Schulterschluss statt Hitlergrüße – Wieso sich Ostdeutsche und Migrant:innen vereinigen sollten

Ossiphobie ist kein Rassismus. Identitätspolitik ersetzt keinen Klassenkampf. Und dennoch ist die Frage fruchtbar: Sind Ostdeutsche auch Migrant:innen? Schließlich weisen die aktuellen Forschungsergebnisse von Naika Foroutan auf ähnliche Diskriminierungen zwischen Migrant:innen und Ostdeutschen hin. Wir rekonstruieren die bisherige Debatte und erklären, warum Ostdeutsche und Migrant:innen sich zusammenschließen sollten.

Von Friedemann Wiese, Berlin
Naika Foroutan ist Soziologin und forscht am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung.
Naika Foroutan ist Soziologin und forscht am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Ein kahlköpfiger, dicker Mann mit Schlaghandschuhen steht vor einem rassistischen Transparent und reckt widerlich grinsend seinen rechten Arm zum Hitlergruß in die Höhe. Er ist Teil einer mehrere Tausend Menschen umfassenden Demonstration. Ein wankender, etwas zerzauster Mann mit Kapuzenpullover erblickt aus der laufenden Demo heraus eine Fernsehkamera und tut es ihm gleich. Drei andere strecken Gegendemonstrant:innen ihre blanken Ärsche entgegen. Die Menge skandiert: „Wir sind die Fans! Adolf-Hitler-Hooligans!“ und „Frei, sozial und national!“ Vermeintliche Migrant:innen werden durch die Straßen gejagt. Es kommt zu gewalttätigen Übergriffen. Nebelschwaden und Wurfgeschosse komplettieren Bilder, die international Bestürzung hervorrufen. Sie stammen aus Chemnitz zu Beginn des Spätsommers dieses Jahres. Rechtsradikale und Neo-Nazis versuchen den Tod eines jungen Mannes für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Wenige Tage später forscht ein Fernsehteam nach den Hintermännern der schweren Ausschreitungen (Mueller, Schlesier und Walden, 2018). Dabei treffen sie den kahlköpfigen, dicken Mann mit der grinsenden Fratze wieder, wie er auf der Straße einem Freund erneut mit einem Hitlergruß begegnet. Die Reporter sprechen vom sprichwörtlichen „hässlichen Deutschen“ und einer „offenbar ganz normalen Szene in Chemnitz im September 2018“. Die Ausschreitungen kommen nicht gänzlich unerwartet. Sie passen in das Bild vom braunen Osten. Oder wie Joachim Gauck schon 2015 sagte: Dunkeldeutschland (Ondreka, 2015). 2015, das war noch bevor es zu den ersten großen, neueren rechtsradikalen Ausschreitungen in Freital, Heidenau, Clausnitz und Bautzen kam. Der Bundespräsident sprach damals von zwei Deutschlands: ein helles, welches sich für Geflüchtete engagiert, und ein dunkles, geprägt von rechter Hetze und Gewalt. Mit dem Begriff „Dunkeldeutschland“ wählte er einen Begriff, den Westdeutsche in den frühen 1990er Jahren der Wendezeit abwertend für Ostdeutschland verwendeten. Damit verknüpfte Gauck eine Bezeichnung für Ostdeutsche mit dem Problem von Rechtsradikalen und Neo-Nazis und verhalf dem diskriminierenden Begriff zu einer Renaissance. Der erste Bundespräsident aus Ostdeutschland, wohlgemerkt.

 

