Polenversteher wider Willen

Wie sich die PiS am Buffet historischer Widersprüche bedient

Wie kaum ein anderes Land in Osteuropa besitzt Polen eine Geschichte voller Teilungen, Brüche und Widersprüche. Anlässlich des hundertsten Jahrestags der Gründung der Zweiten Polnischen Republik 1918 veröffentlichen wir an dieser Stelle einen spannenden, sehr persönlichen Artikel aus der dritten Ausgabe des Ost|Journal. Er zeigt, wie sich die regierende PiS die widersprüchliche Geschichte für ihre eigene Agenda zu Nutze macht.

Von Piotr Franz, Berlin

Lachen oder Weinen?“, fragte sich Birand Bingül, als er sich für seinen ZEIT-Artikel Plötzlich bin ich unfrei in einen inneren Dialog begab, um den Abschied von einer Türkei zu dokumentieren, die nicht mehr seine zu sein scheint. Es ist ein Dokument Überhand nehmender Zerrissenheit, die vom Gefühl des Verlusts geprägt ist. Der Journalist diagnostiziert den Verlust eines Urvertrauens in seine türkische Heimat und nimmt Abschied von einer Rolle, die für Menschen mit Migrationshintergrund identitätsstiftenden Charakter haben kann: eine Brücke zwischen zwei Heimaten zu sein. Unter dem Eindruck der gefährdeten Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei entschließt sich der Journalist im Oktober 2017 seinen türkischen Pass abzugeben. Ähnlich wie Bingül, plagt auch mich der Zwiespalt: Gebe ich meinen polnischen Pass auf?

Die Regenbogenfahne am Plac Zbawiciela in Warschau war ein Werk der Künstlerin Julita Wójcik (*1971). Seit Juni 2012 wurde er wiederholt von Rechtsextremisten angezündet. Im August 2015 wurde er über Nacht abgebaut. Foto: Adrian Grycuk, CC BY-SA 3 0
Die Regenbogenfahne am Plac Zbawiciela in Warschau war ein Werk der Künstlerin Julita Wójcik (*1971). Seit Juni 2012 wurde er wiederholt von Rechtsextremisten angezündet. Im August 2015 wurde er über Nacht abgebaut. Foto: Adrian Grycuk, CC BY-SA 3.0 PL

Ich las diese tagebuchartige Chronologie einige Stunden vor Silvester 2017, jenem delphischen Zeitfenster, in dem nicht mehr die Gegenwart, sondern das Vergangene und Zukünftige die Gedanken bestimmen. Es mag also an diesem besonderen Umstand gelegen haben, dass sich Bingüls Abschied wie eine dystopische Vorahnung für das ausnahm, vor dem ich mich seit längerer Zeit fürchte: der Verlust meines Polens. Parallelen zwischen seiner Odyssee und meinen Befürchtungen scheinen einerseits auf der Hand zu liegen und sind andererseits doch – anmaßend. Selten war mein Empfinden in einer solchen Schieflage. Ähnlich wie in der Türkei herrscht in Polen seit über zwei Jahren ein Zustand der kalkulierten Unberechenbarkeit, werden anti-deutsche Töne laut, die Freiheit der Justiz, Presse und Meinung untergraben. Ähnlich wie Bingül muss ich immer öfter für Bekannte und Freunde das Unbegreifliche begreifbar machen und erklären, was da in Warschau vor sich geht. Ähnlich wie vermutlich viele Deutsch-Türken begreife ich vor allem eines; meine Unfähigkeit mich verträglich in einem Dazwischen zu arrangieren. Lacht man distanziert und macht sich darüber zum Zaungast oder weint empathisch und bleibt so verbunden mit dem Land der Eltern? Anders als türkischstämmige Kritiker muss ich allerdings keine unmittelbare Gefahr fürchten, wenn ich den Boden dieser Kopf zerbrechenden, zweiten Heimat betrete. Auf Fragen dieser Art aber lastet eine Erfahrung, die uns Doppeltverwurzelte in den letzten Jahren zu einer Erfahrungsgemeinschaft wider Willen gemacht hat: der plötzliche Zwang zur bewussten Verortung, was und wo Heimat ist.

