Per Sachsen-Anhalter durch die jugonostalgische Galaxis

Unsere Autorin kommt aus Stendal und lebt in ihrer Wahlheimat Sarajevo. In ihrem Essay nimmt sie uns mit auf einen Spaziergang durch die jugonostalgische Galaxis.

Von Juliane Rahn, Sarajevo
Sarajevo im Jahr 2000. Foto: Lauras Eye, Flickr, CC BY-ND 2.0
Sarajevo im Jahr 2000. Foto: Lauras Eye, Flickr, CC BY-ND 2.0

 „Ich bin sehr skeptisch bei allen Versuchen, Handlungen […] immer schon zu kollektiven Identitäten zu erklären.“ (Carolin Emcke, 2018)

Die Sache mit mir und meinen flüchtigen Heimaten im postsozialistisch queeren Nirgendwo irgendwo zwischen Stendal und Sarajevo war so: Ich hörte Musik, ging spazieren und las in alten wie in neuen Räumen ephemere Zeiten, um mich in meiner dynamischen Situiertheit zu akklimatisieren. Ich bin nämlich sehr skeptisch bei allen Versuchen, Heimaten immer schon zu kollektiven Identitäten zu erklären. Denn wo sollten diese vermeintlichen Heimaten bei mir und wahrscheinlich auch bei anderen eigentlich anfangen – worin sich artikulieren, wo aufhören oder sogar flüchtig werden? Fangen sie in einer altmärkischen Kleinstadt in der ehemaligen DDR an – und verflüchtigen sie sich in der postjugoslawischen Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina? Wer ich hier und dort bin (und falls ja, wie viele), fühlt sich während längerer Abwesenheiten beziehungsweise Anwesenheiten gelegentlich an wie ein Dominospiel, meistens jedoch wie ein nomadisches Memory in locomotion. Stadtspaziergänge in meiner neuen „Wahlheimat“ gleichen jedoch nicht nur einer Reise durch die lokale Weltgeschichte, sondern auch einem performativen Mosaik von persönlichen Erfahrungen: Auf den Weg machte ich mich also, meinen Sinneseindrücken in Sarajevo folgend, per Sachsen-Anhalter durch die jugonostalgische Galaxis.

 

„Yugoslavia is long gone; in its place a Yugosphere is emerging.“ (Tim Judah, 2009)

„You are entering the yugosphere now“, steht auf meinem Spiegel geschrieben, auf drei Sprachen: Englisch, Deutsch, Serbokroatisch. Während die tägliche Dosis an simultaner Mehrsprachigkeit durch meinen Kopf und deutsche Heimatkunden als Verkehrsmeldungen im Radio rauschen, putzt sich Peter Schillings Major Tom die Zähne – und ich glaube mich an eine Schlagzeile zu erinnern: dass Tito eigentlich der erste Mensch auf dem Mond gewesen sein soll. Oder so ähnlich (vgl. Barlovac 2012). Spaceship Yugoslavia hieß passend dazu eine Ausstellung in Berlin vor ein paar Jahren, die sich jedoch postjugoslawischer Nachwehen in künstlerischen Gegenwarten widmete (vgl. NGBK 2011). Als Tito, der den transnationalen sozialistischen Staatenbund vierzig Jahre im Alleingang-Einklang mit dem blockfreien Dritten Weg“ seiner Kommunistischen Partei zusammenhielt, 1980 starb, fühlte sich das zunächst weniger als The Suspension of Time (ebd.) an. Was als melancholisch-neugierige Odyssee im post-titoistischen Weltraum der 1980er Jahre begann, endete, vereinfacht ausgedrückt, in einem sozioökonomischen Kollabieren und ethnopolitischen Implodieren der jugoslawischen Zone des Übergangs (Buden 2009) zu einer Mehrparteiendemokratie (vgl. Calic 2016: 566ff.). Ich betrachtete im Fernsehen die Bilder dieser Systemkrise und ihres Ausgangs, den wir, zumindest in seinen medialen Repräsentationen, alle kennen. Ich war zehn Jahre alt, als mein Geografielehrer die Europakarte ausrollte und auf Bosnien und Herzegowina zeigte: „Nur zwei Flugstunden von uns entfernt ist Krieg“. Geflüchtete gab es in Stendal damals nicht und ich kam nicht weiter mit den Ereignissen in Berührung. Dass ich mich zwei Jahrzehnte später in diese „Jugosphäre“ aufmachte und lernte, wie es sich anfühlt, täglich über Granateneinschlaglöcher zu laufen und Einschusslöcher zu betrachten, konnte ich damals noch nicht einmal erahnen. Mir fiel dieser Erinnerungsfetzen erst wieder ein, als ich vor Kurzem das War Childhood Museum in Sarajevo besuchte. Dort sah ich Spielzeug wie zum Beispiel Barbiepuppen und Figuren aus Überraschungseiern, mit denen ich Anfang der 1990er Jahre mehr und scheinbar genauso beschäftigt war, wie meine Altersgenossen in der belagerten Stadt „nur zwei Flugstunden entfernt“.

