Frankfurt (Oder) als Drehscheibe der Weltkriegsheimkehrer

Interview mit dem Historiker Karl-Konrad Tschäpe

Vor 70 Jahren wurde die Rückkehr sämtlicher deutscher Kriegsgefangener verkündet. Ab morgen erinnert die Gedenk- und Dokumentationsstätte Opfer politischer Gewaltherrschaft in Frankfurt (Oder) mit einer neuen Ausstellung an das Jahr 1948. Bereits im Frühjahr hat Saskia Heller die Gedenkstätte besucht und einige Tage später den Historiker Karl-Konrad Tschäpe für ein Interview getroffen. Er führt regelmäßig Gäste durch die Ausstellungen der Gedenkstätte. Er begrüßte sie bestens vorbereitet mit einem Stapel Bücher auf dem Tisch.

Fragen von Saskia Heller, Frankfurt (Oder)
Karl-Konrad Tschäpe
Karl-Konrad Tschäpe

Herr Tschäpe, wie ich sehe, sind Sie schon vorbereitet und mit dem Thema bestens vertraut.

Wenn man sich mit diesen Buchtiteln näher beschäftigt, erkennt man sofort, dass diese mit dem Gegenbegriff von Heimat arbeiten, der Gefangenschaft. Ikonographisch ist dort meistens der Stacheldraht abgebildet. Er verweist auf die Suche nach Heimat. Man findet diesen auf neuen sowie ganz alten Publikationen. Weiterhin findet man Bilder von Unterdrückern, die  jemanden zu Boden geschlagen haben, oder ein Gitter oder auch russische Worte als Titel. Die Sprache soll auf Fremdheit hindeuten.

 

Warum sind diese Publikationen für Frankfurt (Oder) bedeutend?

Frankfurt (Oder) taucht in diesen Lebenserinnerungen in den allermeisten Fällen auf, weil hier die Gefangenschaft endet. Sehr viele Publikationen enden direkt mit der Ankunft in Frankfurt (Oder) beziehungsweise in Friedland. Viele Transporte führen nun weiter in die westlichen Gebiete. Hier waren wir in der sowjetischen Besatzungszone, sodass sich die Frage stellt, inwiefern das Versprechen von Freiheit und Heimat sich erfüllen kann oder nicht. Der Begriff Heimat wird nochmals besonders herausgefordert: Einerseits kommt man wieder nach Deutschland zurück, man hört die deutsche Sprache, man ist sich bewusst, dass man sich wieder in der Heimat befindet. Andererseits ist es immer noch die Besatzungszone – und die Reflexion darüber, was das bedeutet, setzt sofort ein. Manche bleiben erstmal in der Ostzone und flüchten dann in die Westzone, da die Mauer noch bis 1961 offen ist. Gerade in den Jahren, in denen die Kriegsgefangenen zurückkehren, gibt es noch viele Jahre die Möglichkeit, die sowjetische Besatzungszone zu verlassen. Viele nutzen das.

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Das Interview erschien zuerst in Ausgabe 03/2018 | 2. Jahrgang | Seite 62-65

Wenn die meisten zurückgekehrten Kriegsgefangenen in den Westen gegangen sind, sind dann diese Publikationen auch nur im Westen erschienen?

Wir können feststellen, dass die meisten Publikationen hauptsächlich aus dem Westen sind, da in der DDR, dem sozialistischen Bruderstaat der Sowjetunion, nicht gewollt wurde, dass man über die sowjetische Kriegsgefangenschaft im Negativen schreibt. Das allgemeine Narrativ im Osten war, dass die sowjetische Kriegsgefangenschaft positiv mit einer ‚Universität des Lebens‘ gleichzusetzen war, in der man vom Nazi zum Kommunisten konvertiert wurde. Im Westen hingegen spielten diese Publikationen während des Kalten Krieges eine Rolle, da diese, obwohl weitestgehend nicht russophob, ein meist negatives Bild der BRD-Gesellschaft über die Sowjetunion vermittelten.

Das allgemeine Narrativ im Osten war, dass die sowjetische Kriegsgefangenschaft positiv mit einer ‚Universität des Lebens‘ gleichzusetzen war, in der man vom Nazi zum Kommunisten konvertiert wurde.

 

Was ist das Aktuelle an diesen Publikationen und Lebenserinnerungen?

