Critical Westness: Unsichtbare Normen und (west)deutsche Perspektiven

Ostdeutschland ist 30 Jahre nach dem Mauerfall in aller Munde. Nach Jahren weitgehender Unsichtbarkeit ist eine Renaissance des wissenschaftlichen, journalistischen und politischen Blicks auf Ostdeutschland zu verzeichnen. Während dies auf den ersten Blick positiv erscheint und einen Anstoß liefert, um die gesamtdeutsche Vergangenheit in den Blick zu nehmen, bleibt doch ein bitterer Nachgeschmack. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es um einen bestimmten Blick auf Ostdeutschland geht: westdeutsch geprägt, aber gleichzeitig allgemein-deutsch erscheinend. Höchste Zeit, die Normsetzung des Westens sichtbar zu machen.

von Heiner Schulze, Berlin/Nordhausen

 

Critical Westness: ein Scherz?

Anlass für diese Betrachtung bot ein dahin geworfener Scherz: Ich saß mit einer Bekannten in einem schwäbischen Restaurant in Berlin. Wir überlegten, wie eine Ausstellung über queeres Leben in der DDR aussehen könnte. Mir kamen vorherige Gesprächsfetzen über die Jugend meiner Gesprächspartnerin in Süddeutschland in Erinnerung und ich fragte sie, was eigentlich die Motivation für ein solches Projekt wäre, zu dem sie selbst keinerlei biographischen Zugang hätte. Ein persönlicher Zugang ist nicht automatisch auch notwendige Voraussetzung, um sich mit einem Thema beschäftigen zu dürfen oder zu wollen, aber er stellt dennoch eine gute ‚Erfahrungsressource‘ und potenzielle Quelle von Interesse dar. Im Gespräch fiel auf einmal, ironisch hingeworfen, der Begriff ‚Critical Westness‘ als Motivation, um auch über die Erfahrungen von Menschen anderer Hintergründe zu lernen – in diesem Fall eben über die Erfahrungen von queeren Menschen in der DDR.

Der Begriff blieb hängen. Im Kern thematisiert er die unreflektierte und meist unsichtbare Normsetzung westdeutscher Perspektiven. Gelenkt wird hierdurch der Blick auf die unhinterfragte, westdeutsche Norm im medialen und politischen Diskurs der Bundesrepublik, die als solche aber nie benannt wird. Statt dem Fokus einer (meist) defizitären Perspektive auf den Osten zu folgen, soll der Blick zurück auf den Westen gelenkt werden. Die Wende und der Postsozialismus sind nicht nur eine Sache des Ostens: die Wende, deren Folgen und der Diskurs darüber sind immer auch eine Wende des Westens. Ohne Einbeziehung und Reflexion von Westdeutschland als nicht hinterfragte Norm ist eine ganzheitliche Debatte über Wende und Postsozialismus, ‚den Osten‘ oder Gesamtdeutschland kaum möglich.

 

Norm-Kritische Ansätze

Situiert ist das Begriffspaar vor allem in norm-kritischen Ansätzen der letzten Jahrzehnte. Die sprachliche Anlehnung an Critical Whiteness ist augenfällig. Critical Whiteness beschreibt die Auseinandersetzung und Sichtbarmachung der Erfahrungen von Personen, die gesamtgesellschaftlich nicht Gefahr laufen, rassistische Diskriminierung erleben zu müssen. Critical Whiteness lenkt den Blick auf die Normsetzung, in der ‚weiße‘ Erfahrungen und Personen die unsichtbare Norm darstellen, gegen die alles ‚Andere‘ immer eine Abweichung darstellt.1 Benannt wird nie die Norm, sondern immer nur das vermeintlich Andere. Bereits seit Jahrzehnten fordern People of Colour auch kritische Selbsthinterfragungen, so beispielsweise die Aktivistinnen von ADEFRA e.V. (Schwarze Frauen in Deutschland).

