Kontern gegen Kontra – Die Identitäre Bewegung in Halle trifft auf Protest

In Halle betreibt die Identitäre Bewegung mit Unterstützung aus AfD-Kreisen ein Hausprojekt. Die Anwohner:innen wehren sich.

Von Lea Lochau

Identität und Heimat. Zwei Wörter. Ein Problem. Zumindest wenn sie mit Ideologemen gekoppelt werden, die diese als „bedroht“ und „gefährdet“ wahrnehmen und sie dringend verteidigen wollen. So wie im Falle von Kontrakultur Halle, dem Hallensischen Ableger der sogenannten Identitären Bewegung (IB). Zu bestimmen und festlegen zu dürfen, was Identität und Heimat bei verschiedenen Gruppen bedeutet, dazu fühlt sich die selbsternannte Bewegung berufen und verantwortlich. In ihrem „Hausprojekt“ wird ununterbrochen daran getüftelt, Anhänger:innen zu rekrutieren und zu mobilisieren, die Heimat zu verteidigen und die Identität zu wahren, um Deutschland und Europa vor dem sogenannten großen Austausch zu schützen. Ein Begriff, den der französische Autor Renaud Camus in seinem Buch „Revolte gegen den Großen Austausch“ geprägt hat. Eine Verschwörungstheorie, wonach eine herrschende Gruppe den Plan verfolgt, mittels einer systematischen Masseneinwanderung von Muslimen die Gesellschaft zu unterwerfen. Überzeugt davon, der Verschwörung auf die Schliche gekommen zu sein, positioniert sich die sogenannte Bewegung gegen Einwanderung, da Einwanderung als Instrument der Unterwerfung der nativen Bevölkerung gesehen wird. Naja, vor Europa wollen sie erstmal mit Halle anfangen.

Mit Farbbomben verschöndert. Das Hausprojekt der Identitären Bewegung in Halle. Foto: PP. / Ost Journal
Mit Farbbomben verschöndert. Das Hausprojekt der Identitären Bewegung in Halle. Foto: PP. / Ost Journal

 

Ein rechtsextremes Hausprojekt

Kontrakultur Halle gibt es seit 2015, das kontrasche Hausprojekt seit 2017. In dem viergeschossigen Altbau in der Adam-Kuckhoff-Straße wohnt nun ein Teil des Kaders der Identitären. Das Haus befindet sich direkt gegenüber dem Steintor-Campus der Martin-Luther-Universität. Im selben Haus tummeln sich neben Menschen mit öffentlich bekanntem Neonazi-Hintergrund auch andere stramme Rechtsradikale. Unter ihnen zum Beispiel der Verleger und „neurechte“ Strippenzieher Götz Kubitschek, der dort einen Ableger seines rechtsradikalen Think Tanks, dem IfS (Institut für Staatspolitik) aufzubauen versucht und dort regelmäßig zu Veranstaltungen einladen lässt. Zu guter Letzt findet man den AfD-Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider, der dort sein Büro eingerichtet hat – trotz eines gefällten Unvereinbarkeitsbeschlusses der AfD gegenüber den Identitären. Aber wenn es um Freiheit, Heimat, Tradition geht, hält man brüderlich und schwesterlich zusammen und steht sich mit Rat und Tat zur Seite. Das „patriotische“ Zentrum orientiert sich an der neofaschistischen Casa Pound in Italien, die ebenfalls Wohnraum für ihre Aktivist:innen mit Veranstaltungs- und Arbeitsräumen koppeln. Kampfsport gehört selbstverständlich auch zum „Aktionismus“ dazu.

 

„Flamberg – Das patriotische Zentrum in Halle“

Der neueste Schrei ist ein hauseigener Club namens Flamberg: „Das Patriotrische Zentrum in Halle“. Die Betreiber und Stammgäste geben sich offen, jugendlich und ganz urban – zumindest auf den ersten Blick. Klickt man sich durch die spärliche Bilderreihe ihrer Facebookseite, von geistreichen Veranstaltungen wie „Faschingsparty“ im Stil der „Goldenen Zwanziger“, „St.Patricksday“ oder „Tanz in den Mai“, stößt man auf verkleidete Männer, die vor einem Plakat posieren: „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“ steht dort geschrieben. Ganz männlich und entschlossen drücken sie sich die Hände.

