„Das kleine Vaterland“ – Wie junge polnische Konservative ihre Heimat sehen

Seit dem Beitritt Polens in die Europäische Union 2004 ist eine Generation herangewachsen, für die Europa zur Normalität geworden ist. Gefragt nach dem eigenen Verhältnis zu nationaler und europäischer Identität, gibt dennoch fast jeder zweite junge Pole an, sich ausschließlich als Bürger seines Landes zu fühlen. Wie lässt sich die besondere Heimatverbundenheit junger Polen erklären? 

Immerhin 43 Prozent sehen sich zwar zuerst als Polen, aber auch als Europäer. Dies sind Ergebnisse der TUI-Jugendstudie 2018. Junge Menschen in Polen sind damit deutlich patriotischer eingestellt als ihre Altersgenossen in Frankreich, Italien oder Deutschland. Gleichzeitig blicken junge Polinnen und Polen besonders zuversichtlich in die Zukunft – die Hälfte ist davon überzeugt, dass es ihnen besser oder deutlich besser gehen wird als ihren Eltern, mehr als doppelt so viele wie in Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Wie lässt sich die besondere Heimatverbundenheit junger Polen erklären? Welche Erfahrungen prägen ihre Weltsicht und den Blick auf ihren westlichen Nachbarn, Deutschland? Darüber habe ich mit dem jungen, konservativen Intellektuellen Piotr Andrzejewski gesprochen. Andrzejewski forscht in Warschau als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Österreich und Deutschland. Seine Schwerpunkte sind Identitätspolitik und rechtsradikale Bewegungen. Darüber hinaus arbeitet er mit der liberal-konservativen Stiftung Fundacja Republikańska zusammen. Das Interview erschien zuerst im Sommer 2018 in Ausgabe #3, also noch vor den Parlamentswahlen im Oktober dieses Jahres.

Fragen von Leo Mausbach, Warschau

 

Ost Journal: In Polen wird das Wort „Heimat“ oft als „das kleine Vaterland“ übersetzt. Heimat ist der Ort, an dem wir uns zuhause fühlen. Sie hat eine intime und nostalgische Dimension. Sie muss aber nicht der Ort sein, an dem wir geboren wurden, wir können sie uns auch aussuchen. Dann ist sie unsere „Wahlheimat“. Was oder wo ist deine Heimat?

Piotr Andrzejewski: Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Ich habe an vielen Orten gelebt – in Posen, Warschau, Wien, Klagenfurt, Brüssel oder London. Ich könnte sagen, dass ich mich an jedem dieser Orte zuhause gefühlt habe. Aber „Heimat“ ist etwas viel Persönlicheres. Wenn es um meine Kindheit geht, sind unbestreitbar Posen und seine Umgebung mein „kleines Vaterland“. Aber das wäre eine unvollständige Antwort. Mein Großvater stammt aus dem Norden der Wojewodschaft Großpolen, aus dem Ort Szamocin. Entlang des Flusses Netze befand sich hier vor dem Zweiten Weltkrieg die Grenze zu Deutschland. Als Kinder haben wir dort oft die Ferien verbracht und in der Wohnung meiner Eltern hängen viele Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Städtchens. Für mich ist das die etwas idealisierte, idyllische Heimat aus meiner Vorstellung, die es so gar nicht mehr gibt, denn der Ort ist heute ein anderer als vor 80 Jahren.

Eine andere imaginierte Heimat ist für mich Armenien. In meiner Familie wurde die Erinnerung an unsere armenischen Vorfahren bewahrt, die vor Jahrhunderten nach Polen kamen – daher auch mein Wunsch nach einer Reise nach Armenien, den ich mir 2013 erfüllt habe.

Wie man sieht ist „Heimat“ ein vielschichtiger Begriff, der sich einer eindeutigen Bestimmung entzieht. Er hängt stark von unseren eigenen Erfahrungen ab, aber auch davon, welches Bild wir von unseren Wurzeln haben. Ich glaube, dass meine Antwort vor oder in ein paar Jahren eine andere wäre.

Piotr Andrzejewski forscht in Warschau am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Österreich und Deutschland.
Piotr Andrzejewski forscht in Warschau am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Österreich und Deutschland.

