Ostdeutsche und Migranten, vereinigt euch!

Der Versuch als Ostdeutscher im Westen anzukommen, verursachte viele Konflikte. Rauferein mit Migranten gehörten dazu. Später wurden sie meine besten Freunde. In Worte fassen konnte ich das bisher nicht. Doch plötzlich ist die Parole da: Ostdeutsche und Migranten, vereinigt euch!

von Friedemann Wiese, Berlin

Vor Kurzem war ich als Zuhörer auf einer Podiumsdiskussion. Für mich nichts Besonderes. Ich war schon auf vielen Podiumsdiskussionen. Seit etwa zehn Jahren studiere ich, mal mehr, mal weniger, mal gar nicht. Aktuell schreibe ich meine Masterarbeit zur Permakulturbewegung in Kenia und Tansania. Besonders im Umfeld der Universität habe ich schon immer viele Podiumsdiskussionen besucht. Einige beschäftigten mich danach noch eine Weile. Einige berührten mich. Es gab Themen, die mir wichtiger waren als andere: Antirassismus, Antikapitalismus, soziale Widerstände. Kürzlich also wieder eine Podiumsdiskussion. Nichts Besonderes, nur eine ganz gewöhnliche Podiumsdiskussion, wie viele andere.

Doch an diesem Tag war es anders. Ich war schon eine Stunde vor der Veranstaltung dort. Ich überlegte mir sorgfältig, wo ich sitzen wollte. Ich sah mir die Leute genau an, die nach und nach kamen. Ich war nervös. Zuvor saß ich wegen der Masterarbeit in der Bibliothek. Doch mir fehlte an diesem Nachmittag die Konzentration. Meine Gedanken kreisten. Eilig lief ich vor dem Café die Straße rauf und runter. Ich suchte etwas zu essen, etwas zu trinken. Beides fand ich schließlich im Café. Doch ich stellte fest: Es ging wohl weniger um das Essen und Trinken, als vielmehr um das Laufen. Ich war angespannt. So angespannt, dass ich gar vergaß, dem Bekannten, dem ich von der Veranstaltung erzählte, einen Platz zu reservieren. Dabei bin ich doch normalerweise immer gut organisiert.

„Schwestern und Brüder – Sind Ostdeutsche auch Migranten?“ Das war die Frage, die an diesem Abend im Raum stand. Entfacht hatte die Debatte die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan im Interview mit der taz. Neben ihr auf dem Podium saßen Ferda Ataman, Thomas Ahbe und Jana Hensel. Es ging um persönliches Erleben, um Entwertungserfahrungen und Allianzen. Es wurde von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Erfahrungen von Ostdeutschen und Migrantinnen und Migranten gesprochen. Einer der Unterschiede, der genannt wurde: Ostdeutsche könnten ihr „Anderssein“ besser verstecken. Sie würden nicht bereits durch den Nachnamen oder ihr Aussehen als „anders“ identifiziert. Bei den Ostdeutschen dauere das immerhin bis zu der Frage, wo sie geboren seien.

 

Versteckt und sprachlos in Westdeutschland

An diese Frage erinnere ich mich. Ich habe gelernt ihr auszuweichen. Ja, es gab wahrscheinlich sogar Momente, in denen ich gelogen habe. Ich sagte dann „Offenbach“. Dort bin ich schließlich aufgewachsen. Doch geboren wurde ich in Leipzig. Ich wurde gerade fünf Jahre alt, als ich mit meinen Eltern kurz nach der Wende dorthin gezogen bin. Meine Herkunft zu verleugnen, tat mir weh. Aber an vielen Stellen war das die bessere Option. Vielleicht war das der Grund, warum mir besonders die Worte von Jana Hensel im Gedächtnis geblieben sind: „Im Prinzip versuche ich seit 20 Jahren, Ostdeutsche sichtbar zu machen.“ Das finde ich toll. Vollkommen begeistert bin ich darüber, dass es Menschen gibt, die über Erfahrungen von Ostdeutschen sprechen. Für mich ist das noch neu. Jana Hensels Buch Zonenkinder, welches ich gerade lese und in dem ich einiges aus meinem eigenen Leben wiedererkenne, ist bereits 16 Jahre alt. Sie spricht auf dem Podium von einer Community. Wahnsinn. Für viele ist das Thema gar nicht so neu. Sie haben sogar schon Begriffe gefunden, mit denen sie sich ausdrücken können. Für mich sind es an vielen Stellen noch unreife Gefühle. Ich bin noch auf der Suche, diese mit den passenden Begriffen zu artikulieren.

