Czernowitz: Eine multikulturelle Stadt früher und heute

Auf Ukrainisch heißt sie Tscherniwzi, auf Rumänisch Cernăuți, auf Polnisch Czerniowce, auf Hebräisch Tschernowitz und auf Deutsch Czernowitz. Die verschiedenen Namen sagen schon einiges über die Hauptstadt der historischen Region Bukowina aus, welche sich an der Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine erstreckt. Die Region Bukowina wurde bis zum Zweiten Weltkrieg auch die „Schweiz des Ostens“ genannt. Keine der Volksgruppen verfügte über eine absolute Mehrheit. Keine Volksgruppe war so klein, dass man sie ignorieren konnte. Die perfekte Grundlage für die politische, wirtschaftliche und vor allem kulturelle Blütezeit der Stadt.

Der ukrainische Schriftsteller Jurij Fedkowytsch, nach welchem die Universität heute benannt ist, der deutschsprachige Schauspieler Gregor von Rezzori und die jüdischen Dichter Rose Ausländer und Paul Celan prägten das kulturelle Bild der Stadt. Auch der berühmteste rumänischen Dichter, Mihai Eminescu, hat hier studiert. Die Arbeit des tschechischen Architekten Josef Glavka findet man überall in der Stadt. Die von der Wiener Architekturschule beeinflussten Bauten gaben der Stadt den Spitznamen „kleines Wien“.

Heute sind 80 Prozent der Bewohner von Czernowitz Ukrainer. Außerdem leben dort Russen und Rumänen. Man könnte glauben, dass der multikulturelle Geist der Stadt längst schon erloschen sei. Doch das stimmt nicht. Über die Stadt sprach ich mit Serhij Lukanjuk. Er ist Leiter des International Office an der nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität in Czernowitz. 2008 hatte er am Internationalen Parlaments-Stipendium des Deutschen Bundestages teilgenommen.

Fragen von Eduard Kosminski, Czernowitz

 

Serhij Lukanjuk. Im Hintergrund die Jurij-Fedkowytsch-Universität.
Serhij Lukanjuk. Im Hintergrund die Jurij-Fedkowytsch-Universität.

Was bedeutet Heimat für Sie als Ukrainer in dieser Stadt mit diesem multikulturellen Erbe?

Als Einwohner ist für mich die Bukowina eine besondere Region nicht nur in Osteuropa, sondern im gesamten Europa. In der österreichisch-ungarischen Zeit war diese Region ein gutes Beispiel des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Völker. Auch heute ist sie für osteuropäische Verhältnisse ein Muster der multikulturellen Gesellschaft. Aber die beiden Weltkriege haben die Bukowina stark verändert. Seit meinem Studium an der Universität Czernowitz wohne ich seit 25 Jahren hier. Seit langem fühle ich mich in Czernowitz wie zu Hause. Ich würde es als meine zweite Heimat bezeichnen. Ursprünglich bin ich in Galizien geboren und dort zur Schule gegangen. Heimat ist für mich dort, wo Toleranz und Verständigung zwischen den Menschen herrschen.

Heute dominieren die Ukrainer Czernowitz. Wie wird das die Stadt prägen?

Zwar sind die Ukrainer die größte Volksgruppe in der Stadt, doch durch die enge Zusammenarbeit mit den anderen Gemeinden hat dies zu einer positiven Entwicklung der Stadt geführt hat.

Haben Sie dafür Beispiele?

In den letzten 25 Jahren wurden fünf Nationalhäuser in Czernowitz für die fünf historisch hier anwesenden Gemeinden eröffnet. Außerdem gibt es hier das rumänische Generalkonsulat sowie ein österreichisches und ein deutsches Honorarkonsulat. An der Universität sind Zentren für deutsche, rumänische, jüdische und polnische Studien entstanden. Die Tätigkeiten dieser Einrichtungen tragen dazu bei, die jetzigen Verhältnisse zwischen den Gruppen in der Stadt gemeinsam positiv und friedlich zu entwickeln.

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Das Interview erschien zuerst in Ausgabe 03/2018 zum Thema „Der Osten, die Heimat?“ | 2. Jahrgang | Seite 80-82

Was ist der repräsentativste Ort in der Stadt für die ukrainische Gemeinde und warum ist dieser besondere Ort besonders wichtig?

Meiner Meinung nach ist es etwas schwierig, solch einen Ort in der Stadt genau zu benennen. Die Altstadt von Czernowitz ist repräsentativ für die Stadt. Das gilt aber für die ukrainische, rumänische, jüdische, deutsche und polnische Gemeinde gleichermaßen. Jede Gemeinde hat ihre Spuren in der Stadt hinterlassen, jede Gemeinde versucht derzeit, ihre Tradition und Kultur zu bewahren, und das hält den multikulturellen Geist der Stadt am Leben. Czernowitz ist Bukowina und Bukowina ist Czernowitz.

 

Wie wirkt das multikulturelle Erbe von Czernowitz über die Stadt hinaus?

In kleineren Städten der Bukowina wie Radautz auf der rumänischen Seite oder Storoschynez auf der ukrainische Seite ist der multikulturelle Geist nur ein architektonischer Schatten dessen geblieben, was er vor 100 Jahren war. Die künstliche Grenzziehung zwischen Rumänien und der Ukraine hat der historischen Region Bukowina wirtschaftlich und kulturell geschadet. Im Norden der Region dominieren die Ukrainer, im Süden die Rumänen. Seit Jahrzehnten trennt eine künstlich gezogene Linie die Großstadt Czernowitz, die sich im ukrainischen Norden der Region Bukowina befindet, und die kleineren Städte im rumänischen Süden der Region.

 

Welche Auswirkung hat die Grenze zwischen Rumänien und der Ukraine auf die Region?

Die Infrastruktur der Region ist mehr oder weniger die gleiche wie vor hundert Jahren geblieben. Es gibt nur einen Grenzübergang, wo man meistens Stunden stehen muss, bevor man auf die andere Seite kommen kann. Verschärft hat sich die Situation durch den Krieg in der Ukraine. Die Kontrollen dauern länger. Diese Trennung schadet der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung auf beiden Seiten der Grenze.

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