabei, im geräumigen Keller-Saal eines Cafés, versuchen sechs deutsche und russische Teilnehmer:innen, alle unter 28, den Spagat zwischen kritischem Denken und Vertrauen.

 

Ziemlich beste Gegnerinnen

Auf der improvisierten Bühne steht Johanna Verhoeven neben Alexandra Konkina (25), einer gebürtigen Moskauerin und Redakteurin bei Sputnik. Die „Erzfreunde“ aus komplett verschiedenen Lagern. Ziemlich beste Gegnerinnen. Zögernd und befangen suchen sie nach Worten. Als wären sie immer noch Geiseln des Kalten Krieges. Sie denken zurück an ihr erstes Treffen in Dresden. An die Etiketten, die man bereit war einander anzuheften. „Wir haben Angst, unsere Meinung in diesem Minenfeld der deutsch-russischen Beziehungen zu äußern, einen falschen Schritt zu machen“, erinnert sich Johanna.

 

Die Berührungsängste sind kleiner

Hier in Frankfurt, drei Monate nach Dresden, sind die Berührungsängste kleiner geworden. Man verstehe sich gut, habe Brücken gebaut, so Alexandra.

Doch die hippie-artige „make peace not war“-Botschaft des Auftritts stößt auch auf harte Reaktionen des Publikums. „Wenn man aufhört zu labeln und versucht, den Anderen zu verstehen, führt das nicht dazu, dass extreme, menschenfeindliche oder demokratieferne Positionen an Rechtfertigung gewinnen?“, fragt ein Zuschauer.

 

Heikle Themen, die man gerne wegschweigt

Einmal war auch Frankfurt selbst ein Minenfeld. Zwischen Juni 1940 und März 1945 fielen über 26.000 Tonnen Bomben auf das Stadtgebiet. Die Paulskirche wurde dabei komplett zerstört und erst Jahre später wieder aufgebaut.

Heute sind es andere Arten von Minen. Der Fall Skripal. Der Konflikt um die Krim. Die EU-Sanktionen gegen Russland. Die Teilnehmer:innen des „demoSlams“ vermeiden es aber weitgehend, sich zu „heiklen“ Themen zu äußern.

Zu unsicher ist die Glienicker Brücke, die jeder von ihnen über seine privaten Unsicherheiten gebaut hat. Daher ergibt sich in einigen Situationen ein bedeutungsvolles Schweigen, bis man über die mentale Brücke, wie beim Austausch der geheimen Agenten, seine gegenseitigen Vorurteile abbaut.

 

Investitionen in die zivilgesellschaftliche Kooperation

Solche Projekte seien „kleine Bausteine, die Brücken bauen können, und die wir auch gerne unterstützen“, so Dirk Wiese gegenüber dem Ost Journal. Er ist Russlandbeauftragter der Bundesregierung und nimmt als Gast am Debatten-Abend teil. Das Auswärtige Amt investiert rund 18 Mio. Euro im Jahr in die Förderung der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit mit den Ländern der östlichen Partnerschaft und mit Russland.

Auch Maximilian Bunse (25), ein junger Kollege von Dirk Wiese, ist bei diesem Abend dabei. 2018 war er als Sprecher des „demoSlams“ in Jekaterinburg zum ersten Mal in Russland und habe „viel Neues für sich“ über dieses Land entdeckt. Jetzt diskutiert er mit Renat Chasijew (22), einem Linguistik-Studenten aus dieser Stadt, über das Thema Freiheit und ihre Einschränkungen.

 

„Wir sind Patrioten, weil wir in Russland geboren sind“

In der dritten Debatten-Runde fliegt eine Puppe über die Bühne zwischen Aleksandr Valkov (21) und Felix Blatt (25). Symbolisch „wechselt“ sie damit ihre „Staatsbürgerschaft“. Es beginnt eine heftige Diskussion über das Thema Patriotismus.

„Wo du geboren bist, dort wirst du gebraucht“, dieses Sprichwort beschreibt für Aleksandr Valkov den Grund seines Stolzes, Russe zu sein. Er ist angereist aus dem rund 10.000 Kilometer entfernten Chabarowsk. Für den aus Saarland stammenden Felix Blatt, der internationale Politik in Moskau studiert, ist es aber nicht so selbstverständlich. „So, liebes Baby. Jetzt bist du in Deutschland geboren. Dafür hast du nichts gemacht. Warum sollst du jetzt stolz darauf sein?“, fragt er.

 

Wortgefecht ohne Sieger

Ihren Ursprung haben die ersten „Slams“ in den Musik-Clubs im US-amerikanischen Chicago. Mit Bezug auf diesen Hintergrund haben Teilnehmer:innen die Debatte in Frankfurt teils als Rap, teils als hipsterischen Rock ‘n’ Roll, auch mal als „jazzy Hiphop“ geschildert.

Wie bei der Vielfalt der Musik gibt es auch hier, im Minenfeld der deutsch-russischen Beziehungen, keine Gewinner. So haben es die Organisator:innen entschieden. Obwohl es den traditionellen Slam-Regeln widerspricht, sei dies für diese Debattenreihe genau richtig. „Das ist ein Format für die Verständigung“, sagt Evgeniya Sayko, promovierte Kulturwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums e.V.

2017 hat sie das neue Konzept des „demoSlams“ bei dem Hertie-Innovationskolleg (HI) in Berlin entwickelt. „Ich wollte, dass wir uns mit den komplexen Begriffen wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Toleranz beschäftigen und diese dekodieren“, sagt sie.

Das Experiment setzt man bei dem Hertie-Innovationskolleg gerne fort. Jetzt denkt man an eine Erweiterung des Formats. Laut Dr. Andrea Stiebritz, Leiterin des HI, will man neue Teilnehmer:innen gewinnen. Sie denkt an Repräsentant:innen verschiedener Gruppen, wie Ostdeutsche und Westdeutsche. Auch Anhänger:innen diverser Parteien seien willkommen, ebenso unterschiedliche Altersgruppen. „Einen ‚demoSlam 50 Plus‘ könnte ich mir auch super gut vorstellen“, sagt sie.

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