Lithuanian Film Festival: Kino jenseits unseres Horizonts

Das Lithuanian Film Festival bringt dem Berliner Publikum litauische, aber auch estnische und lettische Filmkunst näher. Wir haben uns vergangenes Wochenende mit Popcorn auf den Weg ins Kreuzberger Sputnik-Kino gemacht, um zu erfahren, was das baltische Kino auf dem Kasten hat.

von Lee Wiegand, Berlin

Um osteuropäische Kultur zu erleben, muss man nicht zwingend in den nächsten Flieger gen Osten steigen. Manchmal, vor allem wenn man in Berlin wohnt, muss man nur vor die eigene Haustür treten und eine kurze U-Bahn-Fahrt über sich ergehen lassen. So verhielt es sich vergangenes Wochenende. Die Hauptstadt wurde zur Bühne für „das einzige litauische Filmfestival außerhalb Litauens“. Seit 2011 findet das Lithuanian Film Festival regelmäßig unter dem Namen Litauisches Kino Goes Berlin statt. Das Festival bringt dem Publikum das litauische Kino in allen Facetten näher, aber auch Filme aus Estland und Lettland finden ihren Platz und sollen die enge Verbundenheit der drei baltischen Länder ausdrücken. Konzerte, Kunstausstellungen und wohlgemeinte Workshops runden das umfangreiche Programm von Filmen aller Genres ab. Für uns Grund genug, sich das Festival einmal genauer anzusehen.

 

Wunderbare Verlierer und einzigartige Tragödien

Der Film Wonderful Losers: A Different World, welcher am Samstag Saal 1 des Sputnik nur mäßig füllt, ist gewiss kein genuin litauischer Film. Er handelt von Radfahrern beim bekannten italienischen Pendant zur Tour de France, dem Giro d’Italia. Dabei geht es noch nicht einmal um die entbehrungsreichen Geschichten der Sieger, die mit Steroiden vollgepumpten Legenden der Sportart, sondern, wie der Titel schon vermuten lässt, um die Verlierer des Turniers.

Wonderful Losers von Arūnas Matelis
Wonderful Losers von Arūnas Matelis

Vielleicht ist es die litauische Geschichte, die die Freiheit lange nur auf dem Papier kannte, welche die Faszination mit den Verlierern ausmacht, aber das ist gerade so eine Vermutung. Dennoch: Regisseur Arūnas Matelis konnte mit seiner gewagten Bildsprache auch Zuschauer:innen mitreißen, die mit Fahrrad-Jockeys wenig anzufangen wussten, wenn auch nur für einen einzigen Abend. Sieben Jahre hat er die Verlierer begleitet und zu Recht zahlreiche osteuropäische Filmpreise gewonnen.

Mitreißend, so könnte man den Sonntagsfilm Breathing into Marble / Kvėpavimas į marmurą beschreiben. Hier leisteten Regisseurin Giedrė Beinoriūtė und ihr Team wirklich hervorragende Arbeit einer Romanverfilmung. Das Leben einer Kleinfamilie wird nach der Adoption eines sechsjährigen Jungen schlagartig und nachhaltig auf den Kopf gestellt. In dieser Tragödie brillieren vor allem die Hauptdarsteller:innen Airida Gintautaite und Sigitas Sidlauskas.

Breathing into Marble / Kvėpavimas į marmurą von Giedrė Beinoriūtė
Breathing into Marble / Kvėpavimas į marmurą von Giedrė Beinoriūtė

 

Kampf der Kurzfilme

Neben den Hauptfilmen zeigten die Veranstalter:innen herausragende Kurzfilme, die insgesamt ungefähr sechs Stunden Raum einnahmen und in einem eigenen Wettbewerb miteinander konkurrierten. Es würde den Rahmen sprengen, über jeden Kurzfilm angemessene Sätze zu verlieren. Deshalb hier die drei Highlights: Unbedingt gesehen haben sollte man Acid Pizza, ein Musikvideo der litauischen Kapelle MTJUNKER, welches den Auftakt des dritten Kurzfilmabends bildete. Zwar als Trip gedacht, fängt der kurze Streifen doch alle Eindrücke ein, die man im Kopf hat, wenn man sich Litauen das erste Mal vorstellt. Kalte Einöde, leere, verschneite Straßen und bärtige, hagere Männer, die ohne Antrieb und Ziel auf der Suche nach dem Abenteuer durch eben diese Gegend stampfen. Laut Angaben der Musiker:innen waren die Dreharbeiten die Hölle, das Produkt kann sich aber sehen lassen. Textlich hält sich die Qualität zwar in Grenzen, aber Text und Gesang müssen nicht immer die Qualität eines Musikvideos ausmachen. Man denke nur an Video Killed The Radio Star. Dafür ist der Beat ganz in Ordnung. Weitere erwähnenswerte Beiträge des Kurzfilmwettbewerbs waren Last Stop Is the Moon / Paskutinė stotelėMėnulis und Syndromes of Mimicry / Mimikrija ir jos sindromai. Wer also in die Gelegenheit kommt, sollte sich diese Kurzfilme auf keinen Fall entgehen lassen.

 

Und sonst so?

Natürlich machen Filme allein kein Festival aus. Auch das Drumherum muss passen. Vor allem die entspannte Atmosphäre des Sputnik-Kino tat ihr Bestes für den Genuss der zahlreichen Filme. Es bot den Zuschauer:innen einen Rückzugsort über den Dächern Berlins. Bleibt der Wunsch, in Zukunft mehr Filme aus dem restlichen Baltikum zu sehen, vielleicht auch im Rahmen eines umfangreicheren, gesamtbaltischen Festival. Wir werden jedenfalls im nächsten Jahr wieder dabei sein und unseren cineastischen Horizont erweitern und sprechen eine klare Empfehlung an unsere Leser:innen aus, es uns gleichzutun.


Weitere Informationen unter: www.ltkinogoesberlin.de


 

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