Ausgabe #6: Frankfurt oder Słubice

Es war vor etwa drei Jahren im Untergeschoss des Logenhauses der Europa-Universität Viadrina. Draußen war es dunkel und kalt, drin saßen wir und unterschrieben ein paar Dokumente. Eine Kroatin, ein Rumäne und ein Ostdeutscher. Niemand hatte vorher publiziert. Aber wir wollten ein Journal gründen, ehrenamtlich und nebenberuflich, in dem die Wende- und Nachwendegeneration über den real existierenden Postsozialismus schreibt. Ein halbes Jahr später, im Sommer 2017, präsentierten wir die erste Ausgabe in den Räumen des Bundestages.

Cover Ost Journal Ausgabe 6 Frankfurt oder Słubice

Frankfurt (Oder) und Słubice. Mit dieser nun sechsten Ausgabe schließt sich gewissermaßen der Kreis. Wir kommen zurück an die Oder, wo alles seinen Anfang nahm, denn hier lassen sich die gesellschaftlichen Entwicklungen und die europäische Integration unter den Zuständen der Wende- und Nachwendezeit durch das Brennglas beobachten. Die hier stattfindende gesellschaftliche Erneuerung kann Modellcharakter haben für andere ostdeutsche Städte (Worschech). Der Europa-Universität Viadrina kommt hierbei eine besondere Rolle zu. Einerseits erforscht sie den grenzüberschreitenden Austausch unter den Bedingungen der Transformation. Andererseits ist sie selbst Nukleus grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Projekte (Wojciechowski). Erneuerung und Grenzüberschreitung lösen auch Widerstände aus. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die AfD den Europaausschuss leitet, in dem sich Frankfurter und Słubicer Stadtverordnete auf grenzüberschreitende kommunale Projekte verständigen (Kunath).

Spätestens seit der Wahl des damals erst 33-jährigen Linken-Politikers René Wilke zum Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) im Jahr 2018 wirkt die Stadt wie wachgeküsst. Die Stadtgesellschaft arbeitet ihre Verlusterfahrung nach der Wende auf, wie etwa die Arbeiter:innen des Halbleiterwerks (Lalla). Der Osten wird neuentdeckt, neuerfunden und neugedeutet, wie zum Beispiel im studentischen Wohnprojekt fforst (Hiebl). Vielerorts steht die Wiederentdeckung aber noch am Anfang, wie der Umgang mit der Kunst im öffentlichen Raum aus der Zeit der DDR zeigt (Brabenetz). So mischt sich zur Aufbruchstimmung zugleich ein Gefühl der Ambivalenz, denn die Brüche und Verwerfungen aus den vergangenen 30 Jahren sind tief und wirken bis heute nach (Zylka, Meier).

Wie fragil das etablierte Verhältnis und die gegenwärtige Situation ist, erleben wir durch die Ausbreitung des Corona-Virus. Kurz vor der ursprünglich geplanten Veröffentlichung der Ausgabe sind Frankfurt und Słubice durch die Grenzschließung wieder geteilt worden. Was das für Familien, Freundeskreise und Berufstätige auf beiden Seiten der Oder bedeutet und welche zukünftigen Auswirkungen die gegenwärtige Teilungserfahrung haben wird, konnten wir in dieser Ausgabe noch nicht thematisieren. Insofern sollte diese Ausgabe als Dokumentation des gelungenen Miteinanders und als Vergewisserung des Potentials verstanden werden, an das Frankfurt und Słubice und andere europäische Grenzstädte nach der Pandemie hoffentlich wieder gemeinsam anknüpfen.

Aufarbeitung, Aneignung, beharrliches Ausverhandeln und selbstbewusste Neuerfindung des Ostens. Das ist es, was sich in Frankfurt und Słubice beobachten lässt. Und es ist das Programm des Ost Journals. Im Namen aller ehrenamtlichen Autor:innen wünsche ich anregende Gedanken bei der Lektüre.


stefan kunathVorwort von Stefan Kunath, Chefredakteur & Mitherausgeber


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Stefan Kunath

Doppelstadt lehren, um Ostdeutschland zu verstehen
Susann Worschech

Wie blicken die Halbleiter auf ihr Werk zurück?
Erwerbsbiografien vor und nach der Wende
Anna Lalla

Vom Hörsaal in die Praxis
Krzysztof Wojciechowski im Interview über die deutsch-polnische Doppelstadt
Fragen von Josefine Jahn und Linda Pickny

Hard to Break
Brüche, Verwerfungen, Freiräume beiderseits der Oder
Fotoband von Christina Rabe

Du bist verrückt mein Kind, du musst raus aus Berlin
Rosa Zylka

Die Neuen in Słubice
Osteuropa-Multikulti an der Oder
Peggy Lohse

Die gezähmte Revolution
Eine Perspektive auf die Kunst im öffentlichen Raum in Frankfurt (Oder)
Jeannette Brabenetz

Fragment Osten
Der Fotokünstler Eric Meier im Interview
Fragen von Jeannette Brabenetz

Wo die AfD den Europaausschuss leitet …
… und was dagegen helfen könnte
Stefan Kunath

Die Doppelstadt als Kriminalroman
Buchrezension
Annika Grützner

Das kosmopolitische Frankfurt liebt die Platte
Zwischen Identitätsfindung und Hedonismus
Johanna Sophie Hiebl

Zwei Städte. Zwei verlassene Kinos.
Magdalena Abraham-Diefenbach im Interview über
das Lichtspieltheater der Jugend und das Kino Piast
Fragen von Antje Wilke

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