Dunkle Kräfte unter schützender Hand – Über den Faschist Bolesław Piasecki in der Volksrepublik Polen

Polen erlebte den Einbruch eines Jahrhundertwinters. Während die Innenstadt Warschaus unter meterhohen Schneemassen kapitulierte und die hektischen Neujahrsvorbereitungen bei minus 30 Grad jäh zum Erliegen kamen, lag im Militärkrankenhaus weitab vom Zentrum der Stadt einer der umstrittendsten Politiker Polens im Sterben. Das Lebenswerk dieses Mannes reflektierte wie ein Zerrspiegel die tiefsitzenden Ambivalenzen der polnischen Nachkriegsgesellschaft. In den frühen Stunden der Neujahrsnacht 1979 endete sein Leben. Wenige Tage später versammelte sich auf dem ehrwürdigen Powązki-Friedhof eine Trauergesellschaft, deren sonderbare Zusammensetzung das Leben des Toten ebenso versinnbildlichte wie eine Allianz, die so alt war wie die Volksrepublik Polen selbst: Seite an Seite nahmen hier neben der sozialistischen Elite des Landes führende Faschisten der Vorkriegszeit von einem Mann Abschied, der eine Brücke zwischen diesen zwei Welten war.

Von Piotr Franz, Berlin/Warschau

„Er lebt wie ein Kapitalist. Er besitzt eine Luxuswohnung in der Warschauer City und ein Haus auf dem Lande. Seinen schwarzen ‚Jaguar‘ und seine Liebesaffären kennt die ganze Stadt.“ (Der Spiegel: 67)

Was wie der Auftakt einer polnischen 007-Adaption klingt, druckte Der Spiegel von Juni 1965 nicht etwa in den Rubriken Kultur oder Film und war auch sonst keine reine Fiktion: „Er verdient Millionen, doch Gomułkas Kommunisten halten ihn für unbezahlbar“ (ebd.). Władysław Gomułka, seit 1956 Chef der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei PZPR und seinerseits Liebhaber eher nüchterner Mercedes-Limousinen, protegierte hier keinen exzentrischen Geheimdienstagenten, sondern eben jenen 1979 verstorbenen Politiker, dessen ungewöhnliche Vor- und Nachkriegsbiographie durchaus einem Abenteuerroman zu entspringen scheint. Die Rede ist von Bolesław Piasecki, Kopf von Stowarzyszenie PAX, der größten privaten Verlags- und Unternehmensgruppe in der Volksrepublik Polen, Staatsrat sowie langjähriger und hochdekorierter Abgeordneter im Sejm. Zeitgenossen aber sahen in Piasecki nicht allein den sozialistischen Staatsmann, sondern den berüchtigsten polnischen Faschisten der Vorkriegszeit. Doch auch in der neuen, sozialistischen Realität konnten Piasecki und seine Entourage mit wechselnder Rückendeckung von führenden PZPR-Kadern ihre nationalistische Agenda fortführen. Eine verhängnisvolle Allianz aus ‚patriotischen‘ Sozialisten und ehemaligen Faschisten im PAX-Milieu führte schließlich zu einem Ereignis, das im Europa der Nachkriegszeit seinesgleichen sucht und sich dieses Jahr zum fünfzigsten Mal jährte: die antisemitische Kampagne von 1968. Doch wie kam es dazu?

 

Warschau 1934 – Tod den Feinden des Vaterlands!   

