Die „Herrschenden“ in „Deutsch-Nordost“: Eine Konferenz diskutiert Aspekte der „Kolonialisierung“ Ostdeutschlands

Eine Tagung in Dresden fragte nach Aspekten der „Kolonialisierung“ Ostdeutschlands. Ob das mit der Kolonialisierung stimmt, wollten wir anhand einiger Argumente prüfen.

Von Thomas Stange, Dresden/Berlin
Die Energiefabrik Knappenrode diente als ein Tagungsort der mehrtägigen Konferenz. Bis 1993 war sie zur Herstellung von Briketts in Betrieb. Foto: T. Stange
Die Energiefabrik Knappenrode diente als ein Tagungsort der mehrtägigen Konferenz. Bis 1993 war sie zur Herstellung von Briketts in Betrieb. Foto: T. Stange

Ja

Können wir bei den gemachten Erfahrungen der Wendezeit in Ostdeutschland seit 1990  von einer „Kolonialisierung“ reden? Die Antwort der Tagung „Kolonie Ost? – Aspekte von Kolonialisierung Ostdeutschland“, ausgerichtet vom Dresdner Institut für Kulturstudien und der Energiefabrik Knappenrode, ist ein verhaltenes „Ja“. Ja, weil es sich beim Transformationsprozess um eine Modernisierung gehandelt hatte, die mit dem Verlust eines Wertesystems einherging, wie der Soziologe Michael Hofmann beschreibt. Ja, weil die Treuhand eine rücksichtslose Privatisierung durchführte, in der selbst profitable DDR-Betriebe zu Ramschpreisen verhökert wurden und aus der die Ostdeutschen besitz- und mittellos zurückblieben, wie der Historiker Markus Böick sagt. Böick konstatiert, dass diese Unbill der Wendezeit in keinem deutschen Schulunterricht Thema sei. Ja, weil die ungeminderte Abwanderung und der daraus folgende Brain Drain in den ostdeutschen Ländern  einer „post-kolonialen Situation“ gleicht, wie der Soziologen Raj Kollmorgen argumentiert. Ja, weil es sich laut der Migrationsforscherin Naika Foroutan verfestigt habe, wie die Mehrheit den Osten sieht. Der „Ostdeutsche“ sei ein „Jammer-Ossi“ (ich-will-auch-mal) und Ostdeutschland als Region gelte landläufig als „brauner Osten“,  in dem rechte Haltungen nicht zur Genüge „angepackt“ würden. Solcherlei Stereotypen tragen zur Deprivation der Ostler:innen bei. Dass sowohl Ostdeutsche als auch Migrant:innen nach einer vagen Schätzung insgesamt bis zu 50% der Bevölkerung stellen, Westdeutsche aber in allen gesellschaftlichen Bereichen die Schaltstellen besetzen, deuten ebenfalls auf einen Aspekt von Kolonialisierung hin. Begründet werde dieses Ungleichgewicht mit der „Rückständigkeit“ des Ostens, die sich als Stereotyp bei Ost- und Westdeutschen gleichermaßen zeige, berichtet Kollmorgen. Ost-Quoten würden lediglich ein Nacheifern befördern.  Selbst wenn alle Positionen in relativer Parität besetzt würden, wären die vielschichtigen Problemlagen der Ungleichheit nicht gelöst, argumentiert Kollmorgen. Eine Quotenlösung würde zudem auf eine geheime Anerkennung der Maßstäbe der „Kolonialherren“ hinauslaufen.

Die Soziolog:innen Sandra Matthäus und Daniel Kubiak kritisieren bestimmte systemische Begriffe, mit denen Ostdeutsche umgehen, aber auch umzugehen haben: Die „nochs“, mit denen Ostdeutschen vorgeworfen wird, sie seien „noch nicht angekommen“ oder hätten „noch“ nicht an den Wohlstand der industriellen Zentren des Westens aufgeschlossen.
Und auch die historische Retrospektive spricht für die Kolonialisierungsthese: Kollmorgen wirft die Frage auf, ob Ostdeutschland und die Region östlich der Elbe nicht schon seit dem Mittelalter eine tradierte Region der Kolonialisierung waren, in der Slawen gesiedelt und „Deutsche“ später eine Mehrheit gestellt hätten.

