Das Ende der Sowjetgrenzen: Wie eine Generation von Armeniern den Wandel der Grenzen erlebt hat

Der Zweifel an der alten Ideologie, die unklaren neuen Ideen und die Ungewissheiten der Zukunft, die Hindernisse und Stereotypen, die bis heute nicht überwindet sind – diese Mischung an Gefühlen ist in Armenien noch immer sehr präsent. Die alten Grenzen der Unionsrepubliken der Sowjetunion waren künstlich und entsprachen nicht dem Alltagsempfinden. Dann brach die UdSSR zusammen. Nun wurden diese Grenzen sehr real – mitsamt der Konflikte zwischen ehemaligen Bruderländern. Während die Armenier nicht mehr wie früher in die Bruderländer fahren können, ist der Westen heute ganz nah. Wie hat die Generation, die den Zerfall der alten Grenzen und die Anordnung der neuen miterlebt hat, diese Entwicklungen erfahren? Vier Porträts stellen die Geschichte dieser Generation dar.

von Hasmik Muradyan, Jerewan

 

Silwa Mirakyan, 60 Jahre, Buchhalterin

Jerewan-Moskau-Brest-Berlin. Diesen langen Weg musste man 1981 überwinden, um von Armenien nach Deutschland zu fahren. Genauer gesagt, zu einem Teil von Deutschland, der sich auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs befand.

© Silwa Mirakyan
© Silwa Mirakyan

Sputnik hieß die Organisation, die für uns eine Reise nach Ostdeutschland organisierte. 17 Tage und vier Städte – Berlin, Potsdam, Leipzig, Dresden“, erzählt die 60-Jährige Silwa, während sie versucht, ihre Erinnerungen aus dem Schatten der erlebten Jahre herauszulocken. „Das war nicht so leicht. Schon damals war es möglich, nach Bulgarien und in die Tschechoslowakei zu reisen, aber man sollte schon etwas organisieren können, wie etwa ein paar importierte Schuhe zu kaufen.“ Die Auswahl erfolgte in der Fabrik: „Wir bekamen einen Plan mit der Anzahl der Menschen, die nach Europa fahren durften. In unserer Fabrik wurde uns gesagt, dass fünf Menschen nach Deutschland fahren konnten“, erinnert sich die Armenierin, die ihr ganzes Leben in dieser Fabrik als Buchhalterin gearbeitet hatte.

Wir bekamen einen Plan mit der Anzahl der Menschen, die nach Europa fahren durften. In unserer Fabrik wurde uns gesagt, dass fünf Menschen nach Deutschland fahren konnten.

Wer tüchtig war und etwas Glück hatte, einer von diesen fünf Menschen zu sein, wurde geprüft. Die Behörden wollten sichergehen, dass nur die richtigen Personen die Reise antraten. Die Geschichte oder die Sprache des Gastlandes sollte man gut beherrschen.

„Es war sehr schwer, damals nach Europa zu fahren. Ohne touristische Organisation wäre diese Reise auch für mich unmöglich gewesen. Heute kann man ohne Einschränkungen die ganze Welt bereisen“, mutmaßt die ehemalige Buchhalterin.

Die Mauer? „Über sie wusste ich nur, dass sie existiert. Wir waren mit dem Bus zur Mauer gefahren. Mir schien sie ein großer Zaun zu sein, auf deren anderer Seite die kapitalistische Welt beginnt. Diese Grenze sollte uns von jener Welt schützen“, erinnert sich Mirakyan.