Wer die doppelte Staatsangehörigkeit hat, darf sich in dieser Frage der privilegierten Illusion der Selbstbestimmtheit hingeben, schließlich kann man sich ja entscheiden. Die vielen jungen Pol:innen, die ich in Deutschland kenne, spielen, mal kokettierend und mal ernsthaft, mit diesen Gedanken. Ich selbst frage mich es auch: sollte ich Bingüls Beispiel folgen? Es scheint der Wunsch nach Wiedererlangung von Kontrolle zu sein, um jenes Gefühl der Ohnmacht zu lindern, welches sich seit Ende 2015 langsam und schwer über uns gelegt hat. Den polnischen Pass aufzugeben scheint wie eine trotzige Protestnote, keck, wie ein mündiges Eingreifen in das eigene Schicksal und doch endet das Nachdenken darüber immer wieder im Beschluss erst einmal abzuwarten.

Den polnischen Pass aufzugeben scheint wie eine trotzige Protestnote, keck, wie ein mündiges Eingreifen in das eigene Schicksal und doch endet das Nachdenken darüber immer wieder im Beschluss erst einmal abzuwarten.

Hinter all dem mag die Hoffnung stecken, sich im Dilemma zwischen Lachen oder Weinen ganz dem Einen hingeben zu können, dem lähmenden Dazwischen zu entrinnen. Kluge Freunde appellieren dann äußerst pragmatisch an mein demokratisches Gewissen: Wirf Deine Stimme nicht weg! Behalte den Pass! Doch während mir der Gang zur deutschen Wahlurne wie die Erfüllung einer höheren Pflicht vorkommt, beschleicht mich bei polnischen Wahlen ein Gefühl, das zwischen Vergeblichkeit und Bedeutungslosigkeit oszilliert. Eine innere Stimme spricht mir schwarzseherisch zu: Was soll Dein Wahlzettel bewirken? Im introspektiven Streitgespräch versuche ich mich sogleich mit derselben Inbrunst vom Wert meiner polnischen Stimme zu überzeugen, wie ich es sonst mit deutschen Wahlmuffeln tue.

Die wohl verlässlichste Feststellung aus diesen sich drehenden, nie stillstehenden Abwägungen lautet: Polnisch-Sein ist zum Thema geworden. Für mich. Für meine polnisch-stämmigen Freunde in Deutschland. Damit endet eine Leichtfüßigkeit und vorintellektuelle Selbstverständlichkeit dessen, was man als Heimat imaginierte. Für die vielen Millionen Bindestrichpolen in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien wird die Frage Wo ist Heimat? zunehmend belanglos vor dem Hintergrund der Fragen Wer ist Heimat und Welche Geschichten erzählt sie? Es ist die eigene Einordnung in ein kulturelles Narrativ und das bittere Eingeständnis, nur Brücke zwischen Deutschland und Polen sein zu können, nicht aber eine Brücke zwischen meinem Polen und dem Polen der anderen. Es ist das Eingeständnis, dass Heimat möglicherweise entlang der Narbe verläuft, die der scharfe Kulturkampf in Polen seit Jahrzehnten in die Gesellschaft gebrannt hat. Es ist nicht zuletzt das Eingeständnis, eine recht klare Vorstellung darüber zu haben, in welcher dieser polnischen Kulturen man sich beheimatet fühlen kann. Doch wo verläuft der Riss in Polen?

 

Im Schatten zweier Giganten

Paris, Oktober 1989. Wenige Monate nachdem sich in Warschau Vertreter:innen von Opposition und Regierung am Runden Tisch zusammenfanden, um mit dicken Strichen das politische System in die Vergangenheit zu verabschieden, meldete sich Jerzy Giedroyc, Herausgeber der nahezu legendären Exilzeitschrift Kultura, mit mahnender Vorahnung zu Wort. Der Aufbruch in die Unabhängigkeit verlangt nach zeitgemäßen politischen Konzepten, Polen aber, so die Pariser Autorität, werde noch immer von zwei Särgen regiert. Darin gebettet: Józef Piłsudski und Roman Dmowski.

