„Gott ist tot!“ – Der schwere Umgang mit einer Legende

Wie kein anderer „Ostblocker“ war Karel Gott als Kinderlied- und Schlagersänger in Westdeutschland und in den USA bekannt. Für viele war er Botschafter des Ostblocks und romantischer Grenzgänger, der in zwei Welten lebte. In seiner Heimat Tschechien ist nach seinem Tod ein Deutungskampf um sein Vermächtnis ausgebrochen. Befördert wurde er von Ministerpräsident Andrej Babiš. Was war passiert?

Von Jan Mareš
Karel Gott. Quelle: Foto: David Sedlecký, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)
Karel Gott. Foto: David Sedlecký, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)

Das Moldaugold

Der Ausgangspunkt war die Idee von Ministerpräsident Andrej Babiš, dem Schlagerkönig ein Staatsbegräbnis im Prager Veitsdom zu geben und den 12. Oktober zum Nationaltrauertag für Karel Gott zu erklären.

Was auf dem ersten Blick unscheinbar klingen mag, galt von der ersten Minute an einem Teil der Gesellschaft als unterirdischer populistischer Trick von Babiš und seiner Medienabteilung. Denn für einen Teil der Gesellschaft galt Gott eben als … Gott. Von seinen Fans und Gefolgsleuten war er stets bloß als „Der Meister“ betitelt worden. In den vergangenen Jahren forderten Bürgerinitiativen sogar, Gott zum Staatspräsidenten zu machen. Und genau diesen Teil der Gesellschaft versuchte Babiš mit dem Begräbnis zu bedienen, so zumindest lautet der Vorwurf der Kritiker:innen.

 

Götterdämmerung

Was stört diesen Kritiker:innen an dieser Geste? Hat sich Karel Gott so ein Begräbnis nicht verdient? Die Antwort ist nicht so einfach. Das Leben von Karel Gott war nämlich deutlich komplizierter als in Deutschland bekannt. Sein Karriereerfolg war von der Gunst der kommunistischen Machthaber abhängig. Und Gott erfüllte seine Rolle als Poster Boy der von der Sowjetunion 1968 militärisch besetzten sozialistischen ČSSR nahezu perfekt.

Bei einer Tournee durch die Bundesrepublik 1971 blieb er zusammen mit seinen beiden Textern, die Brüder Štaidl, länger als vorgesehen. Seine Texter wollten im Westen bleiben. Plötzlich kehrte das Trio doch zurück. Nach der Wende erklärte Gott, dass er von der tschechoslowakischen Stasi um Rückkehr gebeten wurde, da seine Touren durch den Westen der sozialistischen Staatswirtschaft viele Devisen einbrachten. Außerdem, sagte Gott, hätte er nicht seine Landsleute und Fans für immer verlassen können.

Im Jahr 2009 wurde aber ein Brief von Karel Gott an Gustáv Husák entdeckt. Darin bittet Karel Gott den damaligen sozialistischen Staatspräsidenten devot um Verzeihung und um Rückkehr. Bis zu seinem Tod beschrieb Gott Staatspräsident Husák, als einem „guten Mann“.

Foto: David Sedlecký, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 4.0)
Foto: David Sedlecký, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 4.0)

Der Schriftsteller Milan Kundera konnte sich seine Kritik an diesem Vorgang nicht verkneifen. Im Buch vom Lachen und Vergessen schreibt er:

Denn Karel Gott repräsentierte die Musik ohne Gedächtnis, jene Musik, in der Beethovens und Ellingtons Knochen und Palestrinas und Schönbergs Asche für immer begraben sind. Präsident des Vergessens und der Idiot der Musik gehörten zueinander. Sie arbeiteten an demselben Werk.“

Als Tiefpunkt gilt Gotts Auftritt 1977 im Prager Lucerna. Als einer der Sprecher:innen der sogenannten Anticharta, die sich gegen die Menschenrechtler:innen der Gruppe Charta 77 richtete, plädierte er für eine sozialistische Gesellschaft, in dem die Kritiker:innen „weniger reden und mehr singen sollen.“ Anders als viele andere Künstler:innen, die nach dem Scheitern des Prager Frühlings 1968 Widerstand leisteten und in Verbannung landeten, durfte Gott ungestört rund um die Welt reisen und Konsumprodukte aus dem Westen genießen, wie seine geliebten Autos von Mercedes und BMW.

Im Jahr 1989 dann die Wende. Gott stellte sich mit dem bis dahin verbannten Untergrund-Sänger Karel Kryl zusammen auf eine Bühne. Gott arrangierte sich sehr schnell mit den neuen Verhältnissen. Sogar an den frühkapitalistischen Betrugsmaschen der 1990ern Jahre nahm er teil.

Nachdem in den letzten Jahren auch in Tschechien in Teilen der Gesellschaft eine spürbare Ostalgie einsetzte, versuchte Gott, sich dieser Strömung anzubiedern. Er erklärte in den Medien, die verbannten Künstler:innen, die nach 68 (oftmals gezwungenermaßen) emigriert seien, würden „uns nichts nutzten.“ „Was bringt es, Dichter in einem fremden Land zu sein, das geht doch nicht,“ so Gott.