Mit der Gründung des Obóz Narodowo-Radykalny ONR (Nationalradikales Lager) im Jahr 1934 schickte sich eine Gruppe junger Warschauer Akademiker an, totalitäre Gesellschaftskonzepte im Geiste Roms oder Berlins in ein polnisches Pendant zu übersetzen. Unter den Gründungsmitgliedern des ONR fand sich auch der damals erst 19-jährige Student Piasecki. Schon nach wenigen Monaten wurde das ONR verboten und die Führungsriege nach Bereza Kartuska, ein vom KZ-Dachau inspiriertes Konzentrationslager, verschleppt. Es ist dieser Aufenthalt, der Piasecki lehrt, dass sich politische Macht in einem autoritären Staat nicht durch Revolution, sondern nur durch Kooperation erreichen lässt obschon das ONR auch weiterhin die Idee eines ‚nationalen Umsturzes‘ propagierte. Wieder auf freiem Fuß verantwortete Piasecki fortan als ‚Führer‘ des totalitären Ruch Narodowo-Radykalny RNR (Nationalradikale Bewegung) durch paramilitärische Schlägertruppen zahlreiche Anschläge auf Juden, Sozialisten und Kommunisten. Mithilfe gewaltsamer Proteste fordert er teilweise erfolgreich die Einführung von Zulassungsbeschränkungen von Juden an Hochschulen sowie die räumliche Trennung von jüdischen und christlichen Kommilitonen in Hörsälen, sogenannte ‚Sitzbankgettos‘, ein. Zeitweilig avancierte er gar zum offiziellen Partner der autoritären Regierung in Jugendfragen. Ziel war die Installation eines Großreiches totalitärer Ordnung ein katholischer Staat polnischer Nation. Die Mittel dazu: die militärische Unterwerfung der slawischen Nachbarvölker und die Ghettoisierung, Entrechtung und Ausweisung der jüdischen Polen.

 

Antisemitismus im Auge des Holocausts

Während des Zweiten Weltkrieges kämpfte Piaseckis Untergrundbewegung Konfederacja Narodu KN (Konföderation der Nation) folglich nicht nur gegen die deutschen Besatzer, sondern intensivierte auch den Kampf gegen die verfolgten Juden: „Die Deutschen und Juden haben die Welt in Brand gesetzt, zusammen müssen sie verbrennen“ (Faliński 1985: 61), heißt es im hauseigenen Blatt Nowa Polska (Neues Polen). Noch im September 1944, zwei Monate nach der Befreiuung des Vernichtungslagers Majdanek bei Lublin, begrüßt man im Artikel Likwidacja Żydostwa (Die Liquidierung des Judentums) ein „entjudetes Polen“, seien die Juden doch stets ein in jeglicher Hinsicht schädliches und feindliches Element für die Polen gewesen (ebd.: 63).

 

NKWD-Gefängnis, 1944 – Ziemlich beste Feinde

Wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Artikels geriet Piasecki in die Fänge der sowjetischen Geheimpolizei und wird in den Kellergewölben des Lubliner Schlosses interniert, wo sich das NKWD-Hauptquartier in Polen befand. Geschickt bläht Piasecki in Verhören seine Rolle im Untergrund auf und bietet sich als unerlässlicher Partner bei der Stabilisierung der sowjetischen Vorherrschaft in Polen an. In der Tat interessiert sich bald ein ranghoher Verantwortungsträger des NKWD für den willigen Helfer: General Ivan Serov, Schlüsselfigur stalinistischer Verbrechen und ab 1954 erster Vorsitzender des KGB. Zwar waren sich General Serov und Gefangener Piasecki wenige Wochen zuvor noch einander Todfeinde, während der Verhörungen aber soll sich zwischen den zwei Hasardeuren bald eine Art Kumpelei entwickelt haben: beide rühmten sich unverhohlen ihres Antisemitismus und tauschten als berüchtigte Schürzenjäger Anekdoten ihrer ‚erotischen Eroberungen‘ aus (Kunicki 2012: 79). Von Zeitgenossen wurde der Annäherungsversuch des prominenten Faschisten an den sowjetischen Geheimdienstgeneral als Opportunismus gedeutet; für Piasecki ging es um das nackte Überleben. Fest steht aber auch, dass die faschistisch-sowjetische Allianz durchaus eine Win-Win-Situation für beide Seiten darstellte und Piasecki eine, wenngleich variierte, Fortführung seiner weltanschaulichen Arbeit ermöglichte: „not only did the communists utilize nationalism, but […] they also prolonged the existence of the nationlist right“ (Kunicki 2005a: 59).