Ebenso knüpft Critical Westness an andere aktivistische und akademische Infragestellungen an, wie etwa die ‚kritische Männlichkeitsforschung‘. In dieser werden Formen von Männlichkeiten hinterfragt und ihrer traditionellen Naturalisierung enthoben. Gleichzeitig wird durch die Begutachtung ‚männlicher‘ Geschlechterrollen das meist darin inneliegende Ideal thematisiert, welches oftmals nicht einmal für alle Männer* erreichbar ist.2 In eine ähnliche Kerbe schlagen die Debatten um Heteronormativität. Hierbei wird die gesellschaftliche Norm von Heterosexualität in den Blick genommen und als eben diese sichtbar gemacht. Auch diese Debatten sind nicht neu – lesbische und schwule Aktivist:innen kämpfen seit Jahrzehnten gegen den Druck heterosexueller Normierung.3

 

Defizit und Devianz

Schaut man sich den konkreten Fall des Ostens an, wird im Moment der Diskurs um ‚Ostdeutschland‘ oder ‚ostdeutsche Identität‘ bis heute durch zwei Aspekte geprägt. Häufig steht ostdeutsch für ein Defizit: Am sichtbarsten ist das in der pauschalen Verdächtigung als grundlegend rechtsextrem (oder mindestens anfälliger für solche Politik), geradezu als Gegenfolie zum demokratisch gedachten (bzw. gewünschten) Westdeutschland. Auf einer alltäglichen Ebene deutlich wurde das auch in einem 2010 weit diskutierten Fall, als eine Bewerberin auf zurückgesendeten Bewerbungsunterlagen feststellen musste, dass dort handschriftlich ‚Ossi‘ und ein Minus vermerkt waren und die Vermutung nahe lag, dass hier ein pauschalisiertes und defizitäres Ostdeutschenbild zumindest Mitanteil am Misserfolg der Bewerbung hatte (Pfohl 2010).

Auf der anderen Seite werden Ostdeutschland und die Ostdeutschen häufig schlichtweg als ‚deviant‘ gekennzeichnet. Diese Devianz kann dabei sowohl positiv als auch negativ aufgeladen sein. Eine positive Aufladung erfolgt beispielsweise in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen. Liest man die Kommentare auf einschlägigen Internetportalen, wird der ‚widerständige‘ Osten heraufbeschworen, der noch die einzige Rettung zur schon verloren geglaubten ‚Mainstreamgesellschaft‘ darstellt. Aber auch andere Medien spielen das Spiel mit und beschreiben die Normabweichung der ostdeutschen Erfahrung. So schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung Anfang 2019 über die fortbestehende Westdominanz der Eliten und führte den Soziologen Raj Kollmorgen an, der unter anderem „kulturelle Benachteiligungen“ (FAZ 2019) als Ursache nannte, bei der sich die Ostdeutschen schwer tun, den Habituserwartungen der bestehenden (westdeutschen) Eliten zu entsprechen. Nur wenige Absätze später werden dann die zum Teil seltsam klingende[n] Berufe (FAZ 2019) einiger Ostdeutscher beschrieben, beispielsweise der „Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung“ . Es stellt sich die Frage: Für wen klingen sie eigentlich seltsam? Die Menschen, die sie in der Vergangenheit selbst gelernt haben und für die das Alltag war, wundern sich vermutlich, wenn ihre Berufsabschlüsse mal so nebenbei für „seltsam klingend“ erklärt werden.

 

Unterkomplexe Konstruktion und unsichtbare Stabilisierung

In beiden Fällen, in der Konstruktion als Defizit und als Devianz, werden zwei Sachen imaginiert. Zum einen eine ostdeutsche Identität und ein bestimmtes Ostdeutschlandbild, wobei die reale Komplexität des Lebens vor Ort weitgehend negiert und Ambivalenzen ignoriert werden. Zum anderen wird eine unsichtbare (westdeutsche) Norm stabilisiert, die im Vergleich weniger defizitär und schlichtweg als ‚normal‘ gilt. Dort gibt es keine „seltsam klingenden“, sondern nur ganz normale Berufe. Wenn ‚Ossi‘ – ähnlich wie ‚Migrationshintergrund‘ oder Frau – im Bewerbungsprozess negativ ausgelegt wird, ist gleichzeitig das Bild der Nicht-Ossi (und des Mannes ohne ‚Migrationshintergrund‘) im Hinterkopf, das nicht negativ ausgelegt wird. Wenn man stundenlang auf allen Kanälen über den rechtsextremen Osten referieren kann, kann man sich indirekt auch der eigenen Zugehörigkeit zum vermutlich demokratischen Nicht-Osten erfreuen.

