Das Polen-Denkmal wird kommen

… weil es kommen muss. Für die große Mehrheit der Polen ist die tragische Geschichte ihres Landes im Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Teil polnischer Identität. Sie wird es immer bleiben. Von den Deutschen verlangt diese herausgehobene Stellung der deutschen Besatzung für Polen eine solche steingewordene Geste gegenüber ihrem zweiten großen Nachbarn.

von Leo Mausbach, Warschau/Berlin

 

Am 15. November stellten Rita Süssmuth, Wolfgang Thierse, Andreas Nachama, Dieter Bingen und Florian Mausbach in der Bundespressekonferenz einen Aufruf „An den Deutschen Bundestag und die deutsche Öffentlichkeit“ für „Ein Polen-Denkmal in der Mitte Berlins zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945“. Unterschrieben hatten 80 prominente Vertreter von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Religion aus ganz Deutschland.

Autor Leo Mausbach engagiert sich für ein Polen-Denkmal in Berlin, © L.Mausbach
Autor Leo Mausbach engagiert sich für ein Polen-Denkmal in Berlin, © L.Mausbach

„Ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945 ist seit langem ein gemeinsames Anliegen vieler sich um Verständigung und Versöhnung bemühender Deutscher und Polen. Es war ein Herzensanliegen Władysław Bartoszewskis, des 2015 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden und Schirmherrn deutsch-polnischer Versöhnung. Erst jüngst hat in Berlin der Kabinettschef des polnischen Präsidenten einen Ort vermisst, um einen Kranz niederzulegen“.

Die Unterzeichner schlagen auch einen Standort vor: „Mit einem würdigen Polen-Denkmal am Askanischen Platz“, gegenüber dem Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung,  „würde ein deutsch-polnisches Zeichen gesetzt, das Krieg, Vernichtung, Flucht, Vertreibung und Versöhnung in den untrennbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung stellt“.

 

Das Denkmal wäre auch für die Deutschen wichtig

Der Aufruf beginnt mit den Worten: „Es gibt kaum eine polnische Familie, die nicht betroffen war und ist von der deutschen Besatzungsherrschaft von 1939-1945. In Deutschland ist dieses barbarische Unrecht nur unzureichend bekannt“. In der breiten Diskussion über ein solches Denkmal wird dieser Mangel an Wissen und an Sensibilität von niemandem bestritten. In Anbetracht von Äußerungen aus der nun auch im Bundestag vertretenen AfD, dass man stolz auf die Leistungen der Wehrmacht sein könne, ist ein solches Denkmal auch für die Deutschen selbst ein wichtiges Zeichen.

In Polen wurde dieser Appell mit Interesse zur Kenntnis genommen, löste aber keine öffentliche Diskussion aus. Dass ein solches Denkmal sinnvoll ist, gehört zu den wenigen Dingen, auf die sich im heutigen Polen alle einigen können. Abgesehen von der Frage nach der politischen Opportunität eines solchen Vorschlags und der Unterstellung, er diene dazu, um von der Reparationsdebatte abzulenken, gab es keine Kritik an der Idee.

 

Ein gemeinsames Denkmal für alle Opfer läuft Gefahr als Geste ins Leere zu gehen

In Deutschland wird unter anderem über den wohlmeinenden Vorschlag diskutiert, den Opfern der deutschen Lebensraum-Ideologie ein gemeinsames Denkmal zu setzen. Dagegen spricht das Argument von Claudia von Salzen, dass ein solches Denkmal Gefahr läuft, als Geste an alle ins Leere zu gehen oder gar als Verwässerung eigenen Leids empfunden zu werden. Auch wird oft vergessen, dass Polen Opfer Deutschlands und der Sowjetunion wurde und dass diese Opferrolle über den Hitler-Stalin-Pakt hinausreicht. Götz Aly weist zurecht darauf hin, dass die Ermordung polnischer Eliten durch die Sowjetunion, die Westverschiebung Polens auf Geheiß Stalins und die jahrzehntelange kommunistische Diktatur unmittelbare Folgen der sowjetischen „Befreiung“ Polens waren, mittelbar aber Ergebnis des deutschen Angriffs im September 1939.

Ein Zeichen der Würdigung gegenüber den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, besonders Belarus, der Ukraine und Russland, die ab 1941 ebenfalls Opfer der rassistischen Politik Nazi-Deutschlands wurde, können die erhaltenen, mächtigen Sowjetdenkmäler im Tiergarten und in Treptow sein, sowie das Deutsch-Russische Museum, an dem auch Institutionen aus der Ukraine und Belarus mitwirken. Es wird sich zeigen, ob diese Gedenkorte den sich wandelnden und notwendigerweise differenzierenden Geschichtsbildern in diesen Ländern weiterhin gerecht werden.

 

Der Holocaust droht das Bewusstsein für das Leid der nichtjüdischen Polen zu überschatten

Der Kniefall Bundeskanzler Willy Brandts am 7. Dezember 1970 am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos ist leider für die meisten Polen nicht zu einem bleibenden Symbol geworden und als deutsche Demutsgeste gegenüber Polen wenig bekannt. Die damalige kommunistische Regierung Polens hatte wenig echtes Interesse an der Versöhnung mit den (West-)Deutschen. Doch auch für viele in der deutschen Gesellschaft kam Brandts Bitte um Vergebung zu früh. Zum anderen wird sie von nicht wenigen in Polen als Geste allein an die polnischen Juden verstanden und nicht an alle Polen.

Auch die auffallende Diskrepanz in Deutschland zwischen der Bekanntheit des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 und des nicht weniger tragischen Warschauer Aufstands 1944 bestärkt in Polen das Gefühl, dass das so wichtige Gedenken an den Holocaust das Bewusstsein für das Leid der nichtjüdischen Polen überschattet. Wer in Deutschland weiß, dass nichtjüdische Polen in Auschwitz die zweitgrößte Opfergruppe waren? Der industrielle Mord an den europäischen Juden wurde von Deutschen in Polen begangen. Was für eine Vergewaltigung es für dieses Land bedeutet, dass es für immer mit dem größten Menschheitsverbrechen verbunden bleiben wird, wird in Deutschland bislang kaum verstanden. Bei einer Ausstellungseröffnung verwies Bundesaußenminister Sigmar Gabriel kürzlich darauf, dass Auschwitz, Majdanek und andere Lager „nicht auf dem Mond liegen, sondern in einem ganz bestimmten Land“.

Für die große Mehrheit der Polen ist die tragische Geschichte ihres Landes im Zweiten Weltkrieg ein bedeutender Teil polnischer Identität. Sie wird es immer bleiben. Diese herausgehobene Stellung verlangt von Deutschland eine bleibende öffentliche symbolische – nicht museale – Anerkennung dieses von Deutschen verursachten Leids.

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Am 7. Dezember 2017 um 19.00 Uhr findet in Berlin in der Topographie des Terrors eine Debatte über ein Polen-Denkmal in der Mitte Berlins statt. Mitausrichter ist das Polnische Institut Berlin. Eine simultane Übersetzung in polnischer und deutscher Sprache wird angeboten. Aufruf [deutsch, polski] und Unterzeichner [deutsch, polski] finden Sie hier.

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