Call for Papers Ausgabe 03/2018: Der Osten, die Heimat?

Deadline: Donnerstag, 15. Februar 2018

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Heimat. Bewahren oder verändern? Aufbauen oder zerstören? Loben oder schlechtreden? Belachen oder beweinen? Besingen oder verschweigen? Lieben oder hassen? Für sie sterben oder sie verraten?

Diskussionen über die Heimat haben Konjunktur. Phänomene wie Globalisierung und Entgrenzung sind weltweite Entwicklungen, die nicht nur, aber eben auch auf Osteuropa Einfluss haben. Die Sehnsucht nach Heimat scheint eine Reaktion zu sein auf die zunehmenden Unsicherheiten in einer globalisierten Welt. Was jedoch Heimat ist, welche Vorstellungen und Konzepte dahinter stehen, das ist in Kunst und Kultur, in der Wissenschaft und in der Politik höchst umstritten. Für die nächste Ausgabe des Ost Journals möchte sich die Redaktion ausführlich mit dem Thema Heimat beschäftigen: Was bedeutet Heimat? Wie wird sie wahrgenommen im Prozess der post-sozialistischen Transformation 30 Jahre nach dem Epochenjahr 1989? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es hierbei in Ostdeutschland, in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, des ehemaligen Ostblocks sowie der ehemaligen Sowjetunion?

Micha Blitz b-lichtet.de, Flickr, (CC BY 2.0)
Foto: Micha Blitz b-lichtet.de, Flickr, (CC BY 2.0)

Nach dem Wendejahr 1989 wurde der Blick im Osten überwiegend gen Westen gerichtet. Man schämte sich der eigenen Heimat und der eigenen Herkunft, die vertraute Heimat war verschwunden. Nicht wenige führten ein Leben in der (inneren) Emigration, ein Leben in Tarnung. Sich in der neuen Gesellschaftsordnung – in einer Zeit der Umbrüche – zurechtzufinden, heimisch zu fühlen, war auch eine Generationenfrage: Im Westen lernen die Jungen von den Alten. Im Osten ist es andersherum: Hier sind es die Jungen, die den Alten erklären müssen, wie die Welt nach dem Sozialismus funktioniert. Welche unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erwartungen an die Heimat gehen damit einher? Welche sozialen, politischen und kulturellen Implikationen folgen daraus?

In der öffentlichen Debatte dominieren zwei Vorstellungen: Entweder gingen die Menschen gestärkt aus den Veränderungen hervor. Oder sie galten als geschlagen und resigniert. Gerade letztere erhalten im Zuge des Rechtsruckes in Europa größere Aufmerksamkeit. Der Erfolg nationalistischer Bewegungen und Parteien hat die Debatte über die Heimat befeuert. Die Wahlerfolge werden auf den Verlust der Heimat zurückgeführt, welche viele nach der Wende empfunden haben. In seinem Wende-Essay hat Boris Buden darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied gebe zwischen dem Subjekt der Revolution der Wende und dem Subjekt der Transformation nach der Wende. Die eigentlichen Akteure der Wende seien längst vergessen oder verdrängt, ebenso die eigene Geschichte vor 1989. In vielen post-sozialistischen Regionen führte dies zur gesellschaftlichen Entfremdung großer Teile der Bevölkerung von der Politik. Damit ging einher der Niedergang der liberalen Ordnung und der politischen Mitte – sofern sie überhaupt in den post-sozialistischen Gesellschaften ausgeprägt waren. In Ostdeutschland katalysierten die Flüchtlingsbewegungen die Entfremdung zwischen Teilen der Bevölkerung und dem politischen Establishment. In den Visegrád-Staaten hingegen scheint es, als sei ein Bündnis aus national-konservativen Eliten und großen Teilen der Bevölkerung gegen das ferne ‚Brüssel‘ entstanden, um die eigene Heimat gegen Einmischungen von außen zu verteidigen.

Die populistische Rechte will die Heimat gegen die ‚heimatlose‘ Linke verteidigen, die in Städten lebe und Fremdsprachen spreche, die nicht mit den Konsequenzen einer internationalistischen Politik leben müsse. Die politische Linke hingegen hatte ohnehin ein ambivalentes Verhältnis zur Heimat: Einerseits ist ihr Gesellschaftsverständnis internationalistisch, sie kennt kein Vaterland. Sie ist meist das erste Opfer nationalistischer Kriege, die im Namen der Heimat geführt werden. Andererseits waren die realexistierenden sozialistischen Regime in Ostmitteleuropa ethnisch homogen und verschlossen. Auch die gegenwärtige Linke diskutiert den Heimatbegriff: Heimat sei demnach der Ort, an dem alle Menschen sicher vor Krieg, Gewalt und Armut sind. Wie sehen die Debatten, Strategien, Konflikte und Handlungen von politischen Akteuren aus, die in den post-sozialistischen Regionen Europas aktiv sind, wenn es um die Heimat geht? Und welche Heimatbegriffe haben der Liberalismus und der Konservatismus, die doch bisher Träger der post-sozialistischen Transformation gewesen sind, um die post-sozialistischen Regionen an ‚den Westen‘ heranzuführen?

