Der Rhein wurde auf Deutsch schon häufig besungen… – Heimatbegriffe in der sowjetdeutschen Literatur

Was ist Heimat? Der Begriff ist alt, die Frage nach ihr aktuell. Manchmal erlaubt ein Blick in die Vergangenheit eine neue Sicht auf die Gegenwart. Eine politische und kulturelle Besonderheit bildet die deutsche Minderheit in der Sowjetunion. Aufgrund ihrer bewegten Geschichte, die geprägt ist von mehrfacher Migration, bietet sie einen interessanten Zugang zu der Frage, was Heimat bedeuten kann. Die Literaturseite der sowjetdeutschen Zeitung „Freundschaft“ aus der Kasachischen SSR bietet Einblick in die Heimatlyrik dieser Minderheit. Gedichte können ein Spiegel des historischen Kontextes sein – und vielleicht noch mehr. Kann Heimatlyrik transkulturell gelesen werden?

von Inés Noé, Berlin/Frankfurt (Oder)
Titelbild der Freundschaft vom 22.04.1966
Titelbild der Freundschaft vom 22.04.1966

Deutsche in der Sowjetunion

Deutsche Siedler, die dem Ruf der Zarin Katharina II. gefolgt waren, hatten sich im 18. Jahrhundert insbesondere im unteren Wolgagebiet des Russischen Reiches angesiedelt. Vor 100 Jahren, im Oktober 1918, wurde die Wolgarepublik der Deutschen im Zuge der Leninschen Nationalitätenpolitik für autonom erklärt. (Engel-Braunschmidt 1985, S. 127)

Doch die Politik der Sowjetunion gegenüber Minderheiten wandelte sich. Im Kontext des Zweiten Weltkriegs wurde die Autonome Wolgarepublik der Deutschen aufgelöst. 1941 verschickte Stalin die Angehörigen der Minderheit in Arbeitslager oder in die mäßig besiedelten Regionen Sibiriens und Kasachstans.

Auf diese Weise waren die ehemals gemeinsam an der Wolga lebenden Angehörigen der deutschen Minderheit in der Sowjetunion nach dem Krieg an sehr unterschiedlichen Orten zuhause. Die Frage nach einer legitimen Verallgemeinerung dieser Minderheit ist daher, wie bei jeder sozialen Gruppe, berechtigt. Was sie dennoch alle teilen ist eine bewegte Geschichte gewollter und unfreiwilliger Migration. Alle Angehörigen der deutschen Minderheit in der Sowjetunion hatten zu jenem Zeitpunkt gleich drei „Heimaten“: die historische, die alte und die neue. In der historischen Heimat Deutschland ist so gut wie niemand von ihnen gewesen. Deutschsein bedeutete häufig bloß den Dialekt, dem Hochdeutschen fern, aus dem ursprünglichen Herkunftsdorf zu wahren und die aus Deutschland mitgebrachte Bibel von Generation zu Generation weiterzugeben. Die alte Heimat an der Wolga hingegen kannte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die ältere Generation noch gut. Mit der neuen Heimat, den Zielen der politischen Verschickung – also vorrangig Zentralasien –, mussten sich alle arrangieren.

Das Dekret von 1941 veranlasste die Russlanddeutschen nicht nur zu einem Ortswechsel – es beinhaltete auch ein Schreib- und Publikationsverbot für ihre Schriftsteller:innen. Kulturelle Bewegungen in deutscher Sprache stagnierten auf dem Gebiet der Sowjetunion dadurch fast vollkommen. Das Fehlen einer geographischen Einheit trug dazu bei. (Engel-Braunschmidt 1985, S. 131)

1964 wurden die pauschalen Beschuldigungen gegen die Angehörigen der Minderheit – sie hatten die Deportation öffentlich rechtfertigen sollen – offiziell zurückgenommen. Forderungen nach der Wiederherstellung der Autonomie und der Erlaubnis für eine Rückkehr ins Wolgagebiet kamen auf, blieben aber erfolglos. (Krieger 2011, S. 32) Auch das Schreibverbot hatte damit ein Ende – sofort gründeten sich Zeitungen und die deutsche Sprache wurde wieder offiziell verwendet. (Kirjuchina 2000, S. 38)