Silwa Mirakyans Reisegruppe nach Berlin 1981. © Silwa Mirakyan
Silwa Mirakyans Reisegruppe nach Berlin 1981. © Silwa Mirakyan

Die lebendigste Erinnerung an diese Reise war nicht der Unterschied zwischen beiden Kulturen. Der war ohnehin groß. So erinnert sich Mirakyan, wie ein Mitreisender ihres Teams dafür bestraft wurde, dass er seine Eisverpackung nicht in den richtigen Mülleimer geworfen hatte. Vielmehr warteten die Reisenden vor der Abfahrt sehr gespannt auf den Zug, damit sie die Toilette benutzen konnten. „An der Grenze bei Brest wurde uns das ganze Geld weggenommen. Wir bekamen es bei der Rückkehr zurück, weil wir nicht viel von unserem Geld mitnehmen durften“, erzählt sie mit offen herzigem Lachen, das aber eher ihre Verwunderung ausdrückt. „Da wir nicht besonders viel Geld dabei hatten und es schon der 17. Tag unserer Reise war, hatten wir natürlich alles ausgegeben und kein Geld mehr für die Toilette. Damals waren bezahlbare Toiletten für uns ein Kulturschock, jetzt sieht man sie in Armenien an jeder Ecke. Vielleicht ist dieses Konzept durch die neuen Grenzen zu uns gedrungen“, schöpft die Armenierin einen Verdacht.

Das Gebiet der ehemaligen UdSSR in seinen Grenzen war ein quasi kosmopolitisches, übernationales Territorium. Seitdem es durch staatliche Grenzen zerteilt wurde, hat sich vieles geändert. „Jetzt ist mir egal, ob ich nach Europa oder in einen ex-sowjetischen Staat reise. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht zuhause, nicht sicher, weil es Ausland ist und ich einen anderen Pass einer anderen Republik habe. Vor Kurzem habe ich eine Weile in der Ukraine gelebt und gearbeitet. Natürlich fühlte ich mich nicht so frei wie vor 26 Jahren, als plötzlich das Bedürfnis da war, die staatlichen Grenzen aufgrund der Nationalität anzuordnen oder die Löhne mit armenischem Dram, russischem Rubel oder ukrainischem Griwna auszuzahlen.“

 

Anahit Sargsyan, 52 Jahre, Medizinerin

Der Ausdruck „Jerewan-Baku-Jerewan-Zug“ klingt heute seltsam und eher humoristisch. Zwischen den Nachbarländern gibt es seit vielen Jahren teils auch militärische Auseinandersetzungen um die Region Bergkarabach, die von Armeniern bewohnt wird und nach dem Zusammenbruch der UdSSR ihre Unabhängigkeit von Aserbaidschan erklärte. Das führte zum bewaffneten Konflikt und zu geschlossenen Grenzen zwischen den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken Armenien und Aserbaidschan.

Anahit Sargsyan
© Anahit Sargsyan

Doch im Jahre 1980 war die Reiserichtung Jerewan-Baku-Jerewan ganz gewöhnlich. Die Armenier, die in Aserbaidschan wohnten, und die Aserbaidschaner aus Armenien fuhren in beide Richtungen. Die 52-jährige Anahit Sargsyan aus Armenien war eine häufige Reisende dieses Zuges, da ihre Großmutter und ihre Familie in Aserbaidschan lebten. „Meine Großmutter und ihre Schwester lebten in Baku. Sie arbeitete als Kinderärztin und war sogar Abteilungsleiterin. Mein Vater wurde auch in Aserbaidschan geboren. Erst nach dem Universitätsabschluss ist er nach Armenien gezogen. Letztes Mal war ich im Jahr 1980 in Baku gewesen. Ich erinnere mich an eine riesig große Stadt, wo man auf der Straße eher Russisch als Aserbaidschanisch hörte“, erzählt die Armenierin.

Aber die Sprache des damaligen Bruderlandes kannten Anahits Verwandte ganz gut. Genauso gut waren auch die Beziehungen mit Aserbaidschanern aus dem Kreis von Kollegen, Nachbarn und Bekannten. „Meine Verwandten sprachen Aserbaidschanisch. Wenn sie in der Familie etwas unter zwei Augen besprechen wollten, sprachen sie Aserbaidschanisch, damit die Kinder nichts verstanden.“

Meine Verwandten sprachen Aserbaidschanisch. Wenn sie in der Familie etwas unter zwei Augen besprechen wollten, sprachen sie Aserbaidschanisch, damit die Kinder nichts verstanden.