Der autoritäre Hitzkopf Józef Piłsudski, ein Kind des gutsbesitzenden Landadels, vertrat ein föderatives, jagellionisch genanntes Staatsmodell, dessen geistige Traditionen im Vielvölkerstaat der Polnisch-Litauischen Adelsrepublik wurzelten. Mit seinem als Gesundung der öffentlichen Moral propagierten Staatsstreich von 1926 wurde der Begriff Sanacja (lat. Sanatio) geprägt. Der vermeintlich kühle Stratege Roman Dmowski, ein Kind des städtischen Kleinbürgertums adliger Herkunft, vertrat ein inkorporatives, piastisch genanntes Staatskonzept, das ausschließlich dem ethnisch homogenen Kollektiv der katholischen Pol:innen dienen sollte. Sein nationalistisches Netzwerk ging als Narodowa Demokracja (Nationaldemokratie) beziehungsweise als Endecja in die Geschichte ein. Während beim ersten Modell die Staatsräson über dem Nationswohl stand, sollte sich beim zweiten der Staat den Bedürfnissen der Nation unterordnen; die Nation wurde als lebendiger, mythischer Organismus mit eigenen Interessen gedeutet. Beide Ansätze hatten mit dem Prinzip der demokratischen Legitimation politischer Herrschaftsgewalt so ihre Probleme.

Giedroyc brachte vor dreißig Jahren auf den Punkt, was noch heute die politische Kultur an der Weichsel bestimmt. Der lange Schatten beider Staatsmänner hatte die Zwischenkriegszeit überlebt, gärte im oppositionellen Milieu der Volksrepublik – selbst Adam Michnik plädierte für eine Rehabilitation nationaldemokratischer Ideen – und scheint sich nunmehr symbiotisch in der Regierungspolitik der PiS zu vereinen.

Zwar weisen Historiker:innen zurecht darauf hin, dass sich die polnische Gesellschaft damals und heute einem Zugriff entzieht, der den gesellschaftlichen Diskurs auf diesen Dualismus reduziert. Die Annahme einer Existenz zweier als Monolithen erfassbarer, geistiger Ordnungssysteme muss im Zerrbild einer Gesellschaft resultieren, die seit Jahrzehnten ein hohes Maß an Ausdifferenzierung, Dynamik und Konkurrenz weltanschaulicher Deutungsangeboten kennt. Unbestritten aber bleibt: Das geistige Erbe der beiden Giganten der polnischen Geschichte, wie Adam Krzemiński sie nannte, spielt eine maßgebliche Rolle in der Genese und Konsolidierung von gesellschaftlichen Selbstbildern, die heute unversöhnlich um die kulturelle Deutungshoheit im Lande zu konkurrieren scheinen.

Bekanntermaßen hatte Piłsudski für das Parlament, die Quasselbude, ebenso wenig übrig wie für die Verfassung, die er wenig schmeichelhaft konstytuta-prostytuta taufte. Seinen autoritären Herrschaftsanspruch übte er bis zu seinem Tode 1935 aus zweiter Reihe als Kriegsminister aus, ohne sich selbst in die Niederungen des täglichen Geschäfts hinabzubegeben. Auch sein Widersacher Roman Dmowski hielt die Fäden des komplexen nationaldemokratischen Netzwerks ganz in einer Hand, ohne sich selbst auf der großen Bühne zu exponieren. Seine Auffassung von Demokratie offenbarte sich mit seinem 1902 vorgestellten Konzept der „Halb-Polen“: Wer ethnisch polnisch war, die Nation aber nicht als organische Entität, sondern als Ansammlung von Individuen, Klassen und Gruppen verstand, war kein echter, sondern Zufalls- beziehungsweise Halb-Pole. Sie sollten von der politischen Teilhabe ausgeschlossen, gesellschaftlich isoliert und zum Schweigen gebracht werden. Echte Demokratie bedeutete hiernach nicht die Repräsentation gesellschaftlicher Interessen, sondern die Identifikation und Durchsetzung des nationalen Willens, auch wenn dafür keine parlamentarische Mehrheit zustande kam.

