Der Mythos der männlichen Solidarność

Die offizielle Geschichtsschreibung der Solidarność-Bewegung marginalisiert die Rolle der Frauen und verbannt sie aus der öffentlichen Wahrnehmung, obwohl sie einen beträchtlichen Teil des politischen Kampfes getragen haben. Dabei bilden die Erinnerungen an Solidarność nur eine Miniatur der polnischen Gesamtgesellschaft ab. Wir betrachten die Geschichte der Solidarność-Frauen genauer und entdecken ungewöhnliche Allianzen zwischen feministischer Partizipation und katholischem Patriarchat.

Von Klaas Anders, Bremen/Hamburg

Marta Dzido läuft durch dunkle Keller und deutet auf den verblassten Schriftzug auf einem alten Solidarność-Transparent, auf dem die Namen der Aktivist:innen um Anna Walentynowicz eingraviert sind. Dzido ist Filmemacherin. In „Solidarność według kobiet“ (deutsch: „Die Frauen der Solidarność“) begibt sie sich auf die Spuren der Protagonistinnen der Solidarność und zeichnet ihre persönlichen Erinnerungen an die Bewegung nach. Die interviewten Zeitzeuginnen und Aktivistinnen wollen ihre Rolle deutlich machen und den feministischen und emanzipatorischen Charakter der Bewegung betonen, der im kulturellen und kollektiven Gedächtnis Polens immer weiter verschwindet. Tausende von Frauen kämpften in der Solidarność für ihre Rechte und Freiheiten als Arbeiterinnen und Bürgerinnen in der Volksrepublik Polen, doch werden sie sowohl in der Bewegung als auch in der kollektiven Erinnerung Polens bis heute marginalisiert. Dabei bleiben viele Fragen unbeantwortet oder werden gar nicht erst gestellt. Welche Rolle haben Frauen in der Solidarność gespielt? Welche Kämpfe haben sie ausgetragen?

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Dieser Artikel erschien zuerst in der Printausgabe 04/2018 „Ungewöhnliche Allianzen“ im Dezember 2018. | S. 12-15

Von Kranführerinnen und dem Katholizismus

Die Geschichte der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność ist eng mit der Geschichte der polnischen Frauenrechtsbewegung verbunden. Tatsächlich gab die Entlassung der Kranfahrerin Anna Walentynowicz den auschlaggebenden Anstoß zu den Protesten, die oft als Startschuss für den Zerfall des Staatssozialismus in Ostmitteleuropa rezipiert werden (Hreczuk 2015). Walentynowicz stellt die zentrale Figur der Bewegung dar. Moment, werden kundige Leser:innen hier innerlich rufen und an den schnurrbärtigen Cowboy von der Leninwerft denken: Lech Wałesa, der freundliche Elektriker, war doch Gesicht und Kopf der Bewegung! Diese Chiffre ist die gängige Deutung und wird bis heute von der Führung der Gewerkschaft forciert. Während der Verhandlungsführer Wałesa allerdings die Proteste niederlegen wollte, nachdem den Werftarbeiter:innen eine Lohnerhöhung in Aussicht gestellt wurde, waren es vor allem die Aktivistinnen um Walentynowicz, die Druck auf Wałesa ausübten und somit die Streikenden wieder vor die Tore der Werft trieben.

Anna Walentynowicz (links) zusammen mit Seweryn Jaworski und Marian Jurczyk, Quelle: Andrzej Iwański, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Anna Walentynowicz (links) zusammen mit Seweryn Jaworski und Marian Jurczyk, Quelle: Andrzej Iwański, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Auch wenn Frauen in der Gewerkschafft eine tragende Rolle gespielt haben, waren nur zwei von ihnen jemals im Präsidium: Walentynowicz und Alina Pienkowska. Walentynowicz wurde allerdings bereits bei den ersten Wahlen zum Präsidium zugunsten Wałesas abgewählt (Long 1996: 168).  Pienkowska, die längere Zeit im Präsidium aktiv war, wurde dort primär als Frau und nicht als Gewerkschaftlerin wahrgenommen. In ihrer Funktion wurden ihr oft weiblich konnotierte, reproduktive Tätigkeiten durch das Präsidium zugedacht. Beispielsweise kochte und servierte sie den Tee bei den Sitzungen des Präsidiums. Die meisten Aktivistinnen teilten diese Rolle. Obwohl um die 5.000 Beschäftigte der Leninwerft Frauen waren und sie damit ein Drittel der Belegschaft ausmachten, wurden sie innerhalb der Gewerkschaft stark marginalisiert. Sie erhielten keine prestigeträchtigen Rollen in der vordersten Front, vielmehr übten sie Tätigkeiten im Hintergrund aus, die allerdings essentiell für den Erhalt der Infrastruktur waren. Ohne sie wäre der Erfolg der Bewegung nicht zu denken gewesen. Wie kann es also sein, dass das kollektive Gedächtnis in Polen diese Akteurinnen weitgehend verdrängt und vergessen hat? Hinter dieser Entwicklung steht ein langer Prozess, der keineswegs zufällig Frauen aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt hat. Die Gewerkschaft war patriarchal organisiert: Sie vertrat ein stark konservatives Frauenbild, den der klerikale Einfluss der polnischen Kirche zusätzlich zementierte. Es ist kein Geheimnis, dass der Katholizismus der Solidarność immanent war: Katholische Gottesdienste bestimmten den Streikalltag. Der direkte politische Einfluss der Kirche spiegelte sich in der Gewerkschaftspolitik wider.