Jein

Die Zeit der Wende fiel in die Zeit der Neoliberalisierung der westlichen Welt. Deshalb seien eine „Wirtschaftsregierung des Ostens“ durch die Treuhand und ihre radikalen Privatisierungsmaßnahmen kaum zu verhindern gewesen, sagt Michael Hofmann.
Trotzdem hätte man sich  von den in den Osten gekommenen westdeutschen Funktionär:innen mehr Sensibilität gewünscht, konstatiert Frank Richter, Pfarrer und ehemaliger Vorsitzender der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung. Eine Sensibilität, die sich auch der Organisator der Tagung, Paul Kaiser, gewünscht hätte. Er berichtet, dass ein Direktor in der Galerie Neue Meister in Dresden nach 17 Jahren Leitung keinen Schimmer vom Bestand der DDR-Kunst in seinem Haus gehabt habe: Wohlgemerkt in einem Museum, in dem die zentralen Kunstausstellungen der DDR ausgerichtet wurden.

Die Folgen aus dem wirtschaftlichen Schock der Privatisierungen in der ehemaligen DDR konnten die Teilnehmer:innen der Tagung auf einer Exkursion in die Lausitz sehen, die ebenfalls Teil des Programms war. Kerstin Zinke, Leiterin der Industriekulturstätte Energiefabrik Knappenrode, und der Ethnologe Robert Lorenz berichteten vom Niedergang der Lausitzer Industrie, aber auch von möglichen Perspektiven. Der Bevölkerungsschwund in der gesamten Lausitz ist einschneidend, dennoch werden Schulschließungen inzwischen zurückgenommen. In manchen Gemeinden werden die Kitas erweitert.

Wandbild von Fritz Eisel an der Lausitzhalle in Hoyerswerda, bis 1992 Haus der Berg- und Energiearbeiter. Foto: T. Stange
Wandbild von Fritz Eisel an der Lausitzhalle in Hoyerswerda, bis 1992 Haus der Berg- und Energiearbeiter. Foto: T. Stange

Trotzdem bleiben die Härten der „Modernisierung“ des Ostens augenfällig. Menschen, die zum Großteil keinen Führerschein hatten, hat etwa der Rückbau der Eisenbahn- und Busverbindungen am Arbeitsmarkt zurückgeworfen. Die Hartz-Reformen taten ihr Übriges und hinterließen tiefe soziale und kulturelle Einschnitte in der Bevölkerung. Durch den Wegzug der jüngeren Menschen sind zwar Freiräume und preisgünstige Grundstücke zurückgeblieben, aber aufgrund der Perspektivlosigkeit auch eine erhöhte Bereitschaft, die AfD zu wählen.

Dennoch seien in der Region Räume entstanden, die es mit Optimismus zu füllen gilt. Das ist das ambivalente Zwischenergebnis der nicht zu übersehenden Nachwirkungen des ökonomischen und gesellschaftlichen Schocks, der mit der Wendezeit einherging.

Nein

Die Stadtforscherin Noa Ha wendete ein, dass die Konferenz den Nationalismus und den Kolonialismus des Industrielandes DDR und seiner Mehrheitsbevölkerung unerwähnt ließ. Das steht zwar in keinem Widerspruch dazu, dass die ehemalige DDR zumindest auf der Funktionsebene von Westdeutschland kolonisiert wurde, aber es ist als ein Einwand zu einer Ohnmachtserzählung zu verstehen. Gegen die Kolonialisierungsthese spricht der demokratische Willen der DDR-Bevölkerung, sich 1990 für einen Anschluss an Westdeutschland ausgesprochen zu haben – selbst wenn dieser auf übersteigerten Erwartungen beruhte.

Wie lässt sich nun plausibel über Aspekte der Kolonialisierung Ostdeutschlands sprechen? Michael Hofmann verwies auf die von Rosa Luxemburg entwickelte Theorie der Landnahme, nach der kapitalistische Staaten stets ein „Außen“ bräuchten, um entweder neue Absatzmärkte oder neue Investitionsgebiete zu finden. Ob man das nun als „innere Landnahme“ beschreibt, die sich nach dem Anschluss 1990 vollzogen hätte, oder als eine äußere, mag sich der Wirkung nach angesichts der individuellen Schicksale der Ostdeutschen nicht groß zu unterscheiden. Die These der „inneren Landnahme“ erschien insgesamt aber als die plausibelste bei der Suche nach den „Aspekten der Kolonialisierung Ostdeutschlands“.

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