Büste von Tito. 1987. Foto: xinem, Flickr, CC BY 2.0
Büste von Tito. 1987. Foto: xinem, Flickr, CC BY 2.0

„Sa-ra-jee-voo-oo-oo!“ (Calic 2016: 554)

Wie Major Tom landete ich „völlig losgelöst“ von all diesen Erinnerungen in der bosnischen Hauptstadt – ich, die 1984 genau eine Woche vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele geboren und deren heimlicher Kosename wohl „Vučko“ gewesen wäre: das Wölfchen (wie das gleichnamige Maskottchen von Sarajevo ’84). Das sportliche Wölfchen sang den Stadtnamen wie ein muslimisches Adhan und sein vertontes „Sa-ra-jee-voo-oo-oo!“ schallte weltweit auf allen Kanälen. Im Sarajevo der Gegenwart singen die Muezzins weiterhin. Doch schweigen die grauen Olympiabauten mit ihrem spätsozialistischen Charme – wie vor Trauer um die einstigen Friedensspiele, welche weder die damaligen Konflikte im Nahen Osten schlichten noch den Zerfall Jugoslawiens aufhalten konnten. In der ehemaligen Olympiastadt finde ich mich inmitten von Birken wieder, die mich einerseits an meinen Geburtsort, andererseits an den botanischen Realsozialismus erinnern: Der hat seine Wurzeln bis auf alle Ewigkeit geschlagen und kein internationalistisches (alt) beziehungsweise globalisiertes (neu) „Baummanagement“ wird das vorläufig ändern. Die sozialistische Flora im urbanen Raum, jedenfalls, scheint keine Blöcke gebildet zu haben, und die Sache mit der blockfreien Bewegung der Birken ist wie verhext. Von Sarajevo bis ans Weiße Meer: Birken. Zwischendurch ein paar vereinzelte Kiefern für die Elstern aus meinem Kinderfernsehen und ein paar von diesen Zimmerpflanzen, die mittlerweile nicht mehr nur in ukrainischen Behörden, sondern auch in hippen Berliner Einraumwohnungen wachsen – und natürlich auch in keinem öffentlichen Gebäude in der bosnischen Hauptstadt fehlen dürfen.

Während die einen Mitarbeiter der Nationalbibliothek zur jazziger Fahrstuhlmusik aus den 1960er Jahren, die mich an jugoslawische Versionen von englischsprachigen Welthits erinnern, Listen führen und rauchen, pflegen die anderen das postjugoslawische Interior mit viel Herzblut. Alle sind immer früh beschäftigt und bei diesem morgendlichen Beschäftigtsein allerorts fällt mir der schräg-exklusive ehemalige Werbespruch für das Bundesland Sachsen-Anhalt ein: „Willkommen im Land der Frühaufsteher“. Wenn ich um vier eine Kaffeepause mache, machen alle bereits genauso beschäftigt Feierabend, eine frühe Rushhour wie in Stendal. Sa-ra-jee-voo-oo-oo, magst du endlich auch einen neuen Werbespruch wie dieses Bundesland zuhause haben?

 

