Geht Heimat ohne Ausgrenzung?

Die populistische Rechte mobilisiert unter dem Banner des Heimatschutzes und setzt auf Ausgrenzung. Wie aber lassen sich Proteste von Mieter:innen gegen Verdrängung oder gegen den Kohleabbau deuten? Unsere Autorin denkt über eine andere Vorstellung von Heimat nach: als persönlichen Raum der Selbstverwirklichung.

von Anna Gorskih, Leipzig

 

Längst kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Rechte und Nationalist:innen sind, die die politischen Fakten in Europa schaffen, sei es die PiS in Polen oder die AfD in Deutschland. Sie setzen auf Renationalisierung und eine möglichst homogene Volksgemeinschaft, eine sichere und vor Fremden geschützte Heimat. Der Begriff „Heimat“ ist so fest im Vokabular von Rechten und Nazis verankert, dass eine Antwort von Links häufig ein Appell zur Heimatlosigkeit war. Doch gleichzeitig hat jeder Mensch eine Vorstellung von Heimat. Für manche bezieht sie sich auf den Geburtsort oder die Geburtsregion. Andere lehnen diese auf die Herkunft verengte Vorstellung ab. Weil AfD und Pegida in Sachsen den Heimatdiskurs bestimmten, buhlen selbst linke Kreise um national denkende Wähler:innen. Doch ein Gruppeninterview mit Mitgliedern der Linkspartei in Leipzig zeigt, dass es auch anders geht: Die Genoss:innen sind im rüstigen Alter zwischen 65 und 85 Jahren. Sie haben schon einiges erlebt. Heimat ist für sie nichts Exklusives, sondern wird durch uns gestaltet. Was können wir von ihnen lernen? Dieser Artikel soll zur Diskussion über ein inklusives Verständnis von Heimat anregen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch steht Heimat häufig für den Geburtsort. Im soziologischen Lexikon wird Heimat als die Landschaft und Siedlungsform bezeichnet, in der der Mensch zur Persönlichkeit heranwächst und die ersten entscheidenden sozialen Beziehungen und Bindungen knüpft (Hillmann 2007). Hier spielen Herkunftsgedanke und Sozialisation mit, die an einen materiellen Ort gebunden sind. Doch Heimat gerät zwangsläufig mit Migrationsprozessen in Konflikt, wenn sie auf Herkunft, Kultur, Tradition, Brauchtum und Dialekt eines bestimmten Ortes oder einer Region ausgerichtet wird. Zusammenschlüsse wie Pegida zeigen, wie Menschen ihre auf Herkunft und Kultur begrenzte Vorstellung von Heimat vor allen „Eindringlingen“ durch den konsequenten Ausschluss alles Fremden schützen wollen. Die heimatliche Gemeinschaft soll ja schließlich im Streben nach Einfachheit und Eindeutigkeit schön homogen bleiben. Von den Neuankommenden erwarten sie, dass sie sich unter eine wie auch immer geartete „Leitkultur“ aus nicht veränderbaren Normen, Rollen- und Wertvorstellungen unterordnen. Man müsste sich als zugewanderter Mensch erst assimilieren und einseitig in die Aufnahmegesellschaft einfügen, um mit Glück irgendwann als Mitglied der Gemeinschaft gelten zu dürfen. Und wenn man doch so unverschämt ist, die mitgebrachte Kultur auch nur in Teilen weiter zu praktizieren, dann gilt man als „nicht-dazugehörig“ und fremd, schlicht als „Integrationsverweigerer“. So impliziert diese Heimat immer eine Ausgrenzung von allem, was als anders gegenüber der vermeintlich homogenen Wir-Gruppe verstanden wird.