Links: Bolesław Piasecki. Rechts: Gerald Götting (CDU), stellvertretender Staatsratsvorsitzender der DDR und Volkskammerpräsident. Aufgenommen am 13 Juli 1955. Foto: Bundesarchiv, Hans Günter Quaschinsky.
Links: Bolesław Piasecki. Rechts: Gerald Götting (CDU), stellvertretender Staatsratsvorsitzender der DDR und Volkskammerpräsident. Aufgenommen am 13 Juli 1955. Foto: Bundesarchiv, Hans Günter Quaschinsky.

Genese einer faschistisch-kommunistischen Allianz

Es mag verwundern, wie rasch sich ein faschistisches Milieu, das den Kampf gegen die ‚Judäo-Kommune‘ (hinter dem Begriff steht die Annahme, dass der Kommunismus ein jüdisches Instrument zur Erlangung der Weltherrschaft sei) stets als ideologischen Leitsatz verstand, für den neuen Status quo unter sowjetischer Besatzung erwärmen konnte.

Bei näherer Betrachtung aber werden zwischen den programmatischen Forderungen der Nationalradikalen Bewegung und der gesellschaftlich-politischen Realtität in Polen nach 1944 Gemeinsamkeiten erkennbar, die eine Allianz mit den neuen Herren im Lande deutlich begünstigten: Wie vom Vorkriegs-ONR gefordert reichte Polen im Westen, ähnlich wie zur Regentschaft des Piastenkönigs Bolesław I. (dessen Schwert unterschiedlichen rechten Gruppen wie auch dem ONR als Symbol dient) wieder an die Oder und Neiße heran. Die polnische Gesellschaft war erstmals in ihrer Geschichte als Folge aus Shoah, der Zwangsumsiedlung und Vertreibung nationaler Minderheiten sowie der Westverschiebung der Staatsgrenzen ethnisch und konfessionell nahezu homogen. Die slawischen Völker waren politisch durch das Bündnis mit der Sowjetunion geeint. Auch die wirtschaftliche und innenpolitische Ordnungsvorstellung der Sowjetmacht korrespondierte weitestgehend mit den autoritären Vorstellungen des Piasecki-Lagers einer zentralistischen Herrschaft ausgewählter Eliten. Welchen Nutzen aber zogen die kommunistischen Machthaber aus einer Kooperation mit den ONR-Faschisten?

Piaseckis Faustpfand waren sein Netzwerk und seine Autorität im Milieu junger Nationalisten, die 1944/45 ein nicht zu unterschätzendes Widerstandspotenzial darstellten. Mithilfe seines Einflusses sollte das weit verzweigte und kampferprobte Netzwerk zur Unterstützung des neuen Systems mobilisiert werden. Die Beteiligung prominenter Vorkriegsfaschisten und Untergrundkämpfer mit Piasecki an der Spitze sollte den noch fragilen kommunistischen Machtapparat zumindest teilweise vom virulenten Stigma der ‚Judäo-Kommune‘ und Fremdherrschaft befreien. Die eigentliche Stoßrichtung aber galt der katholischen Kirche. Mit dem Stowarzyszenie PAX wurde Piasecki der Aufbau eines antiklerikalen, nichtsdestotrotz aber katholischen Gegenspielers gewährt. Während die Macht der Kirche systematisch untergraben wurde, inszenierte sich die sozialistische Staatsführung so als pro-katholisch. Ein dergestalt als „trojanisches Pferd“ erdachtes Instrument, so der Primas Polens Kardinal Stefan Wyszyński 1950, habe die Zerschlagung der Solidarität der polnischen Katholiken zum Ziel (Żaryn 2004: 110). In der Tat gelang es der progressiv auftretenden PAX, zahlreiche Intellektuelle zu gewinnen. Doch auch mehrere tausend Geistliche folgten Piaseckis Ruf und versetzten so der katholischen Kirche einen empfindlichen Aderlass (Kłoczowski 2000: 318).