 

Westdeutsche Inhalte

Gesellschaftliche Debatten sind selbst bei einem (vermeintlichen) Fokus auf Ostdeutschland westdeutsch geprägt. Das ist erkennbar auf verschiedenen Ebenen. Inhaltlich ist die mediale und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Osten oft auf bestimmte Themen konzentriert. Augenfällig ist die ständige Thematisierung von rechter Ideologie und Rechtsextremismus, von Stasi und Diktatur, welche ohne Frage zentrale Themen darstellen, aber nicht pauschal den Osten beschreiben können.4 In der kulturellen Auseinandersetzung ist es ähnlich. Welcher der wenigen Filme der letzten Jahre, die sich mit der (Ex-)DDR auseinandergesetzt haben, kommen ohne expliziten Bezug zu Gewalt, Stasi, Diktatur oder Flucht aus? Ein großer Teil der medial geführten Diskussionen über Ostdeutschland beschäftigen sich vor allem mit Themen, die Westdeutsche für entweder typisch ostdeutsch halten oder zumindest mit Ostdeutschland und Ostdeutschen in Verbindung bringen. Erst seit vergleichsweise kurzer Zeit scheint sich langsam ein Gegendiskurs durchzusetzen, der vielfältigeren Erfahrungen Platz einräumt. Diese Gegenbewegung ist dabei stark von einer jüngeren Generation geprägt, die sich mit ihrer eigenen Erfahrung und dem Umbruch im Leben ihrer Eltern auseinandersetzt.5

Berlin. Bornholmer Straße am 10. November 1989. Foto: Hans Peter Lochmann, Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0
Berlin. Bornholmer Straße am 10. November 1989. Foto: Hans Peter Lochmann, Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0

Nicht ohne uns über uns?

Die Auseinandersetzung mit und über den Osten findet dabei häufig statt, ohne Ostdeutsche selbst einzubeziehen. Die Art und Weise, wie und wer über den Osten redet, fallen stark zusammen. Geredet wird in erster Linie über den Osten aus einer Fremdperspektive. Es gibt einen Zeitungsartikel, ein Radiofeature, einen Fernsehbeitrag über den Osten, aber selten mit ihm. Partizipative Formate finden vergleichsweise selten ihren Raum.

Gleichzeitig spielt eine Rolle, wer redet oder wer potenziell die Möglichkeit dazu hat. Vier Fünftel der Führungspositionen in Ostdeutschland sind bis heute von Westdeutschen besetzt. Die deutsche Medienbranche ist sowohl personell als auch in der Ortsansässigkeit fest in westdeutscher Hand (Kubiak/Fourotan 2018: 96). Auch vermeintlich stark ostdeutsch geprägte und prägende Strukturen sind nicht per se ostdeutsch geleitet. Die Super Illu, einst in der Zeit das Zentralorgan des Ostens“ genannt (Staud 2000), wurde 20 Jahre lang von einem Westdeutschen aufgebaut und geleitet. Die Alternative für Deutschland (AfD), welche relativ gesehen besonders hohen Zuspruch in Ostdeutschland erhält, bildet die politische Stärke im Osten ebenfalls nur bedingt ab. So stammen unter anderem Gründer Bernd Lucke, Frontfrau Alice Weidel sowie die Mehrheit der Landesvorsitzenden in den ostdeutschen Bundesländern aus Westdeutschland. Selbst Björn Höcke als bekanntester AfD-Politiker eines ostdeutschen Bundeslandes ist im Grunde ein ‚Westimport‘.

Die Repräsentationslücke macht sich mitunter in der Berichterstattung deutlich und beeinflusst, wer spricht, wie und über was gesprochen wird. Prägnantes Beispiel ist eine Diskussion im Deutschlandfunk Ende August 2018 (DLF 2018a). Angesichts der Ausschreitungen im sächsischen Chemnitz kurz zuvor redeten dort fünf Westdeutsche über (fehlende) Demokratie und Rechtsextremismus. Aus westdeutscher Perspektive wurde hier in einem nicht-partizipativen Format über Sachsen und Rechtsextremismus geredet. Die fehlende Repräsentation fiel noch während der Sendung auf. Es folgten kritische Zuschriften von Hörer:innen. Es schien dem Deutschlandfunk sichtlich peinlich. Knapp eine Woche später wurde eine Folgesendung ausgestrahlt. Thema diesmal: Pauschalisierungen über ‚die Sachsen‘. Diesmal mit nur ostdeutschen Diskutant:innen. Der Titel der Sendung? Zuhören! Eine sächsische Runde (DLF 2018b).