 

„Sachsen bleibt deutsch“

Das obere Zitat ist neben weiteren Losungen wie „Multi-Kulti tötet“ oder „Heimatschutz statt Islamisierung“ ein Dauerbrenner bei Pegida-Demonstrationen und taucht vielfach auf mitgebrachten Transparenten auf (Geiges et al. 2015). Damit sind wir am Punkt angelangt, an dem Heimat gezielt zum Zwecke der Identitätsstiftung politisch genutzt und missbraucht wird, um negative Emotionen gegenüber einer wie auch immer definierten Fremdgruppe zu mobilisieren, die es zum Schutze der Heimat auszuschließen gilt. Menschen unterschiedlichster Hintergründe finden sich dabei zu einem „Wir“ zusammen, das vor allem dadurch definiert ist, dass es sich in reaktionärer Verteidigungsposition als den letzten Schutzwall vor den Auswirkungen „heimatzersetzender“ Politik der „Volksverräter“ sieht. Heimat wird dabei zum scheinbar patriotischen Kampfbegriff, hinter dessen Patriotismus sich viel zu oft nur Nationalismus, Kulturalismus und Rassismus verstecken.

Warum bleibt die Forderung nach dem Schutz der Heimat vor Verdrängungstendenzen aus, wenn Parks und Grünanlagen zu Gunsten neuer Parkhäuser und Luxuswohnungen verschwinden und wenn Menschen sich das Wohnen in ihrer Heimatstadt nicht mehr leisten können?

Dieser Umstand lässt sich mit folgenden Fragen verdeutlichen: Warum bleibt die Forderung nach dem Schutz eines als Heimat bezeichneten Orts zum Beispiel vor Verdrängungstendenzen aus, wenn Parks und Grünanlagen zu Gunsten neuer Parkhäuser und Luxuswohnungen verschwinden und wenn Menschen sich das Wohnen in ihrer Heimatstadt nicht mehr leisten können? Warum bildet sich keine breite Öffentlichkeit heraus, die für Naturschutz und Ökologie, bessere Luftqualität und Beendigung von Kies- und Kohleabbau in der Heimat streitet? Hierin wird ersichtlich, dass „Heimat“ und „Heimatschutz“ vor allem von rechten Gruppen und Strukturen genutzte Begriffe sind, bei denen es nicht darum geht, einen Heimat genannten Ort in eine gerechtere und ökologischere Ordnung zu überführen und diesen zu einem lebenswerten Ort für Alle zu machen. Wenn Rechte vom „Schutz der Heimat“ sprechen, geht es um nationalistisch und rassistisch motivierten „Heimatschutz“, dem Schutz vor „fremden Eindringlingen“.

 

Ist der Osten fremdenfeindlich?

Diese Vorstellung von Heimat wird häufig mit Identität gleichgesetzt. Viele Deutsche scheinen sehr besorgt um den vermeintlichen Verlust ihrer Heimat und ihrer Identität zu sein, was sie in Form von rassistischem Gebärden artikulieren. Insbesondere in Bezug auf Ostdeutschland wurden viele sozialwissenschaftliche Versuche unternommen, den häufig unter dem Deckmantel des „Heimatschutzes“ sich Bahn brechenden Rassismus zu thematisieren. Dazu gehören beispielsweise die Studien von Detlef Oesterreich (1993) und Walter Friedrich (1993), bei welchen Einstellungen ostdeutscher Jugendlicher zu Ausländer:innen und Migrant:innen erhoben und teilweise mit denen westdeutscher Jugendlicher verglichen wurden. Die Ursachen für den sich spätestens in den 90er Jahren nicht mehr wegzuleugnenden Aufschwung ausländerfeindlicher Einstellungen in Ostdeutschland wurden sowohl im Wegfall von binär kodierten Feindbildern einerseits (Hennig 1993) als auch im Wegbrechen der internationalistischen Ideologie der DDR andererseits gesucht (Dahmer 1993). Dabei argumentiert Elke Hennig, dass die kollektive Identität der Ostdeutschen sich an ethnisch definierten Aspekten wie Nationalstolz und nationaler Zugehörigkeit in Form von ethnos und nicht in Form von demos als einem politischen Begriff von Volk ausgerichtet habe (Hennig 1993). Spätestens die Ergebnisse der vergangenen Bundestagswahl zeigen, dass viele Menschen in den ostdeutschen Bundesländern bereit sind, eine identitär und völkisch-rassistisch argumentierende Partei zu wählen, deren gewählte Volksvertreter:innen selbst in der Vergangenheit neonazistischen Strukturen angehörten und mit Aussagen auffallen, für die die Bezeichnung „NPD light“ schon fast eine Untertreibung ist. In Bezug auf Sachsen, dem Geburtsland von Pegida, spricht der Politologe Hans Vorländer sogar von einem spezifischen „Sachsen-Chauvinismus“ (Sächsische Landeszentrale für politische Bildung 2017). In Sachsen wurde die AfD bei der Bundestagswahl mit 27 Prozent zur stärksten Kraft.