 

Im Nationalkommunismus vereint – Gomułka und Piasecki

Sukzessive verselbstständigte sich PAX zum Eckpfeiler einer Ordnungsvorstellung, die Piasecki trügerisch ‚Pluralismus der Weltanschauungen‘ taufte. Streng genommen ließ dieser Pluralismus aber genau zwei Weltanschauungen zu: einen nationalen Sozialismus und einen nationalen Katholizismus. Angestrebt wurde eine Herrschaftsform, in der sich Partei und PAX politisch auf Augenhöhe begegnen würden. Im Rahmen eines solchen Flirts sollte das kommunistische System zivilisiert, durch die Zulassung von PAX als Partei pluralisiert sowie durch die Integration opportuner Elemente der Kirche stabilisiert werden (Kunicki 2005b: 65). Letzten Endes blieben Piaseckis Vorstellung einer Machtdividende zugunsten eines dualen Systems jedoch illusorisch. Auch seine Bestrebung einer Anerkennung der PAX als Partei, ähnlich der Ost-CDU, scheiterten am Alleinherrschaftsanspruch der PZPR. Angesichts der widrigen Rahmenbedingungen aber muss Piaseckis Bestrebung, national-radikale Schlüsselmotive in die politische Agenda der Volksrepublik zu übertragen, als Erfolg gewertet werden.

Einer im Grundsatz ähnlichen Aufassung von Nationalismus und Sozialismus war auch Władysław Gomułka, zu diesem Zeitpunkt noch stellvertretender Ministerpräsident und Minister für die neuen Westgebiete. Als Nationalkommunist sah auch Gomułka die Dominanz jüdischer Kommunisten in der Parteiführung, die den Krieg, anders als er, nicht in Polen, sondern in der Sowjetunion verbracht haben, mit großem Argwohn. Unverblümt beschwerte er sich 1948 über die seines Erachtens unverhältnismäßig hohe Zahl von Juden in der Partei und deren offene Feindschaft ihm gegenüber (Kunicki 2005a: 198). Adressat der Beschwerde: Josef Stalin. Kurz hierauf sank der Stern des stellvertretenden Ministerpräsidenten. Stalintreue Politkader denunzierten ihn als „rechtsnationalistischen Abweichler“ und stürzten ihn. Es folgten Parteiausschluss und Haft. Mit Beginn der Entstalinisierung, der sogenannten Tauwetter-Periode ab 1956, brach jedoch die Stunde seiner Revange an: Politisch gestärkt kehrte er als Parteichef zurück. Gestärkt war auch sein Wille, die Partei von jenen zu säubern, die er für seine lange Inhaftierung kollektiv verantwortlich machte: jüdische Parteikader. Unterstützer seines Ansinnens fanden sich bei PAX.

Vereint im Antizionismus: Władysław Gomułka und Leonid Breschnew. Hier auf dem VII. Parteitag der SED am 17.04.1967. Foto: Bundesarchiv, Ulrich Kohls.
Vereint im Antizionismus: Władysław Gomułka und Leonid Breschnew. Hier auf dem VII. Parteitag der SED am 17.04.1967. Foto: Bundesarchiv, Ulrich Kohls.

 

Warschau 1967 – Summer of Hate

Der Eiserne Vorhang war bisweilen durchlässiger, als sein Name annehmen lässt. Nicht nur, dass seit den 1960er Jahren auf den Straßen von Breslau oder Danzig Blue-Jeans getragen wurden und sich auf den Schallplattenspielern junger Polen die Beatles drehten. Auch die Politisierung und Protestbereitschaft von Studierenden schien im Zuge des Vietnamkriegs die Systemgrenze von Paris und West-Berlin nach Warschau mühelos passiert zu haben, wie Flugblätter der linken Studentengruppe ‚Komandosi‘ um Adam Michnik, heute Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, vom Oktober 1967 nahelegen:

