Ic3peak und der neue russische Nihilismus

Ich begieße meine Augen mit Kerosin. Alles soll brennen. Ganz Russland schaut mir zu. Alles soll brennen.“ Mit diesem Liedtext sorgt die Band Ic3peak für Furore. Der russische Staat stuft die Band als „sozial gefährlich“ ein. Wird ausgerechnet der Nihilismus der Jugend zur Bedrohung für die russischen Machthaber?

Von Julius Zukowski-Krebs, Berlin

Kaum eine Band hat es seit t.A.T.u. geschafft, in Russlands national-klerikalen Kreisen für so viel Furore zu sorgen wie Ic3peak. Seit Wochen empören sich vermeintliche Intellektuelle, ranghohe Politiker:innen und in die Jahre gekommene Kulturschaffende um die Wette über die unsagbar erschreckende Kunst des Duos. Die Behörden versuchen, ihre Tour mit allen Mitteln zu sabotieren: Ständige Polizeikontrollen, Bedrohung von Veranstalter:innen, Verbot von Konzerten oder deren Räumung aufgrund von Bombendrohungen. Kurzum: Die staatliche Maschinerie setzt alle ihr verfügbaren Mittel ein, damit die Band nicht in der Öffentlichkeit sichtbar ist.

Doch die Versuche schlagen fehl. Nicht zuletzt dank des Internets ist die Band so bekannt wie nie. Der Streisand-Effekt entfaltet seine volle Wirkung: Je mehr der russische Staat versucht, die Band aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden zu lassen, desto mehr Bekanntheit erlangt sie. Die russische Jugend fährt massenhaft auf Ic3peak ab. Mittlerweile findet eine großflächige Solidarisierung unter den russischen Künstler:innen statt. Dies galt in den letzten Jahren noch als unmöglich. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass dem Staat die Kontrolle über die Kultur nach und nach entgleitet. Dieser geht umso repressiver gegen andere Künstler:innen vor.

Anastasia Kreslina und Nikolai Kostilev sind das Duo IC3PEAK. Screenshot vom Song-Clip „Es gibt keinen Tod mehr“.
Anastasia Kreslina und Nikolai Kostilev bilden das Duo Ic3peak. Screenshot vom Song-Clip „Es gibt keinen Tod mehr“.

Wer sind diese beiden Menschen, die mit ihrer Musik im Stande sind, Russlands Machtgefüge zu erschüttern? Über das Duo selbst ist wenig bekannt. Um die beiden Bandmitglieder Anastasia Kreslina und Nikolai Kostilev ranken sich viele Gerüchte. Sie selbst hüllen sich, was Persönliches angeht, eher in Schweigen. In einem neuerlichen Interview auf YouTube sprach Anastasia von „dem ganzen Alkoholismus“, den sie in der Kirche sah, aber auch von der guten musikalischen Kirche, vom Leben als Feministin in Russland und von der absurden Repression seitens der Behörden. Nicht einmal ihr Verhältnis zu Nikolai wurde geklärt. Und das ist gut so. Denn Ic3peak wollen ein Kunstprojekt sein und keine Boulevard-Band.

Das Moskauer Duo gründete sich 2013. Die wenigen Auftritte in Russland hatten eher geringen Erfolg. Zunächst. Nach einigen absolvierten Auftritten in Frankreich und im Baltikum, verschlug es die Band nach Brasilien, wo sie erste Erfolge feierte. Es folgten Preise und Anerkennung im Westen, doch den richtigen Durchbruch in Russland brachte erst 2017 das dritte Studioalbum „Süßes Leben“, auf dem sich bereits die Ästhetik einer makaberen Tristesse abzeichnete. Die Single „Traurige Hure“ wurde binnen weniger Wochen millionenfach auf YouTube angeklickt. Es war der Anfang ihres Erfolgs in Russland.

 

Herrschaft des grauen Nebels

Was sind die Hintergründe ihres Erfolgs in Russland? Die Band hat es wie keine andere vor ihr geschafft, die Lebensrealität vieler junger Menschen in Russland mit einer abstrakten, beklemmenden und symbolischen Musik zu beschreiben. Das hat mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in Russland zu tun, die für die westliche Welt häufig unter dem Radar ablaufen. Die Hauptzuhörerschaft von Ic3peak lässt sich grob zwischen 16 und 30 Jahre alt schätzen. Es ist genau die post-sowjetische Generation, um die es geht.