Doch blieb sie stets vorsichtig: Wenn Anahit in Baku ins Kino gehen wollte, begleitete sie immer ein Verwandter. „Aber das war eher allgemeine Vorsicht und überhaupt die Angst davor, dass mir in einer unbekannten Stadt etwas passieren könnte“, sagt Anahit, die jedoch nicht ausschließt, dass ein weiterer Grund auch mit ihrer armenischen Herkunft zu tun hatte.

Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan zwang Anahits Großmutter, mit der Familie nach Armenien zu ziehen. Die neuen Staatsgrenzen machen die Reise nach Aserbaidschan unmöglich. Trotzdem würde Anahit gerne noch einmal Baku besuchen – wenn das eines Tages ungefährlich werden sollte. „Vielleicht liegt es an den vielen Grausamkeiten des Krieges, dass wir es jetzt nicht bedauern, nicht mehr nach Aserbaidschan fahren zu dürfen. Nach dem Krieg war der Schmerz durch die Verluste so stark, dass man heute nicht mal daran denkt, dass das Reiseverbot nach Aserbaidschan ein großer Verlust ist.“ Wenn die Situation sicher wäre, würde sie gerne Baku besuchen. „Man darf keine Mauern bauen und keinen Hass säen. Jetzt ist uns die Welt besonders nah geworden. Heute steht die Welt für uns offen. Vor 26 Jahren waren wir in unseren sowjetischen Grenzen eingeschränkt und hatten keine Ahnung davon, was außerhalb der UdSSR ist. Die Kontakte mit anderen Kulturen haben immer eine positive Auswirkung. Das trifft genauso auf die Kontakte mit Aserbaidschan zu. Unsere kleine Region braucht den Kulturaustausch“, sagt sie.

Es gab Zeiten, in denen im Waggon des Zuges Jerewan-Baku die Menschen Spielkarten spielten. Heute hat sich die Situation so sehr geändert, dass Armenier und Aserbaidschaner nur in Georgien in Kontakt kommen können.

 

Zarine Karapetyan, 62 Jahre, Chemikerin

Habt ihr wirklich an den Kommunismus geglaubt? Habt ihr diese Ideen niemals in eurer Gesellschaft kritisiert? Auf diese Fragen, die im Raum stehen, kann vielleicht nur die heutige Generation kommen.

© Zarine Karapetyan
© Zarine Karapetyan

„Wir konnten uns nicht einmal vorstellen, dass man anders denken kann. Dass Lenin, der verehrte Führer, dessen Werke wir in der Bibliothek sehr intensiv und fleißig studierten, plötzlich falsch liegen konnte. Vielleicht lag es daran, dass wir nur eine winzige Vorstellung davon hatten, wie anders die Welt auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs war. Deshalb fassten wir auch keinen Mut, um selbstständig zu denken. Kannst du dir vorstellen, dass alles, was man im Leben studiert hat, die Ideologie, welche die Regeln des Lebens und den Blick auf die Welt diktierte, die Vorbilder, die Helden, plötzlich als falsch und irrelevant gelten?“, wundert sich Zarine Karapetyan.

Dabei war das keine große Überraschung. Eher kamen die Veränderungen allmählich mit der Perestroika. Und dann kamen die Neunziger. „Jetzt, wenn ich über die Ereignisse der Neunziger lese, wird mir klar, dass wir damals nicht die leiseste Ahnung hatten, was da passierte. Diejenigen, die diese Veränderungen schnell verstanden und wahrgenommen hatten, die ideologisch flexibler waren, konnten sich schnell an die neuen Bedingungen gewöhnen.“

Jetzt, wenn ich über die Ereignisse der Neunziger lese, wird mir klar, dass wir damals nicht die leiseste Ahnung hatten, was da passierte.

Der Kommunismus lehnte Privateigentum zum Wohle der Menschen ab. In der UdSSR wurde stets betont, dass sich alles Böse in den öffentlichen und staatlichen Beziehungen aus der ungleichen Verteilung der Güter ergibt. Um dieses Böse zu beseitigen, sollten im Kommunismus Eigentumsrechte nur für den Staat und nicht für Privatpersonen gelten.