Die vietnamesischen Partisanen kämpfen für ein Ziel, das auch das unsrige ist: das Recht auf eine Revolution gegen gesellschaftliche und die damit verbundene nationale Unterdrückung […]. Indem wir für ein souveränes und sozialistisches Vietnam kämpfen, kämpfen wir auch um ein souveränes und sozialistisches Polen. […] Wir solidarisieren uns mit den westdeutschen Studenten, der französischen Linken und den tschechischen Intellektuellen. (Vetter 2014: 87)

Freilich hatten die Forderungen der linken Warschauer Studierendenschaft des Jahres 1967 ganz eigene Wurzeln und adressierten einen mit westeuropäischen Gesellschaftsordnungen kaum vergleichbaren Horizont des Machbaren. Und auch die programmatisch-ideologische Ähnlichkeit der studentischen außerparlamentarischen Linken Westeuropas und Polens erwies sich im Verlauf der nachfolgenden Monate als brüchig. Auslöser der Entzweiung war ein militärischer Konflikt in Nahost, der die polnische Gesellschaft (und die Linke in Westeuropa) spalten sollte: der Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und den arabischen Staaten.

Der Ausgang des Kriegs zugunsten Israels wurde von der polnischen Bevölkerung mit allgemeiner Freude und spontanen Feierlichkeiten begrüßt: „Unsere Juden haben ihre [die sowjetischen, P.F.] Araber geschlagen” (Eisler 2006: 4). Die Kunde von dieser antisowjetisch motivierten, polnisch-israelischen Solidarität gelangte über Geheimdienstberichte indes rasch nach Moskau, wo zu diesem Zeitpunkt schon der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Warschauer-Pakt-Staaten mit Israel vorbereitet wurde. Gomułka stand unter Zugzwang es galt zu beweisen, Herr der Lage zu sein. Im Zentralkommitee der PZPR fiel die Entscheidung, dass die Lösung des Problems in der Propagierung eines gemeinsam mit dem nationalistischen Innenminister Mieczysław Moczar konstruierten Feindbildes „Zionismus“ liege. Mithilfe einer breit angelegten Medienkampagne ließen sich so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Parteiführung konnte Polens Loyalität gegenüber Moskau zur Schau stellen und Gomułka seine Revanche an jüdischen Parteikadern vollziehen. Was folgte, war das Fanal eines seit 1945 ungesehenen Staatsantisemitismus, der im März 1968 seinen Höhepunkt erreichen sollte.

 

„Israel nimmt sich ein Vorbild an Hitlers […] Blitzkrieg.“

– Władysław Gomułka (Żukowski 2014: 35)

Seit Sommer 1967 wurde Israels Armee wahlweise mit der SS oder der Wehrmacht, (Wawrzyniak 2007: 168), Israels Regierung als amerikanisch-westdeutsche-imperalistische Handlanger, der Präventivschlag gegen die arabische Allianz als „israelischer Blitzkrieg“ (Dahlmann 2018: 71; Wawrzyniak 2007: ebd.) und polnische Sympathisanten des israelischen Sieges als „Fünfte Kolonne“ bezeichnet. Doch dies war kein Krieg allein der Worte. Zügig legten die dem Innenminister Moczar unterstellten Sicherheitsorgane Listen von Intellektuellen, Journalisten, Staatsdienern und Parteifunktionären jüdischer Herkunft an (Kunicki 2005b: 71). Das eigentliche Wesen hinter dem „Kampf gegen den Zionismus“ erkannten die Vorkriegsfaschisten bei PAX sofort und sahen ihre Stunde schon gekommen: „When people say ‚revisionists‘ they mean ‚Jews‘“ (Kunicki 2005a: 200).

