Meine Nachwendezeit in Ostdeutschland und der Slowakei

von Rachel Herrmannova

Ich lebe schon seit dreizehn Jahren mit meinem ostdeutschen Ehemann in Deutschland und immer wenn ich nach einer längeren Zeit in meine Heimat – die Slowakei – zurückkehre, finde ich vieles so, wie ich es seit meiner Kindheit kenne. „Hier ändert sich nichts“, – mit diesem Gefühl der Zuversichtlichkeit erfühlt es mich jedes Mal, wenn ich dem Vertrauten begegne. In meinen ersten Jahren in Deutschland betrachtete ich die Slowakei durch die Sehnsucht nach meiner Heimat in romantisierten Erinnerungen. Die Sehnsucht blieb, aber ich gewann einen ernüchternden Blick von außen. Durch den Alltag in Ostdeutschland entdecke ich bei jeder Fahrt in meine Heimat die Unterschiede in der Entwicklung nach der Wende.

Geboren im Jahr 1978, verbrachte ich meine Kindheit in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik. Nach der Sanften Revolution lebte ich bis 1993 in der Tschechoslowakischen Föderalistischen Republik. Seit 1993 war es die Slowakische Republik. Meinen Ehemann, Thomas, der ein – wie wir es zu Hause nannten – ,Dederón‘ (ein DDR-Bürger) war, lernte ich kurz nach dem Beitritt der Slowakei in die Europäische Union kennen. Sein Alltag wurde zu meinem Alltag in einer neuen Welt, und durch seine Augen entdeckte ich auch meine Heimat neu.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 01/2017. Unterstützen Sie das Ost Journal mit einem Abonnement.

Uns verbindet, dass wir Bürger eines anderen Landes wurden, ohne umzuziehen. Der Unterschied zwischen uns besteht aber darin, dass die DDR in die BRD aufgenommen wurde und die Tschechoslowakei in zwei Länder zerfiel. Dieser Unterschied spiegelt sich in vielen Bereichen wieder. So zum Beispiel in den Filmen: Die Märchen der Gebrüder Grimm wurden in zwei Staaten verfilmt und die ehemaligen OstbürgerInnen sind immer noch Fans ihrer eigenen Version, während die tschechoslowakischen Märchen nach der Trennung oft als tschechisches Kulturerbe aufgeführt wurden. Mittlerweile taucht in Herkunftsbeschreibungen der Filme jedoch wieder tschechoslowakisch auf.

Weiterhin verbindet uns, dass wir im Schatten eines „großen Bruders“ stehen. Nach der Wiedervereinigung übernahm die DDR das System der BRD und profitierte von dem Bestehenden. Beim Aufholen der DDR gibt es aber immer noch Bereiche, in denen der große Bruder besser abschneidet. Sichtbar wird es im Unterschied zwischen Gehältern und Renten der alten und neuen Bundesländer. Für die Slowakei war die Ausgangslage nach der Teilung zunächst weniger optimal. Die Tschechische Republik nahm die Errungenschaften der Tschechoslowakei mit: Darunter die Hauptstadt, die bessere wirtschaftliche Entwicklung oder auch das Ranking unter den Hockey-Nationalmannschaften. Allerdings konnte sich die Slowakei durch die von 1998 bis 2006 durchgesetzten Reformen, durch die Aufnahme in die Europäische Union und durch die Euro-Einführung vom Schatten des großen Bruders allmählich lösen.

Ich bin ein Neubauviertelkind. In den slowakischen Städten wurden die typisierten Plattenbauten der 70er und 80er Jahre überall wie wild gebaut. Auch in Greifswald sind ganze Plattenbausiedlungen zu finden. Allerdings erlebte ich seit meiner Ankunft viele Veränderungen bei ihrer Sanierung. Diese Bauwerke aus Betonfertigteilen wurden in Deutschland bei den Sanierungen häufig reduziert oder sogar ganz abgebaut und die Höhe der Gebäude ergibt daher ein harmonisches Bild der Stadt. Dies gilt nicht für meine Heimatstadt Zvolen. ,Paneláky‘ und damit auch die Siedlungen haben ihr Bild nach der Wende kaum verändert. Sie wurden zwar äußerlich isoliert und bunt bemalt, aber die Viertel behielten ihre Anordnung, die Bürgersteige sind die gleichen, die Grünanlagen sind die gleichen, nur die Anzahl der Kneipen vergrößerte sich.

Ein anderes Bild der Neubauviertel in Zvolen gegenüber dem in Greifswald geben die dort wohnenden Menschen ab. Thomas’ Eindruck ist, dass es in den slowakischen Neubauvierteln lebendiger ist. Kinder bewegen sich freier draußen, die Eltern unterhalten sich mit den vorbei kommenden Nachbarn und die Herren treffen sich in den Biergärten zum Feierabendbier. Als ob sich seit dem Sozialismus wenig geändert hätte.