 

Normsetzung und Identitätspolitik

So explizit wie in der Folgesendung des Deutschlandfunks wird allerdings selten thematisiert, wer eigentlich über was redet in Bezug auf Ost- und Westdeutschland. Die Norm, welche die vorangehende Radiosendung überhaupt erst in der Form möglich machte, wird nicht benannt, sondern bleibt unsichtbar.

Die Normsetzung des Westens strukturiert bis heute noch Debatten über Ostdeutschland und die Ostdeutschen. Nur vor dem Hintergrund einer impliziten Norm ist der Diskurs um den Osten als defizitär und/oder deviant überhaupt erst möglich. Inhaltlich schlägt sich das oft in den vorherrschenden Themen wieder, die bei der Diskussion um ‚Ost‘ aufgerufen werden. Dominant sind hier vor allem Themen, die auf stark westdeutsch geprägten Vorstellungen beruhen, was im Sprechen über den Osten relevant und/oder wichtig sei. Wird nun über den Osten gesprochen, passiert das allerdings wenig mit Einbeziehung desselben. Oftmals reden vor allem Westdeutsche und legen ihre Sicht auf den Osten und seine (vermeintlichen) Probleme dar. Ostdeutschland wird so, zumindest diskursiv, vor allem eine Konstruktion, die vom Westen (mit)geprägt wird, oder in Ostdeutschland erst in der Auseinandersetzung und Abgrenzung vom Westen erzeugt wird. Als Ostdeutsche:r muss man sich immer auch gegen das vorherrschende Bild von Ostdeutschland verorten – eine ostdeutsche Identität ohne Auseinandersetzung mit dem Westen und dem vom Westen geprägten Ostbild erscheint schwer möglich. Anders herum hingegen ist das wesentlich einfacher möglich.

Gleichwohl erfüllt die Ostkonstruktion auch eine Funktion. Durch den Osten als defizitäres und deviantes Andere wird das Selbstbild des Westens als nicht bis weniger defizitär gestützt, auch wenn nicht explizit so benannt. Bestimmte Diskussionen können in den Osten externalisiert werden. Rechtsextremismus wird so nicht als deutsches, sondern als ostdeutsches Phänomen benannt.6 Mitverantwortung und Mitschuld an gesellschaftlichen Zuständen kann abgewiesen werden. Der Westen wird als unbeteiligt an den Entwicklungen im Osten (re)präsentiert“, wie es Urmila Goel (2010) beschreibt.

Die Norm und ihre Nicht-Hinterfragung werden so im Prinzip auch zu einer bestimmten Art von Identitätspolitik, nämlich zu einer unsichtbaren. Eine westdeutsche Identität wird nicht benannt. Stattdessen wird sich als ‚deutsch‘ gedacht. Ein nicht einseitig imaginiertes Ostdeutschland findet hier nur beschränkt Platz.

 

Reflexion und Perspektiven

Der eingangs eingeführte Critical-Westness-Begriff soll zu einer Thematisierung der impliziten Normsetzung einladen. Es ist notwendig, den Blick zurückzulenken auf die Frage: Wer redet wo, wie über wen und was?
Es ist nicht möglich, über Ostdeutschland zu sprechen, ohne über Westdeutschland zu reden. Notwendig ist immer eine Thematisierung des Gesamtgefüges. Man kann weder Ost, West noch das formal geeinte Deutschland in ihrer Komplexität und mit ihren Ambivalenzen verstehen, wenn nicht über die Entstehungszusammenhänge reflektiert wird, die unsere Vorstellungen von diesen Gebilden und ihren Bewohner:innen prägen. Erst durch diese kritische Reflexion können die vielfältigen Lebensgeschichten innerhalb Deutschlands verstanden, Diskurse durchdrungen und Grundlagen für ein Verständnis realer Differenzen und Gemeinsamkeiten geschaffen werden. Letztere sind dabei wichtig, um als Grundlage für Solidarisierungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen zu dienen. Neben dem Osten muss hier auch der Westen als partikulare Perspektive ins Zentrum gerückt werden. Gleichzeitig muss davor gewarnt werden, Ost und West essenzialistisch-homogenisierend zu verstehen. Es gibt weder den Osten noch den Westen. Eine derartige Vorstellung könnte der Vielfalt der Erfahrungen und Perspektiven nicht gerecht werden und den Blick auf die Vielschichtigkeit der komplexen Verbindungen untereinander verstellen.