Eine ungewöhnliche Intervention

Umso überraschender tauchte Mitte 2018 eine Debatte in der Öffentlichkeit auf, die Ostdeutsche und Migrant:innen nebeneinander zu stellen versuchte. Der Ausgangspunkt für jene Debatte war eine Studie, die nach Einstellungen gegenüber Ostdeutschen und Muslim:innen fragte. Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung um Naika Foroutan schließt mit dem Forschungsprojekt „Postmigrantische Gesellschaft 2“ an eine erste Studie an, die Abgrenzungs- und Anerkennungsmechanismen in Bezug auf Muslim:innen untersuchte. Nun wurden diese Mechanismen auch in Bezug auf Ostdeutsche untersucht und verglichen (BIM 2017). Doch schon vor einem guten halben Jahr sprach Foroutan mit Daniel Schulz (2018) in einem ausführlichen Zeitungsinterview über Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sich abzeichneten. Darin verknüpfte sie die Ergebnisse mit der Forderung nach strategischen „postmigrantischen Allianzen“. Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen, wie sie Migrant:innen kennen, würden auch Ostdeutsche teilen. Diese gingen einher mit strukturellen Ungleichheiten und mangelnder Repräsentanz in den Eliten. Beide Gruppen seien Bürger:innen zweiter Klasse. Im Kampf gegen jene Ungleichheiten brauche es folglich gemeinsame Allianzen. Die Debatte war entfacht.

„Wäre ich Ossi, ich wäre auch wütend. Manchmal habe ich den Eindruck, selbst wir Menschen mit Migrationsblabla werden in den Medien differenzierter dargestellt als Ostdeutsche.“

Die teils leidenschaftlichen Reaktionen auf die ungewöhnliche These ließen nicht lange auf sich warten. Sie reichten von begeisterter Zustimmung bis zu empörtem Widerspruch. Der erste Beifall kam von Ferda Ataman (2018) und Jana Hensel (2018). Hensel beschrieb die Gänsehaut, die sie beim Lesen des Interviews mit Foroutan überkommen habe. Sie rührte von einem besonderen Gefühl, verstanden zu werden. Ataman kommentierte zuvor: „Wäre ich Ossi, ich wäre auch wütend. Manchmal habe ich den Eindruck, selbst wir Menschen mit Migrationsblabla werden in den Medien differenzierter dargestellt als Ostdeutsche.“ Diese Klarheit, mit der Foroutan und Ataman als Kinder von Migrant:innen über Erfahrungen von Ostdeutschen wie ihr sprachen, beeindruckte Hensel. In 30 Jahren würde Hensel das auch können, meinte Ataman auf einer gemeinsamen Podiumsdiskussion am 26.06.2018 im taz-Café neckisch. Schließlich habe es für Migrant:innen ebenso lange gedauert, in der Öffentlichkeit eine Stimme zu bekommen, die der undifferenzierten Mediendarstellung entgegentritt.

 

Die Darstellung Ostdeutscher in den Medien

Das Thema der medialen Darstellung Ostdeutscher vertiefte die Filmwissenschaftlerin Angelika Nguyen (2018) am Beispiel des Films Das schweigende Klassenzimmer. Das sei die übliche westdeutsche Perspektive auf Ostdeutschland und die DDR, die die Kinos seit jeher beherrsche: Kopfschüttelnd fragt sich der Westdeutsche, wie es sich in der Diktatur nur schweigen ließ und freut sich dann über die Tapferen, die das Schweigen brechen. Im Film würden die Tapferen schließlich mit der Ausweisung in die Westberliner Freiheit belohnt, während die Anpasser und Feiglinge zurückblieben, fasste Nguyen zusammen. Diese „Erzählung der Sieger“, wie sie Nguyen nannte, beschrieb auch Nelli Tügel (2018), wenn sie von der Integration sprach, die von den Ostdeutschen nach der Wende gefordert wurde. Natürlich gab es 1990 keine Wiedervereinigung. Es vereinigten sich nicht zwei ebenbürtige Gesellschaften. Nein, die eine Gesellschaft sollte sich in die andere integrieren. Von den Menschen aus der ehemaligen DDR wurde gefordert, ihre „Rückständigkeit“ zu überwinden und sich die Werte der Bundesrepublik anzueignen. Zugleich wurde ihnen ebendies aber gar nicht zugetraut, meinte Tügel. Angelika Nguyen und Nelli Tügel boten zwei besonders spannende Perspektiven in der Debatte: Beide ordneten sich zugleich den Gruppen der Migrant:innen als auch der Ostdeutschen zu. Angelika Nguyen wuchs mit einem vietnamesischen Vater und einer deutschen Mutter in Ost-Berlin auf. Nelli Tügel wuchs in Leipzig als Tochter eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter auf. Beide sprechen von einem doppelten Migrationshintergrund und doppelter Heimatlosigkeit.