Grbavica

Apropos „Sa-ra-jee-voo-oo-oo!“ als Muezzinrauschen, dieses musikalische Lokalkolorit. Wenn die Kirchglocken läuten, weiß ich, dass Sonntag ist. Den ersten Tag nach der Zeitumstellung frage ich mich, ob selbst die Muezzins durcheinandergekommen sind, da sie anstatt 12.00 erst 13.00 Uhr zum Mittagsgebet rufen. Ist zu spät jetzt auch schon zu früh und was würde Rainald Grebe dazu sagen, der in seinem Lied über Sachsen-Anhalt über das reklamierte Frühaufstehen räsoniert? Ich wohne jetzt im Stadtteil Grbavica, wo früher der städtische Schlachthof war. Das Schlachthaus entstand, folgt man einem Stadtplan von 1882, nachdem Bosnien und Herzegowina 1878 Teil von Österreich-Ungarn wurde (vgl. Sundhaussen 2014: 169ff.): Das Schlachthaus galt als Sarajevoer Variante einer habsburgischen Urbanisierung, die das ausgehende 19. Jahrhundert, in dem die europäische „‘Great Separation‘ of human residence from animal production“ (Atkins 2012: 2) begann, bezeugte. Geschlachte Tiere erst als periphere Nachbarn und dann aufs Brot oder bosnisch: ins Brot. Gäbe es den Schlachthof heute noch, könnte ich von meinem 16. Stock aus beim Schlachten zuschauen – oder zumindest das riechen, wonach es riecht. Heute riecht Sarajevo in der warmen Jahreszeit jedoch nach Ćevabdžinica (den Kantinen, die Ćevapi servieren), Pekara (den Bäckereien, die neben Brotwaren bosnische Pita verkaufen) und Shisha, in der kalten Jahreszeit gesellt sich noch der Geruch von Smog dazu.

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Dieser Artikel erschien unter dem Titel „Per Sachsen-Anhalter durch die jugonostalgische Galaxis. Ein essayistisches Mosaik von flüchtigen Heimaten“ in Ausgabe 03/2018, Seite 88-94.

Auf meinem Schulweg in Stendal lag früher wirklich ein Schlachthaus, das man zwar nur hinter grauen Fassaden vermutete, doch roch: diesen rohen Blutgeruch halb acht Uhr morgens. Zurück in Grbavica weiß ich nicht, was die beiden Weltkriege aus dem Schlachthaus machten, doch entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg hier die ersten sozialistischen Wohnblöcke, für die der Stadtteil bekannt ist. Mich zog es hierhin, gleich an den Fluss (Miljacka), obwohl es viele der sogenannten „international community“ eher in die Mahalas zieht, die osmanisch geprägten Stadtteile in den Berghängen nahe der Altstadt (Baščaršija). Als thirtysomething liberaler Theaterökopostpunk ist mir das zu retro-romantisch und als pragmatische Spaziergängerin zu anstrengend. Ich verstehe Sarajevo lieber von meinem Plattenbau im sozialistischen Stil aus, der – wenn ich die sechzehn Stockwerke hinunterlaufe und die Namensschilder betrachte, immer noch Jugoslawien im Kleinen verkörpert. Zwischendurch lächelt mich die Fußmatte „H☺ME“ an, bellt auf halber Strecke ein Hund namens „Twist“ („wie der Tanz“) und steht ganz unten „Jugo“ als Name am Postkasten. Jemand fragt mich, ob der Fahrstuhl kaputt ist. Nö.

 

YU and me

Jugonostalgie ist für mich als intimate outsider” (Jestrovic 2013: 3), der als neutraler Beobachter immer mittendrin und live dabei ist, kein sentimentales „Spektakel“. Jugonostalgie bedeutet für mich ein bisschen Zukunft, wenn ich Versatzstücke von seinen „sieben S-Werten“ – Solidarität, Sicherheit, Stabilität, Soziale Inklusion, Sozialibität, Solidität/Seriosität, Selbstachtung (Marković 2007) – im öffentlichen und privaten Raum in Sarajevo erlebe, die ohne einen starken Führer (Vergangenheit) und Formen der re-politisierten Homogenisierung (Gegenwart) funktionieren. Versatzstücke eines freiheitlich-demokratischen Handelns, das viele bosnische Nichtregierungsorganisationen als „Selbstverwaltung“ empfinden, jener jugoslawische Gründungsmythos und wohl der achte nostalgische Wert, und sie als Praxis gegen die strukturelle Diskriminierung wiederbeleben möchten. Das fühlt sich dann nicht nur ein bisschen nach zuhause, sondern auch nach diesem politischen Sehnsuchtsort einer geflüchteten – oder doch flüchtigen – Heimat an.

