Kosovo: Da haben wir unseren Staat, lass uns von hier verschwinden!

Mehr als zehn Jahre nach der Unabhängigkeit bleibt Kosovo unter den alten Eliten aufgeteilt. Auch die EU hat korrupte Politiker unterstützt. Sie sieht Kosovo aus geostrategischer Sicht und straft junge Menschen mit einem rigiden Visa-Regime.

Von Mevlyde Hyseni, Pristina

Über 50% der jungen Kosovaren wollen das Land verlassen, so das Ergebnis einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die beliebtesten Migrationsziele sind die deutschsprachigen Länder, mit Deutschland als ersten Favoriten. Viele Jugendliche erlernen gezielt Berufe wie Kranken- und Altenpfleger und machen Sprachkurse, damit sie eine Chance auf dem europäischen Arbeitsmarkt haben. Vor allem Pflegeberufe sind zurzeit sehr angesagt, denn allen voran Deutschland, aber auch andere EU-Länder haben einen großen Bedarf an diesen Mangelberufen. Jährlich verlassen Tausende Mediziner und Ingenieure das Land, um ihr Glück im Westen zu finden. Der Brain-Drain ist enorm. Im Winter 2014-2015 erlebte Kosovo eine Massenemigration, die illegal über die sogenannte Balkanroute in die EU führte. Rund 100.000 Menschen, von insgesamt 1.9 Mio. Einwohnern, verließen damals das Land. Die Hauptgründe dafür waren einerseits Armut, andererseits die Perspektivlosigkeit, die die Menschen in Kosovo noch heute spüren, zehn Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes und rund 20 Jahre nach dem Krieg mit Serbien.

Bloß weg von hier! Zentrale Omnibushaltestelle in Pristina. Foto: Lauras Eye, Flickr, CC BY-ND 2.0
Bloß weg von hier! Zentrale Omnibushaltestelle in Pristina. Foto: Lauras Eye, Flickr, CC BY-ND 2.0

 

Warum wollen die Kosovaren weg?

Korruption, Vetternwirtshaft und ein fehlender Rechtsstaat machen eine wirtschaftliche Entwicklung und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen und würdigen Lebensperspektiven im Land geradezu unmöglich. Die EU-Rechtsstaatsmission in Kosovo (EULEX) sollte den neuen Staat dabei unterstützen, funktionierende Rechtsstaatsstrukturen aufzubauen, ist nach zehn Jahren Präsenz im Land aber gründlich gescheitert. Die Korruptionswahrnehmung in Kosovo ist immer noch so hoch, dass die Kosovaren, als einzige Bevölkerung in der Balkanregion, von der EU mit einem Visaregime gestraft werden. Dabei hatten die Menschen nach dem Krieg und vor allem nach der Unabhängigkeit gehofft, dass die starke Präsenz der internationalen Gemeinschaft im Land ihnen helfen würde, einen demokratischen Staat aufzubauen.

Mittlerweile herrscht in der Bevölkerung ein Gefühl der Ablehnung durch die EU und des Eingesperrtseins im eigenen Land vor. Die Heimat, der Traum von Freiheit, Unabhängigkeit und einem besseren Leben, wofür die Kosovaren lange gekämpft hatten, hat sich zwanzig Jahre nach dem Krieg für einen Großteil der Bevölkerung in einen Alptraum entwickelt. Eine Heimat, die man am liebsten verlassen möchte. Und genau das tun viele, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Die Arbeitslosenrate ist die höchste in Europa und liegt bei circa 35%, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei circa 60%. Rund ein Sechstel der der Bevölkerung lebt in extremer Armut mit unter zwei Euro pro Tag. Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. In den öffentlichen Krankenhäusern mangelt es, aufgrund von Korruption und schlechtem Management, an Grundausstattung. Die privaten Einrichtungen sind für die meisten Kosovaren zu teuer. Diejenigen, die die nötigen Finanzen haben, lassen sich in den Nachbarländern wie Mazedonien oder Serbien medizinisch behandeln. Wer finanziell noch besser gestellt ist, reist in die EU und lässt sich dort versorgen. Eine öffentliche Krankenversicherung wird seit vielen Jahren diskutiert, existiert jedoch bis heute nicht.