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 03/2018 „Der Osten, die Heimat?“ im Juni 2018 unter dem Titel „Der Rhein wurde auf Deutsch schon häufig besungen… Heimatbegriffe in der sowjetdeutschen Literatur – transkulturelle Perspektiven?“ | S. 66-75

Die Tageszeitung „Freundschaft“

In Almaty, der damaligen Hauptstadt der Kasachischen SSR, wurde 1966 mit der Gründung der deutschsprachigen Tageszeitung „Freundschaft“ eine große Lücke geschlossen: Rund die Hälfte aller Angehörigen der deutschen Minderheit lebte mittlerweile in Kasachstan. Die „Freundschaft“ war eine von drei deutschsprachigen Zeitungen innerhalb der Sowjetunion. Besonders ihr einender Charakter war für ihre geographisch zersplitterte Leser:innenschaft von großer Bedeutung. Darüber hinaus bedeutete sie nicht nur Anwendung der Muttersprache nach jahrzehntelangem Sprachverbot, sondern bot auch Ersatz für Literatur, Sprachbildung und Schulbücher, die kaum vorhanden waren.

Wie die beiden anderen deutschsprachigen Zeitungen etablierte die „Freundschaft“ bereits in den ersten Wochen eine Literaturseite, welche regelmäßig Texte unterschiedlicher Genres von sowjetdeutschen Schriftsteller:innen der Leser:innenschaft zugänglich machte.

Ein Blick ins Archiv dieser Zeitung soll im Folgenden dazu dienen, anfangs gestellten Fragen nachzugehen – was kann Heimat für jene bedeuten, die offenkundig eine bewegte Geschichte hinter sich haben?

Freundschaft vom 25.08.1987
Freundschaft vom 25.08.1987

Literatur der Sowjetdeutschen

Schreiben, sich geographisch und sprachlich (neu) verorten und politische Forderungen gingen seit den 60er Jahren bei der deutschen Minderheit in der Sowjetunion Hand in Hand. Schreiben bedeutete die Verwendung der Muttersprache, das Verarbeiten der Vergangenheit und, durch den Faktor der Öffentlichkeit, das Herstellen eines neuen Kollektivs. Schreiben ist nicht nur der Spiegel der Seele, sondern darüber hinaus der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Alles ist politisch – selbst Literatur: „Sowjetdeutsch“, der neue Begriff, der „Ende der 20er Jahre in Opposition zu ‚Rußlanddeutsch‘ kreiert wurde, setzte die politische Funktion von Literatur über das formale Experiment.“ (Engel-Braunschmidt 1985, S. 127) Die Literaturwissenschaftlerin Annelore Engel-Braunschmidt verweist damit auf die unübersehbare politische Funktion von Literatur in der sowjetischen Öffentlichkeit.

Auch der in diesem Kontext sozialistisch klingende Name der Tageszeitung „Freundschaft“ kann als Schritt der Etablierung der Minderheit in das System der Mehrheitsgesellschaft gedeutet werden. Der Rolle, die eine Minderheit innerhalb der Sowjetunion sich selbst zuschrieb, ist daher ein gewisser zweigleisiger Charakter eigen:

„Ängstlich darauf bedacht, keine Sonderrolle zu spielen, stellen die sowjetdeutschen Autoren jeden Aufschwung zu individuellem Ausdruck sogleich wieder in Reih und Glied mit Bestrebungen anderer Sowjetvölker und bezeichnen sich defensiv als ‚Zweig eines großen Baumes‘.“ (Engel-Braunschmidt 1985, S. 138)

 

Heimat als zentrales Motiv

Gleichzeitig aber spielte die Aufarbeitung der Vergangenheit eine große Rolle für die sowjetdeutschen Schriftsteller:innen. „Heimat“ wird zwischen Kriegsende und Wende zu einem zentralen Motiv ihrer Lyrik.

