Der Euromaidan – Identität zwischen dem Eigenen und dem Fremden

Vor fünf Jahren flammten in der Ukraine Proteste auf, die den pro-russischen Präsidenten Viktor Janukowytsch in die Flucht schlugen. Der Konflikt zwischen Euromaidan und Antimaidan hat das Land tief gespalten. Auf der Suche nach der ukrainischen Identität haben wir einen Essayband von Juri Andruchowytsch nochmal zur Hand genommen.

Von Dorothee Theresa Adam, Berlin/Frankfurt (Oder)

„Wer kommt mit zum Maidan?“ Mit diesem Aufruf startet der Journalist Mustafa Najem über Facebook am 21. November 2013 die Protestbewegung Euromaidan in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Zuvor ließ der damalige Präsident Viktor Janukowytsch die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union platzen. Seine Entscheidung war die Initialzündung, welche die Massenproteste auf dem später benannten Euromaidan entfachte.

Najems Aufruf folgen mehrere tausend Menschen, die friedlich für die Annäherung der Ukraine an die EU demonstrieren. Auf dem Euromaidan in Kiew herrscht ein kunterbuntes Treiben: Menschen in traditioneller Kosaken-Kleidung, Menschen, die sich wahlweise mit der EU-Flagge oder der ukrainischen blau-gelben Flagge umhüllt haben, Studierende, Veteranen des Afghanistan-Krieges, Mitglieder der LGBT-Gemeinde und viele freiwillige Helfer:innen, die sich an unterschiedlicher Stelle organisiert und zusammengeschlossen haben. Sie alle beziehen auf dem Euromaidan Position gegen die Politik des Präsidenten Viktor Janukowytsch.

Von Kiew aus greifen die Proteste bald auf das ganze Land über und verändern sich im Laufe der Zeit von zuerst friedlichen Protesten hin zu teilweise kriegsähnlichen Zuständen. Zwei Lager stehen sich gegenüber und scheinen nicht miteinander vereinbar: Pro-europäische Aktivist:innen auf der einen und pro-russische Aktivist:innen auf der anderen Seite. Oder anders gesagt: Der Euromaidan – und ihm gegenüber der Antimaidan. Doch was tragen diese beiden sich gegenüberstehenden Pole zur ‚ukrainischen‘ Identität bei? Dieser Frage gehen wir mithilfe des Essaysammelbandes „Euromaidan – was in der Ukraine auf dem Spiel steht“ von Juri Andruchowytsch auf den Grund.

In dem sehr von persönlichen Eindrücken auf die Geschehnisse geprägten Essayband kommen Menschen unterschiedlicher Couleur zu Wort. Der Band umfasst literarische und politische Essays aus der Zeit der Proteste von November 2013 bis März 2014. Damit ist er auch ein zeithistorisches Dokument, welches neben bekannten ukrainischen Autor:innen auch Künstler:innen, Journalist:innen, Historiker:innen, Übersetzer:innen und Nationalismus- und Rechtsradikalismus-Forscher:innen unterschiedlicher Herkunft ein Forum bietet. Dies eröffnet dem Lesepublikum einen individuellen, durch Vielfalt und unterschiedliche Perspektiven der Sprecher:innen geprägten Blick auf die Situation auf dem Euromaidan. Die zum Teil sehr persönlichen, an Tagebucheinträge erinnernden Essays spiegeln die Wahrnehmung der auf dem Euromaidan agierenden Akteur:innen sowie das persönliche Eigenbild der Autor:innen wieder.

Das Eigene und das Fremde

Die durch Kleidung nach außen ausgedrückte Performance vermittelt dem Publikum einen ‚ersten Eindruck‘, der eine bestimmte Vorstellung des Anderen – dem Antimaidan – entstehen lässt. Der erste Eindruck beruht auf den offensichtlichen, direkt sichtbaren Merkmalen und der daraus entstehenden Zuordnung zu bestimmten Stereotypen und Klischees. Die Gefahr des ersten Eindrucks liegt jedoch in der Stereotypisierung: es bei einem ersten Eindruck zu belassen – ohne zu hinterfragen, kritisch zu sein oder jede gegebene Informationen als geltende Wahrheit zu betrachten.

