Frankfurt (Oder) – Avantgarde des Ostens?

Steht Frankfurt (Oder) für einen neuen Stil politischer Beteiligung oder gar für eine pluralistische Gesellschaft in Ostdeutschland? Das diskutierte die Europa-Universität Viadrina am Dienstagabend auf einem Podium.

von Stefan Kunath, Frankfurt (Oder)

Die taz titelte nach der Oberbürgermeisterwahl im März We love Frankfurt (Oder). Die Ausgabe war innerhalb von drei Stunden in der ganzen Stadt vergriffen, so Viadrina-Präsident Stephan Kudert. Am neuen Image habe auch die Universität ihren Anteil. Studierende aus 103 Ländern zählt die Uni, bei knapp 200 Staaten auf der Welt. Grelles Licht scheint im Hörsaal 05. Die Ränge sind gefüllt. Jung und Alt. Kudert beendet das Grußwort. Dann geht es los.

„Kann Frankfurt (Oder) Avantgarde von Ostdeutschland sein?“, eröffnet die Moderatorin Susann Worschech das Podium. René Wilke, ganz Politiker, dämpft als Oberbürgermeister gleich die Erwartungen. Das Titelbild der taz-Ausgabe hänge zwar in seinem Büro. Die Realität sehe aber anders aus. Seine Aufgabe sieht er darin, die Vision mit Leben zu füllen. Wilke hatte im März die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters klar für sich entschieden. Keine Selbstverständlichkeit für einen Politiker der Linkspartei, insbesondere in Zeiten des Aufstiegs der AfD. Dabei wurde der erst 33-Jährige auch von den Grünen unterstützt.

Aufbruch Ost! Ein neues „Mutbürgertum“ in ostdeutschen Kommunen?

„Alle Ex-Frankfurter haben ihre Heimat verschwiegen. Jetzt ist Frankfurt (Oder) auf Partys ein cooles Thema.“

Trotzdem, mit der Wahl habe sich etwas verändert. Davon könnten etwa jene berichten, die Frankfurt in den 90er und 2000er Jahren verlassen haben und die nun von außen auf ihre Heimat schauen. „Alle Ex-Frankfurter haben ihre Heimat verschwiegen. Jetzt ist Frankfurt (Oder) auf Partys ein cooles Thema“, berichtet Christian Bangel an diesem Abend. Seiner Geburtsstadt hat der Chef vom Dienst bei Zeit Online sogar einen Roman gewidmet. Oder Florida spielt im Frankfurt der 1990er Jahre. Die Hauptfigur, Matthias Freier, erlebt als Zwanzigjähriger die Euphorie der Wendejahre. Doch auch er verlässt die Stadt – vor allem wegen der Bedrohung durch die Neonazi-Szene.

Was ist heute in Frankfurt (Oder) anders als in Dresden oder Cottbus? „Wir haben durch die EU-Osterweiterung und die Öffnung der Grenze das Zusammenwachsen zwischen Polen und Deutschen schonmal vorgelernt“, sagt Oberbürgermeister Wilke. „Die Sorgen und die Ängste vor dem Fremden, denen hat sich die Stadtgesellschaft bereits vor einigen Jahren gestellt.“ Deswegen sei Frankfurt (Oder) möglicherweise bei der Flüchtlingsfrage heute weiter als andere ostdeutsche Städte. Auch das Selbstbild sei wichtig, so Bangel: „Viele Frankfurter wollen das Bild der Nazistadt nicht mehr, dass sie in den Neunzigern abgab. Das gibt Kraft für eine neue Erzählung.“ Dresden hingegen pflege einen Opfermythos. In Cottbus mache sich der Oberbürgermeister nach außen vorrangig der Angst mancher Bürger gemein.

 

„Probleme lösen. Probleme lösen. Probleme lösen.“

Noch ein anderer Punkt wird an diesem Abend deutlich. Er betrifft den Umgang mit Politikverdrossenheit. „Man muss zuhören, Beteiligung schaffen und Probleme lösen. Probleme lösen. Probleme lösen“, so Wilke. Während die lokale Stadtelite große Visionen träume, ginge es den „normalen Menschen“ um die Kleinigkeiten. „Gehwege, einen Supermarkt in der Nähe“, sagt Wilke. Dagegen hilft auch keine Oderphilharmonie, eine Idee, die seit einigen Monaten umherschwirrt, angelehnt an die Elbphilharmonie in Hamburg. Die verschiedenen Lebenswelten machten die eigentliche Parallelgesellschaft in der Stadt aus. Zwischen den kleinen Problemen und den großen Visionen versteht sich Wilke als Vermittler. Er wolle den unterschiedlichen Lebenswelten der Bürgerinnen und Bürger Rechnung tragen, das Verbindende zwischen beiden Seiten suchen. Politik beginne in der Kommune. Dort werde sie erfahrbar.

Die Abenddiskussion kreiste noch weiter um Frankfurter Themen. Wo können sich in Frankfurt die dort Geborenen mit den Zugezogenen treffen? Wo die Berliner mit den Frankfurtern – außer im Zug RE 1? Welche Rolle spielt das wachsende Berlin für die Stadt? Doch wie sehr die Oderstadt nun Avantgarde des Osten sein könnte, diese Frage blieb angesichts der besonderen Verhältnisse an der deutsch-polnischen Grenze und der Nähe zu Berlin dann doch unbeantwortet. Das lag wohl auch daran, dass Professor Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz kurzfristig wegen Krankheit absagen musste. Er ist Experte für vergleichende Transformationsforschung mit Schwerpunkt auf postsozialistische Transformationen, insbesondere auf Ostdeutschland.

 

„Zuhören, beteiligen, Probleme lösen. Ist das schon Avantgarde?“

Für ihn sprang kurzfristig Politikprofessor Timm Beichelt ein, der den Lehrstuhl Europastudien an der Viadrina leitet. Er übernahm die Rolle des Kritikers: „Zuhören, beteiligen, Probleme lösen. Ist das schon Avantgarde? Falls ja, dann stimmt etwas nicht.“ Auch das alltägliche Zusammenwachsen zwischen den beiden Grenzstädten habe noch mehr Potential. Er kenne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Viadrina, die vielleicht einmal im Jahr nach Słubice gingen. „Zur Weihnachtsfeier, wenn in Frankfurt alles ausgebucht ist.“ Aus dem Publikum widersprach Unipräsident Kudert auf der Stelle. Es sollte der einzige Disput an diesem Abend bleiben.

Denn als Oberbürgermeister Wilke zum Schlusswort ansetzt, macht sich nochmal Euphorie breit. Zum Leuchtturm der europäischen Integration wolle er Frankfurt (Oder) in Zusammenarbeit mit Słubice machen, gerade in Zeiten des Nationalismus. Das sei Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft.

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