 

Anwohner:innen halten dagegen

Doch die Präsenz der Identitären trifft auf Widerstand. Etwa 120 Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft haben im Oktober 2017 einen offenen Brief an das „Hausprojekt“ geschrieben und unterzeichnet, darunter auch einige WGs und Familien. Der Brief ist eine Antwort auf ein Schreiben der Identitären vom Juli 2017, in dem sie für ihre Ideologie und Projekte warben. Nun positionieren sich die Anwohner:innen klar gegen die Identitären. Die 120 Nachbar:innen sprechen sich offen und entschieden dafür aus, dass sie die Ideen und Aktivitäten der kontraschen Vereinigung in der Nachbarschaft nicht willkommen heißen und sie dies mit Ausdauer und Überzeugung deutlich machen werden.

 

Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt

Neben der IB wird die kontrasche Truppe ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachtet. In dem Verfassungsschutzbericht für das Land Sachsen-Anhalt, aus dem Jahr 2017, werden unter anderem Aktionen der IB vermerkt. Bei einigen sollen auch die Kontrakulturler mitgemischt haben. So zum Beispiel an der am 4. November 2017 in Berlin gestarteten IB-Kampagne, „Kein Opfer ist vergessen“. In diesem Rahmen wurden am Breitscheidplatz und am Alexanderplatz Transparente mit der Aufschrift: „Damit die Erinnerung nicht stirbt. Opfer von Multikulti“ entrollt. Die Mitglieder setzten die Aktion medial in Szene. Außerhalb der sozialen Netzwerke fand sie jedoch kaum Beachtung. Eine weitere Aktion, die sich hauptsächlich an den Verfassungsschutz richtete war eine Veröffentlichung zweier Mitglieder von Kontrakultur Halle. Unter dem Pseudonym Varieté Identitaire veröffentlichten diese einen Chanson mit dem Titel: „A jamais Idealiste – Ein Gruß an den Verfassungsschutz“ und nahmen sich damit sehr wichtig. Laut Kontrakultur Halle ist das Varieté Identitaire ein „patriotischer Kabarettvlog“.

Die Identitäre Bewegung bei einer LEGIDA-Demo in Leipzig. Foto: De Havilland, Flickr, (CC BY 2.0)

Mario Müller hat ein Buch geschrieben

Einer der Köpfe aus Halle, ist der 28- jährige Mario Müller. Vor der Gründung der Kontrakultur war Mario Müller in der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ aktiv. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Der Titel Kontrakultur lässt bereits erahnen worum es geht. Müller entwirft hier eine Art Lexikon oder Knigge für Rechtsradikale. Das VICE-Magazin hat es letztes Jahr gelesen, damit andere es nicht lesen müssen: „200 Begriffe aus deren neurechten Kosmos sind auf 330 Seiten alphabetisch gelistet und ideologisch angerichtet.“ Unter G findet sich natürlich der „Große Austausch“, versteht sich von selbst. Überraschenderweise findet sich unter H weder Heimat noch Hitler, sondern: Hipster. Dazu eine trotzige Erklärung: „Unsere Devise heißt Tradition, nicht Trend. Wenn wir Bärte und Tätowierungen tragen, tragen wir sie wie unsere Großväter, die in Schützengraben lagen, zur See fuhren oder nach Sibirien verschleppt wurden.“ H wie Hilfe, wenn das die Identität und die Heimat ist, die ihr euch zurückwünscht, dann ist euch wirklich nicht mehr zu helfen. Das weitere Alphabet durchzukauen, verkneift man sich da lieber. Man merkt auch so, dass die kontrasche Truppe anscheinend doch nicht viel zu sagen hat. Phrasendrescherei und Angstmacherei im urbanen Social-Media-Mantel. Substanzlose Sorgen, nichts Konkretes. Deutschland, Europa und Abendland, das kann alles heißen und auch alles sein. Aber zum Glück kann man diffuse Ängste ja bekanntlich ganz gut hinter Verschwörungstheorien verstecken.

Naja, bevor ihr Europa verteidigen wollt, sorgt euch lieber um euer Hausprojekt – denn es gibt Gegenwind.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 03/2018 „Der Osten, die Heimat?“ im Sommer 2018.

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