Es gibt in Deutschland derzeit eine Debatte über den Begriff Heimat. Für manche liegt seine Stärke in einer Offenheit, die es ermöglicht, ein Gemeinschaftsgefühl unabhängig von Herkunft zu schaffen. Andere sehen die Diskussion als Folge des Erscheinens der AfD auf der politischen Bühne, was den Begriff in ihren Augen diskreditiert. Was sind deine Assoziationen mit dem Wort „Heimat“?

Das Wort Heimat, das oft auch im Polnischen verwendet wird, ist eindeutig positiv besetzt. Mitunter wird der Begriff auch einfach als scherzhafte Bezeichnung für Deutschland benutzt – zum Beispiel unter dort arbeitenden Polen. Dass die AfD diesen Begriff verwendet, ist für mich keine Überraschung. Die radikale Rechte in Österreich bedient sich seit den 90er Jahren einer austro-patriotische Rhetorik, die ganz Österreich als Heimat versteht. Das ist eine Folge der Spannungen in der heutigen Welt zwischen dem, was global und dem, was lokal ist. Eine ideologische Verwendung des Begriffs Heimat ist ein Ausdruck des Lokalismus, eine Antwort auf die Ängste und Bedrohungen, welche die tiefgreifenden Modernisierungsprozesse, die großen Migrationswellen und die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringen. Die Heimat ist ein vertrauter Ort, stabil und sicher.

Interessanterweise wird in Polen sehr oft unser ganzes Land als Heimat begriffen. Im Gegensatz zu Deutschland ist Polen sehr zentralisiert. Viele Polen verbringen den Urlaub im eigenen Land, sodass die Kinder ihre Urlaubserinnerungen mit Polen verbinden. Ich würde den Begriff Heimat nicht deshalb verwerfen, bloß weil sich populistische oder rechtsradikale Parteien seiner bedienen. Wenn das Wort als ideologisch besetzt empfunden wird, sollte man stattdessen versuchen, ihm andere Bedeutungen zu geben – zum Beispiel eine progressive.

 

Mit welchen Begriffen beschreiben Polen ihre lokale Gemeinschaft und Identität, worin unterscheiden sich diese von den deutschen Entsprechungen? Welche historischen Voraussetzungen haben das polnische Selbstverständnis geprägt?

Zunächst sollte man festhalten, dass nicht alle Polen dieselben Erfahrungen von lokaler Gemeinschaft haben. Es gibt Regionen, in denen eine historische Kontinuität erhalten geblieben ist, wie Großpolen, Kleinpolen oder das Karpatenvorland. Man muss sich aber bewusst machen, dass fast die Hälfte des polnischen Territoriums 1945 Teil der UdSSR wurde, Millionen Menschen ihren „kleinen Vaterländern“ entrissen und in die ehemals deutschen, sogenannten „Wiedergewonnenen Gebiete“ in Pommern, Ostpreußen oder Schlesien umgesiedelt wurden. In einem Breslau oder einem Stettin sind alle irgendwoher zugewandert oder Nachfahren von Zuwanderern. Ich bezweifle, dass auf diese Weise ein einheitliches Verständnis eines „kleinen Vaterlands“ entsteht. Polen ist ein Land sehr intensiver innerer und äußerer Migration. Ich denke dabei an die Wanderungsbewegungen aus den Dörfern in die Städte, zwischen Städten sowie ins Ausland. Oft ist das „kleine Vaterland“ daher schlicht ein idealisiertes Bild des Landlebens. Im Übrigen ein literarischer und kultureller Topos, der in der polnischen Kultur seit mindestens 500 Jahren besteht. Schon in der Ersten Rzeczpospolita1 wurde das dörfliche Leben gelobt und unsere Nationalepen wie zum Beispiel „Pan Tadeusz“ von Adam Mickiewicz spielen in einer ländlichen Szenerie. Mir scheint, dass diese provinzielle und recht utopische Vorstellung von Heimat etwas ist, das Polen und Deutsche gemeinsam haben. Der größte Unterschied liegt wohl darin, dass in Deutschland mit seinen starken regionalen Identitäten der Begriff Heimat viel seltener mit Blick auf das ganze Land verwendet wird.

 

In Deutschland ist derzeit viel die Rede von „Heimatverlust“. Die Flüchtlingskrise hat die Aufmerksamkeit auf viele gesellschaftliche Probleme gelenkt, die über Jahre kaum wahrgenommen wurden. Als Antwort darauf wurde sogar ein neues Heimatministerium geschaffen. Gibt es eine ähnliche Debatte in Polen?