Ost Journal bestellen

Einzelausgabe 15 €

Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 03/2018 „Der Osten, die Heimat?“ im Sommer 2018 unter dem Titel „Heimat ist dort, wo ich mich wohl fühle. – Geht Heimat ohne Ausgrenzung?“ | Seite 18-23

Neben den Protestwähler:innen ist anzunehmen, dass viele die AfD aus Überzeugung gewählt haben – und zwar aufgrund ihres geschlossenen und ausschließenden Gesellschaftsbildes, das Deutschland als Heimat samt einer nicht näher definierten deutschen Kultur konservieren und vor allen äußeren Einflüssen bewahren will. Bestimmte kosmopolitische Ideale und die Globalisierung passen nicht in das romantisierte und auf eine vermeintlich bessere Vergangenheit fixierte und mit Sehnsucht erfüllte Bild von Heimat. Die AfD begegnet diesen Gefühlen mit Angst, Ablehnung und Abwertung gegenüber allem Fremden. Allein die Sichtbarkeit dessen, was ihre Anhänger:innen als „fremd“, „nichtdazugehörig“ und damit als „gefährlich“ verstehen, reicht aus, damit sich die ostdeutsche Mehrheitsbevölkerung in Sachsen in ihren Heimat- und Identitätsvorstellungen bedroht fühlt. Umso stärker versuchen die „besorgten Bürger“ auf Seiten von Pegida und AfD die Heimatliebe durch das beharrliche Schwenken der Deutschland- und Sachsenfahnen sowie das unermüdliche Wiederholen der „Merkel muss weg!“-Parole zu betonen.

Deutschland. Alles Theater. Foto: onnola, Flickr, CC BY-SA 2.0
Deutschland. Alles Theater. Foto: onnola, Flickr, CC BY-SA 2.0

Gleichzeitig buhlen linke Kreise verstärkt um die Gunst der Nationalist:innen, indem sie als Reaktion auf die Wahlerfolge der Rechten Heimat oft in gleicher auf Ausschluss beruhender Manier aufgreifen. So spricht die Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion im Bundestag Sahra Wagenknecht mal eben von „Gastrecht“ statt von Asylrecht (Tagesspiegel 2017) und betont gemeinsam mit Oskar Lafontaine die „Wahrung kultureller Eigenständigkeit“ in Europa (SPIEGEL-Online 2018). Damit knüpfen beide Politiker:innen an nationalistische Argumentationsmuster an und geben mit diesen Aussagen dem Gerede von „Überfremdung“ und dem folglich notwendigen Schutz der „christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur“ Recht (Positionspapier Pegida 2014), die den Ausschluss von Fremden anderer Kulturen erfordert. Da ist es kein Wunder, wenn sich beim Thema Heimat vielen sich links verortenden Menschen vor Ekel die Fußnägel hochrollen. Kann Heimat unter diesen Bedingungen überhaupt noch eine andere Bedeutung als Ausschluss aller Nichtdazugehörigen haben?

 

Geht Heimat auch anders?

Im Juni 2017 habe ich im Rahmen eines politikwissenschaftlichen Forschungsseminars an der Universität Leipzig unter der Leitung von Prof. Dr. Rebecca Pates ein Gruppeninterview mit sechs in Leipzig wohnhaften Mitgliedern der Linkspartei über ihre Vorstellungen von Heimat und Zugehörigkeit durchgeführt. Das Erkenntnisinteresse dieses Forschungsseminars bestand darin zu untersuchen, ob und wie sich Vorstellungen von kollektiver Identität in Zeiten starker Zuwanderung verändern und neu formen, sowie nach den Möglichkeiten der Gestaltung einer gemeinsamen, gesellschaftlichen Identität über verschiedene Herkunftskulturen hinweg zu fragen (Pates, Dölemayer 2017). Muss die Integration von Zugewanderten immer nach einem „one way route“-Prinzip ablaufen (Römhild 2005), indem Migrant:innen sich einer Gesellschaft oder Kultur unterordnen? Oder gibt es einen Weg, ein inklusiveres Verständnis von Identität und Heimat zu entwickeln?