„Damals landete man im Knast, wenn man dem Staat ein Huhn stahl. Natürlich konnte man sich nicht mal vorstellen, dass das Eigentum dieses Staates einem verkauft werden kann. Niemand hat uns gesagt, dass diese Ideologie nun falsch sei. Man sah selbst, was da los war, fand Widersprüche zwischen der Realität und dem, was uns gelehrt wurde. Wir sahen selbst, wie anders diese Welt geworden ist.“ Ihr fallen Lenins Werke ein. „Die waren für jeden obligatorisch und man musste sie für die Prüfungen auswendig lernen.“ Fragend schaut sie herum. „Wofür war das alles?“

Das neue Leben diktierte seine eigenen Regeln. Vieles hat sich geändert, vor allem die Möglichkeiten und Perspektiven. „Wir sollten mehr Geduld haben. Viele Gelegenheiten haben sich uns eröffnet. Vielleicht fällt es dem einen schwerer und dem anderem leichter, sich in diesem neuen Leben selbst zu verwirklichen, aber die Möglichkeiten dazu haben wir.“

Das Schwierigste an der neuen Ideologie war für Zarine Karapetyan der ständige Wettbewerb. Im neuen Wirtschaftssystem, in dem die Produktionsmittel privaten Eigentümern gehören, solle sich am besten das Kapital und das Privateigentum in der sogenannten Marktwirtschaft von selber regeln. Die Unternehmen produzieren Waren für einen Markt, der durch Angebot und Nachfrage getragen wird.

„Ideologie besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus Lebensweisen und das Verhalten“, glaubt die 62-jährige Frau. „Ich konnte mir schwer vorstellen, auf der Straße Kuchen zu verkaufen, um Geld zu verdienen, um damit etwas Neues anzufangen. Das ist ein Hindernis, das ich bis jetzt nicht überwunden habe.“ Karapetyan war 30 Jahre lang in einem Chemielabor beschäftigt. „Ich würde nicht mal als Ärztin oder Lehrerin neu anfangen. Mein Labor war mein Traumjob, durch den ich meine Vorstellung vom Leben verwirklichen konnte. Aber im neuen Leben war die einzige Hauptsache, sein eigenes privates Eigentum zu vergrößern. Das war das Schwierigste für mich.“

„Alles, was uns gesagt wurde, wurde von uns als Dogma wahrgenommen. Wir wurden nicht ermutigt, eine eigene Meinung zu äußern. Wir hatten Vorbilder, denen zu folgen für uns wichtig war. Ich fing an, die Bibel zu lesen und verstand nichts. Ich war verwirrt, wie jeder, der durch strenge Dogmen großgezogen wurde. Die Freiheit erschien einfach zu überraschend. Deshalb war es nicht so leicht, sich an diese Freiheit zu gewöhnen. Ich denke, das haben wir der neuen Generation als Erbschaft hinterlassen.“

 

Anahit Muradyan, 58 Jahre, Lehrerin

„Keine Verwandten im Ausland“, so endete jeder Lebenslauf in der ehemaligen UdSSR. Ein guter und vertrauenswürdiger Lebenslauf, natürlich. Ausländische Verwandten machten aus einem sowjetischen Bürger einen potenziellen Spion. Deswegen war vor etwa 30 Jahren, als die junge Anahit Muradyan ihrem Vater sagte, dass sie einen Ausländer heiraten möchte, die Antwort ein strenges und lakonisches Nein. Obwohl in dieser Zeit der Eiserne Vorhang undurchlässig war, kamen ab und zu die Armenier, die im kapitalistischen Ausland lebten, aber ihre sowjetische Heimat besuchen durften, durch die Grenze der beiden Systeme. Während so eines Besuches lernte Anahit Muradyan ihre Liebe kennen, „den Sohn der kapitalistischen Welt“, wie der junge Mann in ihrer Heimat bezeichnet wurde. „Ich war jung und wie es so oft mit jungen Menschen passierte, hatten wir uns verliebt und wollten heiraten. Aber mein Vater sah das alles anders. Die Vorstellung, seine Tochter mit jemandem aus Westeuropa verheiratet zu sehen, galt für ihn als Verrat an der Heimat. ‚Ich bin ein treuer Bürger des sozialistischen Staates. Wie kann ich damit einverstanden sein, dass meine Tochter mit jemandem aus der kapitalistischen Welt eine Ehe eingeht?‘, sagte mir damals mein Vater.“