 

Die Partei hat immer Recht

Die Distinktion zwischen vermeintlich echten und unechten Polen ist heute ungebrochen wirksam. Sie manifestiert sich in der bizarren Vorstellung einiger Politiker:innen des rechten Spektrums, dass 70 Prozent der Bevölkerung Zufallspolen ohne echte nationale Identität seien (Andrzej Walicki 2000: S.24). Ihr politisches Votum sei daher nicht relevant, das demokratische Mehrheitsprinzip nicht demokratisch. Als glühender Anhänger dieses monopolistischen Vertretungsanspruchs gilt Jan Olszewski, kurzzeitig Ministerpräsident und bis 2010 enger Berater des verstorbenen Präsidenten Lech Kaczyński. Seither werden die städtische Elite, das liberale Bürgertum, Linke oder schlicht all jene, die sich auch ohne spezifische Gruppenzugehörigkeit gegen die politische Agenda der Kaczyński-Partei aussprechen, außerhalb des Demos verortet. Ich ahne, dass ich nach dieser Definition sehr weit im Abseits stehe.

Selbstherrlich filtert man die Ergebnisse demokratischer Willensbildung in unpolnische Positionen, wenn sie der Schimäre des nationalen Willens zuwiderlaufen und in patriotische Positionen, wenn sie ihm entsprechen. In der Binnenlogik der Regierung, die sich selbst als antikommunistische Avantgarde der Nation versteht, muss das bedeuten: die Partei hat immer Recht. Im Lichte dieser Demokratie-Rezeption muss auch Jarosław Kaczyńskis Herabwürdigung der Anhänger:innen der Bürgerbewegung Komitet Obrony Demokrakcji im Jahr 2015 gesehen werden; als Polen der schlimmsten Sorte liege ihnen der Verrat an der Nation in den Genen.

Selbstherrlich filtert man die Ergebnisse demokratischer Willensbildung in unpolnische Positionen, wenn sie der Schimäre des nationalen Willens zuwiderlaufen und in patriotische Positionen, wenn sie ihm entsprechen.

Hierin steckt eine weitere Anleihe der PiS-Regierung an der historischen Nationaldemokratie. Es kann keinen demokratischen Wettbewerb, keine friedliche Koexistenz, keinen einträchtigen Modus Vivendi zwischen der Wir-Gruppe und den Anderen geben, wenn jedes Anderssein als Verrat und Feindschaft am Polentum verstanden wird. In dieser Lesart nahm ich im Sommer 2017 auf den Straßen Warschaus also nicht als Bürger an einer Demonstration gegen die Justizreform, sondern als unpatriotischer Halb-Pole an einem Putschversuch fremder Interessen teil. So wie es das nationale Lager in den 1920er Jahren geschickt verstand, die faktischen Bedrohungsszenarien in der außenpolitischen Sphäre mit fiktionalen Narrativen über das bedrohte Polentum im Inneren der Gesellschaft zu verbinden, bemüht sich nun die PiS äußere Feindbilder ausfindig zu machen – Deutschland, die Europäische Union, Muslime – und in ein innenpolitisches Pendant zu übersetzen: deutsche Verlagshäuser als Fremdpropaganda, Brüssel als Besatzungsmacht, Flüchtlinge als Invasoren.

Abgebrannt. Der Regenbogen am Plac Zbawiciela. Foto: Wistula, CC BY-SA 3.0
Abgebrannt. Der Regenbogen am Plac Zbawiciela. Foto: Wistula, CC BY-SA 3.0