Seit Gomułkas Verurteilung polnischer Juden als „Fünfte Kolonne“ lag die Vorahnung antisemitischer Säuberungen in der Luft, wie Kazimierz Witaszewski, Chef des Verwaltungsreferats des Zentralkommitees der PZPR, freudig bemerkte: „After twenty-three years of people’s power, it is time to solve this delicate problem, […] our party will cleanse itself of an undesirable element.“ (Kunicki 2012: 150) Es dauerte nicht lang, bis mehrere hundert hochrangige Armeeangehörige und lokale Parteikader jüdischer Herkunft vom Dienst suspendiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt lebten von den ehemals etwa drei Millionen der Vorkriegszeit nur noch zwischen 30.000 bis 40.000 Bürger jüdischer Herkunft in Polen. Der Großteil davon, hier insbesondere die Jugend, verstand sich jedoch ausschließlich als polnisch, so auch Janina Bauman, Ehefrau des Soziologen Zygmunt Bauman, die nach einem Abendessen mit Freunden in den Weihnachtsfeiertagen 1967 verzweifelt notierte: „Unsere Gäste behaupteten, in Polen gäbe es keine Zukunft mehr für sie. Als einziger Ausweg […] bliebe die Ausreise. […] Wir wussten beide, dass sie recht haben, aber keiner von uns konnte sich ein Leben außerhalb Polens vorstellen.“ (Dahlmann 2018: 85). Auch die Mitglieder der studentischen Komandosi-Gruppe waren sich der wachsenden Anspannung bewusst, trotzten der Atmosphäre aber mit Blick auf die liberalen Reformen im tschechoslowakischen Nachbarland; auch Polen sollte seinem Sozialismus ein menschlicheres Antlitz verleihen. Viele von ihnen hatten selbst jüdische Wurzeln und Eltern, die höhere Positionen in Partei und Staat einnahmen. In der Tat sollten deswegen die Mitglieder der Komandosi-Gruppe schon wenige Wochen nach Weihnachten 1967 in das Fadenkreuz von Piaseckis Vorkriegsfaschisten geraten.

 

Vorbild Prag: Warten auf einen polnischen Dubček

Auslöser war die Absetzung des Theaterstücks Dziady (dt.: Die Ahnenfeier) des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz Ende Januar 1968 am Warschauer Nationaltheater. Die Inszenierung von Kazimierz Dejmkow entlockte dem Theaterpublikum immer wieder Bravo-Rufe und Beifall, wo historische Analogien zwischen zarischem Despotismus und sowjetischem Imperialismus deutlich wurden. Mit der Zensur des Stücks brach jedoch eine Welle von Demonstrationen los, die schnell über die Forderung der Kunstfreiheit hinausgingen. Neben Studenten protestierten auch prominente Schriftsteller für das Ende der Zensur und nannten den staatlichen Antisemitismus beim Namen. Gefordert wurde die Demokratisierung des Systems nach Vorbild des Prager Frühlings unter Alexander Dubček (Dahlmann 2018: 88; Kunicki 2012: 151). Zur gleichen Zeit wurden zwei studentische Anführer, Adam Michnik und Zygmunt Szlajfer, aufgrund ihres Interviews mit der französischen Zeitung Le Monde zwangsexmatrikuliert. Als Akt der Solidarität wurden für Anfang März landesweit Demonstrationen angekündigt. Doch schon im Vorfeld wurden ihre Organisatoren verhaftet und die anlaufenden Demonstrationen von Miliz und Spezialkräften blutig im Keim erstickt. Selbst ranghohe Politkader zeigten sich vom brutalen Vorgehen der Staatsmacht erschüttert. Adam Schaff, ZK-Mitglied und Chefideologie des PZPR, kommentierte bestürzt, dass nicht einmal das Vorkriegs-ONR ein solches Ausmaß an Gewalt und Antisemitismus kannte (Dahlmann 2018: 157).