Meine Interviewpartner:innen im Alter zwischen 65 und 85 Jahren wurden alle in der DDR beziehungsweise in Ostdeutschland der Nachwendezeit sozialisiert. Die Ergebnisse des Interviews sind für die Debatte über Zugehörigkeit und kollektive Identität interessant, denn sie lassen sich für den Versuch nutzen, eine nicht auf ethnischer Homogenität basierende Idee von Heimat zu entwickeln. In der Diskussion zeigte sich, dass die Teilnehmer:innen ihre Herkunft und Sozialisation zwar durchaus an einen bestimmten als Heimat definierten Ort knüpfen. Allerdings ist die räumliche Komponente dieser Heimatvorstellung variabel. Heimat kann, muss aber nicht der Geburts- oder der Wohnort sein, was eine Interviewteilnehmerin in Abgrenzung zum Geburtsort einer Person folgendermaßen umschrieb: „Aber zu Hause ist sie dort, wo ihr Mann, ihr Kind ist. Ihr Umfeld, wo sie auch arbeitet. Deswegen ist der Begriff Heimat weit dehnbar.“ Heimat steht für einen sozialen Kontext, in dem sich Menschen geborgen fühlen, in den sie lebensweltlich eingebettet sind. Heimat ist somit auf andere Orte übertragbar: „Also wenn du jetzt mich fragst, für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohl fühle, wo ich gebraucht werde, wo ich Freunde habe, wo ich bleiben würde, wenn ich nicht weg müsste.“ Heimat ist das Gefühl des Wohlbefindens und der Anerkennung, wobei das Soziale eine entscheidende Rolle spielt. Heimat hat eine persönliche Komponente, sie befindet sich dort, wo Familie und Freund:innen sind.

 

Die persönliche Heimat

Der sonst scheinbar starre und unveränderliche Begriff „Heimat“, wenn er etwas Ursprüngliches, etwas Konservierendes meint, wird durch die persönliche Komponente auf einen Schlag dehnbar, wenn er auf den aktuellen Lebensmittelpunkt und seinen sozialen Kontext bezogen ist: „Na, ich denke, dass Heimat nicht so eng gesehen werden sollte. Ich hab‘ ja auch auswärts gearbeitet, mehrere Jahre immer. Und das in der BRD oder in der DDR. Ich habe das alles als Heimat empfunden“. So könnte sich jeder Mensch an jedem beliebigen Ort heimisch fühlen, solange der soziale Kontext Geborgenheit und Wohlgefühl garantiert. Wenn Heimat variabel, nicht auf einen Ort oder eine Gemeinschaft begrenzt ist und wenn Menschen mehrere Heimaten haben können, dann scheint der Konflikt zwischen den „Alteingesessenen“ und „Neuankommenden“ auflösbar zu sein.

Insbesondere die Mobilität von Menschen könnte Auswirkungen auf das individuelle Heimatverständnis haben. Durch höhere Mobilität und die damit einhergehende Erweiterung des Erfahrungshorizonts eines Menschen werden die subjektiven Lebensräume vergrößert. Heimat und das Heimatverständnis erfahren eine Ausdehnung. Dadurch lässt sich das Lokale neubewerten: „Na, ich glaube der Begriff Heimat ist auch abhängig von der Person, ob sie viel zu sehen bekommt und durch die Arbeit viel Wechsel hat und andere Länder kennenlernt […]. Oder aber nur zu Hause wirksam wird und nur das kleine Stückchen Fleckchen kennt, wo sie lebt. Das ist doch sehr, das beeinflusst doch auch sehr den Begriff Heimat“.