Auch die in der Zwischenkriegszeit virulente Vorstellung einer Nationalpsyche und ihrer Reinheit findet in PiS-nahen Medien ihren Widerhall. In nationaldemokratisch geprägten Kampfschriften wurde wesensfremden, unpolnischen Einflüssen wie dem Liberalismus (zu westlich) und linken Bewegungen (zu jüdisch) der Kampf angesagt, Kompromisse konnte es nicht geben – entweder mit Polen, oder gegen Polen. Gleiches galt für das Establishment, dem Komplizenschaft mit den Deutschen und Anfälligkeit für die Übernahme unpolnischer Lebensweisen vorgeworfen wurde. Vor diesem Hintergrund offenbaren die tagesaktuellen Verunglimpfungskampagnen gegen Oppositionspolitiker wie Donald Tusk oder Róża Thun als Agenten der deutschen Politik ihr unselig tiefes Wurzelwerk. Dass dieses vereinzelt auch in die Geisteswelt der Sanacja unter Józef Piłsudski ausstrahlt, analysierte Peter Oliver Loew bereits 2005 indem er feststellte, dass die PiS-Agenda neben ihrem nationaldemokratischen Erbe besonders im Streben nach einer IV. Republik unter dem Motto der Reparatur (naprawa) deutliche Anleihen bei der Sanacja macht: bei der Vision der Genesung des Staates von 1926 (Sanacja) und der

Vorbildfunktion Józef Piłsudskis, der den Staat mit starker Hand lenkte – wenn auch oft aus der zweiten Reihe. Da mutet es kaum zufällig an, daß Jarosław Kaczyński nach den erfolgreichen Parlamentswahlen [2005, P.F.] darauf verzichtet hat, Premierminister zu werden. Stattdessen zieht er die Strippen aus dem Hintergrund.“ (Loew 2005 : S.18)

Dass die Regierungspartei seit 2015 unter neuem Label firmiert und sich als Heilsbringerin eines guten Wandels inszeniert, bedeutet lediglich eine Neuetikettierung genau dieser Agenda. Je nach Blickwinkel scheint die Regierungspartei in Polen sowohl die Ideologie der nationalistischen Endecja als auch den Regierungsstil der Sanacja beerbt zu haben. Es scheint, als sei aus den Fragmenten zweier kontradiktorischer, kultureller Narrative eine Hybride erwachsen, als bediene man sich freimütig und voller Appetit am Buffet der polnischen Geistesgeschichte.

 

Unabhängigkeit auf Knien

Wäre der polnische Innenminister Mariusz Błaszczak nicht Innenminister, sondern Eventmanager, dann würde Polen im laufenden Jahr gleich zwei Unabhängigkeitsjubiläen feiern können. Zum einen steht das 100-jährige Jubiläum der Wiedererlangung der Unabhängigkeit von 1918 vor der Tür. Man darf mit Spannung den Spagat der offiziellen Darstellung erwarten, die Leitfiguren von Sanacja und Endecja in ein harmonisches Unabhängigkeitsnarrativ zu integrieren. Zum zweiten stünde auf Błaszczaks Agenda sicherlich die erstjährige Kommemoration der Unabhängigkeit vom kommunistischen Regime. Dessen Ende wurde dem Innenminister zufolge nicht etwa durch die Solidarność -Gewerkschaft mit Lech Wałęsa und Tadeusz Mazowiecki im Jahr 1989 eingeleitet, sondern von der Regierungspartei PiS und ihren von Präsident Andrzej Duda 2017 unterschriebenen Reformen. So grotesk diese Ansicht ist, so konsequent ist sie. Die Diskreditierung des politischen Systems als korrupt und von kommunistischen Agenten durchdrungen korrespondiert mit der Verleumdung von Lech Wałęsa und der Tilgung seiner Bedeutung für die Unabhängigkeitsbewegung in Schulbüchern. Was dort vor sich geht, ist der Sturz eines Narratives. Es ist die Anmaßung, sich der Verdienste anderer zu bemächtigen, um aufzuzeigen: Wir bringen euch die Freiheit, wir erheben euch von den Knien!

Würden Kinder fragen, wie der heutige polnische Staat entstanden sei, müsste man schamvoll antworten, dass der Storch ihn gebracht habe.