Was fehlt, sind Plattformen und öffentliche Räume, um über Ostdeutschland zu reden.

Was fehlt, sind Plattformen und öffentliche Räume, um über Ostdeutschland zu reden. Das belegte Naika Foroutan gelassen, aber sehr eindrucksvoll am Beispiel der Repräsentanz. Nach einem Kommentar einer österreichischen Zuhörerin, wovon wir eigentlich sprächen, sie könne keine Benachteiligung Ostdeutscher erkennen, führte Foroutan Statistiken über politische und wirtschaftliche Eliten in Deutschland an.

Es gibt keine Öffentlichkeit. Doch es gibt die Debatten. Vielleicht ein Stück weit im Privaten, wie sich schon zu DDR-Zeiten politische Debatten oft ins Private verlagerten, weil es in der Öffentlichkeit nur eine Erzählung gab. Mir als Ostdeutscher in Westdeutschland fehlte auch das. Ich hatte keinen Austausch mit anderen Ostdeutschen. In Westdeutschland gab es keine Ostdeutschen. Niemand war Ostdeutsche oder Ostdeutscher. Natürlich waren wir da. Wir waren sehr zahlreich. Unweit von Offenbach, in Gießen, stand die Zentrale Aufnahmestelle für Geflüchtete aus der DDR. Viele sind nach der Wende ins Rhein-Main-Gebiet gezogen. Doch niemand gab sein „Ostdeutsch-Sein“ zu. Wir lebten alle versteckt. Wo sich Ostdeutsche in Ostdeutschland zumindest auf persönlicher Ebene bereits ein Stück weit austauschten, versuchten wir im Westen nur nicht aufzufallen und enttarnt zu werden.

 

Coolheit, Konflikte, Zugehörigkeit

In den frühen Phasen meiner Kindheit führte das dazu, dass ich Amir und Mohammad, deren Eltern aus Pakistan und Afghanistan nach Deutschland migrierten, nicht mochte. Und sie mochten mich nicht. Auf dem Schulhof zankten und rauften wir. Vielleicht würden die Ausgeschlossenen dann zu den „Coolen“ gehören, wenn sie andere Ausgeschlossene noch stärker ausschließen. Das muss wohl unsere Logik gewesen sein. Auf jeden Fall gab es außer uns immer die „Coolen“. Ich wollte auch zu ihnen gehören, ohne zu verstehen, was diese „Coolheit“ ausmachte.  Dass sie cool waren und ich uncool, daran bestand jedenfalls kein Zweifel. Auch, dass meine Unterlegenheit mit meiner Herkunft und Familie zu tun haben musste, schimmerte mir unterbewusst durch. Denn nach den Konflikten auf dem Schulhof, folgten die Konflikte mit meinen Eltern. Je cooler ich wurde, desto mehr rebellierte ich gegen meine Eltern. Je mehr ich gegen meine Eltern rebellierte, desto cooler wurde ich. Eltern und Freunde gingen nie zusammen. Das waren zwei verschiedene Welten.

Auf dem Schulhof zankten und rauften wir. Vielleicht würden die Ausgeschlossenen dann zu den „Coolen“ gehören, wenn sie andere Ausgeschlossene noch stärker ausschließen.

Von meiner Familie hatte ich mich irgendwann erfolgreich distanziert, mein Ostdeutsch-Sein erfolgreich versteckt. Ich gehörte jetzt auch dazu. Und doch war ich immer noch anders. Ich fing an mich mit Kemal, Yusuf und Ivica verbunden zu fühlen. In ihnen fand ich meine besten Freunde. Was uns verband, verstand ich nicht, aber es verband uns etwas. Ferda Ataman berichtete an dem Abend humorvoll, dass sie ostdeutsche Männer in ihrer Jugend immer ganz attraktiv fand. Während das Publikum im Raum lacht, spielt sich meine Jugend vor meinen Augen ab zwischen Shisha-Bars und „Jugo-Diskos“.