Modernisierungsprozesse verliefen in Polen immer viel heftiger als in Deutschland, das heißt sie waren mit viel größeren gesellschaftlichen Kosten verbunden und hatten eine größere Intensität. Vielleicht verbindet man deshalb hier mit Heimat häufiger ein utopisches Idealbild als einen konkreten Ort. Aktuelle soziologische Untersuchungen zeigen, dass die Mehrheit der Polen gerne in ihrem Geburtsort leben und arbeiten möchte sowie den Kontakt zu Familie und Freunden aufrechterhalten will. Es ist ein Widerspruch, dass die Polen einerseits massenhaft auswandern, andererseits aber von einem ruhigen Plätzchen in der Heimat träumen. In Polen gibt es das geflügelte Wort von „meiner Hütte vom Land“ (moja chata z kraja), das man etwa als „was interessiert mich die Außenwelt, wenn es mir zuhause gut geht“ übersetzen könnte. Ich habe den Eindruck, dass trotz der massenhaften Migration in die Städte und in das Ausland die Polen ihre Bindung an das „kleine Vaterland“ nicht verlieren.

Modernisierungsprozesse verliefen in Polen viel heftiger als in Deutschland. Vielleicht verbindet man deshalb hier mit Heimat häufiger ein utopisches Idealbild als einen konkreten Ort.

Gibt es eine ähnliche Diskussion in Polen? Eher nicht. In den letzten beiden Jahren kamen zwischen zwei und drei Millionen Ukrainer nach Polen. Diese Einwanderungswelle hat weder eine große Debatte, noch größere Spannungen ausgelöst. Die Öffnung für die Ankömmlinge aus dem Osten weckt höchstens Erinnerungen an die verlorene Heimat im sogenannten Grenzland (Kresy), also den Gebieten, die Polen an die UdSSR abtreten musste. Diese massenhafte Migration wird in Polen als geradezu natürlich hingenommen. Wenn Millionen von uns nach Großbritannien oder Irland auswandern, warum sollten die Ukrainer nicht millionenfach nach Polen kommen?

Einerseits gibt es eine solche Offenheit für die Zuwanderung aus Osteuropa, aber andererseits eine heftige Gegenreaktion und Angst vor Zuwanderung aus dem Nahen Osten. Der Islam wird als zivilisatorische Bedrohung empfunden, als etwas, dass die idyllische Ruhe des peripheren Polens stören könnte. Das ist insofern interessant, als dass es in Polen praktisch keine Immigranten aus arabischen Ländern oder dem Iran gibt.

 

Wird die Diskussion über deutsche Identität in Polen wahrgenommen? Generell wird in Polen die deutsche Innenpolitik ja sehr genau verfolgt, und das mit einer großen Dosis Misstrauen. Warum ist das so?

Die deutsche Politik wird so genau verfolgt, weil Deutschland unser wichtigster Nachbar und Wirtschaftspartner ist. Alles, was in Deutschland passiert, beeinflusst auch Polen. Das Misstrauen kommt natürlich von negativen historischen Erfahrungen, wie dem preußischen Teilungsgebiet oder der Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Es ergibt sich aber auch schlicht aus der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands und Polens. Fast krankhaft fürchten Polen die Vision einer deutsch-russischen Annäherung. Jede prorussische Äußerung eines deutschen Politikers wird in Polen in allen großen Medien wiedergegeben. Besonders große Aufmerksamkeit wird den Gasleitungen Nord Stream und Nord Stream 2 zuteil, die in Polen allgemein als Verrat an den gemeinsamen europäischen Interessen verstanden werden, welcher es Putins Russland erleichtert, Druck auf die Länder Ostmitteleuropas auszuüben. Kritische Stimmen gegen diese Investition kommen in Polen aus allen politischen Lagern. Radosław Sikorski, ehemaliger Außenminister der deutschlandfreundlichen PO-Regierung, verglich die Gasleitung zum Beispiel mit dem Hitler-Stalin-Pakt.