Die Geschichten, die sich hinter diesen Heimkehrer-Schicksalen verbergen, sind nicht auf das öffentliche Interesse getroffen. Eine weitere Schwierigkeit war, dass die Heimkehrer selber nicht über ihre Erfahrungen redeten, weil sie traumatisiert waren. Aus diesem Grund wurden viele Publikationen erst im hohen Alter geschrieben. Wir können sehen, dass es einen ständigen Strom an Erfahrungen zu Russland, der Sowjetunion und der Entwurzelung in der Literaturszene gibt. Diesem Phänomen sollte man näher nachgehen. Vor allem den Erinnerungen von Frauen, da es viel weniger von ihren Geschichten gibt, weil auch viel weniger Frauen in Gefangenschaft geraten sind.

 

Die Zahl der Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg belief sich auf ungefähr 1,8 Millionen Menschen. Welche Rolle spielt Frankfurt (Oder) in diesem Prozess?

Frankfurt war eine Drehscheibe für Heimkehrer und Vertriebene, aber auch für Zwangsarbeiter, weil hier der Knotenpunkt der Reichsbahn war. Die Menschenmassen, die durch Frankfurt (Oder) kamen, wurden erst mal geprüft, da es sich nach 1945 auch um eine neu eingerichtete Grenze handelte. Diese Grenze musste sich erst mal einspielen. Dabei kommt Frankfurt (Oder) auch mit der Frage in Kontakt, was Heimat eigentlich bedeutet. Was bedeutet Heimat für die Frankfurter? Was bedeutet Heimat für die, die von jenseits der Oder kamen? Was bedeutet Heimat für die, die sich in Słubice ansiedelten, bei denen es sich ja auch um Entwurzelte handelte? Das Thema Heimat ist eng mit Migrationsprozessen um den Zweiten Weltkrieg verbunden: Es beginnt mit den Kriegsgefangenen und den Zwangsarbeitern aus den Ostgebieten und setzt sich fort mit den deutschen Kriegsgefangenen, die in der Sowjetunion festgenommen wurden.

 

Frankfurt (Oder) war der Ort, an dem die Heimkehrer entlassen wurden. Wie funktionierte das und wo waren die Orte, an denen das stattfand?

Bis Juni 1946 verläuft eine ungeordnete Phase. Es gab noch keine festen Organisationsstrukturen. Danach wurde ein fester Ankunftspunkt festgelegt – etwa die Hornkaserne und das Heimkehrerlager Gronenfelde. Dort wurden die Heimkehrer  medizinisch versorgt und dann gen Westen weitertransportiert. Die Heimkehrerlager funktionierten bis 1950. Ab 1950 reden wir von den so genannten Spätheimkehrern.

 

Was passierte ab 1950? Waren dann bereits alle Kriegsgefangenen heimgekehrt?

Erstmal sprechen wir über das Jahr 1948. Die Alliierten einigten sich darauf, alle Kriegsgefangenen zu entlassen. Das Jahr der Heimkehr wurde von sowjetischer Seite zwar anerkannt, aber aufgrund des Kalten Krieges entließ die Sowjetunion die deutschen Kriegsgefangenen nicht. Sie nutzten sie als politischen Verhandlungsgegenstand bis 1955/56. In der Zwischenzeit wurden immer wieder vereinzelte Kriegsgefangene bis Mai 1950 zurückgeschickt. Danach war Schluss und es herrschte ein großes Entsetzen, weil noch viele Kriegsgefangene vermisst wurden.

Auch einen Besuch wert: Das Mahnmal für den Frieden neben der ehemaligen Hornkaserne in Frankfurt (Oder). Foto: Ralf Lotys, Wikipedia, CC BY 3.0
Auch einen Besuch wert: Das Mahnmal für den Frieden neben der ehemaligen Hornkaserne in Frankfurt (Oder). Foto: Ralf Lotys, Wikipedia, CC BY 3.0

Alle, die noch Angehörige vermissten, erhofften sich, dass diese noch am Leben waren und sich in sogenannten Schweigelagern befanden. Das waren keine Kriegsgefangenenlager, aber bestimmte Speziallager des GULAGs, im Prinzip Straflager. Die nannten sich dann Besserungslager. Von dort war die Kommunikation mit der Außenwelt praktisch unmöglich. Die sowjetische Seite bestätigte 1950, dass noch Deutsche in Lagern seien, aber das seien keine Kriegsgefangenen, sondern verurteilte Kriegsverbrecher. Um diese geht es dann in den Verhandlungen von 1955 mit Konrad Adenauer.

