Ausgabe 05/2019: Die Wende der Anderen

Vorwort von Stefan Kunath

Wir schreiben über die Wende der Anderen, weil wir das Journal der Anderen sein wollen. Wir sind anders, weil wir das Journal aus reiner Experimentierfreude und Lust am Abenteuer gegründet haben. Wir wollten Texte im Eigenverlag veröffentlichen, ohne vorher bei einer Redaktion anzuklopfen. Wir sind ein Do It Yourself Journal im wahrsten Sinne des Wortes. Wir studieren, schreiben unsere Abschlussarbeiten, arbeiten Vollzeit, manche von uns gründen Familien. Für so ein Journal ist eigentlich gar keine Zeit. Irgendwie kriegen wir es trotzdem hin und zwar aus Liebe und aus Überzeugung (aber dafür sicherlich mit ein paar eingeschlichenen Rechtschreibfehlern? Wir danken unseren Leser:innen für die Nachsicht!).

Ausgabe #5. Titelcover von Nastя Maklakova
Ausgabe #5. Titelcover von Nastя Maklakova

Die Nachwendegeneration des realexistierenden Post-Sozialismus ist 30 Jahre nach 1989 erwachsen. Wir im Ost Journal geben ihr – geben uns – hier eine Bühne. Die weitverbreitete Erinnerungspolitik an 1989 verkürzt die Wendeereignisse um das Epochenjahr zu einer Erfolgsstory von Marktwirtschaft und Demokratie. Dabei sehen, hören und wissen wir alle, dass es im Osten rumort. Vieles hat mit den ungehörten und unverarbeiteten Erfahrungen der Wende- und Nachwendezeit zu tun. Deshalb weiten wir in dieser Ausgabe den Blick auf die vergessenen Akteur:innen und die übersehenen Entwicklungen.

Wir blicken darauf, wie der Osten durch den Westen als anders und defizitär wahrgenommen wird. Heiner Schulze bringt hierfür in seinem Beitrag den Begriff von Critical Westness ins Spiel. Ebenso brechen wir mit dem deutsch-deutschen Gedächtnistheater, wie Elisa Gutsche & Pablo Dominguez in Anlehnung an Max Czollek und Michal Y. Bodemann ausführen. In ihrem Beitrag Anders erinnern begeben sie sich auf die Suche nach gemeinsamen Anknüpfungspunkten einer ost-migrantischen Erinnerung an 1989ff. Damit führen sie die Debatte über ost-migrantische Allianzen fort, die wir in Ausgabe #4 bereits begonnen hatten.

Gleichwohl bleibt der Westen ein mentaler Fixpunkt, zumal die Transformation in vielen post-sozialistischen Regionen Europas ein zivilgesellschaftliches Vakuum hinterlassen hat, wie etwa in Armenien (Ani Menua). Auf die mittelosteuropäischen Länder bezogen fragen wir uns, wer das politische Erbe von 1989 für sich reklamiert und wie die Gesellschaften dieser Länder an das Epochenjahr heute erinnern (Klaas Anders/Leo Mausbach).

Beim Blick in die Zukunft graben wir die übersehenen Potenziale der Wende- und „Zonenkinder“ aus, die in Zeiten des heutigen gesellschaftlichen Umbruchs Anknüpfungspunkte für die Selbstemanzipation des Ostens sein können (Anna Stiede/Jette Helberg/Elisabeth Rosenthal/Thomas Stange).

Sicherlich hätten wir noch etwas mehr anders sein können. Weniger ostdeutsch, mehr osteuropäisch. Mit dieser Eigenkritik schließt sich der Rahmen des Vorworts, denn wir wollen unsere Leser:innen bitten, allen euren/ihren Freund:innen in den post-sozialistischen Regionen Europas vom Ost Journal zu erzählen. Wir leben von den Beiträgen und Ideen unserer Leser:innen. Wir wachsen mit unseren Aufgaben, Netzwerken, unserer Erfahrung und unserer Bekanntheit. Heute haltet ihr und halten Sie unsere bisher beste Ausgabe in der Hand. Mit euch und mit Ihnen wird die nächste Ausgabe dann nochmals ein Stück besser.


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Stefan Kunath

Anders erinnern
Für eine ost-migrantische Erinnerungspolitik
Elisa Gutsche & Pablo Dominguez Andersen

Der lange Schatten des Runden Tisches
Erinnerungskonflikte in Polen
Leo Mausbach

Im Interview: Aufbruch Ost
Wer sind sie und was wollen sie?
Jette Helberg &  Elisabeth Rosenthal – Fragen von Thomas Stange


Der Krieg ist gegangen, der Sieg ist geblieben
Wie Minsk den Tag des Sieges feiert
Charlotte Gneuß mit einem Fotoband von David Pinzer


Vertreter:innen aus der DDR trotz Einladung nicht anwesend
Eine Ost-West-Geschichte der Antifa-Bewegung
Yves Müller

Critical Westness
Unsichtbare Normen und (west)deutsche Perspektiven
Heiner Schulze

Ostdeutschlandforschung als Eingeborenenforschung?
Zwei Wissenschaftler:innen berichten über ihr Themenfeld
Hanna Haag & Daniel Kubiak – Fragen von Friedemann Wiese


Privet Germania
Theater trifft auf Atelierfotografie
Ira Thiessen


Das neue Leben
Ein Roman über die Entwurzelung in den neunziger Jahren
Annika Grützner

Republik Armenien
Im postsowjetischen Vakuum
Ani Menua

Diener des Volkes?
Zur Wahl von Wolodymyr Selenskyj zum ukrainischen Präsidenten
Jakob Reuster & Paul Rehfeld

Zäsur, Umbruch, Kontinuität?
Die Bedeutung von 1989 im tschechischen Gedächtnis
Klaas Anders

Zonenkinder begehren auf
Für unteilbare Solidarität!
Anna Stiede

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