Die Imagologie greift als wissenschaftliche Disziplin die Problematik der Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden auf. Das Eigenbild wird dabei in der aktuellen Forschung als „bildhafte, auf nationale (sprachliche) Entitäten bezogene Vorstellungen, die Individuen und Gruppen von Individuen (ethnische Gruppen, Völker, Nationen) von sich selbst entwickeln […] und objektivieren“ definiert (Mehnert 1997: 41). Die in den Essays gegebenen Darstellungen werden als etwas der Kultur oder Ethnie Eigenes angesehen. Die Definition des Fremden findet über die Definition des Eigenen statt. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass die Imagologie keinen Wahrheitsanspruch an die Bilder erhebt, sondern vielmehr diese sichtbar machen will. Sie beschäftigt sich mit der Entlarvung ideologisch aufgeladener Zuschreibungen und Wahrnehmungen anderer Länder, Kulturen und Menschen – ergo dem Bild des anderen Landes (Fremdbild) in der Literatur (Dyserinck 2003: 27). Dabei geht es der Imagologie darum, durch das Kennenlernen des Fremden sich über das Eigene bewusst zu werden und durch das „vertraute Fremde“ mögliches Konfliktpotenzial zu verringern. Schauen wir uns Andruchowytschs Essaysammelband unter diesen Merkmalen genauer an.

Euromaidan vs. Antimaidan

Zunächst scheint es, als ließen sich zwei Kategorien voneinander abgrenzen: Der Euromaidan, der das Eigenbild wiedergibt und mit dem sich die zu Wort kommenden Autor:innen identifizieren und der Antimaidan, der stellvertretend für alles dem Euromaidan Zugehörige steht, dem Fremdbild.

Der Antimaidan gilt als eine von den Machthabern initiierte „scheinbar unabhängige Bewegung gegen die westliche Verschwörung und den Umsturz“ (Mishchenko/Andruchowytsch 2014: 26). Der „kommerzielle und korrupte Antimaidan war eine der ersten Reaktionen auf den Maidan“, so die ukrainische Übersetzerin und Autorin Kateryna Mishchenko, und „funktionierte nach den altbewährten Methoden: Bezahlte Gelegenheitsarbeiter und Angestellte staatlicher Einrichtungen, Lehrerinnen und Lehrer und Studierende diverser berufsbildender Lehranstalten, denen mit ihrem Rauswurf gedroht worden war, wurden nach Kiew gebracht, um für Janukowytsch zu demonstrieren“ (Mishchenko/Andruchowytsch 2014: 27). Die Regierung nutzt die sich in einer Notlage befindenden Menschen aus, indem sie ihnen Geld bietet oder ihnen droht, wenn sie nicht zum Antimaidan gehen. Janukowytsch scheint mit allen Mitteln darum bemüht, dem Euromaidan und allem, was damit zusammenhängt, ein Ende zu bereiten.

Demonstration des Euromaidan am 27. November 2013 in Kiew. Foto: Evgeny Feldman, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Im Gegensatz dazu wird der Euromaidan als „Agora und Grabstätte“ beschrieben (Mishchenko/Andruchowytsch 2014: 21), auf dem „Vasallen gegen Feudale, Mittelklasse gegen Regierende, Volk gegen Willkür der Macht, Arbeiter gegen Korruption“ antreten (Petrowskaja/Andruchowytsch 2014: 45). Die Euromaidan-Aktivist:innen bilden einen „utopischen Widerstand“ (Petrowskaja/Andruchowytsch 2014: 45), der sich aus einem „gesteigerten Gerechtigkeitsgefühl“ nährt (Petrowskaja/Andruchowytsch 2014: 45). Der Euromaidan nimmt der Hauptstadt Kiew den Kontrast zwischen „teuren Cafés und Boutiquen und den Randgestalten“ (Petrowskaja/Andruchowytsch 2014: 30). Er ist der euphorische Aufbruch und Auftakt zu etwas Neuem, das Hoffnung gibt und die Ukraine sich neu erfinden lässt. Die Proteste durchbrechen die Vergangenheit, die geprägt ist von Hoffnungslosigkeit und innerer Emigration und lassen so auf ein besseres Leben hoffen. Der Euromaidan wird als ein Ort beschrieben, der von gegensätzlichen Gefühlen überlagert ist: Einerseits die Enttäuschung über das Verhalten der EU, andererseits der Stolz „Europa selbst radikal in Frage gestellt“ zu haben (Prochasko/Andruchowytsch 2014: 118). Einheit und Gemeinsamkeit auf dem Euromaidan gehen durch alle Bevölkerungsschichten, ob Obdachlose, die Intelligenzija, Studierende oder die LGBT-Gemeinde: Hier sind alle willkommen. Der Euromaidan ist eine Bürgerbewegung, die aus einem gesteigerten Gerechtigkeitsgefühl entstanden ist – daher wird er auch als ‚Revolution der Würde‘ bezeichnet (vgl. Andruchowytsch 2014: 45, 70).

