Es brodelt unter dem Radar: Kroatischer Nationalismus und Verbindungen nach Deutschland

Anlässlich des Finalspiels der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft blickte die Presse auch auf die politische Situation in Kroatien. Der Tagesspiegel titelte „Kroatien und der Umgang mit der faschistischen Vergangenheit“. Der Spiegel warnte vor den „Gefahren des Fußballfiebers“. Die kroatische Präsidentin Grabar-Kitarović widersprach diesen Berichten im Guardian und betonte, Rechtsradikale seien in ihrem Land eine Minderheit, doch Geschichte und Gegenwart zeichnen ein anderes Bild.

von Martina Renner und Benjamin Paul-Siewert, Berlin

 

Rechtsrocker als nationales Idol

Eine Person ist die scheinbar unverfängliche Klammer des kroatischen Nationalismus: Marko Perković. Mit seiner Band „Thompson“ tourt er seit Jahren durch zig Länder und spielt vor tausenden Gästen. Zuletzt gab Perković unter anderem ein Konzert am 4. Juni 2017 in Wuppertal. Der Frontmann gilt als rechtsradikal und hat in den 1990er-Jahren im Kroatienkrieg gekämpft. In seinen gewaltverherrlichenden Rechtsrock-Liedern werden das im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Nationalsozialisten verbündete Ustaša-Regime sowie der Massenmord an JüdInnen und SerbInnen in den damaligen Konzentrationslagern Jasenovac und Stara Gradiška verherrlicht. Zahlreiche Konzerte der Band wurden deswegen bereits verboten, so 2016 in der Schweiz und im vergangen Jahr in Österreich. Während der letzten Fußballweltmeisterschaft avancierte Perković zum wahren Nationalidol. Die WM-Spieler feierten mit ihm im Team-Bus, gemeinsam auf der Bühne und schmetterten in der Kabine das antiserbische Thompson-Lied „Bojna Cavoglave“. Darin heißt es: „Für die Heimat – Bereit / … Schieß aus der Thompson, Kalaschnikow und der Zbrojovka / Wirf die Granaten, und jage die Bande über den Fluss“.

 

NS-Relativierung in katholischen Gemeinden

In der Bundesrepublik macht sich dieser offene Nationalismus vermehrt bei Auswanderern breit. So wurden am 8. Mai 2016 in den kroatisch-katholischen Gemeinden in Frankfurt a. M. und Darmstadt der Film „Jasenovac – Die Wahrheit“ gezeigt. Dieser verbreitet gefälschte Zahlen zur Ermordung von 82.000 bis 100.000 Menschen, die zwischen 1941 und 1945 im Konzentrationslager Jasenocav von der faschistischen Ustaša-Bewegung umgebracht wurden. Der Film wurde vom ehemaligen kroatischen Kulturminister Zlatko Hasanbegović gelobt, der als Rechtsextremist gilt und beispielsweise den Sturmbandführer der 13. Division der nationalsozialistischen Waffen-SS glorifizierte.

Auch in der Offenbacher Gemeinde lief der Propagandafilm, wo zudem mehrfach extrem rechte Politiker und außerparlamentarische Aktivisten zu Gast waren. Im Juni 2015 trat der frühere kroatische Außenminister Zvonimir Šeparovic auf, um das sogenannte „Nationale Ethik-Gericht“ vorzustellen, das regelmäßig symbolische Anklagen gegen politische Widersacher erhebt. Im Oktober 2017 war der extrem rechte TV-Moderator Velimir Bujanec, der in der Vergangenheit mit einer Hakenkreuzbinde posiert haben soll, in Offenbach und Mainz eingeladen; zuletzt trat er am 3. Februar 2018 bei einem kroatischen Fest in Heusenstamm (Hessen) auf. Dort sprach im November 2017 auch der Ex-Admiral der kroatischen Armee, Davor Domazet-Lošo, der durch antisemitische Verschwörungstheorien sowie rassistische und antiserbische Äußerungen aufgefallen ist. An den Vortagen hatte der ehemalige Militär Auftritte in Stuttgart und München. Der Leiter der kroatisch-katholischen Gemeinde in Offenbach, Tomislav D., der zahlreiche solche Veranstaltungen organisiert, bezeichnet jene, die die Ustaša-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg benennen, als „größte Schande des kroatischen Volkes“. Laut ihm hätten Linke die „systematische Vernichtung des Volkes“ zum Ziel, Kroatien würde von „Neokommunisten“ regiert und die Medien seien in der Hand von „Antichristen, Freimaurern und Kommunisten“.