 

Von Frauen und Feminismus im Postsozialismus

Die Spannung zwischen feministischer Selbstbestimmung und klerikalem Patriarchat entlud sich schließlich in den ersten Jahren des postsozialistischen Polens. Das prägnanteste Beispiel ist die Debatte um die Illegalisierung von Abtreibungen in den 1990er Jahren. Bis dato hatte die ehemalige Volksrepublik eine vergleichsweise liberale Gesetzgebung. Doch bereits 1991 wurde der erste Entwurf zu einem faktischen Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen im Sejm eingebracht. Der Entwurf sah Haftstrafen von bis zu drei Jahren für abtreibende Frauen und die behandelnden Ärzt:innen vor (Long 1996: 170). Der Gesetzesentwurf fand jedoch weder im Parlament noch in der Bevölkerung eine breite Mehrheit, auch da die Frauen-Sektion der Solidarność massive Proteste organisierte. Das Thema wurde zwar zunächst pausiert, fand allerdings 1992 im Zuge der Wahlen wieder den Weg in den öffentlichen Diskurs. Unter der konservativen Regierung von Jan Olszewski, einem ehemaligen Anwalt und Rechtsberater der Solidarność, brachte die katholische Partei ZChN (Zjednoczenie Chrześcijańsko-Narodowe, deutsch: Christlich-Nationale Vereinigung) einen neuen Gesetzentwurf „über den Schutz des ungeborenen Lebens“ ein. Der Entwurf wurde schließlich am 7. Januar 1993 unter der Regierung der ehemaligen Solidarność-Aktivistin und späteren Botschafterin Polens im Vatikan, Hanna Suchocka, verabschiedet und gilt bis heute als sogenannter „Abtreibungskompromiss“ (Druciarek 2016: 2). Hinter ihm verbirgt sich jedoch eines der restriktivsten Gesetze innerhalb der Europäischen Union. Er erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch nur in wenigen Ausnahmen, wie der Gefährdung des Lebens der Schwangeren oder die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung. Besonders deutlich wird hier der Einfluss der katholischen Kirche, der sich explizit auch durch Unterstützer:innenkreise aus der Solidarność durchsetzen konnte. Eine Petition mit 1,7 Millionen Unterschriften, die ein Referendum zur Abstimmung über das Gesetz forderten, fand keine Beachtung (Pilawaski/Polit 2016: 71).

Spätestens mit den Auseinandersetzungen um den „Abtreibungskompromiss“ zerbrach das angespannte Bündnis feministischer Akteurinnen der Solidarność mit den konservativen und katholischen Kräften in Gewerkschaft, Gesellschaft und Regierung. Infolgedessen verloren feministische Bewegungen in Polen an Einfluss. Immer mehr Frauen verschwanden aus öffentlichen Ämtern. Zusätzlich wurde ihnen durch das „Gesetz über den Schutz des ungeborenen Lebens“ die Rechte über ihren eigenen Körper abgesprochen. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Marginalisierung der Erinnerung an die Leistungen der Aktivistinnen innerhalb der Solidarność deuten. Die Entwicklungen sind Resultate einer gezielten antifeministischen Agenda der katholischen Kirche Polens, die sich durch ihre Allianz mit den konservativen Kräften innerhalb der Solidarność durchsetzen konnte. Sie prägt bis heute den Diskurs um Abtreibung und Frauenrechte.

 

Die Geister der Vergangenheit

„I can’t believe I still have to protest this fucking shit“, so das Protestschild einer älteren Frau beim sogenannten ‚Czarny protest‘ (deutsch: Schwarzer Protest) 2016 in Warschau. Auslöser des Protestes war der Vorstoß der rechts-konservativen Regierung der PiS-Partei, die den „Abtreibungskompromiss“ durch ein faktisches Verbot jeglicher Abtreibungen aufkündigen wollte. Dieses Vorhaben war eines der ersten, das die Partei kurz nach ihrem überraschenden Wahlerfolg Ende 2015, mit dem sich auch der Einfluss der polnischen Kirche verstärkte, umsetzen wollte (Druciarek 2016: 5).

