Über Ost Journal

Europa ist in der Krise und in Krisenzeiten laufen wir Gefahr, uns von Angst dominieren zu lassen. Statt europäischer Kooperation dominieren egoistische staatliche Interessen. Dabei ist es nicht lange her, dass sich die alte Generation der Revolutionäre von 1989 anlässlich des 25. Jubiläums dafür feierte, die Spaltung des Kontinents überwunden zu haben.

Teile dieser Generation sind nun dabei, sie durch autoritäre Gesellschaftsvorstellungen zu ersetzen. Ehemalige kommunistische Funktionäre behindern in den post-sozialistischen Staaten einen tiefgreifenden demokratischen Aufbruch und halten sich durch Korruption an der Macht.

Hinzu kommen Wahlerfolge antipluralistischer Parteien: Das zunehmend autoritäre Ungarn unter Viktor Orbán, der Regierungswechsel in Polen unter der PiS und die Wahlerfolge der AfD in den ostdeutschen Bundesländern sind einige Beispiele. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die post-sozialistischen Regionen, sondern ganz Europa: Das Brexit-Votum und die Wahlerfolge für den Front National und die FPÖ verdeutlichen das.

Wir sind diejenige Generation, die während ihrer Kindheit Zeuge der post-sozialistischen Transformation ihrer Länder geworden ist: in den ehemaligen Staaten des Ostblocks, im ehemaligen Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion. Ohne es als Kind bereits verstanden zu haben, zeigt unser Blick zurück: Nichts ist für immer. Gerade dieser Erfahrungsschatz ist von Bedeutung in einer Zeit voller globaler Umbrüche.

Osteuropa hat in diesem Sinne eine unglückliche Vorreiterrolle: Der zunehmende Rückfall in autoritäre Gesellschaftsordnungen in den letzten Jahren war ein Vorbote dessen, was nun auch generell im globalen Norden immer stärker überhandnimmt.

Der vermeintlichen Ohnmacht gegenüber den heutigen antidemokratischen Umbrüchen stellen wir unsere Verantwortung entgegen, die wir dafür tragen, das bisher Errungene von 1989 zu verteidigen. In Rumänien stürzen Jugendproteste im Oktober 2015 eine korrupte Regierung, in Polen setzen sich Frauen im Herbst 2016 gegen ein Abtreibungsverbot zur Wehr. Zugleich wollen wir die demokratischen Ziele von 1989 gegen den Widerstand antipluralistischer Positionen weiter verfolgen. Dazu gehört auch EU-weite Visafreiheit für Menschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Unser Magazin ist ein Experiment, ein Versuch, die Stimme unserer Generation aus der postsozialistischen Transformation hörbar zu machen. Wir wollen uns grenzüberschreitend über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Erfahrungen und Vorstellungen bewusst werden. So wollen wir dazu beitragen, eine neue Erzählung von Europa zu schaffen, die von Angst und Stereotypen befreit ist und die dem antipluralistischen und antidemokratischen Narrativ entgegensteht, das sich in der Krise verbreitet.

Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Vorurteile, denen sich Menschen aus den postsozialistischen Regionen seit Jahrzehnten ausgesetzt sehen. Unsere Generation möchte die Vorurteile abbauen und mit Angehörigen anderer Regionen Europas und der Welt auf Augenhöhe stehen.

Die AutorInnen des Magazins sind Menschen, deren wissenschaftliches, journalistisches oder künstlerisches Interesse im Ost-Europa-Bereich liegt.

Eine besondere Gemeinsamkeit besteht in der Anbindung über das Internationale Parlamentsstipendium des Deutschen Bundestages (IPS), wodurch viele AutorInnen aus den postsozialistischen Regionen Einblicke in die Arbeit des Bundestags erhalten konnten. Deshalb besteht unser Anspruch darin, nicht nur die öffentliche Meinung zu beeinflussen, sondern auch politische EntscheidungsträgerInnen.

Weil unser Magazin als Eigeninitiative aus dem IPS-Programm erwachsen ist, verstehen wir uns auch als Parlamentsmagazin. Das heißt, das Magazin finanziert sich durch Abonnements der ParlamentarierInnen. Die Ausgaben erscheinen halbjährig. Kostenfrei erscheinen sämtliche Artikel zudem zeitversetzt auf der Internetseite.

Das Magazin ist überparteilich, positioniert sich aber klar für eine pluralistische Gesellschaft und gegen antidemokratische Einstellungen.

Eduard Kosminski

wurde 1982 in Radautz geboren und ist Teil der deutschen Minderheit in Rumänien. Er ist bei Ost Journal zuständig für die Buchhaltung. Er studierte Politikwissenschaft und war 2010 Teilnehmer des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) im Deutschen Bundestag. Vor seiner Rückkehr nach Berlin war er in Rumänien als Manager für ein deutsches Unternehmen im Bereich der Landwirtschaft tätig. Seit März 2015 arbeitet er in einem Abgeordnetenbüro im Bundestag. Seine Interessenschwerpunkte liegen im Bereich der bilateralen Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Rumänien, Moldau und der Ukraine.

Martina Poljak

wurde 1988 in Zagreb geboren, ist in Wien aufgewachsen und lebt in Berlin. Sie ist zusammen mit Stefan Kunath Chef-Redakteurin bei Ost Journal, studierte Deutsche Philologie und Turkologie an der Universität Zagreb und Philosophie an der Universität Wien mit Studienaufenthalten in Izmir, Berlin und Joensuu, war 2016 IPS-Teilnehmerin und ist zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag. Im Rahmen der Zeitschrift beschäftigt sie sich mit dem Thema postsozialistischer Neoliberalismus, sonst liegen ihre Themenschwerpunkte im Bereich politischer Philosophie und Sozialphilosophie.

Stefan Kunath

wurde 1989 in Frankfurt (Oder) geboren. Er ist zusammen mit Martina Poljak Chef-Redakteur bei Ost Journal. Sein Studium der Politik- und Europawissenschaften hat er an der Universität Potsdam und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) mit Studienaufenthalten in Tel Aviv, Melbourne und Prag absolviert. Von 2009 bis 2017 arbeitete er für einen Bundestagsabgeordneten im Bereich Drogenpolitik. Seit Herbst 2017 ist er persönlicher Assistent eines Europaabgeordneten und promoviert an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) zur Migrations- und Europapolitik der Linkspartei.