Des Weiteren ist in Polen die Überzeugung sehr verbreitet, dass Deutschland als Staat und die Deutschen als Nation versuchen würden, die Schuld für den Holocaust auf andere Länder zu schieben, insbesondere auf Polen. Die Herangehensweise in dieser Frage ist sehr emotional. So genügt die selbstverständliche Aussage von hochrangigen deutschen Politikern, dass die Deutschen die Verantwortung für den Holocaust tragen, um in Polen Euphorie auszulösen.2 Wenn es auch keine systematischen Versuche gibt, die Schuld auf Polen abzuwälzen, so wird doch in Polen auf jeden Fehltritt von deutscher Seite und jede Unaufmerksamkeit scharf reagiert. Als sich der Sender ZDF zwar öffentlich, aber nur schwer auffindbar und in kaum verständlicher Weise bei einem Überlebenden von Auschwitz für die Verwendung der Formulierung „polnische Konzentrationslager“ entschuldigte, wurden die Profile des Senders in sozialen Netzwerken tausendfach mit Kritik zugespammt. Es wurde sogar Geld für ein Plakat gesammelt, dass auf einem Anhänger befestigt durch Deutschland fuhr und schließlich vor dem Sitz des ZDF geparkt wurde.

Krakowiak tanzen zum Unabhängigkeitstag. Goto: Silar, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 4.0)
Krakowiak tanzen zum Unabhängigkeitstag. Foto: Silar, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 4.0)

Und hier kommen wir zur deutsch-polnischen Verständigung. Es ist schwer zu leugnen, dass die deutsche Seite größere Sensibilität zeigen könnte, wenn es um Fragen des Zweiten Weltkriegs geht. Vielleicht sind aber auch manche Fehltritte nicht zu vermeiden. Auf der anderen Seite bleibt in Polen, abgesehen von Expertenkreisen, die deutsche Debatte über die Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reichs sowie die Debatte über deutsche Identität im Grunde ohne Echo. Abgesehen von einigen Klischees gibt es kein Verständnis der vielschichtigen Diskussion, die in Deutschland stattfindet. Ich sage das mit großem Bedauern, auch wenn sich die Situation Jahr für Jahr verbessert, was wohl eine Folge der wachsenden Verflechtung von Polen und Deutschland ist.

 

Auch in Polen gibt es eine Identitätsdebatte. Die rechtskonservative Partei PiS sagt, dass sie den Polen ihre Würde und ihren Stolz zurückgibt. Ist es nicht eher so, dass ihre Politik zu einer tiefen Spaltung der polnischen Gesellschaft führt? Woher kommt die Sehnsucht der Polen nach nationalem Stolz?

PiS hat keine neue Spaltung geschaffen. Man könnte sogar sagen, dass diese Spaltung schon seit 200 Jahren besteht und in jeder neuen Generation ihren zeitgenössischen Ausdruck findet. So gab es schon im 18. Jahrhundert die Auseinandersetzung zwischen Aufgeklärten und Traditionalisten, im 19. Jahrhundert zwischen Romantikern und Positivisten und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Spannungen zwischen der nationalen Bewegung Roman Dmowskis und den Sozialisten Józef Piłsudkis. Die Spaltung in ein patriotisches und ein liberales Lager hält sich trotz aller historischen Veränderungen erstaunlich stabil. Alles nur auf den Nationalstolz zu reduzieren wäre aber eine zu große Vereinfachung. PiS wertschätzt verschiedene gesellschaftliche Gruppen – Bauern, Mütter, kinderreiche Familien, Angestellte, Arbeiter usw. Der PiS-Wahlsieg von 2015 lässt sich mit ihrem inklusiven Verständnis einer Gesellschaft erklären, in der auch all diejenigen, die sich auf der Schattenseite der wirtschaftlichen Transformation seit 1989 wiederfanden, vom Staat und seinen Vertretern mit Würde behandelt werden. Wenn es bloß um Nationalstolz ginge, würde die rechtsradikale Nationale Bewegung (Ruch Narodowy) deutlich mehr als nur ein Prozent in den Wahlen erhalten.

PiS hat keine neue Spaltung geschaffen. Man könnte sogar sagen, dass diese Spaltung schon seit 200 Jahren besteht und in jeder neuen Generation ihren zeitgenössischen Ausdruck findet.

