Hass in der alten Heimat – Polen entfremdet sich von seiner Diaspora

In den 1980ern und 1990ern haben sich die in Deutschland lebenden Polen für ihre Herkunft geschämt. Die einen weigerten sich, in der Öffentlichkeit Polnisch zu sprechen. Andere taten nach kurzer Zeit so, als hätten sie die polnische Sprache verlernt. Vom Ausmaß der Misere zeugt eine ganze Generation polnisch-stämmiger Deutscher mit einem beschämend mickrigen aktiven polnischen Wortschatz. Sie antworten auf Deutsch, wenn die Eltern auf Polnisch fragen. Sie können das „R“ nicht rollen. Und schriftlich geht sowieso gar nichts. Die Scham über die alte Heimat steht wieder hoch im Kurs. Doch heute hat sie handfeste politische Gründe – dank Jarosław Kaczyński und seiner nationalkonservativen Regierungspartei PiS.

von Martha Dudzinski, Berlin

 

Die Journalistin Emilia Smechowski hat ein ganzes Buch über das Phänomen der polnischen Scham in der neuen deutschen Heimat geschrieben. Diese Scham löste Identitätskonflikte aus. Aber sie diente auch als Katalysator, um zwei Millionen Polinnen und Polen fast unbemerkt in die deutsche Gesellschaft einzuweben: Sie versteckten sich, lernten Deutsch, gingen arbeiten. Muckten nicht auf, fielen nicht auf. Das Buch heißt „Wir Strebermigranten“.

Smechowski weist allerdings auch auf etwas hin, was viele polnische und andere Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler in ihrer Selbstgefälligkeit als Integrationsvorbilder gerne ausblenden: Sie hatten die Option, sich in ihrer neuen Heimat unsichtbar zu machen. Sie erhielten deutsche Pässe. Ihnen wurde angeboten, ihren Namen einzudeutschen. Auf der Straße fielen sie nicht auf – ihre Hautfarbe war weiß. Nicht-europäische Einwanderer haben diese Privilegien nicht: Viele „Bio-Deutsche“ werden sie allein aufgrund ihrer optischen Erkennungsmerkmale niemals als „echte“ Landsleute akzeptieren.

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Dieser Artikel erschien in Ausgabe 03/2018 | 2. Jahrgang | Seite 32-35

Dieses homogene Volksverständnis ist in Polen bekannterweise umso weiter verbreitet. Wie stabil sich diese nationale Identität hält, ist besonders beeindruckend, da Polen als Nation historisch gesehen ein eher exotisch auftretendes Phänomen darstellt. Diese Stabilität kann man getrost vor allem auf den Katholizismus zurückführen. Egal in welchen Grenzen, von den Nachbarmächten aufgeteilt oder vom Sozialismus unterdrückt und geächtet, der katholische Glaube hielt das Polnische in den Köpfen und Herzen über die Jahrhunderte zusammen.

 

Ukrainer – die Polen von Polen

Auch der Westen der Ukraine gehörte einst dazu, bis heute gibt es dort über eine Million Mitglieder der römisch-katholischen Kirche. Inzwischen nennen zwischen einer und zwei Millionen Menschen aus der Ukraine Polen ihr zuhause – manche als Saisonarbeiter, manche dauerhaft. Nur wenige haben eine „Karta Polaka“ (wörtlich: Polen-Karte) – einen Ausweis für Menschen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, die damit ihre polnische Abstammung oder ihr besonderes Verhältnis zu Polen nachweisen können, ohne ihre andere Staatsbürgerschaft aufgeben zu müssen. Die anderen arbeiten teils legal, oft illegal – sie fahren Taxi, ackern auf dem Bau, als Reinigungskräfte oder im Gastro-Gewerbe. Sie sind sozusagen die Polen von Polen.

Während die PiS-Regierung die billigen Arbeitskräfte aus dem Nachbarland weiterhin unbeirrt als Flüchtlinge bezeichnet, fassen sich andere nur an den Kopf angesichts der gerade einmal 80 Ukrainerinnen und Ukrainer mit anerkanntem Flüchtlingsstatus in Polen.