Dazu kamen in den letzten Jahren verschwörungstheoretische Sprüche über die Macht der Templer und Illuminaten, welche eine „Flüchtlingsinvasion“ nach Europa herbeigesteuert hätten. Deshalb ist es kein Zufall, dass der stellvertretende Vorsitzende der rechtsradikalen SPD, Radim Fiala, die Aussagen von Karel Gott zur Flüchtlingskrise als „prophetisch“ lobte.

 

Die Frommen und die Gottlosen

Karel Gotts Entwicklung lässt sich im Kontext der tiefen ideologischen Spaltung der tschechischen Gesellschaft verstehen. Auf der einer Seite gibt es ein breites populistisches Lager, bestehend aus einer Front von Kommunist:innen, Rechtsradikalen und Euroskeptiker:innen aller Couleur. Da dieses Lager im Aufwind ist, versucht Ministerpräsident Babiš, der selbst recht flexibel auf Ideologien oder Weltanschauungen reagiert, möglichst viele Stimmen aus diesem Lager zu gewinnen.

Diese Menschen haben eins gemeinsam: Sie halten die sozio-kulturellen Entwicklungen der Gesellschaft nach 1989 für grundlegend falsch. Die Feindbilder sind zahlreich: Feminist:innen, Liberale, Fahrradfahrer:innen, überzeugte Europäer:innen, Flüchtlinge, Muslime, Greta Thunberg und nicht zuletzt, die bürgerliche Dissident:innen um Václav Havel. Dieses Lager verwendet die Wörter „Havloid“ oder „Havlist“ als Beschimpfung. Dagegen gilt Karel Gott als ihr Volksheld. Der Tscheche, der mal der Welt gezeigt hatte, was „wir“ können und der nie sein geliebtes Volk verlassen hatte.

 

„Gott ist tot!“ in den sozialen Medien

In den 30 Jahren nach der Wende war Václav Havel bisher der einzige Tscheche, dem die hohe Würdigung durch ein Staatsbegräbnis erteilt wurde. Viele liberale Strömungen sahen im Vorschlag, Karel Gott durch ein Staatsbegräbnis zu ehren, eine symbolische Wende.

Dass das Staatsbegräbnis im Veitsdom stattfinden und die Bestattungsmesse von Kardinal Dominik Duka durchgeführt werden sollte, störte viele Kommentator:innen. Schließlich hatte Gott, von seinem Namen einmal abgesehen, nichts mit dem Christentum zu tun. Er galt eher als weltlicher Lebemann. Es handele sich um eine „Blasphemie des gegenwärtigen Regimes“ und „moralischen Kitsch“, wie der bekannte Philosoph und Priester Tomáš Halík meint.

Besonders besorgniserregend waren die Reaktionen in den sozialen Netzwerken auf die Kritik am Staatsbegräbnis. Hier wurden bereits Stunden nach Karel Gotts Tod Kommentare verfasst wie „Ratten kriechen wieder aus ihren Löchern,“ „Da agiert wieder die Presse-Kloake“ oder sehr originell, „das sind die jungen SS-Oros Anhänger“, eine verschwörungstheoretische Anspielung auf die Rolle von George Soros in Mittelosteuropa.

Der Ton in den „Alternativen Medien“ wie Parlamentní Listy unterscheidet sich davon kaum. In mehreren Artikeln werden die Kritiker:innen am Staatsbegräbnis als „Hyänen“ bezeichnet. Dabei gehört Parlamentní Listy, gemessen an der Reichweite, unter den Top 10 der tschechischen Internet-Zeitungen. Der wahrscheinlich absurdeste Artikel kommt auch von Parlamentní Listy: „Die Trauer um Gott wird Greta versauern! Sehr gravierende Information,“ heißt die Überschrift.

 

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen

Da letztlich auch Widerspruch von den Staatsprotokollbehörden kam, die ein Staatsbegräbnis für Gott für unmöglich hielten, wurde als Kompromiss ein „Begräbnis mit staatlichen Ehren“ beschlossen, also eine niedrigere Stufe. Es sollte allerdings immer noch im Veitsdom stattfinden.

Gleichzeitig wurde die Staatstrauer für den Sänger ausgerufen, Trauerbeflaggung verordnet und Schweigeminuten bei verschiedenen Veranstaltungen durchgeführt. Ministerpräsident Babiš rechnete mit kostenintensiven Sicherheitsmaßnahmen für bis zu 300 000 Menschen, die an der Trauerveranstaltungen teilnehmen würden. Am Tag des Begräbnisses, der 12. Oktober, waren es dann 50 000 Menschen. In die Kathedrale wurden sie nicht gelassen, da diese nur der Prominenz vorbehalten blieb.

Seit dem Begräbnis am 12.10. sind nur wenige Tage vergangen, aber die nächste Gott-Kontroverse ist bereits in der Sicht. Eine Initiative mit Unterstützung von rechtskonservativen Politikern fordert in einer Petition die Umbenennung des Prager Flughafens von „Václav-Havel-Flughafen“ in „Karel-Gott-Flughafen“.

Es wäre aber nicht Tschechien, wenn der Konflikt nicht ohne absurden Humor begleitet würde. So fordert eine andere Petition im Internet, die sogar mehr Unterzeicnner:innen hat, die Umbenennung der berühmten Prager Karlsbrücke in … Karlsbrücke!

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