Ein weiterer Unterschied, der das Bild in den Neubauvierteln prägt, sind die immer noch bestehenden kleinen Läden, in denen man die Dinge des täglichen Bedarfs erhalten kann. So ist es auch in den einsamen Ortschaften in der Umgebung der Städte. Dagegen sind gerade die Kleingeschäfte in ostdeutschen Dörfern fast vollständig verschwunden. Eine Besonderheit ist es, dass die Läden auch an Sonntagen geöffnet sind, was meinen Mann verwundert, weil die Slowakei konservativ-katholisch ist. Dies zeigt sich darin, dass die Kirche vom Staat nicht getrennt ist und ihre Beziehung 2000 mit dem Vatikaner Vertrag verfestigt wurde. Homosexualität wird außerdem kritisch gesehen und es werden wiederholt Proteste gegen Abtreibung organisiert. Lebensmittelläden und große Einkaufzentren sind dagegen zurzeit nur dreieinhalb Tage im Jahr geschlossen.

Für Thomas waren Kirchen immer historische Gebäude. Erst in seinen Reisen nach Osteuropa lernte er, dass diese auch neu gebaut werden. Die Euphorie um Johannes Paul II. ließ die Kirchen nicht nur in Polen, sondern auch in der Slowakei aufblühen. Hingegen war es für mich verwunderlich, für die Besichtigung von Kirchen Geld zu bezahlen. Nur in Sonderfällen wie beispielsweise im Dom des heiligen Jakob mit dem größten gotischen Holzaltar der Welt in Levoča bezahlt man für die Führung.

„In der DDR konnte ich nicht das studieren, was ich wollte.“ Bei den Küchengesprächen in Thomas’ Familie stellte ich fest, dass unsere Eltern dieses Schicksal teilen. Von staatlicher Seite aus durfte mein Vater nicht Chemie studieren und seinen Schwestern erging es ähnlich, da sie aus einem wohlhabenden Hause stammten. Dagegen hatten Thomas’ Vater und meine Mutter als Arbeiterkinder Wahlfreiheit bei ihrer Berufswahl. Eine weitere Gemeinsamkeit in beiden Ländern besteht darin, dass viele staatliche Unternehmen nach der Wende aufgelöst worden sind und unsere Väter plötzlich ohne Arbeit waren und sich umorientieren mussten. Meine und Thomas’ Mutter blieben im Staatsdienst. Der Stellenwert des Staatsdienstes allerdings ist in den beiden Ländern unterschiedlich. Staatsdienst in Deutschland wird mit Sicherheit und gutem Gehalt assoziiert. In der Slowakei verbindet man ihn eher mit schlechter Bezahlung. Als Lehrer ist man zum Beispiel auf weitere Einkünfte angewiesen.

Die Pionierzeiten erlebten wir beide noch in der Schule. Wir erinnern uns daran, wie die Klassen in der Schule gegeneinander um das meist gesammelte Altpapier kämpften. Das Sammeln von Sekundärrohstoffen blieb nach der Wende in meiner Heimat weiterhin präsent. Sogenannte ,šrotoviská‘ und Menschen mit Schubkarren voll mit Schrott prägen immer noch das Straßenbild.

In Ostdeutschland wurden die Straßen nach der Wende generell besser. In der Slowakei sind dagegen viele der schon existierenden Straßen nicht gepflegt und es fühlt sich für mich so an, als ob das ganze Geld in den Bau der Autobahn fließt. So sind in der Nähe von Žilina und Martin rege Bauaktivitäten an der Autobahn zu sehen, während die eigentliche Hauptstraße in einem sehr maroden Zustand ist. Die bestehenden Landstraßen werden allenfalls mit Werbung gepflastert. Auf der anderen Seite gibt es ein seit dem Sozialismus gut funktionierendes Busliniennetz. So kommt man auch ohne ein Auto in die abseits liegenden Ortschaften. Zudem sind die Fahrkarten für Bus und Bahn im Vergleich zu Deutschland preiswerter. Seit Kurzem fahren RentnerInnen sogar kostenlos mit der Bahn.

Durch die Trennung der Tschechoslowakei und das Zusammenführen der BRD und DDR wurden Voraussetzungen für die unterschiedliche Geschwindigkeit in der Entwicklung beider Länder geschaffen. Mit Hilfe Westdeutschlands holen die neuen Bundesländer auf. So ist im Gegensatz zur Slowakei die Autobahn fertig und es werden ebenfalls Diskussionen über den Gehälter- und Rentenausgleich geführt. Trotzdem ist der Osten präsent. Gespräche mit ehemaligen DDR-BürgerInnen sind geprägt von der Erinnerung an frühere Zeiten, sie wünschen sich diese aber nicht zurück. Reisen in die Vergangenheit werden auch in der Slowakei betrieben. Man lebt sie noch in Neubauvierteln, in „šrotoviská“ oder durch kostenlose Zugfahrten der RentnerInnen. Die Slowakei hatte nach der Wende nämlich keinen starken Partner an ihrer Seite. So blieben alte Strukturen teilweise erhalten, während Neues erschaffen wurde. Dabei spielten später die Europäische Union und Investitionen aus dem Ausland eine große Rolle. Vielleicht auch deswegen habe ich das Gefühl, als ob die Transformationen in meiner Heimat von Draußen kommen, aber im Inneren lebt man immer noch das Alte, das Bekannte.


Titelfoto: Plattenbau in der Slowakei, hier in Košice, Tony BowdenFlickr, (CC BY-SA 2.0)
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