Während die PiS-Regierung die billigen Arbeitskräfte aus dem Nachbarland weiterhin unbeirrt als Flüchtlinge bezeichnet, fassen sich andere nur an den Kopf angesichts der gerade einmal 80 Ukrainerinnen und Ukrainer mit anerkanntem Flüchtlingsstatus in Polen.

Dass das Land beispielsweise aufgrund der desaströsen finanziellen Lage des Gesundheitssystems aus wirtschaftlicher Sicht kein Interesse daran hat, Geflüchtete aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens aufzunehmen, lässt sich dabei noch rational argumentieren und diskutieren. Doch allein der Gedanke, dass ein Land, in dem sich beeindruckende 87 Prozent der Menschen als katholisch bezeichnen, sich ernsthaft vor einer Islamisierung fürchtet, wäre unterhaltsam, wenn die Konsequenzen für die Betroffenen nicht so tragisch wären. Zum Vergleich: In Bayern sind knapp 55 Prozent katholisch. Da erscheint die demonstrativ zur Schau getragene Angst um das christliche Abendland im deutschen Südosten plötzlich geradezu nachvollziehbar.

 

Nächstenliebe als Vetternwirtschaft

Doch im Gegensatz zur Debatte um das „C“ in den Parteinamen in Deutschland haben die Nationalkatholiken in Polen einen Trick gefunden, um den Konflikt zwischen ihrer Flüchtlingspolitik und ihren christlichen Werten zu kaschieren: Das Zauberwort heißt „Ordo Caritatis“. Gibt man es bei Google ein, tauchen seitenweise polnische Ergebnisse auf. Das ist kein Zufall, hat der Begriff in den letzten zwei Jahren einen kaum vorstellbaren Boom in Polen erlebt. Er dient einem so simplen wie selbstgerechten Zweck: Mit dem Konzept reden sich die Nationalkatholiken im Kontext der Flüchtlingsthematik ihre Fremdenfeindlichkeit schön.

Im Christentum heißt es zwar „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagen sie – aber weitergedacht bedeutet das, dass man den Übernächsten eben weniger liebt. Die Logik: Das Wohlbefinden der eigenen Familie ist einer Person selbstverständlich wichtiger als das eines Fremden. Ergo ist es nicht verwerflich, wenn das Elend von Geflüchteten auf Gleichgültigkeit trifft. Ein lateinischer Begriff gibt der Idee den nötigen katholischen Beiklang – und schon wird das Konzept der christlichen Barmherzigkeit im neuen Polen zu einem pragmatischen Akt der Vetternwirtschaft pervertiert. Habemus Vorwand, halleluja!

Im Christentum heißt es zwar „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, sagen sie – aber weitergedacht bedeutet das, dass man den Übernächsten eben weniger liebt. Die Logik: Das Wohlbefinden der eigenen Familie ist einer Person selbstverständlich wichtiger als das eines Fremden.

Während in Polen also die Nächstenliebe nur noch für die Allernächsten gilt, hat sie sich gleichzeitig als kapitalistische Manifestation in Form des Pflegeberufs in Deutschland als typisch Polnisch etabliert: Die polnische Pflegerin gehört so selbstverständlich und allgegenwärtig zu Deutschland wie der Dönermann und Helene Fischer. Gerade die älteren Polen machen sich keine Illusionen, wieso sie in den westlichen EU-Mitgliedsstaaten über Jahre hinweg gern gesehen waren – nämlich als billige Arbeitskräfte für harte Jobs. Junge Uniabsolventen und besonders die Absolventinnen heutzutage gehen hingegen selbstbewusst auf den europäischen Arbeitsmarkt – sie sind ambitioniert, wissen, was sie wert sind, und fordern ein, für ihre Qualifikation auch angemessen gewürdigt zu werden.