Die Stigmata, die Ostdeutschen vor allem zu Beginn der 1990er angeheftet wurden, gleichen sich auffallend mit denen, mit denen Migrant:innen gestern wie heute konfrontiert waren und sind: Ihnen fehlten die Werte und das demokratische Grundverständnis.

Die Stigmata, die Ostdeutschen vor allem zu Beginn der 1990er angeheftet wurden, gleichen sich auffallend mit denen, mit denen Migrant:innen gestern wie heute konfrontiert waren und sind: Ihnen fehlten die Werte und das demokratische Grundverständnis. Sie seien aggressiv und gewalttätig. Und sie seien faul. Ferda Ataman erkannte ganz richtig, dass „die Ankunft der deutschen Zuwanderer aus der DDR damals für einige Miesmacher kein Grund zur Freude, sondern eine Invasion von arbeitsscheuen Wirtschaftsasylanten“ war. Ein Zeitungsartikel vom Februar 1990 veranschaulicht das ganz bemerkenswert. Im Artikel mit dem Titel „Wieso kommen die noch?“ (Der Spiegel, 1990) steht, wie in Hamburg Plakate mit den Slogans „Willkommen bei uns“ mit Messern zerfetzt wurden. Die Plakate sollten Verständnis für die Übersiedler:innen aus der DDR wecken. Ostdeutsche wurden als „DDR-Schweine“ auf offener Straße beschimpft. Einige der damals geschaffenen sogenannten „Übersiedlerheime“ wurden mit Steinen beworfen und angezündet. Der Leiter einer Hamburger Haupt- und Realschule berichtet, wie die Schüler:innen in der Pause diskutierten, „wer raus muß aus Deutschland – die Aussiedler, die DDRler oder die Asylanten“.

 

Integrationskonkurrenz oder davon, dass nicht alle Ossis Nazis sind

Die Aufforderung an Migrant:innen und Ostdeutsche lautet bis heute: Integriert euch in die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft. Die beiden Kulturwissenschaftler:innen Susann Neuenfeldt und Simon Strick (2018) sprachen in diesem Zusammenhang von einer Integrationskonkurrenz, deren schlimmste Auswirkungen in den NSU-Morden und der jüngsten Welle rechtsradikaler Ausschreitungen zu finden seien. Da sind die Integrationsversuche gescheitert, mögen Westdeutsche kopfschüttelnd bemerken, immer mit einer Spur von: „Das war doch klar. Das hatten wir ihnen sowieso nicht zugetraut.“ Das Kopfschütteln gilt den Baseballschläger schwingenden, Hitlergruß zeigenden, ostdeutschen Glatzköpfen ebenso wie den Messer stechenden, „Allahu Akbar“ rufenden, Bart tragenden Muslimen.

Foroutans These rüttelt an den gängigen Kategorien: Sie entkoppelt das Erfahren von Migration von Attributen wie Nationalität, Religionszugehörigkeit und Hautfarbe.

Foroutans These rüttelt an den gängigen Kategorien: Sie entkoppelt das Erfahren von Migration von Attributen wie Nationalität, Religionszugehörigkeit und Hautfarbe. Schließlich sprechen wir, wenn wir von Migrant:innen reden, häufig von nicht-weißen Menschen. Oft sprechen wir von Menschen, die Staatsgrenzen überwunden haben und aus arabischen oder afrikanischen Ländern emigriert sind. Wir sprechen von Muslim:innen mit einer „anderen Herkunft“. Genau hier versucht Foroutan zu differenzieren. Neuenfeldt und Strick erkannten darin eine „emotionale und strategische Chance, Allianzen gegen Rechts zu stiften und zu überdenken, wer wen als ‚migrantisch‘ identifizieren kann. Und es gilt, die unausgesprochene Grundannahme zu verunsichern, in der Migrantisch/Nicht-Weiß/Nicht-Deutsch und Ostdeutsch/Weiß/Rassistisch-Deutsch sich gegenüberstehen. Diese Sicht produziert Extreme, das Phantasma der ‚guten Weißen westdeutschen Mitte‘ bleibt unangekratzt.“