Black Flag. Sarajevo 1987. Foto: xinem, Flickr, CC BY 2.0
Black Flag. Sarajevo 1987. Foto: xinem, Flickr, CC BY 2.0

„Jesi li naša?“

Ob ich von hier komme, werde ich gefragt, als ich dann doch einmal den Fahrstuhl nehme. Die Frage irritiert mich jedes Mal von Neuem sehr, nicht nur, weil ich geduzt werde und weil sie so privat in Momenten ist, in denen ich eigentlich nur anwesend bin. Doch so lautet die Frage wortwörtlich übersetzt: „Bist du unsere?“ oder übertragener „Gehörst du zu uns?“ Diese Frage, die völlig normal und politisch auch meistens nicht verdächtig ist, empfinde ich als so faschistisch wie die Feststellung, dass ich am liebsten Hunde mag, die mir ähneln. Nachdem ich mich lächelnd beruhigt und den Bluttest verweigert habe, sind wir meistens schon im Erdgeschoss. Ich bin auch immer die einzige, die beim Yoga den nach vorne ausgestreckten rechten Arm vermeidet und den esoterischen Kerzenständer mit Swastika woanders hinstellt. Auch der Ausblick auf die mit Kopftuch joggenden Frauen vor der ehemaligen Evangelischen Kirche gegenüber, die zur Kunstakademie und einem autorisierten Apfelverkäufer umgebaut wurde, scheint hier völlig normal. Für mich sind das jedoch Eindrücke, bei denen ich hängenbleibe und die ich kurz verdauen muss, weil sie mich auf meine „Herkunft“ zurückwerfen. Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, antworte ich wahlweise mit dem de facto „aus Sarajevo“ oder mit „aus einem Land, das es nicht mehr gibt“, am liebsten jedoch mit der Gegenfrage: „Woher kommst du?“ Vielleicht beruht auf diesen wiederholten Erlebnissen meine Unfähigkeit, die serbokroatischen Wörter „strankinja“ [Ausländerin] beziehungsweise „stranac“ [Ausländer], „stranka“ [Partei] und „stranica“ [Seite] auseinanderzuhalten. Am International(istisch)en Frauentag bekomme ich deshalb auch kein Heimweh als „djevojka“ [Mädchen], wie mich hier viele ob oder gerade trotz meines Alters anreden, sondern Fernweh als „čovjek“ [Mensch] – und schenke mir zur meditativen Ablenkung selbst ein paar Blumen. Ich laufe an der Tito-Statue von Antun Augustinčić vor der Universität vorbei; selbst Tito schenkte heute jemand eine rote Rose, doch er schaut wie immer zu Boden.

 

Sonntage

Sonntags spaziere ich die Vilsonovo Šetalište am Ufer der Miljacka entlang, die nach dem amerikanischen Präsidenten Wilson benannte „Promenade“ gleich auf der anderen Seite von Grbavica. Das haben schon einige vor mir gemacht: Franz Ferdinand vor und irgendwelche mir unbekannten „ersten Jugoslawen“ nach dem Ersten Weltkrieg, die Ustaša dann zwar auf derselben, jedoch nach Mussoloni benannten Straße während des Zweiten Weltkrieges und Tito auf der Promenade der Jugend (Omladinsko) nach dem Zweiten Weltkrieg. Das ist also nichts Besonderes für einen Sonntag in Sarajevo, mittlerweile machen das alle, je nach Wetterlage wahlweise im Nebeldunst mit verbrannten Maronen oder im Sonnenschein mit salzigem Popcorn. Oft mit Minihund in Kostümchen. In Gedanken entführe auch ich manchmal einen verschlafenen Straßenhund, der am Wegesrand in der Sonne döst, und setze ihn am Ende des Spaziergangs wieder aus.

Die Straße ist an Sonn- und Feiertagen für Autos gesperrt. Auf dem Mittelstreifen balanciere ich also vorbei an von Ruß bedeckten Klimawandelbäumen, deren kahle Kuppen von verschiedenen Clans von Krähen besiedelt werden: Diese kosmopolitischen Überlebenskünstler haben ihre eigenen bosnischen Mikro-Entitäten ausgerufen, so auch die fetten Tauben, hüpfenden Spatzen und vom Winde im Fluss verwehten Enten. Manchmal verirrt sich eine Möwe im städtischen Gewässer, was irgendwo zwischen Weihnachtsdekoration und Minaretten gar nicht mehr auffällt. So wie ich.

Vorbei flaniere ich an den United Nations, der türkischen Botschaft in Übergröße und dem Tito-Café. „Mi smo Titovi“, „Wir sind Titos Pioniere“ steht dort am Eingang. Im Hintergrund der Avaz-Turm nebst amerikanischer Botschaft und dem Holiday Inn, gegenüber die zerschossenen Plattenbauten von Grbavica und vor mir ein bisschen Kunstkritik von Nebojša Šerić-Šoba: eine Dose für die begrabene internationale Gemeinschaft, die jetzt sogar „100% organic“ ist. Also beide. Wenn man Bosnien und Herzegowina mit dem Blick auf eine bosnische Zigarettenschachtel mit ihren drei in den meisten Fällen identischen Gesundheitshinweisen auf B(osnisch), K(roatisch) und S(erbisch) versteht, dann ist die Vilsovono Šetalište „Sarajevo in a nutshell“.