Die Literaturwissenschaftlerin Ljubow Kirjuchina hat herausgearbeitet, dass in der sowjetdeutschen Lyrik von 1941 bis 1989 insbesondere die Motive „Heimat“ und „Muttersprache“ eine zentrale Rolle in Form eines narrativen Identitätsakts spielen. (Kirjuchina 2000)

Die Muttersprache deutet Kirjuchina als eine exterritoriale Heimat-Metapher. (Kirjuchina 2000, S. 314) Eine entscheidende Differenzierung wird dadurch deutlich: Kirjuchina fasst ihren Forschungsgegenstand unter dem Begriff „Heimatlyrik“ zusammen – doch das, was darin unter „Heimat“ verstanden wird, variiert enorm. Heimat ist nicht gleich Heimat. Die Bedeutung hängt von der individuellen Auffassung der Schriftsteller ab, wandelt sich aber auch, auf die jeweilige Politik reagierend, innerhalb der Jahrzehnte: „Das Verständnis des Terminus ‚Heimat‘ schwankt zwischen dem Gefühl des Zuhauseseins und des Fremdseins, zwischen dem Heimatverlust und der Heimatsuche, die bestehenden Konflikte werden manchmal problematisiert, manchmal aber ausgeblendet.“ (Kirjuchina 2000, S. 315) So wird in sowjetdeutscher Lyrik „Heimat“ bisweilen als politische Größe – das Sowjetreich – verstanden, andere Male bedeutet es das verlorene Dorf an der Wolga, manchmal das neue Zuhause mitten in Kasachstan, dann wieder die Muttersprache.

Ljubow Kirjuchina akzeptiert als Wissenschaftlerin diese Texte zwar als literarische Werke, schreibt ihnen aber in erster Linie nicht ästhetischen, sondern vielmehr sozialpsychologischen Wert zu. Die Tendenz zum Heimatmotiv erklärt sie durch den politischen Kontext und die Entwicklung dieser Literatur begründet sie durch die Umstände der Zeit. Seit den 1970er Jahren werden spezifische Fragen nach „dem Wesen, dem ästhetischen Wert und der kulturellen Bedeutung der sowjetdeutschen Minderheitenliteratur“ gestellt. (Kirjuchina 2000, S. 311) Die ästhetische und sprachliche Qualität (Kirjuchina, S. 9) der hier publizierten Texte kann nicht mit geltenden Normen des deutschsprachigen Literaturkorpus verglichen werden. Erst mit einer „ästhetisch wertungsfreien Rezeption“ (Kirjuchina, S. 15) kann einer Bearbeitung der Texte Raum gegeben werden, der über ästhetische Fragen hinaus Anreiz bietet, wie z. B. ihr politischer und historischer Kontext.

 

Heimatliebe durch politische Repression

Die wichtige Bedeutung, die dem Heimatmotiv in der sowjetdeutschen Lyrik zugesprochen wird, ist aus dem politischen Kontext erklärbar. Pascal Casanova beschreibt, an Pierre Bourdieus Analysen des literarischen Feldes anknüpfend, dass, je kleiner eine Nation, desto größer ihr nationaler Gedanke ist. (Casanova 2004, S. 191) Der Kampf von Schriftsteller:innen für die nationale Autonomie – und damit die Verarbeitung der „Heimat“ –  kann auch als Antwort auf die Bedrohung dieser Autonomie von außen gelesen werden. (Casanova 2004, S. 194)

Auch Kirjuchina zufolge ist in Gesellschaftsverhältnissen, in welchen Minderheiten keine kulturelle Einschränkung erleben, so auch im geschlossenen deutschsprachigen Gebiet, die Bedeutung der „Heimat“ weitaus geringer. (Kirjuchina 2000, S. 313) Wegen der Gefährdung der persönlichen und kulturellen Freiheit sowie Autonomie der Minderheit durch den sowjetischen Staat wird die „Heimat“ als narrativer Identitätsakt zu einem existentiellen Motiv (Kirjuchina 2000, S. 315), das vorrangig eine identitätsstiftende Rolle bei den Minoritätszugehörigen gespielt hat (Kirjuchina 2000, S. 9). Die sogenannten Heimatgedichte sind deshalb „empirische Geschichtsbilder“, welche „nicht nur die Geschichte der deutschen Minderheit in der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch die des Staates der Mehrheit dokumentieren.“ (Kirjuchina 2000, S. 10)

Der sich daraus entwickelnde Aspekt der Heimat ist mit Sehnsucht verknüpft. Die Bedeutung des Konstrukts wird größer, „wenn es um die weit entfernte, nicht erreichbare oder für immer verlorene Heimat geht.“ Die Deportation, als Identitätsverlust erlebt, verarbeiten die Autor:innen in einer Reihe von Texten über die Sehnsucht nach dem Heimatort. Die Heimatlyrik der Nachkriegszeit wird aus gegebenem Anlass zu einem Spiegel von politischer Repression und Mechanismen der Identitätsbildung. (Kirjuchina 2000, S. 10.)