In den letzten 28 Jahren ist in Russland viel passiert. Die „wilden Neunziger“ sind wie ein Wirbelsturm über alles hinweggezogen, was die sowjetische Gesellschaft in ihren letzten Jahren ihrer Existenz ausgemacht hatte. Die Bilder von ruinierten Fabriken, Berichte von mafiösen Oligarchen und das politische Chaos waren zwar durchaus bekannt, was viele Beobachter:innen jedoch nicht sahen, war der moralische Verfall der post-sowjetischen Gesellschaft. Die Ordnung kehrte erst mit der Etablierung der vorrevolutionären orthodox-kirchlichen (Doppel)Moral zurück, in der die Oligarchie ihre wirtschaftlichen Erfolge durch illegale oder halblegale Mittel sichern kann, während die politische Führung Durchhalteparolen ausgibt („Es gibt kein Geld, aber ihr müsst durchhalten“, so Dimitrij Medwedew bei einem Besuch auf der Krim im Mai 2016). Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass die russische Peripherie, auch Glubinka genannt (übersetzt: Tiefchen), in der völligen Vergessenheit der Zentralregierung versinkt. Viele Städte haben sich in den letzten Jahren trotz vieler „Bemühungen“ kaum gewandelt. Mancherorts hat sich die Lebenssituation weiter verschlechtert. Den Menschen strahlen billige, schlecht gemachte Werbung einerseits und verfallene architektonische Kolosse der Sowjetzeit andererseits entgegen. Das eine mit dem billigen Parfüm der Neunziger, das andere mit der unentwegt vorwurfsvollen Geste der Nostalgie. Die Tristesse des grauen und oft lieblosen Alltags ist ständiger Begleiter der russischen Jugend. Sie wurde in diese Tristesse hinein geboren, hat sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen und ist damit aufgewachsen. Sie hat die Tristesse verinnerlicht, ohne je etwas anderes kennengelernt zu haben.

Die Tristesse des grauen und oft lieblosen Alltags ist ständiger Begleiter der russischen Jugend. Sie wurde in diese Tristesse hinein geboren, hat sie quasi mit der Muttermilch aufgesogen und ist damit aufgewachsen. Sie hat die Tristesse verinnerlicht, ohne je etwas anderes kennengelernt zu haben.

In den letzten zehn Jahren kam jedoch einiges in Bewegung. Eine neue Bürgerlichkeit erblickte das Licht der Welt. Das Einkommen vieler Russ:innen stieg zumindest soweit an, dass man sich bescheidenen Luxus leisten konnte: einmal Urlaub im Jahr und das auch Mal im westlichen Europa, neue Möbel, bessere Kleidung. Von diesem moderaten Aufschwung profitierte auch die junge Generation. Auch sie sah in ihren Händen etwas, wovon sie in der digitalen Welt des World Wide Web bisher nur träumen konnte. Iphones, gute Autos, schicke Kleidung. Sie sah auch, wie russische Rapper Ferarri fuhren und auf goldbesetzten Jachten Moet aus den Bauchnabeln leichtbekleideter Mädchen schlürften. Sie hatten Facebook, Instagram und Vkontakte. Die Bilderflut aus Wohlstand und Erfolg umgab sie mit einer wohlriechenden Wolke aus Streben und Bequemlichkeit. Doch wagten sie doch einmal den Blick aus dem Fenster oder begaben sich gar nach draußen, wurden sie wieder mit dem allzeit erdrückenden Grau konfrontiert, das ihre Wolke mit einem Windstoß der Moskauer Härte hinweg blies. Sie erlebten dieses Grau nicht nur in den Straßen, die sie durchschritten, sondern auch in der Schule, in den Krankenhäusern, an der Uni, der Verwaltung, selbst in ihrem Zuhause. Die Hegemonie der Aussichtslosigkeit schien für sie ungebrochen und unzerbrechbar zu sein. Wo auch immer sie versuchten, ihren Kopf aus der Kette zu ziehen, bekamen sie einen Stoß der national-klerikalen Moral. Der wirtschaftliche Erfolg war ihnen nur bis zu einem kleinen begrenzten Grad möglich, doch er war genug, um für viele junge Menschen neue Traumhorizonte zu öffnen. Kurz: Die fortdauernde Krise der fragilen Macht wurde zu einer verinnerlichten Krise des Alltäglichen. Und dann kam Ic3peak.