Critical Westness wird so, inspiriert von anderen norm-kritischen Ansätzen, auch zu einem Instrument, um die Wende der Anderen besser zu verstehen. ‚Die Anderen‘ sind in diesem Zusammenhang der Westen, der aus der Wende nicht unberührt hervorging und sich einfach in ein gemeinsames Deutschland auflöste. Eine bestimmte Vorstellung von Westdeutschland wird immer auch erst durch das komplizierte Verhältnis zu Ostdeutschland stabilisiert. Das muss anerkannt werden, um ein ganzheitliches Bild auf Deutschland möglich zu machen und weiterzuentwickeln. Dieses Anerkennen bietet im Gegenzug dann auch die Möglichkeit, affirmative ost- und westdeutsche Identitäten zu ermöglichen.

Das ist bei weitem nicht der erste Beitrag, der genau das einfordert. Urmila Goel und Sandra Matthäus beispielsweise haben das wiederholt in der Vergangenheit thematisiert und die dahinter liegenden Prozesse analysiert.7 Dennoch ist es wichtig, sich der Problematik immer wieder anzunehmen. Speziell auch in Zeiten wieder wachsenden Interesses an Ostdeutschland und ostdeutscher Erfahrungen, die vielleicht auch über bisher mögliche Diskussionen hinausweisen wollen, ist es wichtig, sich der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gewahr zu werden und nicht weiter zu verschleiern, wie westdeutsche Perspektiven den Blick auf Ostdeutschland prägen, gleichzeitig aber auch selbst genau durch diesen Akt geprägt werden.


Der Artikel erschien im Sommer 2019 in der Printausgabe #5 Die Wende der Anderen.

Titelbild: Palast der Republik, Mazbln, Wikimedia Commons, (CC BY-SA 3.0)

Endnoten:

1 An dieser Stelle sei angemerkt, dass Critical Westness und Critical Whiteness bei weitem nicht gleichgesetzt werden sollen. Während Ostdeutsche in Elitepositionen zwar massiv unterrepräsentiert sind, Lebensbedingungen in Ostdeutschland strukturell eher schlechter sind als der westdeutsche Durchschnitt und auch eine westdeutsche Dominanz im gesellschaftlichen Diskurs und in der Erinnerungskultur zu konstatieren sind, ist Ostdeutsch-Sein bei weitem nicht so gefährlich wie die Erfahrung von Rassismus. Während rassistische Gewalt ein beständiges Problem darstellt, wird kaum eine Person Gefahr laufen, aufgrund ihres Ostdeutsch-Seins verprügelt oder gar ermordet zu werden.

2 Raewyn Connell (2005) hat das mit ihrem Konzept der hegemonialen Männlichkeit verdeutlicht, welche als Ideal in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft dominiert. Gleichzeitig gibt es andere Formen von Männlichkeiten, welche ambivalentere Positionen im gesellschaftlichen Gefüge haben, aber prinzipiell nichtsdestotrotz von der ‚patriarchalen Dividende‘ profitieren.

3 Bereits das Konzept des ‚Coming Out‘ macht diese Normierung sehr deutlich und reproduziert diese: einzig und allein Nicht-Heterosexuelle müssen beständig ihr Coming Out haben und sich erklären. Ein Coming Out zur Heterosexualität würde den meisten Menschen hingegen eher absurd erscheinen. Interessanterweise haben andere normkritische Bewegungen das Konzept des Coming Outs auch auf sich übertragen, um so direkt und indirekt gesellschaftliche Normsetzungen sichtbar zu machen – ein Beispiel liefert hier ‚fat-activism‘ mit seinem „Coming Out as Fat“ (Saguy / Ward 2011).