 

Heimatliebe oder Propagandaliteratur?

Auch die Pressezensur der Sowjetunion hat ihren Anteil daran, welchen Heimatgefühlen in den öffentlichen Organen Ausdruck verliehen wurden – und welchen nicht. Denn sie galt auch für die Zeitungen der zahlreichen Minderheiten.

Auf einer Kinderseite der Zeitung „Freundschaft“ findet sich beispielsweise im Jahr 1987 das Kinderlied „Heimat“ von der jungen sowjetdeutschen Autorin Rosa Pflug:

„Unsere Heimat ist die schönste – / Das weiß heute jedes Kind, / […] / Kann es denn was Schönres geben / Als die Sowjetrepublik?“ (Pflug 1987)

„In den von der Zensur zugelassenen und permanent durch die Zeitungen […] der Öffentlichkeit präsentierten Texten sind Heimat und Vaterland voll und ganz dasselbe“, schreibt Kirjuchina. (2000, S. 154) Der so angewandte Heimatbegriff schwankt zwischen Ideologie und Wirklichkeit, bleibt aber eine politische Konstruktion.

 

Die Wolga als Beispiel für Zensur

Als Gegenbeispiel, das ebenfalls die Zensur belegt, kann das Wort „Wolga“ angeführt werden. Die Wolga – stellvertretend für die alte Heimat der deutschen Minderheit in der Sowjetunion – steht auch nach der Aufhebung des Publikationsverbotes noch unter Arrest. Die eindeutige Symbolik des Flusses für die einstige Autonomie von Deutschen auf sowjetischem Boden ließ das Wort zu einem Tabu werden. In den 1960er Jahren war der Verlust des vorherigen Wohnorts noch aktuell, einige der Deportierten waren derzeit noch am Leben. Während dieser Zeit engagierten sich Angehörige der Minderheit für eine Rückkehr in die Wolgagebiete. Im Gegensatz dazu war in den ersten Jahrzehnten der „Freundschaft“ das Wort „Wolga“ quasi inexistent.

Ein ehemaliger Chefredakteur schreibt über die Arbeit in der Redaktion der sowjetdeutschen Zeitung „Rote Fahne“ aus dem Altai, die deutschsprachigen Zeitungen in der Nachkriegszeit hätten „ohne Zensor, aber unter Kontrolle“ gearbeitet. Die Ausgaben hätten regelmäßig Lob und Kritik bekommen. Letzteres unter anderem, weil in den veröffentlichten Gedichten „ein Fluss ‚auf dem Territorium der ehemaligen ASSR der Wolgadeutschen‘ besungen wurde.“ (Schleicher o.J.)

Erst im frischen Wind der Perestrojka wurde das Wort „Wolga“ wieder salonfähig. Ein neues Selbstbewusstsein ließ den Fluss zum Schauplatz zahlreicher Geschichten auf der Literaturseite der „Freundschaft“ werden.

Daraus geht hervor, dass die Minderheiten- und Zensurpolitik in der Sowjetunion mit den Jahrzehnten starken Wandlungen unterlag. Die publizierte Literatur war an die politischen Forderungen gebunden. Sie war stets ein Balanceakt zwischen der Pressezensur des Regimes und den Autonomiebewegungen der Minderheit. Literarische Werke müssen daher immer in Korrespondenz zu ihrem politischen Diskurs behandelt werden.

 

Natur und Heimat

Die sogenannte Heimatlyrik der sowjetdeutschen Schriftsteller:innen bildet zwar zunächst durch den roten Faden des Motivs „Heimat“ zumindest scheinbar eine Einheit, bei näherem Hinsehen lassen sich aber sehr unterschiedliche Heimatkonzepte herausarbeiten, die jeweils durch verschiedene äußere Gegebenheiten beeinflusst sind.

