Polen säkularisiert sich im weltweiten Vergleich am rasantesten

Religion spielt im Leben vieler Menschen in Polen eine wichtige Rolle. Sowohl auf dem Land als auch in der Stadt nehmen junge wie ältere Gläubige regelmäßig am Gottesdienst teil. An Sonntagen sind die Kirchen stets gut besucht. 90 Prozent gehören der römisch-katholischen Kirche an. Doch im weltweiten Vergleich schreitet die Säkularisierung in Polen am schnellsten voran. Das geht aus einer Studie des Pew Research Centers hervor. Vor allem für die jüngere Generation verliert Religion an Bedeutung. Das liegt auch am Ende des Kommunismus. Damals spielte die Kirche eine wichtige Rolle im Widerstand.

von Leo Mausbach, Warschau

Im Rahmen der Untersuchung wurden die Befragten in zwei Altersgruppen eingeteilt: junge Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren sowie ältere Erwachsene ab 40. In einer weltweit durchgeführten Erhebung wollten die Forscher wissen, welche Bedeutung Religion im Leben der Befragten spielt, wie oft sie am Gottesdienst teilnehmen oder ob sie täglich beten.

Während aber 40 Prozent der älteren Polen angeben, dass ihnen Religion „sehr wichtig“ sei, sind es in der jüngeren Generation nur noch 16 Prozent. Mit 42 Prozent ist Polen das einzige Land in Europa, in dem mehr als ein Viertel der Bevölkerung wöchentlich den Gottesdienst besucht. Zum Vergleich: In vielen skandinavischen und westeuropäischen Ländern befindet sich der Anteil im einstelligen Bereich.

 

Großer Generationenunterschied

Die größten Generationenunterschiede hinsichtlich der Gottesdienstbesuche sind in Polen erkennbar: Unter jungen Erwachsenen gehen 26 Prozent mindestens einmal wöchentlich in die Kirche, während es unter den älteren Menschen ab 40 Jahren noch 55 Prozent sind. Dieser Abstand zwischen den beiden Altersgruppen ist der höchste, der international gemessen wurde. Bei den täglichen Gebeten zeigt sich ein Unterschied von 25 Prozentpunkten zwischen den beiden Alterskohorten. Nur in Japan ist der Abstand mit 29 Prozentpunkten noch größer.

Die Autoren der Studie sehen einen möglichen Grund für den ungewöhnlich großen Unterschied zwischen den Generationen in der Rolle der katholischen Kirche im antikommunistischen Widerstand. Den jüngeren Polen fehlt diese unmittelbare Erfahrung.

 

Die katholische Kirche und die polnische Identität

In Zeiten der Fremdherrschaft war es die katholische Kirche, die das polnische Nationalbewusstsein wie in einem Kokon bewahrte. Deshalb ist der Katholizismus zu einem festen Teil der polnischen Identität geworden. Während der 123-jährigen Teilung Polens durch Preußen, Russland und Österreich bis 1918 bot die Kirche einen Schutzraum, in dem Polnisch gesprochen und die polnische Identität gepflegt werden konnte. Zugleich beherrschten zumeist Sprache und Kultur der Besatzungsmächte den Alltag.

Im Zweiten Weltkrieg verfolgten und ermordeten die deutschen Besatzer gezielt polnische Geistliche, um den Widerstandsgeist der Gesellschaft zu schwächen. Besondere Verehrung erfährt bis heute der polnische Franziskanermönch Maximilian Kolbe, der sich in Auschwitz anstelle eines Familienvaters hinrichten ließ und von der katholischen Kirche heiliggesprochen wurde.

Bei der Überwindung des Kommunismus spielte der polnische Papst Johannes Paul II. eine herausragende Rolle. Ein ikonisches Bild sind die betenden Werftarbeiter der Gewerkschaftsbewegung Solidarność um Lech Wałęsa.

Deshalb besitzt die Kirche in Polen noch immer eine nicht zu unterschätzende Autorität. In der Frage, ob Polen Flüchtlinge aus muslimischen Ländern aufnehmen sollte, ist sie jedoch tief gespalten. „Wenn du einmal einen Fremden in dein Haus lässt, ein gerade erst errichtetes Haus, ein kleines Haus, ein schwaches Haus, dann kannst du dir großes Unglück einhandeln“, warnte Bischof Piotr Libera im September 2015. Der Primas von Polen Wojciech Polak, das symbolische Oberhaupt der polnischen Kirche, erklärte hingegen mehrfach seine Unterstützung für die offene Haltung von Papst Franziskus gegenüber Flüchtlingen. Er erklärte, jeden Priester suspendieren zu wollen, der in seinem Erzbistum an einer Demonstration gegen Flüchtlinge teilnehme.

Titelfoto: János Korom, Flickr, CC BY-SA 2.0

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