Skaten in „Dunkeldeutschland“.
Skaten in „Dunkeldeutschland“. Foto: davidjones, Flickr, CC BY 2.0

Diese Dekonstruktionen tun dringend Not. Denn genauso wenig wie alle Migrant:innen islamistische Terroristen sind, sind alle Ostdeutschen Nazis. Das zeigt nicht darüber hinweg, dass es in Ostdeutschland ein Naziproblem gibt. Das Problem ist vielleicht größer als in Westdeutschland, vielleicht aber auch nicht. Die Dörfer im hessischen Odenwald sind tendenziell nicht weniger stramm rechts als das Dresdner Hinterland in Sachsen, meine ich. Falsch ist es in jedem Fall, das Naziproblem nach Ostdeutschland auszulagern. Ebenso fatal ist es, alle Ostdeutschen als Nazis abzustempeln, wie es unser erster ostdeutscher Bundespräsident impliziert hat. Denn viele Ostdeutsche sind ebenfalls Opfer von Nazis. Viele kämpfen seit Jahren gegen Rechtsradikale und werden dadurch selbst zur Zielscheibe. Wenige Tage nach den rechtsradikalen Ausschreitungen initiierte die Chemnitzer Band Kraftklub ein Konzert gegen Rechts unter dem Titel Wir sind mehr in ihrer Heimatstadt. Trettmann, der ebenfalls aus Chemnitz kommt, beteiligte sich genauso wie der Rostocker Marteria und Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam schafften sie es, 65.000 Menschen auf die Straße zu mobilisieren und ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Ganz ohne viel Aufsehen arbeitet eine Vielzahl von Ostdeutschen täglich in Bildungs- und Kulturinitiativen, um über rechte Strukturen aufzuklären und ihnen etwas entgegenzusetzen. Durch stereotype Bilder vom braunen Osten wird ihre Arbeit torpediert.

Ostdeutsche sichtbar zu machen, heißt auch antifaschistische Arbeit zu stärken.

Die mangelnden ostdeutschen Perspektiven in der Öffentlichkeit und die schwache Repräsentanz Ostdeutscher in politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Eliten führen dazu, dass es heute in vielen Teilen Ostdeutschlands mit Pegida, AfD und anderen Nazi-Organisationen nur rechte Angebote für ostdeutsche Zugehörigkeiten und Sprachfähigkeiten gibt. Rechte Brandstifter nutzen das gezielt. Ostdeutschland eine Stimme zu geben, Ostdeutsche sichtbar zu machen, heißt auch antifaschistische Arbeit zu stärken. Die Menschen, die diese Arbeit machen, sind da. Sie müssen sichtbar gemacht werden und eine stärkere Stimme bekommen. Der linke Osten braucht eine Plattform!

 

Rassismus und Ossiphobie nicht gegeneinander ausspielen

Doch Foroutans These bekam nicht nur Beifall. Anetta Kahane (2018) erkannte zwar Fehler der Nachwendezeit an. Trotzdem könne nicht die Rede davon sein, dass Ostdeutsche von ihrem Land verlassen wurden, ähnlich wie Migrant:innen ihr Land verlassen haben. Diese Analogie wurde zu einer der meist zitierten Thesen Foroutans. Kahane zeigte sich aber verwundert. Schließlich sei ein Staat verschwunden, dem man nicht nachtrauern könne. Besonders empörte sich Kahane über den Vergleich, dass Ostdeutsche und Migrant:innen in ähnlicher Weise diskriminiert würden. Sasan Abdi-Herrle (2018) beschrieb, wie er im Zug von Berlin an die Ostsee jedes Mal um seine körperliche Unversehrtheit fürchtet, weil man ihm sein Migrationsblabla ansehe. Der Ostdeutsche hingegen könne seinen Dialekt unterdrücken und sich unsichtbar machen. Außerdem seien Beleidigungen wegen des Aussehens um einiges schlimmer als „die Überheblichkeit, die vermeintliche Gewinner der Geschichte vermeintlichen Verlierern entgegenbringen. ‚Scheiß Kanake, geh nach Hause‘ ist verletzender als ein ‚Lern doch mal Demokratie‘“, meinte Abdi-Herrle. Er und Anetta Kahane kritisierten beide die Suche nach Erklärungen für den Rechtsradikalismus in den Verletzungen der Wendezeit. So schrieb Jana Hensel über die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda 1991 und 1992: „Man darf diese Gewalt nicht entschuldigen, man muss diese Gewalt immer bekämpfen. Aber darf man auch einmal fragen: Haben sie vielleicht sogar versucht, den Spieß rumzudrehen?“ Auch Ataman fragte, ob nicht „die Ostdeutschenfeindlichkeit von damals die Radikalisierung mancher Ossis befeuert haben“ könne. Kahane war darüber schockiert. Die aufkommende Präsenz ostdeutscher Gefühligkeiten lasse außer Acht, welche Gewalt Minderheiten gerade in Ostdeutschland erfahren, wo Rechtsradikale ganze Regionen dominieren. Diskussionen um ostdeutsche Identitäten führten entsprechend in eine gefährliche Sackgasse.