„Die deutsche Literatur im Ausland wird von der internationalen Forschung meistens als ‚Heimatkunst‘ bezeichnet.“ (Kirjuchina 2000, S. 113) Doch bei weitem begrenzen sich sowjetdeutsche Schriftsteller:innen nicht auf das Besingen der historischen Heimat Deutschland, wo selbstverständlich niemand von ihnen je gewesen ist. So bleibt der Begriff „Heimatkunst“ missverständlich. „Heimat“ ist nämlich nicht bloß vergangener oder erwünschter Sehnsuchtsort. Vielmehr, und das beweist eine hohe Zahl sich ähnelnder Beiträge auf der Literaturseite der „Freundschaft“, wird sich mit dem Begriff „Heimat“ ebenso gern auf das derzeit Nahe bezogen. Und da die „Zusammenfügung Sprache-Natur-Heimat […] von der Minderheitenliteratur als eine unabdingbare Voraussetzung für die Weltbeschreibung begriffen“ wird (Kirjuchina 2000, S. 79), ist die poetische Beschreibung der bekannten, geliebten Natur auch auf der Literaturseite der „Freundschaft“ ein sich wiederholendes Motiv.

 

„Heimat“ auf transkultureller Ebene

Die sowjetdeutsche Naturlyrik enthält ein Moment der Autonomie, indem sie für sich beansprucht, was innerhalb der deutschen Sprache bisher nur von außen gegeben sein konnte: Zentralasien wird in poetischer Sprache auf Deutsch fixiert. Doch es ist weder der Blick von Touristen noch von Anthropologen, noch von Besuchern, welche diesen Ort durch den Filter politischer oder ökonomischer Interessen betrachten. Es ist vielmehr ein poetischer Blick von innen, der aus einem inhärenten Bedürfnis heraus diesen Ort als Zuhause beschreibt. Eine ungewöhnliche Perspektive entsteht, die das deutschsprachige Feld der Literatur Mitteleuropas bisher nicht ihr Eigen nennen konnte.

Transkulturalität ist ein Konzept, das die globale Gesellschaft als kulturelle Verflechtung auffasst, in welcher eine durch die Globalisierung in Gang gesetzte Vermischung von Kulturen stattfindet. Es geht davon aus, dass es keine einzelnen, voneinander getrennten Kulturen gibt, sondern vielmehr kulturelle Hybride, die sich gegenseitig bedingen. (Welsch 1997)

„Sowjetdeutsch“ oder „russlanddeutsch“ aus transkultureller Perspektive zu betrachten, bedeutet, dass diese Kultur weder die kleine Schwester von „deutsch“ noch von „russisch“ oder „sowjetisch“ ist. Obwohl die so bezeichnete Gruppe die scheinbar so konträren Wörter russisch/sowjetisch und deutsch zusammenführt, ist sie letztendlich weder das eine noch das andere, wohl aber etwas dazwischen und gleichzeitig etwas Autonomes – ein transkulturelles Hybrid. Die Eigenheit der Minderheit zeichnet sich nach Kirjuchina durch eine „spezifische sowjetdeutsche Mentalität“ aus. (Kirjuchina 2000, S. 11)

Der Rhein wurde in deutscher Sprache schon häufig besungen. Ebenso die Donau und der Schwarzwald, die Nordsee und die Alpen. Das sind beliebte Motive vieler deutschsprachiger Dichter:innen wie Goethe, Hölderlin oder Eichendorff.

Die Wolga ist ein bezeichnender Teil der Heimatlyrik der sowjetdeutschen Literatur. Doch auch die politisierte Romantisierung der verlorenen Heimat scheint von der Minderheit überwunden, wenn eine neue Sparte von Heimatgedichten die aktuelle neue Heimat zu besingen beginnt.