Die Bedeutung von Würde und Stolz lässt sich jedoch nicht unabhängig von den vergangenen 25 Jahren erklären. Ein großer Teil der polnischen Eliten hat oikophobische Ansichten (die Ablehnung des Eigenen, Anm. d. Red) angenommen. Alles Polnische ist in ihren Augen unnormal, etwas für das man sich schämen muss und das man am besten ablegen sollte. Das ist eine Besonderheit der Generation, die in der kommunistischen Zeit, in der Polnischen Volksrepublik, aufgewachsen ist. Man könnte Analogien zur Situation in Staaten ziehen, die früher Kolonien waren und ähnliche mentale Prozesse durchlaufen. Die Ablehnung und in Extremfällen auch der Hass auf die eigene Gesellschaft sind ein Merkmal postkolonialer Gesellschaften. Nach meiner Überzeugung sind sowohl die Eliten, die alles Polnische als Modernisierungshindernis sehen, als auch der Teil der polnischen Rechten, der sich ein utopisches Polentum erträumt, zwei Seiten derselben Medaille und ein postkoloniales Syndrom.

Darüber hinaus hatten sich liberale Kreise und ein Teil der Linken an etwas verschrieben, was auf der Rechten als „Pädagogik der Scham“ bezeichnet wird. Es geht dabei um ein Verständnis polnischer Geschichte und polnischer Identität überhaupt, das sich ausschließlich auf negative Aspekte konzentriert, auf das Abstoßende, Niederträchtige und Verräterische. Im Verständnis der Liberalen sollte dies die Polen vom Nationalismus heilen. Aber 25 Jahre dauernder Kränkungen hatten eine entgegengesetzte Wirkung. Die junge Generation, die bereits unter den Bedingungen der Freiheit aufgewachsen war, wollte einen selbstverständlichen Stolz auf ihre Nation empfinden und lehnte das Narrativ der Pädagogik der Scham radikal ab. Dies kann man nicht nur auf Seiten der Rechten beobachten, wo man es erwarten würde, sondern sogar bei der linken Partei Razem, die aus jungen Aktivisten besteht und die ebenfalls versucht, positive Seiten aus der Geschichte – der polnischen sozialistischen Bewegung – aufzuzeigen. Das Projekt, den Polen alles Polnische zu verleiden, ist gescheitert. Der Ausbruch einer Rhetorik des Nationalstolzes und des Patriotismus ist schlicht eine Reaktion darauf.
In diesem Zusammenhang ist das Modernisierungsprojekt des polnischen Premiers Mateusz Morawiecki sehr spannend, der eine moderne Wirtschaft anstrebt, bei gleichzeitiger Bewahrung polnischer Identität. Interessanterweise ist sein Vorbild das deutsche Bayern, insbesondere die Persönlichkeit Franz Josef Strauß und die Partei CSU, die Inspiration für einen großen Teil von PiS-Politikern ist. Wird dieses Modell in der derzeitigen Regierungspartei überwiegen? Schwer zu sagen, es wird sich zeigen.

 

Was lässt sich gegen die gesellschaftliche Spaltung in Polen tun?

Ich bin davon überzeugt, dass der Konflikt den beiden großen Parteien PiS und PO nützt und in erster Linie die Solidarność-Generation der 80er Jahre umtreibt. Einen echten Wandel kann erst ein Generationswechsel herbeiführen. Die Generation, die unter den Bedingungen der Freiheit aufgewachsen ist, sieht die Welt anders, ihre Prioritäten sind andere und auch ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen, ist eine andere. Diese Generation ist in mancherlei Hinsicht noch ein unbeschriebenes Blatt. Es ist offen, ob sie sich von einer der beiden Parteien einspannen lässt oder ob sie etwas Neues schafft.

 

Historisch gab es Zeiten, in denen polnische Identität offen war für Menschen, die Polen werden wollten. Erst der Holocaust und die Grenzverschiebungen machten aus Polen ein ethnisch homogenes Land. Es ist nicht schwer abzusehen, dass Polen eine Diskussion bevorsteht, ob die Millionen Ukrainer, die nach Polen gekommen sind, vollwertige Polen sind. Siehst du eine Bereitschaft in Polen zu einer solchen Diskussion?

Tatsächlich hat sich die polnische Identität und das Nationsverständnis über Jahrhunderte verändert. Die erste polnische Identität in der Adelsrepublik war – wenn auch auf eine gesellschaftliche Schicht beschränkt – relativ offen. Die Nation wurde nicht ethnisch, sondern politisch-staatsbürgerlich verstanden. Deshalb konnten so viele Ruthenen, Tataren, Litauer und sogar Deutsche zu Polen werden. Diese Anziehungskraft funktionierte bis in die Zwischenkriegszeit. Erst die „durchträumte Revolution“3 des Zweiten Weltkriegs, die Vernichtung der polnischen Eliten und die massenhaften Umsiedlungen der stalinistischen Zeit haben ein Polen hervorgebracht, welches es vorher so nie gegeben hatte – nämlich ein ethnisch homogenes.