Nach meinem Studium der Politikwissenschaft reiste ich durch Afrika und Lateinamerika. Unterschiedliche Kulturen interessierten mich. Sie boten einen Ausweg aus der Ost-West-Dichotomie. Denn in Nairobi interessierte es niemanden, ob ich aus Ost- oder Westdeutschland komme. Manche hatten nie von zwei Deutschlands gehört. Gleichzeitig waren deutsche Politik und deutsche Debatten weit weg, die immer nur von einer Perspektive geprägt waren, der des Westens, und die immer ein Stück weit an meiner Lebensrealität vorbeiging.

 

Verständnis für Vielfalt

Nach der Podiumsdiskussion saßen wir noch lange bei einem Glas Wein zusammen. Es war eine spannende Runde aus Journalistinnen und Journalisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie politisch Aktiven. Es gibt Momente, da bin ich durchaus eloquent. Jenes Gespräch gehörte nicht dazu. Ich faselte irgendwas von meiner Kindheit zwischen Offenbach und Leipzig. Richtig auf den Punkt kam ich wohl nie. Das passiert mir öfters in letzter Zeit: Wenn mich zurzeit jemand fragt, was bei mir so los ist und was mich beschäftigt, fällt mir die Antwort meist schwer. Ich antworte dann meist etwas wie: „Hm ja, so Ostdeutschland… Na ja, und Westdeutschland. Also die Beziehung… Also Ost-West-Konflikt halt. DDR, BRD und Wende und so.“ Die Reaktionen sind häufig von Unverständnis geprägt. Das war an diesem Abend anders. Am Tisch neben mir saß Sandra, eine junge Wissenschaftlerin aus Ostdeutschland. Als ich mal wieder keine Worte fand, meinte Sandra: „Wir verstehen schon.“ Sie lächelte mich verständnisvoll an. Am Tag danach fragte ich mich, ob vielleicht das die besondere Kraft jener Allianz von Ostdeutschen und Migrantinnen und Migranten ausmacht: Über Gemeinsamkeiten im persönlichen Erleben Verständnis füreinander zu entwickeln, zu sensibilisieren und die Pluralität von Perspektiven zuzulassen. Könnte das nicht ganz neue Zugehörigkeiten schaffen fernab von kollektiven Identitäten?

Über Gemeinsamkeiten im persönlichen Erleben Verständnis füreinander zu entwickeln, zu sensibilisieren und die Pluralität von Perspektiven zuzulassen. Könnte das nicht ganz neue Zugehörigkeiten schaffen fernab von kollektiven Identitäten?

Die Debatte darum, ob Ostdeutsche auch Migrantinnen und Migranten sind, traf einen Nerv. Die offene Auseinandersetzung mit meinem Ostdeutsch-Sein ist für mich neu und gleichzeitig sehr wichtig. Die Diskussion endete mit einem lauten Ruf nach konkreten Allianzen migrantischer und ostdeutscher Akteurinnen und Akteure. Gleichwohl: Unsere Gruppenzugehörigkeiten sind vielfältig. Es gibt keine eindimensionalen Identitäten: Nach der Debatte meldete sich ein junger Westdeutscher mit ostdeutscher Mutter. Naika Foroutan und Ferda Ataman sind Westdeutsche. Auch ich fühle mich zu großen Teilen westdeutsch. Thomas Ahbe ist innerhalb der DDR sehr jung nach Leipzig migriert und bezeichnet sich schmunzelnd als Migrant.

Am Morgen danach stehe ich mit dem Fahrrad an der Ampel, unweit des Cafés, in dem die Podiumsdiskussion stattfand. An der Fußgängerampel steht Thomas Ahbe. Er scheint mich zu erkennen und lächelt mir zu. Ich lächel zurück. Wir verstehen uns. Ich gehöre dazu. Thomas, Ferda, Jana und Naika gehören dazu. Und Kemal, Yusuf und Ivica tun es auch. Es ist nichts Besonderes passiert an jenem Abend. Nur eine Podiumsdiskussion. Eine ganz gewöhnliche Podiumsdiskussion.

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Titelbild: Thiémard horlogerie, Flickr, CC BY-SA 2.0

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