Dabei bespielen die Drehbuchautoren dieser neuesten polnischen Geschichte die alte Klaviatur der nationaldemokratischen Feindbildparanoia. Außen die Feinde, innen die Verräter. Man selbst tue nur Dienst an der historischen Wahrheit, an der Gerechtigkeit, an der Nation. Auch die Endecja feierte das Jahr 1918 nicht als bedingungslosen Befreiungsschlag für die Nation, öffnete das politische System nationalen Minderheiten und Juden doch die Möglichkeit, über das ethnisch-polnische Kollektiv zu regieren. Unter diesem fatalen Urteil ließ Gabriel Narutowicz, der erste Staatspräsident des Landes, durch die Hand eines Nationalisten sein Leben. Auch die Gallionsfigur des Befreiungskampfes, Józef Piłsudski, tauchte in Schulbüchern nationaldemokratisch geprägter Gymnasien gar nicht erst auf und wurde mit einem Kult um General Józef Haller begegnet. Die konsequente Nichtanerkennung der Unabhängigkeit und Kultivierung eines Unterwanderungs- und Unterdrückungsnarratives durch Liberale, Kommunisten, Juden oder Deutsche drohte insbesondere unter Jugendlichen zum weltanschaulichen Mainstream zu werden. Zum zehnjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit 1928 platzte dem Bildungsminister Sławomir Czerwinski dann der Kragen: Wenn es nach den Nationaldemokraten ginge, müsste die Geschichte Polens 1913 enden. Würden Kinder dann fragen, wie der heutige polnische Staat entstanden sei, müsste man schamvoll antworten, dass der Storch ihn gebracht habe. (Czerwinski 1929 : S.14)

Die Löschung Piłsudskis aus den Geschichtsbüchern der Endecja erinnert unheilvoll an die Löschung Wałęsas aus den Schulbüchern der PiS. Das alte Denkschema der Unterdrückung, der Nation auf Knien, der Feinde, scheint in Warschau seine Renaissance zu feiern. Sinnwidrig scheinen sich Elemente zweier historisch verfeindeter Lager im Kleid von Recht und Gerechtigkeit anzunähern. Was die Entstehung der III. Republik ab 1989 anbelangt, würde Jarosław Kaczyński aber nicht den Storch in Verlegenheit bringen müssen, schließlich haben nach neuester Lesart er und sein verstorbener Bruder Lech Kaczyński die volksrepublikanische Herrschaft bezwungen.

Die Bewusstmachung historischer Kontinuität vermag nicht über das Gefühl der eigenen Ratlosigkeit hinwegzuhelfen. Doch erst das nationalistische Zündeln des Regierungslagers und das aufflammende Selbstbewusstsein sogenannter Patriot:innen stärkten meine Vorstellung davon, was polnische Heimat für mich bedeuten soll. Erst die schamlose Übergriffigkeit der polnischen diplomatischen Vertretungen, Landsleute in Deutschland zu denunzieren, stärkten mein Verantwortungsgefühl, nicht sprachlos zu bleiben. Erst die intime Auseinandersetzung mit dem Negativbild von PiS-Polen stärkte das Band vieler junger Deutsch-Pol:innen mit ihrer zweiten Heimat. Diese Stärkung, diese Heimat fühlt sich in keinem der nationalistischen und autoritären Vorstellungen von Polonität zuhause, sondern in einer menschlichen Solidarität, die keine richtige oder falsche Lebensweise kennt. Dies ist keine Trotzreaktion Verstoßener, sondern die ausdrückliche Inanspruchnahme des Rechts, die Vorstellung dessen, was Heimat ist, mitgestalten zu dürfen. Man rückt zusammen, man tauscht sich aus, man wird ein Wir und weiß nun: jede Stimme zählt.

 

Literaturverzeichnis

Bingül, Birand: „Plötzlich bin ich unfrei“, in: DIE ZEIT 53/2017

Czerwiński, Sławomir: „Konstytucja Państwa wychowanie publiczne: Przemowa Wygłoszona dnia 28 listopada 1929 r. w Wilnie”, Nakładem Ligi Rozwoju Mocarstwowego Polski, Warszawa 1929.

Loew, Oliver Peter: „Zwillinge zwischen Endecja und Sanacja: Die neue polnische Rechtsregierung und ihre historischen Wurzeln“, in: Osteuropa 11/2005, S. 9-20.

Walicki, Andrzej: „The Troubling Legacy of Roman Dmowski, in: East European Politics and Societies, 14, 2000, S. 12 -46

 

 

Print Friendly, PDF & Email