Auf der Literaturseite der „Freundschaft“ finden sich von den 1960ern bis 80ern Gedichte mit Titeln wie „Im Tienschan“1 (Bolger 1966), „Am Ischim“2 (Bill 1966), „Sibirien“ (Henke 1976), „Der Saksaul“3 (Pfeffer 1976), „Ala-Tau“4 (Henke 1976), „In der Taiga“ (Ekkert 1976), „Ssalam, Alma-Ata“5 (Pracht 1976) oder „Mein Kasachstan“ (Brettmann 1987). Es gibt Lieder, welche die Stadt Almaty besingen (Arnold 1976) und Skizzen, welche die Jagd auf ein Vielfraß in der Steppe beschreiben (Herdt 1966).

Durch die folgende Betrachtung dreier ausgewählter Beispiele – zwei Gedichte und ein Briefwechsel – soll der Frage nachgegangen werden, ob die deutschsprachige Literatur durch den Literaturkorpus der sowjetdeutschen Minderheit geöffnet werden kann und sie auf transkultureller Ebene bereichert.

 

Ssalam, Alma-Ata

„Ich grüß dich, Alma-Ata / Ssalam allejkum! / Der Sonne Stadt, / der Gastfreundschaft Apa! / Ich kenne / keine andre solche traute Ecke, / die für mich wär, / so einmalig apart! / Alma-schahar, / und Gul-ata-schahar, / durch deine Straßen / geh ich wieder heute! / Hier freut mich jeder / murmelnde Aryk, / Ich heb den Hut / vor jedem Neugebäude! // Die Brunnen sprechen / wie aus meinem Mund, / auch ihnen sprengt die Brust / die Freud des Wiedersehens! / Wie schön doch ist, / daß unsre Erd ist rund: / Ich komm zu dir / je weiter ich fortgehe!“ (Pracht 1976)

Das Gedicht „Ssalam, Alma-Ata“ von Arno Pracht ist ein Gruß an die heimische derzeitige Hauptstadt Kasachstans Almaty (in sowjetischer Manier noch Alma-Ata geschrieben). Die eindeutige Identifizierung mit der kasachischen Stadt sowie die Verwendung kasachischer Worte schaffen eine Mischung, die erst durch die natürlichen Lebensumstände des Dichters die Verbindung von der kasachischen und der deutschen Sprache möglich macht.

 

In der Taiga

„Warst du jemals tief im Dickicht / unserer Taiga? / Sahst du dort, wie hoch der Himmel / und dabei so nah / seine Sterne in den Nächten? / Wie die Zedern und die Föhren / das Gespräch der Sterne hören. / Ob sie nicht ganz im Vertrauen / Kunde aus dem Weltall brächten? / Sahst du, wie der junge Morgen / die Taiga belebt? / Fühltest du in dieser Stunde, / daß dein Herz erbebt?“ (Ekkert 1976)

Steppe, Taiga oder Wüste – das Flachland Kasachstans ist ein entscheidendes Merkmal mit Wiedererkennungswert dieses neuntgrößten Landes der Erde. Mit diesem Gedicht erbringt der Dichter Woldemar Ekkert „unserer Taiga“ ein liebevolles Bekenntnis der Zugehörigkeit. Das Wort „Vertrauen“ betont das heimische Gefühl, das das lyrische Ich an diesem Ort befällt und die Aufzählung der bekannten Flora bestätigt die Vertrautheit mit der Steppe und ihren Eigenheiten. Das pathetische Erbeben des Herzens bei ihrem Anblick bezeugt das heimische Gefühl und verleiht den Versen emotionalen Charakter.

 

Balchaschsee statt Nordsee

Ein weiteres Beispiel wurde durch den Brief einer Leserin der „Freundschaft“ in Gang gesetzt. Anna Enns richtet einen Brief an die Redaktion der deutschsprachigen Zeitung, namentlich an den Schriftsteller Rudolf Jacquemien. Darin erzählt sie von einem Walzer, den ein deutsches Orchester in ihrer Stadt Balchasch am Ufer des gleichnamigen Sees eingeübt hätte. In seinem  Text besinge das Lied die „Nordseewellen, das Marschenland“. Doch sie meint: „Warum sollen wir die Nordseewellen besingen, wenn wir in Wirklichkeit an dem herrlichen Balchaschsee leben?“ Daher bittet die Leserin den Schriftsteller um einen neuen Text zu dem Walzer, welcher statt der Nordsee den Balchaschsee besingen solle. Rudolf Jacquemien kommt dem sehr gerne nach: Er freut sich über den „von begeisterter Heimatliebe […] durchdrungenen Brief“. Dieses neue Lied im Walzertakt, welches den kasachischen Balchaschsee auf Deutsch besingt, ist ein performativer Identitätsakt durch Abgrenzung: Das bisher auf den westeuropäischen Raum beschränkte Gefühl der Zugehörigkeit zu lokalen Naturgrößen (Nordsee) wird mit Bestimmtheit erweitert, nicht ohne dass eine Negation des Bisherigen stattgefunden hätte. (Enns, Jacquemien 1966) Die erste Strophe des Lieds lautet:

„Wo der Balchaschsee sich blau und endlos wiegt, / meine schöne Stadt sich an sein Ufer schmiegt, / wo die Steppenwinde gehen ein und aus – / da ist meine Heimat, da bin ich zu Haus.“ (Jacquemien 1966)

 

Zusammenfassung und Fazit

Der Blick ins Archiv der „Freundschaft“ und die darauf folgende Auseinandersetzung mit einer Heimatlyrik der sowjetdeutschen Minderheit hat gezeigt, dass das Konstrukt „Heimat“ sehr unterschiedliche Formen annehmen und dabei auch durch äußere Gegebenheiten und politische Umstände beeinflusst worden ist. Politische und kulturelle Repression kann das Bild von Heimat sogar verzerren. Sie hat symbolischen Charakter, kann ein Kollektiv vereinen, aber auch Gruppen voneinander abgrenzen. Heimat kann politisches Instrumentarium sein. Sie kann eine Sprache sein, die geographische Grenzen zu überwinden in der Lage ist. Das Beispiel der sowjetdeutschen Geschichte zeigt auch, dass es bei Verwendung eines geographischen Heimatbegriffs mehrere Heimaten gleichzeitig geben kann.

Aus den Erfahrungen der sowjetdeutschen Minderheit kann ebenso geschlossen werden, dass das Konzept einer „neuen Heimat“ funktioniert. Auch Migrationsprozesse, die erzwungen sind, können in einer emotionalen Identifikation mit dem neuen Ort münden. Kasachstan als „neue Heimat“ hat sich – auch dadurch, dass zahlreiche Minderheiten hierher deportiert wurden – für viele Angehörige der Minderheit bewährt und sich als plurinationalen und multilingualen Ort dargestellt. Über „die natürliche Freundschaft und [den] aufrichtige[n] Internationalismus“ schreibt beispielsweise der Sowjetdeutsche Serik Issabekow 1987 in der „Freundschaft“ im Rahmen seiner Erinnerungen an seine Kindheit im kasachischen Norden. (Issabekow, 1987)

Durch sprachliche und inhaltliche Abgrenzung einer Minderheitenliteratur von ihren Bezugsgrößen entstehen neue Verbindungen im lyrischen Rahmen. Durch die bewusste Abgrenzung vom deutschsprachigen Feld im Rahmen der Heimatlyrik, ist die deutschsprachige Literatur durch sowjetdeutsche, die Natur der neuen Heimat beschreibende, neue transkulturelle Perspektiven erweitert. Sie hat erfahren können, dass die „Muttersprache Deutsch“ auch „nach Steppe und Wermut“ duften kann.6

Das „trans“ der Transkulturalität verweist auf eine Überschneidung und Verknüpfung zweier oder mehrerer Kulturen. Durch den politischen und historischen Kontext sowie die Autonomiebestrebungen einer Minderheit wird das Konzept „Heimat“ in einer Vielschichtigkeit dargestellt, die grenzüberschreitende Konturen annimmt und neue Diversität schafft.

Zukunftsweisenden Charakter hat das hier interpretierte Heimatkonzept jedoch nicht. So lang das Konzept „Heimat“ auf eine nationale Idee beschränkt bleibt und so lang das Lokale als positiver Gegenentwurf zum Fernen vertreten wird, kann der sich in ihrem Literaturkorpus etablierte Heimatbegriff der sowjetdeutschen Minderheit den aktuellen politischen Diskurs nicht darin bereichern, kulturelle Konzepte zu öffnen.