Die aufkommende Präsenz ostdeutscher Gefühligkeiten lässt außer Acht, welche Gewalt Minderheiten gerade in Ostdeutschland erfahren.

Kahanes Einwände waren wichtig. Die Unterschiede zum Rassismus zu benennen ist notwendig. Den wohl wichtigsten Unterschied nannte Fatma Aydemir in einem Fernsehbeitrag (Ergin 2018), auch Nelli Tügel wies darauf hin: der Aufenthaltsstatus. Alle ehemaligen DDR-Bürger:innen erhielten automatisch die bundesrepublikanische Staatsbürgerschaft. Viele Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam und Mosambik wurden aber abgeschoben. Jahrelang ohne vollwertige Bürgerrechte im Land zu leben und von Abschiebung bedroht zu sein, darunter hatten die Ostdeutschen nicht zu leiden. Auch ist das Ausmaß der Gewalt gegen sie nicht vergleichbar mit dem Terror rassistischer Gewalt.

Entscheidend dürfte es aber letztlich sein, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und Marginalisierung nicht gegeneinander auszuspielen. Es ist fahrlässig ‚Scheiß Kanake, geh nach Hause‘ und ‚Lern doch mal Demokratie‘ gegeneinander aufzuwiegen. Noch gefährlicher ist es davon zu sprechen, dass der Ossi doch seinen Dialekt verstecken könne. Kann ein Jude auch einfach seine Kippa abnehmen? Wo führt eine solche Diskussion hin? Ist Rassismus schlimmer als Antisemitismus? Sexismus schlimmer als Xenophobie? Nein, die verschiedenen Formen von Diskriminierung und Marginalisierung funktionieren untereinander intersektional. Eine Frau ist in der deutschen Gesellschaft weniger „wert“ als ein Mann. Eine schwarze Frau ist aber auch weniger „wert“ als eine weiße Frau. Und ebenso ist eine schwarze, lesbische, jüdische Frau mit Migrationshintergrund aus Ostdeutschland weniger „wert“ als eine schwarze, lesbische, jüdische Frau mit Migrationshintergrund aus Westdeutschland. Rassismus ist etwas anderes als Ossiphobie, wie Jana Hensel es treffend nennt. Aber beides muss bekämpft werden. Denn natürlich befeuern Ausgrenzungen neue Ausgrenzungen. Das bedeutet nicht, dass sie dadurch gerechtfertigt werden.

 

Klassenkampf statt Identitätspolitik?