 

„Intimate Outsider“

Wer die Stadt, die oft ein wenig ver-rückt ist, nach einem solchen Sonntagsspaziergang noch immer nicht verstanden hat, schaut runter auf die Fußgängerwege oder wieder hoch an die Hausfassaden dazwischen. Das ist plötzlich kein war tourism mehr, sondern ein Stück Sonntagsheimat zum Frühstück. Bei Versuchen, den vergangenen Krieg und die Belagerung von 1992 bis 1995 in der Gegenwart nicht mehr wahrzunehmen und die Stadt auf andere Sinneseindrücke zu reduzieren, stolpere ich oft über deren konkrete Überbleibsel. Ich hatte mir eine Zeitlang eingebildet, dass ich nur so nicht mehr „international“, sondern irgendwas zwischen hier, da und dort werden könne: Ein „intimate outsider“, der mehr als ein Besucher weiß und miterlebt/e. Ein empathischer Beobachter, der die Sprache spricht, sich im Raum bewegen und viele, jedoch noch lange nicht alle Zeichen lesen kann (und wahrscheinlich nie wird). Ein eingeweihter Anwesender, der weder ankommen will noch ankommen muss, da er schon die ganze Zeit live mit dabei ist und mitdenkt – ohne sich richtig auf die Sache für immer einzulassen, weil irgendwo noch ein anderes Zuhause wartet. An einem verschneiten Sonntag bin ich letztens jedoch auf einer gefrorenen Pfütze in einem Granateneinschlagloch ausgerutscht. Zur Erinnerung sind viele dieser Stellen rot markiert, vergleichbar mit Stolpersteinen in Deutschland. Vielleicht ist damals, irgendwo auf dieser Strecke, mein Entschluss gefallen, nur noch Halbmarathon zu laufen. Vielleicht ist damals aber vor allem mein Entschluss gefallen, diese Stadt mit offenen Augen anzuschauen – anstatt beschämt mit dem Blick eines Außenstehenden wegzugucken und sich die ganze Zeit vor den Erklärungen der anderen zu ducken.

 

Über die „Freiheit, frei zu sein“ (Hannah Arendt, 2018)

Auf dem Rückweg kaufe ich die bosnische Oslobođenje. Während mein Großvater gegen die jugoslawischen Partisanen kämpfte, lese ich sieben Jahrzehnte später diese ehemalige Partisanenzeitung. Sie heißt „Befreiung“ und erscheint nach wie vor in Sarajevo. Zur Feier des freien Tages, dem Sonntag, kaufe ich manchmal eine Schachtel Zigaretten zum Frühstück. Sonntagszigaretten, zumindest ihr Kauf, ersetzen meine Sonntagsbrötchen, die ich selbst an Werktagen vermisse. Den Duft von frischen Brötchen und Kaffee, dazu das Gefühl von Ausgeschlafensein und eine viel zu dicke Zeitung, das fühlt sich nach einem Sonntagsfrühstück wie zuhause an.

„tsiganizatsia tsiganizatsia
come on, baby, this is what you need
tsiganizatsia tsiganizatsia
disko disko partizani“

(Shantel, Disko Partizani, 2007)