Die Interviewteilnehmer:innen betonten zudem die Bedeutung einer ideellen Übereinstimmung, einer Art „geistigen Heimat“: „Ich sehe das so, dass die ideelle Seite eigentlich, zumindest für mich, wichtiger ist als die örtliche. […] Ich kann mich auch woanders wohl fühlen, man kann sich einleben, aber […] das Wichtigste ist für mich die ideelle Seite.” Das Ideelle trage dazu bei, dass Individuen sich fernab des Herkunftsortes unter anderen Gleichgesinnten heimisch fühlen können: „Also ich, ich hänge an meinem Leipzig […], aber wenn ich in den Westen rübergefahren bin, zum Arbeiten in einem antifaschistischen Ferienobjekt, da fühlte ich mich dort auch zu Hause, weil wir ja Gleichgesinnte waren“. Nicht die vermeintlich fremde Kultur führe dazu, dass man sich nicht wohl fühlt, sondern die Abwesenheit von den als individuell wichtig eingestuften politischen und ideellen Werten: „ein ganzer Teil ist ja auch aus den Westländern wieder zurück zu uns gekommen, weil sie gesagt haben‚ wir sind nicht zurechtgekommen mit den Menschen und mit dem Denken und mit dem Handeln dort.“ Diese Vorstellung scheint auf den ersten Blick offener für Neuankommende zu sein, da sie vermutlich eher in der Lage ist, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen gleichermaßen einzubeziehen. Schließlich erfordert sie keine Unterordnung unter eine sogenannte Leitkultur und sie beruht nicht auf völkisch-nationalistischen Argumenten. Die hier beschriebene geistige oder ideelle Übereinstimmung der Gruppenmitglieder, die gruppenstabilisierend und identitätsstiftend wirkt, würde möglicherweise einen größeren Spielraum zur Einbindung von Menschen in einen Kollektiv erlauben, im Gegensatz zu kulturalistischen oder primordialen Auffassungen, wie sie heute meistens im Zusammenhang mit Heimat formuliert werden.

 

Was nun?

Es scheint also ein Bedürfnis nach einem Heimat genannten Ort zu geben, einem Ort, wo Familie und Freund:innen sind und wo man sich zu Hause angekommen fühlt. Jedoch kann eine solche Heimat aus linker Perspektive niemals auf kulturelle oder ethnische Homogenität, Herkunft und das Ursprüngliche geknüpft sein. Wenn also eine Linke mit nationalistischen und kulturalistischen Forderungen sowie geschlossenen Heimatbildern auffährt, wo für Neuhinzukommende kein Platz zu sein scheint oder die Alteingesessenen Vorrang haben, ist das eine Wiederauflage des von rechts bestimmten Heimatdiskurses und bringt die Linke kein Stück weiter. Gesellschaften und Kulturen sind keine statischen Gebilde. Sie sind dynamisch, verändern sich und entwickeln sich weiter. Kultureller Austausch und Kulturtransfer stehen in der Geschichte des europäischen Kontinents häufig für Fortschritt und Weiterentwicklung. Integration sollte daher nicht als ein einseitiger Anpassungsprozess an den gegebenen kulturellen und sozialen Rahmen der Mehrheitsgesellschaft verstanden werden. Wer Heimat konservieren und von allen äußeren Einflüssen bewahren will, wird feststellen, dass dieses Vorhaben unmöglich ist.

Bleibt allerdings die Frage, wie eine politische Linke Heimat zukunftsgerichtet, progressiv und emanzipatorisch gestalten kann, ohne sich dabei (un)bewusst in das Terrain des von Nationalist:innen diktierten Ausgrenzungsdiskurses zu begeben und die gleichen Ausschlussmechanismen unter linkem Vorzeichen zu reproduzieren. Der Heimatbegriff muss neu diskutiert und so aktualisiert werden, dass er offen bleibt und die mannigfaltigen kulturellen Unterschiede anerkennt, wertschätzt und auf gleicher Augenhöhe behandelt. Heimat darf nicht als ein Rückgriff auf etwas Gewohntes und Bekanntes verstanden werden, was unbedingt festgehalten und konserviert werden muss. Verschiedene Einflüsse auf die Heimat müssen weniger als Konflikt, sondern als Bereicherung und als ein notwendiger Impuls für deren Weiterentwicklung in Erscheinung treten. Einheitsstiftende, kollektive Zugehörigkeitsgefühle könnten sich in Abgrenzung zur kulturalistischer und nationalistischer Argumentationsweise aus Aspekten wie der Zustimmung zu einer Idee oder ideellem System speisen. Eine Gemeinschaft bedarf keiner kulturellen oder ethnischen Homogenität, sie kann auf der individuellen Überzeugung, etwas mit anderen Menschen gemeinsam zu haben, fußen. Heimat könnte zum Beispiel einen individuellen Raum für Selbstverwirklichung bedeuten. Die Interviewteilnehmer:innen machen es vor, indem sie die von ihnen beschriebene Heimat in keinen Zusammenhang zu einem größeren und auf Homogenisierung ausgerichteten Kollektiv stellen, welches zwangsläufig Abgrenzung von anderen Kollektiven und Individuen erfordert und damit geschlossen bleibt. Ihre Heimat bleibt hingegen eine persönliche Heimat, die an keiner Nation oder Kultur ausgerichtet ist, sondern ein selbstgewählt abgesteckter Raum, in dem sie sich entfalten können.