Neben diesen verurteilten Kriegsgefangenen gab es noch politische Gefangene, die man in der Besatzungszone festgenommen hatte und die in GULAGs gebracht wurden, wo sie  nicht an die Außenwelt schreiben durften. In einigen Lebenserinnerungen kann man lesen, dass die Verwandten bei der Rückkehr überrascht waren, weil  sie nicht wussten, dass der Vermisste noch lebte. Diese Spätheimkehrer kommen zum großen Teil auch in Frankfurt (Oder) am Bahnhof an. Hier entscheidet sich dann, ob sie in die Ost- oder Westzone müssen. In diesen Erinnerungen taucht Frankfurt (Oder) als erster Ort auf deutschem Boden auf, wo sich dramatische Szenen abspielen: Zum Teil werden die Heimkehrer als Kriegsverbrecher in Empfang genommen, wo sie gleich in Gefängnisse gesteckt werden, zum Beispiel nach Bautzen.

 

Ihre Schilderungen verdeutlichen die europäische Dimension. Wie lässt sich das auf die heutige Zeit übertragen?

Wir haben die Chance, an der deutsch-polnischen Grenze diese besondere Geschichte zu erzählen, vor allem, da es auf beiden Seiten der Oder lange Zeit keine Tradition des Miteinanders gegeben hat. Die Menschen, die in Słubice angesiedelt wurden, kannten  vorher keine Deutschen. Auch die Deutschen konnten keine nachbarschaftlichen Beziehungen mit Polen aufbauen, wie das an der deutsch-französischen oder der deutsch-dänischen Grenze der Fall war. Solange die DDR existierte, war die Grenze geschlossen. Nur polnische Vertragsarbeiter, die in Frankfurt (Oder) in den Halbleiterwerken gearbeitet haben, waren eine Ausnahme. Allerdings war es eher ein Nebeneinander und nicht ein Miteinander. Das Miteinander hat sich erst schrittweise entwickelt mit der Öffnung der Grenze.

 

Gibt es Interesse in Słubice für die Geschichte der Heimkehrer?

Der Begriff der Heimat ist sehr deutsch. Wenn man in der polnischen Sprache dieses Wort sucht, dann gibt es keine exakte Entsprechung. Genauso wenig gibt es diese auf Englisch oder auf Russisch. Aber das Gefühl und das Phänomen gibt es schon. Denn in Słubice werden nach 1945 besonders viele Leute angesiedelt, die entweder aus den Ostgebieten Polens kamen, also selber Vertriebene oder ehemalige Deportierte sind. Man kann mit diesen mittlerweile hochbetagten, aber sehr freundlichen Menschen immer noch reden. Sie sind auch politisch in einem Verband organisiert. Es gibt ein Denkmal der Sibiriendeportierten in Słubice, welches das wichtigste Denkmal vor Ort ist. In Frankfurt (Oder) ist das hingegen der  Synagogengedenkstein. Insofern gibt es das Thema der Heimat, der Deportation und der Zwangsmigration auch dort, zwar nicht unter den gleichen Voraussetzungen, aber das Phänomen ist vergleichbar.

Der Begriff der Heimat ist sehr deutsch. Wenn man in der polnischen Sprache dieses Wort sucht, dann gibt es keine exakte Entsprechung. Genauso wenig gibt es diese auf Englisch oder auf Russisch.

 

Sie werben für die neue Ausstellung ‚Herausforderung Heimat‘. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Die bestehende Ausstellung in der Hornkaserne ist 1998 zum 50. Jahrestag des Heimkehrerjahres entstanden und seitdem weitestgehend unverändert. Man kann sich vorstellen, dass diese Ausstellung nach so einer langen Zeit überarbeitungsbedürftig ist.

Die Überlegung ist, ob man dieses europäische Thema zentral in der Stadt präsentieren kann. Unser Vorschlag ist, dass wir einen neuen Raum schaffen und dieses Thema verbinden mit der Gedenkstätte Opfer politischer Gewaltherrschaft. Es sind zwei verschiedene Themen, aber trotzdem wollen wir sie aus mehreren Gründen  hier zusammen präsentieren, da sie sich inhaltlich doch ähneln.

 

Und wie soll diese Idee aussehen?

Die Idee ist, hier im ehemaligen Gefängnishof einen Anbau an das Haus zu errichten, welcher nach dem Vorbild einer Frankfurter Baracke erinnert, die zugleich auch eine Nazi-Baracke ist, die hier vor Ort für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter genutzt wurde. Die Baracke soll eine Verkörperung von Heimatlosigkeit und Entwurzelung sein.

 

Wenn wir zum Schluss nochmal an die Heimkehrer denken. Was hat Heimat für diese bedeutet?

Um das ganz kurz mit den Worten von Bernhard Schlink zu beantworten: Heimat ist der Begriff, den man braucht, wenn man ihn nicht hat.

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