Folgt man der Einladung des Sängers Shantel, der den Balkan Beat salonfähig machte, könnte der sogenannte Internationale Kongress des Hedonismus unsere „virtuelle Heimat“ werden (vgl. Drost 2018). Nicht wegen des Hedonismus oder gar der Partisanendisco, die der von ihm gegründete Bucovina Club für jeden bereit hält. Doch wegen dieser „tsiganizatsia“, die normative Heimaten fragmentiert und pluralisiert: Hier darf jeder sein, wer er möchte. Hier darf jeder sogar mehr sein, als die Zuschreibung einer kollektiven Identität, beispielsweise aufgrund einer Herkunft, einer Angewohnheit oder einer Muttersprache, es jemals zuließe. Diese individuelle Durch- und Zulässigkeit von Identitäten provoziert. Wir können sie für unsere flüchtigen Heimaten adaptieren, die uns weiterziehen lassen: hin zu einem produktiven „Lob des Unreinen“ (Emcke 2017: 185), das Heimat nur als dynamischen Prozess und im queeren Plural kennt. Im performativen Dauerloop wendet sich diese „tsiganizatsia“ irgendwo zwischen Situiertheit und displacement gegen identitätspolitische Vorstellungen des Homogenen, Reinen und Natürlichen (vgl. ebd. 107ff.). Identity politics is over? Error, major, error. Denn nicht nur in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, sondern auch in Mitteleuropa werden Facetten des „Das darf man wohl noch sagen dürfen!“ wieder mehr als Küchenanekdoten und prägen politische Debatten – und realpolitische Entscheidungen. „Tsiganizatsia“ beschreibt jedoch, wie Individuen sich als „intimate outsiders“ an unterschiedlichen konkreten Orten und durch unterschiedliche metaphorische Orte gleichzeitig zuhause fühlen können. Heterogene Heimaten sind immer erst im Werden und verhalten sich vielleicht so zu ihren Regionen oder Ländern wie pazifistische Partisanen zu ihren vermeintlichen Zugehörigkeiten: als queere Fahnenflüchtige, also als unerwartet bis überraschende individuelle Erlebnisse, die zu Erfahrungen und auch zu Ritualen werden können. Heimat als „Anarhija all over Baščaršija“, wie die bosnische Kultband Zabranjeno Pušenje 1984 sang? Može“, gut möglich, wie die hiesige Universalantwort lauten könnte, aber ohne die Freiheitsrechte der anderen zu verletzen. Oder eben Heimat als „Sabotage“ einer kollektiven Identität, ein bisschen Beastie Boys zehn Jahre später? Vielleicht. Im Grunde jedoch den Spuren zukünftiger Weltraumkuriositäten folgend, die David Bowie einst beschrieb:

„Now it’s time to leave the capsule if you dare
[…] I’m stepping through the door
And I’m floating in the most peculiar way
And the stars look very different today“
(David Bowie, Space Oddity, 1969)


Literaturverzeichnis

Aguigah, René, 2018. „Es will doch niemand das Flirten untersagen“. Interview mit Carolin Emcke. In: Deutschlandfunk Kultur, 21. Januar 2018. http://www.deutschlandfunkkultur.de/carolin-emcke-zu-metoo-es-will-doch-niemand-das-flirten.974.de.html?dram:article_id=408821 (28.03.2018).

Atkins, Peter, 2012. Animal Cities. Beasty Urban Histories. Farnham u.a.

Arendt, Hannah, 2018. Die Freiheit, frei zu sein. München.

Barlovac, Bojana, 2012. „Hidden Yugoslav Technology ‘Sent America to Space’“. In: Balkan Insight, 11. Januar 2012. http://www.balkaninsight.com/en/article/hidden-yugoslav-technology-put-america-in-space (28.03.2018).

Brunnbauer, Ulf, ed., 2007. Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa. Köln. Daraus insb. Marković, Predrag J. „Der Sozialismus und seine sieben ‘S-Werte’ der Nostalgie“, 153-164.

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Calic, Marie-Janine, 2016. Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region. München.

Emcke, Carolin, 2017. Gegen den Hass. Bonn.

Jestrovic, Silvija, 2013. Performance, Space, Utopia. Cities of War, Cities of Exile. Basingstoke.

Judah, Tim, 2009. „Entering the Yugosphere“. In: The Economist, 20. August 2009. https://www.economist.com/node/14258861 (28.03.2018).

Kurtović, Larisa, 2010. „Istorije (bh) budućnosti. Kako misliti postjugoslovenski postsocijalizam u Bosni i Hercegovini? [Die Zukunftsgeschichte/n (von Bosnien und Herzegowina). Wie den postjugoslawischen Postsozialismus in Bosnien und Herzegowina denken?]”. In: Puls Demokratije, 17. August 2010. http://www.pulsdemokratije.ba/index.php?l=bs&id=1979 (04.01.2018).

NGBK, ed., 2011. Spaceship Yugoslavia – The Suspension of Time. Exh. cat. Berlin.

Petrović, Tanja, 2012. Yuropa. Jugoslovensko nasleđe i politike budućnosti u postjugoslovenskim društvima [Yuropa. Das jugoslawische Erbe und Zukunftsstrategien in postjugoslawischen Gesellschaften]. Belgrad.

Schlögel, Karl, 2003. Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München.

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