 

Spielball Kosovo

Die von den sogenannten Kriegsherren wie Thaçi, Haradinaj und Co. dominierte Politik hat versagt, den Bürgern eine lebenswerte Perspektive im Land zu schaffen. Der Westen hat mit den vielen Organisationen, seinen Beratern und Hilfsgeldern zu diesen Fehlentwicklungen im jüngsten Staat Europas beigetragen. Korrupte Politiker wurden von den westlichen Mächten und deren Vertretern nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern auch unterstützt, denn diese konnten für die oberflächliche Stabilität sorgen, der dem Westen in Kosovo und auf dem Balkan wichtiger ist als die demokratische Entwicklung und das Wohlergehen der Menschen in der Region. Die aktuelle Regierung sowie ein großer Teil der politischen Eliten besteht aus ehemaligen Kämpfern der Befreiungsarmee UÇK. Diese hat das Land nach dem Kriegsende 1999 unter sich aufgeteilt und unter ihre Kontrolle gebracht. Die Kosovaren sprechen von einem gefangenen Staat. Die Wahrnehmung der Menschen ist, dass die EU und die USA von der kriminellen Vergangenheiten mancher dieser Kriegsherren sehr gut im Bilde sind. Dies mache die aktuellen politischen Führungskräfte erpressbar und somit zu Marionetten der westlichen Mächte, damit sowohl die EU als auch die USA ihre eigene politische Agenda in Kosovo verfolgen können. Leider ist die politische Agenda des Westens nicht auf die Demokratieförderung und das Wohlergehen der Menschen fokussiert, sondern auf geostrategische Interessen. Kosovo ist keine funktionierende Demokratie, sondern ein Spielball um geopolitische Einflusssicherung.

Korrupte Politiker wurden von den westlichen Mächten unterstützt. Sie sorgten für oberflächliche Stabilität. Das ist dem Westen wichtiger als die demokratische Entwicklung und das Wohlergehen der Menschen in der Region.

Die Oppositionspartei Vetëvendosje, die sich selbst immer noch mehr als Bürgerbewegung denn als Partei wahrnimmt, wurde bei den Parlamentswahlen 2017 stärkste Kraft. In ihr hatten viele junge Menschen eine Alternative gesehen, um in Kosovo etwas zu verändern. Doch das sogenannte Bündnis der Kriegsherrenparteien schaffte es dennoch, wenn auch knapp, die Regierung zu bilden. Damit war für viele klar, dass sich mit den gleichen politischen Führungskräften auch in den kommenden Jahren nichts ändern kann. In Anbetracht dieser Entwicklungen wundert es nicht, dass ein großer Teil der Bevölkerung ihre Heimat lieber heute als morgen verlassen möchte.

 

Wohin soll’s gehen?

Viele junge Menschen wollen in den Westen, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. In der Hoffnung, dass sich in den nächsten Jahren etwas zum Besseren ändert, wollen viele von ihnen nach der Ausbildung ins eigene Land zurückkehren und mit dem erworbenen Wissen bei der Entwicklung der Gesellschaft helfen. Andere erlernen gezielt Berufe, die zurzeit in Europa gefragt sind und rechnen sich damit Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt aus. Auch sie wollen meist für eine bestimmte Zeit in den westlichen Ländern arbeiten, Geld verdienen und wieder nach Kosovo kommen, um sich hier etwas aufzubauen. Der Grund für den Rückkehrwunsch vieler ist meist die Familie, denn für die meisten Kosovaren ist die Familienbindung sehr wichtig. Nach dem Krieg hätte ein Großteil der Bevölkerung ohne die Geldsendungen der Diaspora nicht überleben können. Noch heute schicken viele im Ausland lebende Kosovaren regelmäßig Geld an Verwandte in Kosovo. Andererseits gibt es auch diejenigen, die die Hoffnung auf Besserung verloren haben und für immer wegwollen.

Durch das von der EU auferlegte Visaregime fühlen sich die Menschen ungerechterweise abgelehnt. Die Wahrnehmung, dass die EU-Perspektive schwindet, fördert vor allem bei jungen Menschen vermehrt eine EU-Skepsis. Immer mehr Menschen glauben mittlerweile, dass die EU es nicht wirklich ernst meint mit der in Aussicht gestellten Integrationsperspektive. Diskussionen über andere Zukunftsperspektiven und Allianzen –  ohne EU – nehmen immer mehr zu. Als eine solche Alternative zeichnet sich in Diskussionen zunehmend die Türkei ab. Sie ist in Kosovo stark präsent, bietet vielen jungen Menschen Studien- und Stipendienprogramme an türkischen Universitäten an und die Kosovaren brauchen keine Visa, um dorthin zu reisen.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 03/2018 „Der Osten, die Heimat?“ im Sommer 2018.

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