Doch unter der Oberfläche des gescheiterten Assoziierungsabkommens brodelt es: Die Euromaidan-Proteste lediglich als Auseinandersetzung zwischen den Befürworter:innen und den Gegner:innen des EU-Assoziierungsabkommens zu sehen, ist zu einfach. Es geht „nicht mehr um die EU-Integration, sondern um unser Land, unsere Bürgerrechte und um die Verantwortung für unsere Zukunft“ (Zhadan/ Andruchowytsch 2014: 66) – es geht um die Definition einer ‚ukrainischen‘ Identität.

Der Euromaidan – oder die Geburt eines neuen Vaterlandes?

Die aus den beiden sich gegenüberstehen Polen hervorgehende Unsicherheit über die eigene, vermeintlich homogene Identität der Ukraine führt zu Konflikten. Euro- wie Antimaidan beanspruchen die ukrainische Identität für sich. Die Journalistin und Schriftstellerin Tanja Maljartschuk vermisst „zarte Triebe der Identität“ und findet im Gegensatz dazu nur „Scham und Hass“ (Maljartschuk/Andruchowytsch 2014: 84). Auch auf internationaler Ebene wird die Ukraine als „keine vertrauenswürdige Nation [und] unfähig zu eigener Staatlichkeit“ dargestellt (Prochasko/Andruchowytsch 2014: 128). Zu jeder Zeit in der Geschichte wurde die „ukrainische Subjektivität […] routinemäßig ignoriert“, jedoch war das Ziel der Revolution, „endlich die Subjektivität zu erringen, sich Wertschätzung und Achtung zu verschaffen für die Entscheidung, man selbst zu sein und die Geschichte in die eigenen Hände zu nehmen“ (Prochasko/Andruchowytsch 2014: 129).

Juri Andruchowytsch (2014): Euromaidan - Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, Suhrkamp, 207 Seiten, 14 €.
Juri Andruchowytsch (2014): Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, Suhrkamp, 207 Seiten, 14 €.

Die Darstellung des Eigenbildes der Ukraine macht eine Entwicklung durch: Vom Land, das für Korruption und Kitsch bekannt ist – an welches die eigenen Bewohner:innen nicht mehr glauben und dessen Name gar als Schimpfwort benutzt wird, ohne Ansätze von Identität und eigener Subjektivität – hin zu einem Land, das seine Ehre wiederentdeckt. Der Euromaidan war nur der Anstoß, nach einer eigenen Identität zu suchen und ein Subjekt zu werden, mit dem gesprochen wird anstatt über es zu sprechen. Der Euromaidan führt dazu, dass sich das Land auf sich selbst und die eigene Stärke besinnt und die eigene Ehre entdeckt, womit jedoch auch „viel Bitteres“ einhergeht (Petrowskaja/Andruchowytsch 2014: 49).

Der Essaysammelband, die darin schreibenden Autor:innen, die Textform des Essays, die Theorie der Imagologie – sie alle befinden sich ‚dazwischen‘ – handeln grenzüberschreitend. Auch die vorgenommene Zuordnung von Euro- und Antimaidan: In den Essays werden immer wieder Szenen der Annäherungen zwischen den Aktivist:innen beider Gruppen beschrieben. Immerhin verfolgen beide das gleiche Ziel: nämlich eine einheitliche ukrainische Identität zu erschaffen.

Im Kampf um eine homogene Identität gibt der Sammelband in fünfzehn Essays dezidierte, persönliche Eindrücke. Die Autor:innen schildern unmittelbar nach den Ereignissen ihre frischen Erinnerungen sowie ihre persönlichen inneren Kämpfe und eröffnen dem Lesepublikum einen Blick durch ihre Augen auf die Ereignisse. Von direkten Erinnerungen in Tagebuchform entwickeln sich die Essays hin zu Hintergrundberichten, die sowohl über das Parteiensystem als auch das ukrainische Verhältnis zur EU und zu Russland informieren. Trotz der ausgewählten Autor:innen, die sich zum Euromaidan-Spektrum zugehörig fühlen, wird dem Lesepublikum ein umfangreicher Ein- und Überblick über den Euromaidan und was in der Ukraine auf dem Spiel steht dargeboten.

Juri Andruchowytsch (2014): Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht, Suhrkamp, 207 Seiten, 14 €.


Literaturverzeichnis:

Andruchowytsch, J. (Hgg.): Euromaidan – Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Frankfurt: Suhrkamp 2014.

Dyserinck, H.: „Komparatistische Imagologie und ethnische Identitätsproblematik“. In: Schubert, G.: Bilder vom Eigenen und Fremden aus dem Donau-Balkan-Raum. Analysen literarischer und anderer Texte. München: Südeuropa Gesellschaft 2003, 15-36.

Mehnert, E.: Imagologica Slavica. Bilder vom eigenen und dem anderen Land. Studien zur Reiseliteratur- und Imagologieforschung. Frankfurt am Main: Peter Lang 1997.


Titelbild: Аимаина хикари, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

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