Ein zweiter wichtiger Einwand gegen Foroutans These kam aus einer ganz anderen Richtung. Auch die Sozialwissenschaftlerin Anke Hassel (2018) und ihr Kollege Eberhard Seidel (2018) verneinten nicht, dass es Diskriminierung gegen Ostdeutsche und gegen Migrant:innen gibt. Beide bezweifelten aber, dass Debatten um Identitäten zu dessen Abbau führen könnten. Sie nahmen verstärkt strukturelle Ungleichheiten in den Blick und forderten bessere Schulen, Arbeitsbedingungen und Löhne sowie günstigeren Wohnraum. Nur darüber ließe sich Sicherheit und Wertschätzung gewinnen, meinte Hassel. Seidel spitzte die Kritik zu, indem er eine Beschäftigung mit den Klassenverhältnissen im Land forderte statt einer dreigeteilten Sicht auf Westdeutsche, Ostdeutsche und Migrant:innen. In Nordrhein-Westfalen lebten schließlich mehr Menschen von Hartz IV als in allen neuen Bundesländern zusammen. Armut gebe es entsprechend in Ost wie West, wie auch Hassels Einwand implizierte, dass es auch in Westdeutschland strukturschwache Städte gebe.

Auch die beiden haben nicht Unrecht. Doch genauso wenig wie Rassismus und Ossiphobie gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sollte das zwischen der diskursiven Ebene von medialer Darstellung und öffentlicher Repräsentanz einerseits und den materialistischen Betrachtungen um strukturelle Ungleichheiten andererseits geschehen. Die entscheidenden Forderungen sind jene um bessere Schulen, Arbeitsbedingungen und Löhne sowie günstigeren Wohnraum. Doch gehen die Klassenunterschiede und strukturellen Ungleichheiten einher mit Konstruktionen von Identitäten und diskursiven Zuschreibungen. Materielle Ausbeutung funktioniert nicht ohne rhetorische Rechtfertigung. Westdeutsche Firmen und Investoren konnten ostdeutsche Betriebe Anfang der 1990er übernehmen und ausplündern, weil sie als ineffizient und marode galten. Selbst effiziente Betriebe wurden pauschal abgestempelt. Ganz zurecht fordern Petra Köpping und Martin Dulig von der sächsischen SPD seit diesem Jahr eine Wahrheitskommission zur Aufarbeitung der Rolle der Treuhand. Die Stigmatisierung der arbeitslos gewordenen Angestellten als „faule Ossis“ diente dem Zweck, die Schuld in der eigenen Arbeitsleistung zu suchen und nicht in der wirtschaftlichen Ausbeutung Ostdeutschlands. Damit lassen sich sogar die bis heute in Ostdeutschland niedrigeren Löhne rechtfertigen.

Ebenso dient das Stigma von der „Demokratieunfähigkeit“ der mangelnden Repräsentanz unter den politischen Eliten. Es sind die klassischen kolonialen Schemata von der Erschaffung eines Anderen, welches als minderwertig und rückständig gilt, um es dann politisch, kulturell und wirtschaftlich zu bekehren. Verschleiert wird das Ganze vom Mantra der „deutschen Einheit“. „Wir sind doch alle gleich“ ist zwar ein schöner Spruch, er entspricht in Deutschland aber nicht den Realitäten. Wer auf ihn besteht, verleugnet Diskriminierung, Marginalisierung und Ausbeutung verschiedener Gruppen. Nur für den weißen, westdeutschen Mann können alle Menschen „gleich“ sein. Es ist sein Privileg, alle Menschen als „gleich“ anzusehen, wenn er nicht mit der Ungleichbehandlung konfrontiert ist, der Frauen, Schwarze und Ostdeutsche jeden Tag ausgesetzt sind. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die beiden in Westdeutschland sozialisierten Hassel und Seidel diejenigen in der Debatte waren, die die Kategorie Ost-West am Überflüssigsten fanden. Natürlich braucht es Kategorien wie Frau und Mann, schwarz und weiß, Ost und West. Denn entlang dieser Kategorien verlaufen die Linien sozialer Ungleichheit in Deutschland. Naika Foroutan sagte dazu: „[W]er ist denn bitte noch Arbeiterklasse? Wer hat wenig Geld? Zuallererst Migranten, Ostdeutsche auch, alleinerziehende Frauen ebenfalls. Diese Illusion, man könnte die Kämpfe um Repräsentation von Geschlecht und Herkunft von den Klassenkämpfen trennen, das ist der Trugschluss des Populismus.“

 

Eine hitzige Debatte – Wie weiter?