So war seine Überzeugung, seine Ideologie, an die der eingeschworene armenische Kommunist fest glaubte. Was Anahit Muradyan angeht, sie hat eigene Vorstellungen über diejenigen, die geschickt und mit Sachkenntnis diese Ideen propagierten und an die ihr Vater unzweifelhaft glaubte: „Die Regierung hatte große Angst vor Spionage, vor Anheuerung, Rekrutierung. Diejenigen, die an der Macht waren, verstanden, dass wir keine Demokratie in der UdSSR hatten. Deshalb wollten sie uns möglichst fern von der anderen Welt halten. Da gab es eine Ideologie und alles drehte sich darum. Wir glaubten an alles, was uns gesagt wurde. Diese Ideologie war wie eine Droge, wie vielleicht heute die Religion. Ich konnte nur nicht verstehen, was die Liebe mit dieser Ideologie zu tun hatte. Wie konnte meine Liebe dieser Ideologie stören? Wir hatten eine Art von Denken, die uns nicht erlaubte, Weltbürger zu sein.“

Diese Ideologie war wie eine Droge, wie vielleicht heute die Religion. Ich konnte nur nicht verstehen, was die Liebe mit dieser Ideologie zu tun hatte.

Anahit Muradyan fand schon damals unvorstellbare und widersprüchliche Aspekte im Kommunismus. „Ja, wir hatten alle Werke von Lenin, alles über den Marxismus-Leninismus und die Grundlagen des Atheismus durchstudiert.“ Einige Ideen des Kommunismus brachten sie zum Lachen. „Wie konnte Geld eines Tages nicht mehr existieren? Wie konnte eine Gesellschaft gestaltet werden, in der man in den Laden geht und alles nimmt, was man braucht, ohne Geld zu bezahlen? Ich war sehr jung, aber verstand schon, dass es unmöglich war.“

Die Tochter von Anahit Muradyan: Arewik Khachatryan. © A. Muradyan
Die Tochter von Anahit Muradyan: Arewik Khachatryan. © A. Muradyan

Nach der Unabhängigkeit ist in Armenien vieles vorstellbar und real geworden. Das betrifft besonders die zwischenmenschlichen Beziehungen aus dem Osten und dem Westen. Jetzt hat Anahit Muradyan Enkelkinder, die Amerikaner sind. Ihr gelang es zwar nicht, mit dem Jungen aus dem Westen zusammen zu sein. Sie hatte jemanden anderen geheiratet, der genau dem Vorbild des sowjetischen Menschen entsprach. Aber ihre Tochter, die im unabhängigen Armenien aufgewachsen ist, hatte vor einigen Jahren einen US-Bürger geheiratet. Einen Sohn der kapitalistischen Welt zu heiraten, ist in Armenien heute nicht mehr unmöglich.

Die alten Grenzen der Unionsrepubliken der Sowjetunion waren künstlich und entsprachen nicht dem Alltagsempfinden. Deshalb spielte es für die Menschen keine Rolle, auf welcher Seite dieser Grenzen sie wohnten, weil diese Grenzen zu überschreiten genauso künstlich war, wie die Existenz dieser Grenzen überhaupt. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde ihnen klar, dass diese Grenzen mitsamt der Grenzwächter und der nötigen Einreiseerlaubnis nun sehr real wurden, dass sich sogar plötzlich die Häuser der Verwandten im Ausland befanden. Konflikte brachen auf, damit das eigene Zuhause im Ausland ein Zuhause in der Heimat bleibt. Heute ist die Nationalität die neuen Idee, nicht der Kommunismus, mit der die Grenzen gestaltet werden.


Titelbild: Markt in Jerewan, Quelle: sbamueller, Flickr, CC BY-SA 2.0

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