 

Wenn die Heimat fremd wird

Stattdessen müssen sie aus der Ferne mit ansehen, wie ihr Land zwischen Abtreibungsgegnern, Medien- und Justizreformen und Holocaust-Gesetz in einem Strudel aus Hass, Nationalismus und selbstgerechtem Opfermythos versinkt. Während die staatsgeleiteten Medien Berlin zur furchterregenden, von Migranten-Mobs kontrollierten No-Go-Zone erklären, machen sich immer mehr junge Polinnen und Polen auf, um genau dort ihre neue Heimat zu finden und ihre alte zurückzulassen.

Demonstranten beim Marsch der Unabhängigkeit in Warschau 2013, Foto: Piotr Drabik, Flickr, CC BY 2.0
Demonstranten beim Marsch der Unabhängigkeit in Warschau 2013, Foto: Piotr Drabik, Flickr, CC BY 2.0

Verschlissene Floskeln zur gesellschaftlichen Spaltung gibt es genug. Trotzdem wird sie in Polen seit Jahren eifrig in einem Ausmaß vorangetrieben, den sich Deutschland auch drei Jahre nach dem umstrittenen Flüchtlingszuzug höchstens ansatzweise vorstellen kann. Die Stärke der PiS ist auch möglich durch die Schwäche der Opposition, seit Donald Tusk 2014 als Präsident des Europäischen Rates nach Brüssel gegangen ist. Der Warschauer Soziologieprofessor Ireneusz Krzemiński schreibt trocken von einer Opposition, „die weder mit konstruktiver Kritik noch zukunftsweisenden Ideen und starken Persönlichkeiten in Erscheinung tritt“. Die Stärke der Rechten durch die Schwäche der Linken – eine schmerzhafte Erfahrung, die auch andere demokratische Staaten beschäftigt. So dürfte sich an den Machtverhältnissen in Polen bis auf Weiteres nichts ändern – sehr zum Frust der im Ausland lebenden Polinnen und Polen, die aus der Ferne ungläubig zusehen müssen, wie in der alten Heimat sehenden Auges die Demokratie demontiert wird.

Die Weltoffenheit der Ausgewanderten trifft auf eine Heimat, die sich in einer eigenartigen Mischung aus historisch bedingtem Opferkomplex und nationalistischer Selbstüberhöhung gegen alles wendet, wofür sich das Land seit seinem EU-Beitritt internationalen Respekt erarbeitet hat.

Ebenso frustrierend gestalten sich Familienbesuche in Jarosław Kaczyńskis Reich: Die Berichterstattung des staatlichen Fernsehsenders erinnert in ihrer Regierungstreue an Zeiten des Sozialismus. Neonazis und andere sich euphemistisch als Patrioten bezeichnende Gruppen marschieren jährlich zum Unabhängigkeitstag zu Zehntausenden mit Bengalos und offenen Nazisymbolen auf der Kleidung durch die Hauptstadt. Von der Familie werden die Lügen der polnischen Regierung unreflektiert wiederholt, als ob es keinen Zugang zu unabhängigen Medien gebe. Die Weltoffenheit der Ausgewanderten trifft auf eine Heimat, die sich in einer eigenartigen Mischung aus historisch bedingtem Opferkomplex und nationalistischer Selbstüberhöhung gegen alles wendet, wofür sich das Land seit seinem EU-Beitritt internationalen Respekt erarbeitet hat.