Vielleicht könnte es dann für die Linke bedeuten, sich eher diesen persönlichen Heimaten zu widmen und sie lebenswerter zu machen, anstatt sich auf die von der Rechten politisierte Heimat als ein Herkunftskollektiv zu versteifen. Konkret würde das bedeuten, das Lebensumfeld der Menschen vor Ort zu verbessern, zum Beispiel durch Investitionen in ländliche Räume; durch einen besseren ÖPNV, der nicht schon 16 Uhr den Betrieb einstellt; durch den Bau von Schulen und Kitas, sowie durch Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkaufsmöglichkeiten; durch Gewährleistung von bezahlbaren Wohnraum und durch die Ermöglichung einer gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Es gibt sehr viel, was angepackt werden müsste, um die Lebensverhältnisse zu verbessern. Anstatt sich auf rechte Diskurse einzulassen und ebenfalls ausschließende Deutungen von Heimat zu entwickeln, sollte die Linke lebenswerte Verhältnisse und menschenwürdiges Leben fordern. Und das für Alle.

 

Literaturverzeichnis

Dahmer, Helmut (1993): Antisemitismus und Xenophobie. In: Otto, Hans-Uwe; Merten, Roland (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen.

Dannenberg, Lars-Arne/Donath, Matthias (Hrsg.) (2017): Ist Sachsen anders? Nachdenken über Heimat und Identität, Demokratie und Politik. Sonderausgabe für die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.

Friedrich, Walter (1993): Einstellungen zu Ausländern bei ostdeutschen Jugendlichen. „Autoritäre Persönlichkeit“ als Stereotyp. In: Otto, Hans-Uwe; Merten, Roland (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen.

Geiges, Lars/ Marg, Stine/ Walter, Franz (2015): PEGIDA. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft? Bielefeld.

Henning, Elke (1993): Neonazistische Militanz und fremdenfeindliche Lebensformen in der „alten“ und „neuen“ Bundesrepublik Deutschland. In: Otto, Hans-Uwe; Merten, Roland (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen, 1993.

Hillmann, Karl-Heinz (2007): Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart.

Oesterreich, Detlef (1993): Leben die häßlichen Deutschen im Osten? Vergleich von Ost- und Westberliner Jugendlichen. In: Otto, Hans-Uwe; Merten, Roland (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen, 1993.

Pates, Rebecca/ Dölemayer, Anne (2017): Projektskizze für das Projekt „Fremde im eigenen Land? Eine Studie über die Veränderbarkeit nationaler Narrative mithilfe politischer Laboratorien“.

Positionspapier der Pegida (2014) [online] http://www.i-finger.de/pegida-positionspapier.pdf [12.09.16].

Römhild, Regina (2005): Global Heimat Germany. Migration and the Transnationalisation of the Nation-State. In: Transit Volume 1, Issue 1. Migration, Culture, and the Nation-State, Article 50903.

SPlEGEL-Online (2018): #fairLand als Motto für linke Sammlungsbewegung, [online] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/linke-sammlungsbewegung-koennte-fairland-heissen-a-1208340.html [20.05.2018].

Tagesspiegel (2017): Ein Gastrecht gibt es nicht, [online] https://www.tagesspiegel.de/politik/debatte-um-straffaellige-auslaender-ein-gastrecht-gibt-es-nicht/19253100.html [20.05.2018].

Print Friendly, PDF & Email