4 Strukturell hat sich die Berichterstattung damit in den letzten Jahren nur bedingt weiterentwickelt. In ihrer Diskursanalyse zur Berichterstattung über Ostdeutsche im ARD-Magazin „Kontraste“ stellt Julia Belke bereits 2009 fest, dass am häufigsten Themen wie „rechte Szene“, „DDR-Vergangenheit“ und „Gewalt“ zu sehen waren (Belke 2009: 150).

5 Beispielsweise hier die Dritte Generation Ost, die mit gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Auseinandersetzung auf sich aufmerksam machte und die Generation der 1975 bis 1985 Geborenen in den Blick nahm. Ein Ergebnis war hier u.a. die Veranstaltungsreihe und das Buch „Der Osten“ (Matthäus/Kubiak: 2015).

6 Gleichzeitig werden eigene Defizite, die sich nicht einfach auf den Osten projizieren lassen, nicht diskutiert. So stellten Untersuchungen wie die Heitmeyer-Studien zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit fest, dass Sexismus im Westen stärker verbreitet ist als im Osten (Gessler 2008). Thematisiert wurde das medial kaum.

7 Siehe Urmila Goel (2010) und Sandra Matthäus (2018). Letzterer bin ich sehr dankbar für die Zusendung von Literatur und dem Zuspruch, mich überhaupt mit dem Westen als Norm auseinanderzusetzen.

 

Literaturverzeichnis:

Belke, Julia (2009): „Das Bild der Ostdeutschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Eine Diskursanalyse des ARD-Politmagazins KONTRASTE in der Zeit von 1987-2005“. In: Ahbe, Thomas/Gries, Rainer/Schmale, Wolfgang (Hrsg.): Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990. Leipziger Universitätsverlag. S. 135-180.

Connell, Raewyn (2005): Masculinities. Berkeley: University of California.

DLF (2018a): „Ist der Geist aus der Flasche? Chemnitz und die Lehren für Demokraten.“ Online: https://www.deutschlandfunk.de/ist-der-geist-aus-der-flasche-chemnitz-und-die-lehren-fuer.2011.de.html?dram:article_id=426672.

DLF (2018b): „Zuhören! Eine sächsische Runde.“ Online: https://www.deutschlandfunk.de/zuhoeren-eine-saechsische-runde.2011.de.html?dram:article_id=427254.

FAZ (2019): „Warum Ostdeutsche noch immer seltener Karriere machen“. Online: https://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/warum-ostdeutsche-noch-immer-seltener-karriere-machen-16029437.html.

Foroutan, Naika/Kubiak, Daniel (2018): Ausschluss und Abwertung. Was Muslime und Ostdeutsche verbindet. In: Blätter für deutsche und internationale Politik. 7/2018. S. 93-102.

Gessler, Philipp (2008): „Die Ost-West-Kluft“. Online: http://www.taz.de/!5171632/.

Goel, Urmila (2010): „Westprivilegien im vereinten Deutschland“. Online: http://urmila.de/ostwest/westprivilegien.html.

Matthäus, Sandra / Kubiak, Daniel (Hrsg.) (2015): Der Osten. Neue sozialwissenschaftliche Perspektiven auf einen komplexen Gegenstand jenseits von Verurteilung und Verklärung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Matthäus, Sandra (2016): The Value of East German Identity. On the Intersection of Meaning, Affect, and Worth and its Potential in Analyzing >the East<. Paper published at “Deutschlandforschertagung 2016: Children of Transition and War. The ‘Generation of Transformation’ from a European Perspective”, Universität Wien, 3.-5.11.2016.

Matthäus, Sandra (2018): „Eine postkoloniale symbolische Ordnung? Zum (Nicht-)Sag- und Denkbaren in Bezug auf den Osten (und den Westen). In: Freie Assoziation, 20(2), S. 78-83.

Pfohl, Manuela (2010): „‚Ossis‘ sind auch nur Deutsche“. Online: https://www.stern.de/panorama/arbeitsgericht-stuttgart-faellt-urteil–ossis–sind-auch-nur-deutsche-3571328.html.

Saguy, Abigail C./Ward, Anna (2011): „Coming Out as Fat: Rethinking Stigma“. In: Social Psychology Quarterly, 74(1): S. 53-75.

Staud, Toralf (2000): „Das Zentralorgan des Ostens“. Online: https://www.zeit.de/2000/41/Das_Zentralorgan_des_Ostens.

Print Friendly, PDF & Email