Zwar öffnet sie der deutschsprachigen Literatur Türen in unbekannte Weiten – doch die kulturelle Praxis der sowjetdeutschen Schriftsteller:innen endet dann doch vor der eigenen Haustür: In Kasachstan.

 


Endnoten

1 Das Tienschan ist ein Gebirge im Süden Kasachstans.

2 Der Ischim ist ein Fluss, der durch Russland und Kasachstan fließt.

3 Der Saksaul ist ein Steppenbaum, der in Kasachstan wächst.

4 Das Alatau ist ein Gebirge in Kasachstan.

5 Ssalam ist eine Begrüßung auf Kasachisch.

6 Der Schriftsteller Wandelin Mangold veröffentlicht in der „Freundschaft“ einen Nachruf auf den sowjetdeutschen Schriftsteller Victor Klein, der über Jahrzehnte die Literaturseite der „Freundschaft“ mit seinen Texten füllte. Er schreibt: „Er hat uns Grünschnäbeln die Muttersprache gegeben wie Brot. Wie Brot, das süß und bitter ist. Wie Brot, das nach Steppe und Wermut duftet.“ (Mangold 1976)

 

Literaturverzeichnis

Casanova, Pascale: The World Republic Of Letters. Harvard University Press, 2004.

Ehrlich, Konstantin: „Tuto il mondo – il paese! oder Der ost-westliche Divan von Olshas Sulejmenow.“ https://www.rd-allgemeine.de/, zuletzt aufgerufen: 27.05.2018

Engel-Braunschmidt, Annelore: „Zweig eines großen Baumes“. Die Literatur der deutschen Minderheit in der Sowjetunion, in: Alexander Ritter (Hrsg): Deutschsprachige Literatur im Ausland. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1985, S. 127-145.

Kirjuchina, Ljubow: Sowjetdeutsche Lyrik (1941-1989) zu den Themen „Muttersprache“ und „Heimat“ als narrativer Identitätsakt. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2000.

Krieger, Dr. Viktor: Memorandum, in: Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. (Hrsg.): Keiner ist vergessen. Gedenkbuch zum 70. Jahrestag der Deportation der Deutschen aus Russland, Stuttgart 2011, S. 24-45.

Schleicher, Josef: Von der „Roten Fahne“ zur „Zeitung für Dich“. Der dornige Weg der deutschsprachigen Presse im Altai

http://www.ornis-press.de/files/schleicher__josef_-_regionalzeitung_arbeit_-_geschichte.pdf, zuletzt aufgerufen: 27.05.2018

Welsch, Wolfgang (1997): Transkulturalität. Zur veränderten Verfassung heutiger Kulturen. In: Schneider, Irmela/Thomson, Christian W. (Hg.): Hybridkultur: Medien, Netze, Künste. Köln: Wienand 1997, S. 67-90.

 

Zeitung „Freundschaft“:

Arnold, Hermann; Literaturseite, 24.04.1976.
Bill, Jakob; Literaturseite, 19.06.1966.
Bolger, Friedrich; Literaturseite, 27.02.1966.
Bolger, Friedrich; Literaturseite, 08.05.1966.
Bolger, Friedrich; Literaturseite, 05.06.1966.
Bolger, Friedrich; Literaturseite, 10.01.1987.
Brettmann, Alexander; Literaturseite, 12.09.1987.
Ekkert, Woldemar; Literaturseite, 14.02.1976.
Enns, Anna; Jacquemien, Rudolf; Literaturseite, 28.08.1966.
Henke, Herbert; Literaturseite, 10.01.1976.
Henke, Herbert; Literaturseite, 07.02.1976.
Henning, Alexander; Literaturseite, 04.10.1966.
Herdt, Karl; Literaturseite, 21.08.1966.
Hummel, Erna; Literaturseite, 08.08.1987.
Issabekow, Serik; 13.08.1987.
Mangold, Wandelin; Literaturseite, 03.07.1976.
Pfeffer, Nora; Literaturseite, 31.01.1976.
Pflug, Rosa; Kinderfreundschaft, 1987.
Pracht, Arno; Literaturseite, 02.10.1976.

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