 

Brandstifter Piasecki – Beginn der antisemitischen Säuberung

Auch bei der PAX fühlte man sich vergangener Tage beim ONR erinnert. Zygmunt Przetakiewicz, vor 1939 Chef der paramilitärischen ONR-Schlägertruppen und seit 1956 Mitglied des PAX-Präsidiums, zog Analogien zu den antisemitischen Universitätsstreiks seiner Jugendjahre: „If you stand by your convictions … you must be ready to risk your neck. […] We organized our strike under the slogans of numerus clausus (Kunicki 2005a: 218). Noch am Tag der blutigen Demonstrationen erreichten die Namen der verhafteten Komandosi-Anführer die Redaktion des PAX-Organs Słowo Powszechne (Das Allgemeine Wort), die als erste Zeitschrift Polens die Märzunruhen kommentierte. Mit dem Artikel Do studentów Uniwersytetu Warszawskiego (An die Studenten der Universität Warschau) überließ PAX-Chef Piasecki nichts dem Zufall: Es war der Funke, der die antisemitische Kampagne vollends entfachten sollte. Der Artikel gab nicht nur Gomułka Rückendeckung, sondern fügte die Ereignisse zu einem kohärenten, antisemitischen Narrativ zusammen: Hinter den Protesten stecke eine israelisch-bundesrepublikanische Verschwörung zum Sturz der polnischen Regierung. Die antipolnische Allianz habe das intellektuelle und studentische Milieu mit Agenten infiltriert, um mitunter die Verantwortung an der Shoah den Polen zuzuschieben – ein Argument das auch 2018 wieder anklingt. Doch wer sollen diese Agenten gewesen sein? Piaseckis Antwort: jüdische Stalinisten. Sie hätten Gomułkas nationalkommunistische Lösung 1948 als Abweichlertum denunziert, ihre ebenfalls antipolnischen Kinder zettelten nun die März-Proteste an. Doch die eigentliche Botschaft: Die Verschwörung hat Gesichter. Namentlich stellte Piasecki die verhafteten Studenten an den Pranger. Auch unter Nennung ihrer Eltern und Berufe. Binnen weniger Stunden verloren letztere ihre Arbeit.

Zu Widerspruch kam es nur vereinzelt. Verbittert trat im März 1968 der einflussreiche Staatsratsvorsitzende Edward Ochab von seinen Funktionen in Amt und Partei zurück und nannte das Verbrechen beim Namen: „Als Pole und Kommunist protestiere ich mit tiefster Empörung gegen die antisemitische Hetze […] die von unterschiedlichen dunklen Kräften organisiert wird: gestrige ONR-Leute und ihre heutigen, mächtigen Beschützer.“ (Eisler 2006: 591). Im Verlauf der Kampagne wurden Partei, Staatsorgane und öffentliche Einrichtungen wie Universitäten oder Krankenhäuser von Personen jüdischer Herkunft gesäubert, 1500 Studenten exmatrikuliert und zahlreiche Protestierende inhaftiert. Bis 1972 verloren etwa 15.000 polnische Bürger ihre Staatsbürgerschaft und wurden zum Verlassen ihrer Heimat und Aufgabe ihrer Existenz gezwungen (Eisler 2006: 759).

 

Ein lebendiges Feindbild – ‚antipolnische Juden‘

Unter den Vertriebenen war auch Jan Tomasz Gross. Der 1969 zu fünf Monaten Gefängnis verurteilte und anschließend emigrierte Historiker wurde knapp 30 Jahre später mit dem Verdienstkreuz der Republik Polen ausgezeichnet. Seit dem Wahlsieg der Regierungspartei PiS und ihrer Maxime des heldenhaften polnischen Opfertums scheinen Personen wie Jan Tomasz Gross jedoch erneut als unerwünschte, als unpolnische Elemente kriminalisiert zu werden. Seine unbequemen Forschungsfragen zum polnischen Antisemitismus mündeten 2015 in einer gerichtlichen Untersuchung wegen „Herabwürdigung der polnischen Republik“ und auch das Verdienstkreuz soll ihm, auf Drängen von Staatspräsident Andrzej Duda, wieder aberkannt werden. Mit bedrückender Aktualität liest sich folglich der desillusionierte Ton des vor 50 Jahren in der New York Times erschienenen Artikels: „The Jews share the feeling of bafflement, a bitter realization that they had duped themselves into believing that anti-Semitism was a part of Poland’s tragic past.“ (Randal 1968: 12).