In Polen gibt es immer mehr Polen vietnamesischer, afrikanischer oder ukrainischer Herkunft. Vielleicht ist das ein Vorbote der Rückkehr zu den Wurzeln der Ersten Rzeczpospolita und zu einem staatsbürgerlichen Nationsverständnis. Mir wäre ein solches Verständnis sehr nahe.

Wohl deshalb überraschen rassistische Parolen und ein ethnisches Nationsverständnis polnischer Rechtsextremer kaum. Wichtiger ist in diesem Zusammenhang jedoch die Diskussion, welche diese Parolen auslösten. PiS hat sich klar für ein kulturelles Verständnis polnischer Identität ausgesprochen, welches offen für alle ist, die bereit sind, das geistige Erbe Polens anzunehmen. So äußerte sich Prof. Piotr Gliński, stellvertretender Premier und Kulturminister. Es lohnt sich auch Marek Rymkiewicz zu zitieren, einen der hervorragendsten polnischen Schriftsteller und Essayisten, der im Übrigen rechte Sympathien hegt: „Ich habe keinen Tropfen polnischen Blutes in mir und in meinen Zellen keine polnischen Gene. (…) Ich bin ein bisschen Deutscher, Litauer, Tatar, Franzose, vielleicht auch Russe“. Rymkiewicz versteht Polentum als eine geistige Kraft, die uns erwählt und nicht wir sie.

In Polen gibt es immer mehr Polen vietnamesischer, afrikanischer oder ukrainischer Herkunft. Vielleicht ist das ein Vorbote der Rückkehr zu den Wurzeln der Ersten Rzeczpospolita und zu einem staatsbürgerlichen Nationsverständnis. Mir wäre ein solches Verständnis sehr nahe.

 

Nach dem Untergang des Kommunismus, mit dem EU-Beitritt, sprachen viele in Polen über die „Rückkehr nach Europa“. Ist das Europa, das die Polen vorgefunden haben, zu ihrer Heimat geworden?

Ja, man sprach von einer „Rückkehr nach Europa“, aber vor allem davon, dass wir nie zurückkehren mussten, weil wir immer ein Teil Europas waren. Mit großer Bestimmtheit kann ich sagen, dass die Polen das vereinte Europa nicht als ihre Heimat betrachten, es bestehen einfach keine so persönlichen Gefühle. Das bedeutet nicht, dass sie nicht offen für Reisen, Arbeit im Ausland und neue Bekanntschaften wären. 2004, im Jahr des EU-Beitritts, interessierten sich die Polen für die ganze Welt, sie waren regelrecht ausgehungert. Jetzt aber, da Billigflüge das Reisen einfach machen, entdecken sie, dass ihre Heimat, „das kleine Vaterland“, dort ist, wo es immer war – in Polen.

 

Anmerkungen:

1 Die „Adelsrepublik“ Polen-Litauen (in Anlehnung an den Begriff der Res Publica auch „Rzeczpospolita“ genannt) bestand von 1569 bis 1795. Als Zweite Rzeczpospolita wird das Polen der Zwischenkriegszeit bezeichnet. Auch die offizielle Bezeichnung des heutigen Polens lautet Rzeczpospolita Polska.

2 Gemeint sind der damalige Außenminister Sigmar Gabriel sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor Kurzem anlässlich der Diskussion über ein kontroverses polnisches Geschichtsgesetz die ausschließliche historische Verantwortung Deutschlands für den Holocaust unterstrichen, was in Polen als Durchbruch gefeiert wurde.

3 Verweis auf den Titel eines einflussreichen Werks des linken Intellektuellen Andrzej Leder, in dem dieser soziologisch und psychoanalytisch die gewaltigen, „revolutionären“ Umbrüche in der polnischen Gesellschaft durch Holocaust und Stalinismus nachzeichnet und die für Polen bis heute traumatische Wirkung dieser Prozesse aufarbeitet. Andrzej Leder (2014): Prześniona Rewolucja. Ćwiczenia z logyki historycznej. Krytyka Polityczna, Warschau.

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