Ausgabe 04/2018: Ungewöhnliche Allianzen

Vorwort von Dorothee Theresa Adam, Wenke Christoph, Stefan Kunath

„Ungewöhnliche Allianzen“ lautet das Thema dieser Ausgabe, denn unser Gefühl sagt uns, irgendwie passt das alles nicht zusammen: Der Kreml feiert den Tag des Sieges und unterstützt trotzdem Nazis und Rechtspopulisten in Europa. Eine nationalistische Internationale formiert sich von Steve Bannon bis Viktor Orbán.

Ungewöhnliche Allianzen können aber auch in die andere Richtung funktionieren: Zwischen Ossis und Migrant:innen. Zwischen Daheimgebliebenen und Diaspora. Zwischen postkolonialen Gruppen und Heimatvereinen.

Titelcover: Victor Zhdanov

Der Neuanfang mit dem Systemwandel ab 1989 einerseits und die bis heute kaum thematisierten Kontinuitäten während des Staatssozialismus andererseits prallten in den post-sozialistischen Regionen Europas aufeinander. Und das alles zu einer Zeit, in der eine neue Ökonomie, ein neues politisches System, neue staatliche Institutionen und sogar neue Staaten zeitgleich aufgebaut wurden. In dieser Konstellation sind die post-sozialistischen Gesellschaften bereits stark politisiert, zugleich genießt die Politik wenig Vertrauen in der Bevölkerung. Gerade das bildet den Nährboden für ungewöhnliche Allianzen. Was hat diese Allianzen zusammen gebracht und was hält sie beieinander? Was können sie erreichen, verändern, in Bewegung bringen? Diesen spannenden Fragen widmen wir uns in der vorliegenden Ausgabe und beleuchten sie aus verschiedenen Perspektiven.

Wir blicken auf die Kontinuitäten und Brüche in Polen, Russland und der Ukraine, die auf ungewöhnlichen Allianzen beruhen (Anders/Franz/Adam/Blinnikov). Wir diskutieren Potentiale neuer Bündnisse zwischen Migrant:innen, Spätaussiedler:innen und Ostdeutschen (Wiese/Gorskih). Wir schauen auf gemeinsame Proteste von Daheimgebliebenen und Diaspora in Moldova (Stöxen) und den Generationenkonflikt in Polen, wo ausgerechnet der lähmende Kampf zwischen Liberalen und Rechten der Solidarność-Generation zu Annäherungen zwischen liberalen, konservativen und linken Intellektuellen der Wende- und Nachwendegeneration führt (Mausbach).

Zwischen den Texten zeigen wir in zwei Fotoreihen das Ergebnis ungewöhnlicher Allianzen auch in ihrer ganz eigenen Ästhetik: Zwischen Tradition und Moderne in Georgien (Oetker-Kast) und zwischen Utopie und Illusion in Minsk (Rabe).


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Dorothee Theresa Adam, Wenke Christoph, Stefan Kunath

Schulterschluss statt Hitlergrüße – Wieso sich Ostdeutsche und Migrant:innen vereinigen sollten
Friedemann Wiese

Der Mythos der männlichen Solidarność
Klaas Anders


Dreamland – Fotografien aus Minsk
Christina Rabe


„In Russland ist eine regelrechte Gefängniskultur entstanden.“ – Interview mit Dmitry Glukhovsky
Annika Grützner

Am (ost)deutschen Wesen soll die Welt genesen – Verwischte Spuren kolonialer Beteiligungen
Max Wegener

Gescheiterte Integration? Das Verhältnis zwischen AfD und Spätaussiedler:innen
Anna Gorskih

Zeit, in Rente zu gehen – Der Generationenkonflikt in der polnischen Politik
Leo Mausbach

Diaspora ist keine Einbahnstraße – Moldovas ziviler Widerstand
Jana Stöxen

Das Fürchten vor Alternativen – Von einem „Multikulti-Theater“, das nach Serbien auszog
Juliane Rahn

Tamar, where are you? – Ein Fotobuch über Georgien
Andreas Oetker-Kast

Dunkle Kräfte unter schützender Hand – Über den Faschist Bolesław Piasecki in der Volksrepublik Polen
Piotr Franz

Die Verwandlung des Stepan Bandera – Wie ein Nazi-Kollaborateur zum Nationalhelden wurde
Dorothee Theresa Adam

Wo Kommunismus mit Nationalismus kuschelt
Georgy Blinnikov

Willkommen in der Volksrepublik Israel
Lee Wiegand

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