Die Debatte traf einen Nerv. Darin waren sich alle einig. Die Forschungsergebnisse der Studie „Postmigrantische Gesellschaft 2“ werden die Debatte weiter befeuern. Und das lohnt sich, denn sie ist sehr vielschichtig. Foroutans These verwischt die Grenzen jener Kategorien, auf denen der vermeintliche Antagonismus von Ostdeutschen und Migrant:innen derzeit beruht. Das ermöglicht Allianzen und einen gemeinsamen Kampf gegen die entscheidenden Ungleichheiten. Foroutan hat die Möglichkeit als erste genutzt und das Potential verdeutlicht. Die Debatte war schließlich nicht neu, ihre Thesen in den meisten ostdeutschen Familien längst bekannt. Doch Foroutans Position als Wissenschaftlerin und ihre Zuordnung als westdeutsche Migrantin haben ihr Gehör verschafft. Damit hat sie selbst ein erstes Beispiel geliefert, wie jene Allianz ganz praktisch funktionieren kann.


Der Artikel erschient zuerst in der Printausgabe 04/2018 „Ungewöhnliche Allianzen“ im Dezember 2018 | Seite 06-11

Literaturverzeichnis

Abdi-Herrle, Sasan 2018: Der Luxus, unsichtbar sein zu können. In: Zeit Online vom 27.05.2018, https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-05/ostdeutsche-migranten-heimat-fremdheit-these-kommentar.

Ataman, Ferda 2018: Sind Ossis auch nur Migranten? In: Spiegel Online vom 19.05.2018, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/warum-ostdeutsche-und-muslime-viel-gemeinsam-haben-kolumne-a-1208440.html.

BIM 2018: Postmigrantische Gesellschaft 2. Online unter: https://www.bim.hu-berlin.de/de/projekte/2018/04/01/2018/08/31/postmigrantische-gesellschaft-ii/.

Ergin, Yasemin 2018: Sind Ostdeutsche auch Migranten. In: NDR Online vom 11.06.2018, https://www.ndr.de/kultur/Sind-Ostdeutsche-auch-Migranten,migranten150.html.

Hassel, Anke 2018: Vom Land verlassen. In: taz Online vom 27.05.2018, http://www.taz.de/!5506442/.

Hensel, Jana 2018: Ostdeutschland – Willkommen im Club. In: Zeit Online vom 20.05.2018, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-05/ostdeutschland-erfahrungen-migration-naika-foroutan.

Ondreka, Lukas 2015: Joachim Gauck, die Ossis und Dunkeldeutschland. In: Süddeutsche Online vom 26.08.2015, https://www.sueddeutsche.de/politik/bundespraesident-joachim-gauck-die-ossis-und-dunkeldeutschland-1.2622780.

Kahane, Anetta 2018: Nicht in die Fallen tappen. In: taz Online vom 12.06.2018, http://www.taz.de/!5509315/.

Mueller, Adrian-Basil, Vanesse Schlesier und David Walden 2018: Hitlergrüße unterm Karl-Marx-Denkmal – Die Hintermänner der Chemnitz-Krawalle. In: Spiegel TV Online vom 04.09.2018, http://www.spiegel.de/video/spiegel-tv-ueber-die-hintermaenner-der-chemnitz-krawalle-video-99020466.html.

Neuenfeldt, Susann und Simon Strick 2018: Allianz statt Konkurrenz. In: taz Online vom 04.07.2018, http://www.taz.de/!5514563/.

Nguyen, Angelika 2018: Doppelt heimatlos? In: Zeit Online vom 04.06.2018, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-05/ostdeutschland-heimat-ddr-filme-das-schweigende-klassenzimmer.

Schulz, Daniel 2008: Professorin über Identitäten – „Ostdeutsche sind auch Migranten“. In: taz Online vom 13.05.2018, http://www.taz.de/!5501987/.

Seidel, Eberhard 2018: Mythos Besserossi. In: taz Online vom 19.06.2018, http://www.taz.de/!5511540/.

SPIEGEL 1990: Wieso kommen die noch? In: Spiegel vom 19.02.1990, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13507374.html.

Tügel, Nelli 2018: Wie eine weitere Migration. In: taz Online vom 30.06.2018, http://www.taz.de/!5513956/.

Print Friendly, PDF & Email