Attentat auf Adamowicz ging sprachliche Gewalt voraus

Polen steht nach der Ermordung von Paweł Adamowicz, Bürgermeister von Gdańsk, unter Schock. Auf offener Bühne ist die sprachliche Gewalt einer gespaltenen Gesellschaft in reale Gewalt umgeschlagen. Ein Kommentar.

Von Paweł Lewicki, Frankfurt (Oder)

Nach dem Attentat auf Paweł Adamowicz werden von allen Seiten Stimmen laut, dass man nicht mit Gewalt auf Gewalt reagieren dürfe, dass man die ohnehin angespannte Lage nicht eskalieren und die Gesellschaft nicht weiter spalten solle. Dabei ist auf der Bühne das real geworden, was schon längst in der Gesellschaft präsent war: die sprachliche und symbolische Gewalt, die sich oft in Verachtung ausdrückte, weil die gegnerische Seite nicht das repräsentiert, was man selbst entweder für „zivilisiert“ oder „modern“ hält, oder nicht „polnisch“ und „moralisch richtig“ ist. Nachdem die Witze über die „Abgehängten“, über Radio Maryja und Menschen von den ländlichen Regionen bis vor einiger Zeit gängig waren, sind jetzt „Europa“, „die Liberalen“ und „die Lewaki“ (die Linken) von der Großstadt das Hassobjekt.

 

Propaganda nutzt die Spaltung

Neu an der jetzigen sprachlichen und symbolischen Gewalt ist allerdings, dass sie seit fast vier Jahren zur Staatspolitik geworden ist: staatliches Fernsehen und Radio sind praktisch zur Propagandamaschine der ethnozentristischen und nationalkonservativen PiS-Regierung geworden. Sie grenzen jeden und alles aus, was nicht zum konservativ-nationalen Weltbild passt. PiS suggeriert in ihrem Weltbild und durch ihr Regierungshandeln, dass es in Ordnung sei, unrechtmäßig zu handeln, um eigene „Werte“ zu schützen und durchzusetzen.

Umso brisanter ist, dass das Attentat während einer Benefizveranstaltung einer der größten polnischen Wohlfahrtsorganisationen geschah – der Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy, die seit 27 Jahren Polen einmal im Jahr vereint. Sie galt schon seit Jahren als Feind der Nationalkonservativen und lag schon lange in der Schusslinie der aggressiven, feindlichen Sprache des staatlichen Fernsehens und Rundfunks: Jerzy Owsiak, der Leiter dieser Organisation, ist ein charismatischer Mann, der oft den Mut zeigte, sich klar gegen die Kirche zu stellen, die in Polen praktisch ein Monopol auf moralische Urteile hat.

 

Die traumatisierte Gesellschaft

Es ist sicherlich zu früh über die politischen Motive des Attentäters zu sprechen, zumal er Medien zufolge bereits früher psychisch behandelt wurde. Aber dieses Attentat hat in einem politischen Kontext stattgefunden, in dem schon lange Hass und Aggression gegenüber der oppositionellen Partei der Bürgerplattform verbreitet und in dem Andersdenkende sprachlich und symbolisch eingeschüchtert wurden.

Das Attentat hat das gewaltige Ausmaß zur Schau gestellt, wie tief gespalten die polnische Gesellschaft ist. Diese Teilung ist eine Folge der fortdauernden Erosion der kleineren und größeren Communities und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes, die im Zuge der „Transformation“ und Neoliberalisierung traumatisierte und orientierungslose Menschen hervorgebracht hat. Die Teilung in der Gesellschaft wurde für Jahre zunächst stillschweigend mitgetragen. In jüngster Zeit wird sie ganz offen und politisch-strategisch von Politiker:innen und der Kirche benutzt.

 

Folgen auf das Attentat Besänftigung und Versöhnung?

Jetzt ist der Geist aus der Flasche: Die Gewalt offenbart sich nicht mehr nur sprachlich und symbolisch, sondern auf eine ganz reale Art. Es bleibt offen, ob das Attentat Besänftigung und Versöhnung mit sich bringt. Die ersten Anzeichen weisen nicht darauf hin: Einen Tag nach dem Attentat lief zur besten Sendezeit ein Beitrag im staatlichen Fernsehen, der in keinem Wort erwähnte, was der Attentäter auf der Bühne gesagt hatte. Stattdessen wurden die Wohlfahrtsorganisation, die engagierte Sicherheitsfirma und die Freund:innen des Opfers beschuldigt, nicht für ausreichend Sicherheit gesorgt zu haben.

Die Zukunft sieht in Polen düster aus.

Über den Autor

Dr. Paweł Lewicki ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Mitteleuropastudien an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Titelbild: Plac Solidarności in Szczecin, Foto: Salicyna, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

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