 

Stasi-IMs gesucht

Zu keinem Zeitpunkt wurde der Gegensatz der weltoffenen Polen in Deutschland zu denen in der Heimat deutlicher als Mitte Februar: Polnische Auslandsvertretungen leiteten einen Brief des Senatsmarschalls Stanisław Karczewski an im Ausland lebende Polinnen und Polen weiter mit einem Aufruf, „alle anti-polnischen Äußerungen, Darstellungen und Meinungen, die uns schaden“ zu melden und Auslandsvertretungen „über jede Verleumdung“ zu informieren, „die den guten Ruf Polens beeinflusst.“ Erstaunlich war nicht nur die Dreistigkeit, weltweit quasi freiwillig staatstreue Stasi-IMs rekrutieren zu wollen – und das gerade durch die Partei, deren großer Übervater  Kaczyński unentwegt seine Oppositionszeit im Sozialismus für innenpolitische Machtkämpfe instrumentalisiert. Auch das Timing war bemerkenswert: Die polnischen Vertretungen verbreiteten den Aufruf in Deutschland in den Tagen vor dem Antrittsbesuch von Ministerpräsident Morawiecki bei Kanzlerin Merkel. So ein Affront kurz vor dem Staatsakt – Provokation? Zufall? Oder wusste die linke Hand nicht, was die rechte tat?

Während die deutsche Regierung darauf setzte, dass die vorbildlich integrierte polnische Community dem IM-Rekrutierungsaufruf nicht folgen würde, schien Morawiecki bei der gemeinsamen Presseerklärung mit Merkel seltsam überrascht von der Frage eines Journalisten nach dem Thema. Fast so, als sei er kritische Fragen der Presse nicht gewohnt. Er haderte, stotterte, druckste herum. Wohl um Zeit zu schinden, spulte er das PiS-Standardprogramm zu historischen Ungerechtigkeiten wider, die Polen im Zweiten Weltkrieg und im Kommunismus widerfahren waren. Schließlich sagte er mit Blick auf den Aufruf, man solle nicht „aus einer Mücke einen Elefanten machen“. Damit war das Thema abgehakt. Es wäre interessant zu erfahren, wie die gerade beim Thema staatliche Souveränität besonders empfindlichen Polen reagiert hätten, wäre der Fall andersherum verlaufen. Oder, Gott bewahre, wie staatstragend und souverän die deutsche Politik reagiert hätte, wäre ein solches Schreiben nicht aus Polen, sondern aus der Türkei oder aus Russland gekommen und hier verbreitet worden.

 

Rassismus und Rachsucht

Der Vergleich Polens mit der Türkei und Russland ist nicht nur deshalb interessant, weil die drei größten Minderheiten in Deutschland aus diesen drei Ländern stammen. Auch die politische Situation in der jeweiligen alten Heimat ist relevant – Entwicklungen, bei denen der Vergleich zwischen diesen drei Ländern wiederum erschreckend naheliegt. Das demonstrierte eindrucksvoll das Jahr 2015: Im September änderte Kanzlerin Merkel schlagartig die deutsche Flüchtlingspolitik. Zwei Monate später wählte Polen die PiS-Regierung. Statt Arbeitsethos, Wirtschaftsaufschwung und Vorzeigetransformation kennt man den EU-Mitgliedsstaat Polen heute als frauen- und fremdenfeindliches Land mit autoritären und nationalistischen Tendenzen.

Das historisch durchaus nachvollziehbar begründete Misstrauen der Polen gegen die großen Nachbarn aus Ost und West nutzt der heimliche Staatschef Kaczyński kompromisslos  aus, um seine persönliche Fehde und Rachsucht gegenüber Donald Tusk auszutragen. Während Rassismus und Antisemitismus befeuert werden, bemüht sich die Regierung mit einer überaus beeindruckenden Besessenheit darum, das Thema polnischer Kollaborateure aus dem NS-Diskurs zu verbannen und in einer geradezu den Intellekt verhöhnenden Schwarz-Weiß-Manier ausschließlich den eigenen Opferstatus zu thematisieren.

Opfer? Als genau das wollte sich die polnische Spätaussiedlergeneration in Deutschland nie sehen. Hart arbeiten, unauffällig integrieren, keinen Mucks machen – das war schon eher ihr Ding. Und natürlich: sich für die alte Heimat schämen. Das steht aktuell wieder hoch im Kurs. Doch im Gegensatz zu früher haben sie – Kaczyński und seiner PiS sei Dank – dieses Mal wenigstens handfeste Gründe dafür.

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