 

Musik, scharf wie ein Messer

Schaut man sich die Videoclips von Ic3peak an, bekommt man es mit beklemmenden Gefühlen zu tun. Zu sehen sind dunkle Räume, die jeglicher Farbe beraubt worden sind. Es gibt nur schwarz und weiß, mit nur wenigen Tönen dazwischen. Selbst die Bilder von realen Orten werden durch ein gedämpftes Prisma der Depression dargestellt. Alles ist matt, fade, sinnlos. Zwangsläufig kommt einem Sartres „Ekel“ in den Sinn. Eine Welt, die unlogisch und völlig absurd ist. Nichts, was einen an ihr noch hält. Nichts, was dem Ganzen noch einen Sinn verleihen würde. Untermalt sind die Bilder des audiovisuellen Projekts von dunklen, tiefen elektronischen Beats und schrillen, einschneidenden Vocals von Anastasia. „Es gibt keinen Tod mehr“, so lautet der Song mit dem dazugehörigen Video, das die Band europaweit bekannt gemacht hat und wie kein anderes für das Duo und das vermittelte Lebensgefühl steht. Das Video, das Ende Oktober 2018 veröffentlicht wurde, ist nicht nur eine gelungene Verbindung zwischen der alltäglichen Tristesse und einer Musik, die das bleierne Gefühl untermalt, es ist auch eine Ansage einer ganzen Generation an den Kreml. Und sie tut weh.



Das Video verbindet mehrere Zentren der Macht als symbolische Zentren des ewigen Grau. Vor solchen Kulissen wie dem Kreml, der Basilius-Kathedrale, dem Lenin-Mausoleum oder dem Hauptquartier des Inlandsgeheimdienstes FSB singt Anastasia: „Ich begieße meine Augen mit Kerosin. Alles soll brennen. Ganz Russland schaut mir zu. Alles soll brennen.“ Und plötzlich lässt Nikolai ein Streichholz fallen. Unverkennbar singt sie in den weiteren Strophen über böse Männer, darüber, wie man auf einem (dem roten) Platz verhaftet wird und darüber, wie man in goldenen Ketten im Sumpf versinkt. Ihre schrille Stimme gleicht einem Hilferuf und einer brutalen Störung der Harmonie des Absurden. Keine der herrschenden Institutionen wird ausgelassen. Die Regierung, der Staatsapparat, die Kirche, selbst die Sowjetnostalgie als nationale Erzählung. Die Band legt die Widersprüche des grauen Imperiums offen. Doch ein Gefühl verlässt einen trotzdem nicht. Das Gefühl der Ausweglosigkeit. Förmlich trinkt man es mit jedem Schluck neuer obskurer Melodie, die aus dem Lautsprecher tönt. Plötzlich füllt sich der Raum mit grauer Tristesse.

Das ist es, wovor der Kreml Angst hat. So sehr, dass sich selbst Präsident Putin in die Diskussion einmischte und Rap, worunter auch Ic3peak gemeint war, als „sozial gefährlich“ einstufte. Es ist die Angst, dass den russischen Eliten das junge Bürgertum auf Konzerten von Ic3peak und ähnlicher Bands sprichwörtlich entgleitet. Den sie sprechen etwas aus, was die herrschenden Klassen seit Jahren versuchen, unsichtbar zu machen. Russland geht es nicht gut. Die Jugend versauert in der Provinz. Ihr einziger Traum ist es, eines Tages nach Moskau oder St. Petersburg zu schaffen. Noch nicht einmal mehr ins Ausland. Nein, nach Moskau. Weiter reicht der Wunschhorizont nicht. Zu mehr wurde man nicht erzogen. Durch das Aussprechen dieser simplen Wahrheit wackelt das ohnehin bröcklige Wunschbild von einem starken, nationalbewussten, orthodoxen Russland.

Wie Brecht schon in seinem Aufsatz „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ sagte, man solle nicht von den Stühlen oder dem fallenden Regen schreiben, sondern von dem, was ist. Ic3peak tut genau das, darin liegt dieses schwarzen Pudels Kern.

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