 

Huldigung für Faschisten

Auch die deutsche Neonazi-Splitterpartei „Der Dritte Weg“ unterhält Kontakte zu kroatischen Nationalisten. Umgekehrt kommen Angehörige der extrem rechten Szene aus Deutschland immer wieder zum größten Neonazitreffen Europas in Bleiburg (Österreich) zusammen, bei dem regelmäßig das Ustaša-Regime verherrlicht und Hitlergrüße gezeigt werden. Erst im Juni 2018 wurde ein Teilnehmer wegen „Wiederbetätigung“ beziehungsweise Volksverhetzung zu 15 Monaten Bewährungsstrafe verurteilt. Jedes Jahr reisen vor allem kroatische Nationalisten und Neofaschisten an. Am 12. Mai 2018 waren es etwa 10.000 Teilnehmer, in den Vorjahren sogar bis zu 30.000. Offiziell werden die Veranstaltung unter anderem von der katholischen Kirche und dem Parlament Kroatiens organisiert. Zahlreiche Organisationen fordern indes ein Verbot des Treffens.

 

Neonazisöldner und NSU-Rechtsterror

Diese Vorfälle haben in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten nur selten für Aufsehen gesorgt. Auch die deutschen Sicherheitsbehörden geben sich ahnungslos. Auf eine Anfrage der Linksfraktion lautete die lapidare Antwort: „Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor“. Dabei haben die Verbindungen Tradition. Während des Jugoslawienkriegs Anfang der Neunzigerjahre waren mehrere hundert deutsche Neonazis als Söldner nach Kroatien gereist, um an der Seite der sogenannten HOS-Milizen zu kämpfen, die sich in der Tradition der Ustaša-Bewegung sahen. Der österreichische Neonazi-Führer Gottfried Küssel warb mit seiner „Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition“ damals auch in der Bundesrepublik extrem rechte Legionäre an. Bei ihrer Rückkehr sollen sie Waffen aus Kroatien nach Deutschland geschmuggelt haben. Unter den Kriegssöldnern hätten sich auch Personen aus dem Netzwerk des späteren „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) befunden. Eine bei den NSU-Rechtsterroristen gefundene Waffe war ein Modell aus kroatischer Produktion, das im Jugoslawienkrieg vor allem von neofaschistischen Milizen genutzt wurde. Bis heute ist nicht geklärt, auf welchem Weg die Maschinenpistole des Typs „Pleter 91“ genau nach Deutschland gelangt ist. Weitere Ermittlungen? Fehlanzeige! Die Machenschaften von deutschen Rechtsterroristen in Kroatien und umgekehrt von kroatischen Nationalisten in der Bundesrepublik bewegen sich unter dem Radar der Sicherheitsbehörden. Ein Grund mehr für Politik und Presse, die Entwicklung genau im Auge zu behalten.


Foto: Jasenovac, Quelle: Andrej, Flickr, CC BY-SA 2.0

Über die Autorin und den Autor

Martina Renner ist stellvertretende Parteivorsitzende der Partei Die Linke und Mitglied des Bundestages. Dort ist sie Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion. Sie war u.a. Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss.

Benjamin Paul-Siewert ist politischer Erwachsenenbildner, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestagbüro von Martina Renner.

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