Schwarzer Protest in Opole, Oktober 2016. Foto: Iga Lubczańska, Flickr, CC BY 2.0
Schwarzer Protest in Opole, Oktober 2016. Foto: Iga Lubczańska, Flickr, CC BY 2.0

Drängt sich hier im Hinblick auf 1990 und 1992/1993 der Gedanke eines nahezu zyklisch wiederkehrenden Topos der polnischen Politik auf? Dieser Eindruck entsteht beim Blick auf die beteiligten Akteur:innen. So finden sich innerhalb der PiS alte Bekannte, die bereits in und um die Solidarność eine Rolle spielten. Hierzu gehört der zentrale Kopf der Partei Jarosław Kaczyński, Bruder des 2010 bei dem Flugzeugabsturz bei Smolensk verstorbenen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczyński. Die Kaczyński-Brüder waren aktiv im Umfeld der Solidarność sowie Mitarbeiter und Berater Lech Wałesas (Pilawaski/Polit 2016: 102). Auf der anderen Seite des Konflikts formierte sich der polnische Feminismus in einer neuen Allianz verschiedenster Generationen. In den Kreisen der Organisator:innen des ‚Czarny protest‘  finden sich ehemalige Solidarność-Aktivistinnen, wie etwa Ewa Maria Slaska, aber auch vor allem junge Frauen, die durch die drohende Verschärfung des Gesetzes politisiert wurden. Tatsächlich zeigte der ‚Schwarze Protest‘ einen enormen Mobilisierungserfolg und brachte tausende Frauen in allen größeren polnischen Städten auf die Straße. Die Bilder der schwarz gekleideten Demonstrantinnen, die bei strömenden Regen auf den Straßen Warschaus standen, gingen um die Welt. Sie erreichten tatsächlich, dass die PiS das Gesetz zurückzog. Dennoch bleibt der „Abtreibungskompromiss“ Gegenstand tagespolitischer Auseinandersetzung, denn konservative, nationalistische und antifeministische Kräfte versuchen stetig, das Gesetz weiter zu verschärfen.

 

Die Solidarność: ein prototypsicher Entwurf der polnischen Gesellschaft

Blicken wir auf die bis heute wirksamen ideellen und personellen Kontinuitäten, erscheint die heterogene Gemeinschaft der Solidarność als eine Miniaturversion der polnischen Gesellschaft. Die Allianzen, die dort geschlossen, und die Kämpfe, die dort ausgetragen wurden, bestimmen bis heute den politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Das trifft auch auf die negativen Aspekte zu: Die systematische Marginalisierung der weiblichen Partizipation innerhalb der Gewerkschaft im kollektiven Gedächtnis Polens geht mit ernstzunehmenden Angriffen auf gegenwärtige feministische Positionen einher. „Der Mythos ist männlichen Geschlechts. Die Geschichte der Frauen, der Aktivistinnen, Revolutionärinnen, Kämpferinnen ist irgendwo am Rande mit Bleistift geschrieben. Sie verblasst, weil sie nicht ernst genommen wird“, das ist die zentrale Kritik des Filmes von Marta Dzido und repräsentiert auch ihren eigenen Anspruch, die Rolle der Frauen von der Leninwerft sichtbar zu machen (Brunow 2015). Jedoch lassen sich besonders gegenwärtig starke Bestrebungen im erinnerungspolitischen Diskurs Polens beobachten, die konträr zu Dzidos Projekt wirken. Die Neukonstituierung der polnischen Museen- und Gedenkstättenlandschaft nach den nationalistisch-konservativen Idealen der PiS-Regierung versucht die ohnehin schon marginale Erinnerung an die polnischen Feministinnen weiter zu verdrängen. Angesichts des Paradigmenwechsels der rechtskonservativen PiS ist es daher umso wichtiger, Frauen als Akteurinnen der polnischen und europäischen Geschichte hervorzuheben und sie in der kollektiven Erinnerung zu verankern.


Literaturverzeichnis:

Brunow, Dagmar: „Die Frauen der Solidarność“, blog feministische studien (28.12.2015), online: http://blog.feministische-studien.de/2015/12/die-frauen-der-solidarnosc.

Druciarek, Małgorzata: Schwarzer Protest – in Richtung eines neuen ‚Kompromisses‘ beim Abtreibungsrecht?In: Polen-Analysen Nr. 191, 2016, S. 2-6.

Hreczuk, Agnieszka: „Die Solidarnosc-Frauen“, Ostpol (28.08.2015), online: https://www.ostpol.de/beitrag/4370-die_solidarnosc_frauen.

Long, Kristi: We all Fought for Freedom: Women in Poland’s Solidarity Movement. Boulder: Westview Press 1996.

Pilawaski, Krysztof und Polit, Holger: Polens Rolle rückwärts. Der Aufstieg der Nationalkonservativen und die Perspektive der Linken. Hamburg: VSA 2016.

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