Heimat ist aber mehr als ein affektiver Begriff. Heimat geht mit kulturellen und soziologischen Phänomenen einher – mit Migration und Identitätsbildung. Heimat ist ein Sehnsuchtsbegriff einer ‚imagined community‘ (Anderson). Selten handelt es sich um freiwillige Migration: Die Balkankriege haben viele Menschen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen. Fast alle Staaten des ehemaligen Ostblocks feiern die Grenzöffnung durch den Beitritt in den Schengenraum als größten politischen Erfolg, aber zugleich führt er zum Wegzug vieler junger und hochqualifizierter Menschen, die ihr Glück im Westen versuchen. Wie verändert der soziale Wandel die Heimat und das Zusammenleben gerade in schrumpfenden Räumen? Wie wird dieser Wandel der Heimat sozial, politisch und künstlerisch verarbeitet? Welche Aneignung von Heimat findet statt, welche Phänomene und Prozesse führen zu einer Identifikation mit der Heimat und wie drückt sich dies aus? Kann man eine alte Heimat an neuen Orten schaffen? Welche Verbindungen bestehen zwischen neuer und alter Heimat? Und welche Alternativen gibt es zur Heimat – im kulturellen, soziologischen und politischen Sinne?

Es gibt aber auch ganz andere Entwicklungen: Zwar ist die Landflucht in den post-sozialistischen Regionen Europas ein anhaltendes Phänomen. Doch längst gelten nicht wenige Orte im Osten als ‚schick und trendig‘. Zwischen Leipzig und den Bergen Georgiens erstreckt sich ein Raum, der immer mehr Menschen aus dem Westen anzieht, um das Abenteuer und sich selbst zu entdecken. Die Heimat im Post-Sozialismus ist Avantgarde – und bewegt sich zwischen Kommerzialisierung durch Kitsch bis hin zur Utopie. Die Krise der Heimat im Post-Sozialismus geht für die einen mit einem untröstlichen Verlust einher, für die anderen ist sie ein Eldorado, ein gelobtes Land mit ungestörten Freiräumen. Hier wird Heimat noch erschaffen, während sie im Westen bereits fertig ist. Welche post-kolonialen Muster lassen sich erkennen bei der Entdeckung ‚des Ostens‘ als neue Heimat durch ‚den Westen‘? Welche Ängste, welche Hoffnungen, welche Enttäuschungen, welche Wünsche gehen damit einher, wenn wir über die Heimat im Osten nachdenken?

 

Redaktionelle Anmerkungen

Interessierte können unveröffentlichte Manuskripte, Artikelentwürfe, Exposés oder Abstracts (hier mind. 300 Wörter) einreichen. Die Redaktion trifft die Auswahl bis zum 18. Februar 2018. Bei eingereichten Abstracts erfolgt eine Zusage lediglich unter Vorbehalt, bis der fertige Artikel der Redaktion vorliegt. Die ausgewählten Artikel müssen bis zum 28. März 2018 der Redaktion unter Beachtung der Hinweise für AutorInnen vorliegen. Die Veröffentlichung der Ausgabe findet voraussichtlich Anfang Juni statt. Interessierte müssen im Rahmen des Call for Papers Schlüsselwörter sowie die angestrebte Länge des fertigen Artikels vermerken. Für die Beiträge zahlt die Redaktion kein Honorar. Die Beiträge bittet die Redaktion per E-Mail an mail@ost-journal.de zu senden.

 

Länge der finalen Beiträge

  • ein eingehender, längerer Artikel von 5-7 Seiten (ca. 21.000 Zeichen) im akademischen oder essayistischen Stil oder
  • ein kürzerer Text von 2-4 Seiten (ca. 12.000 Zeichen) in journalistischem, essayistischem oder (populär)wissenschaftlichem Stil

 

Über Ost Journal

Das Ost Journal ist ein seit Sommer 2017 halbjährig erscheinendes interdisziplinäres Printmagazin. Es umfasst journalistische, künstlerische, populärwissenschaftliche und akademische Arbeiten von jungen AutorInnen, welche einen persönlichen Bezug zur post-sozialistischen Transformation haben – sei es in Ostdeutschland, im ehemaligen Ostblock, im ehemaligen Jugoslawien oder in der ehemaligen Sowjetunion – oder deren thematischer Schwerpunkt in diesem Bereich liegt. Printausgaben erhalten eine ISBN-Nummer und werden in der Deutschen Nationalbibliothek katalogisiert. Alle Artikel erscheinen zudem kostenlos zeitversetzt auf der Internetseite und sind frei zugänglich.

Eine Besonderheit besteht in der Anbindung an den Deutschen Bundestag: Viele bisherige AutorInnen haben am Internationalen Parlamentsstipendium des Bundestages (IPS) teilgenommen, Bundestagsabgeordnete gehören zu den AbonnentInnen des Journals und nutzen das Ost Journal zur Begleitung ihrer politischen Arbeit. Aktuelle Ausgaben werden auf Abendveranstaltungen im Parlament diskutiert.

Unser Magazin will die Stimme der Generation der post-sozialistischen Transformation hörbar machen. Wir wollen dazu beitragen, eine neue Erzählung von Europa zu schaffen, die von Angst und Stereotypen befreit ist und die dem antipluralistischen und antidemokratischen Narrativ entgegensteht, das sich in der Krise verbreitet.

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Titelfoto: Micha Blitz b-lichtet.de, Flickr, (CC BY 2.0) 

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