Der Artikel erschient zuerst in der Printausgabe 04/2018 „Ungewöhnliche Allianzen“ im Dezember 2018 | Seite 64-71

Literaturverzeichnis

Dahlmann, Hans-Christian: Antysemityzm w Polsce roku 1968. Między partią a społeczeństwem, Warszawa, Żydowski Instytut Historyczny im. Emanuela Ringelbluma 2018. [Im Original: Antisemitismus in Polen 1968. Interaktionen zwischen Partei und Gesellschaft, Osnabrück, fibre Verlag 2013].

DER SPIEGEL 24/1965: POLEN / Piasecki. Rosenkranz und Rattengift, S.67-69.

Eisler, Jerzy: Polski Rok 1968, Instytut Pamięci Narodowej. Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu Seria „Monografie”: tom 22, Warszawa 2006.

Faliński, Stanisław Sławomir: „Ideologia Konfederacji Narodu”. In: Przegląd Historyczny 76/1, 1985, S. 57-76.

Kłoczowski, Jerzy: A History of Polish Christianity, Cambridge, Cambridge University Press 2000.

Kunicki, Mikołaj Stanisław (2005a): “The Red and the Brown: Boleslaw Piasecki, the Polish Communists, and the Anti-Zionist Campaign in Poland, 1967-68”. In: East European Politics and Societies, Vol. 19, No. 2, S. 185-225.

Kunicki, Mikołaj Stanisław (2005b): “The Nationalist Right under Communism: Bolesław Piasecki and the Polish Communists, 1944-1979”. In: Kusa, Dagmar / Moses, Shai (Hgg.): Aspects of European Political Culture. IWM Junior Fellow’s Conferences, Vol. XX, Vienna, S. 59-76.

Kunicki, Mikołaj Stanisław: Between the Brown and the Red. Nationalism, Catholicism and Communism in 20th-Century Poland – The Politics of Bolesław Piasecki, Athens, Ohio University Press, 2012.

Randal, Jonathan: Many Polish Jews Emigrating in Wake of Purge of ‘Zionists’, New York, 18.08.1968, The New York Times. [Transkription eines Exponats aus der Ausstellung Obcy w domu. Wokół Marca ´68 (Estranged. March ´68 and its aftermath) im Museum der Geschichte der polnischen Juden, POLIN, durch den Autor, 24. September 2018].

Vetter, Reinhold: Bronisław Geremek: Der Stratege der polnischen Revolution. Berlin, Berliner Wissenschaftsverlag BWV 2014.

Wawrzyniak, Joanna: „Kriegsgeschichten. Juden als Deutsche in Polen, 1967-1968.“ In: Bingen, Dieter/ Loew, Oliver Peter/ Wóycicki, Kazimierz (Hgg.): Die Destruktion des Dialogs. Zur innenpolitischen Instrumentalisierung negativer Fremd- und Feindbilder. Polen, Tschechien, Deutschland und die Niederlande im Vergleich, 1900-2005. Wiesbaden, Harrasowitz Verlag 2007, S. 162-175.

Żaryn, Jan: “In Conflict with the Communist State: The Catholic Church and Catholic Political Organizations in Poland.” In: Gehler, Michael/ Kaiser, Wolfram: Christian Democracy in Europe Since 1945. Volume 2, London, Routledge 2004, S. 103-120.

Żukowski, Tomasz: „Ustanowienie nacjonalistycznego pola dyskursu społecznego.Spór między partią aKościołem wroku 1966.” In: Chmielewska, Katarzyna/ Wołowiec, Grzegorz/ Żukowski, Tomasz (Hgg.): Komunizm. Idee – Dyskursy – Praktyki. Rok 1966, PRL na Zakręcie, Warszawa, Instytut Badań Literackich PAN 2014, S. 11-38.

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