Ausgabe 01/2017: Was ist Ost-Europa?

Vorwort

„Was ist Ost-Europa?“, war die scheinbar simple Frage unseres ersten Call for Papers. Da die Initiative für eine Zeitschrift mit ost-europäischem Fokus aus dem Internationalen Parlamentsstipendium des Deutschen Bundestages (IPS) hervorgegangen ist, wollten wir in dieser ersten Ausgabe herausfinden, aus welchen verschiedenen Perspektiven das Thema Ost-Europa zu beleuchten wäre. Die Redaktion hatte keinen theoretischen oder programmatischen Rahmen vorgegeben, weil er den von uns ersehnten Dialog und die thematische Auseinandersetzung mit Ost-Europa bereits begrenzt hätte. Es war uns wichtig, verschiedene politische Ansichten über den ost-europäischen Raum in einen Dialog miteinander zu bringen und eben auch durch die unterschiedlichen Perspektiven die monolithische Wahrnehmung von Ost-Europa und Ost-Europäer*innen zu durchbrechen. Die Dekonstruktion von Stereotypen über Ost-Europa ist allerdings nicht das Ziel, sondern lediglich ein positives Nebenprodukt unserer Tätigkeit. Das Ziel war und ist es, eine intellektuelle Plattform und Vernetzungsmöglichkeit für junge (ost-europäische) Intellektuelle und Künstler*innen zu errichten, die den (Selbst)Bezug zu Ost-Europa reflektieren und wissenschaftlich, politisch oder künstlerisch verwerten. In der vorliegenden Ausgabe stellen wir nun die gelungenen Resultate unseres Vorhabens vor.

Titelbild Ost Journal 01/2017 "Was ist Ost-Europa?"
Titelbild Ost Journal 01/2017 “Was ist Ost-Europa?”

Auch wenn wir die Leitfrage so weit wie möglich gefasst hatten, kristallisierte sich doch ein gewisser roter Faden heraus, der sich motivisch durch die meisten der Autor*innenbeiträge spinnt: der Post-Sozialismus als Spielvariante des Post-Kolonialismus (Liederwald, Gennburg, Poljak). Die post-sozialistische Transformation Ost-Europas entpuppt sich dabei als Exerzierfeld des Neoliberalismus samt Wiedereinführung nationalistischer Politik (Pungas). Das Zugehörigkeitsgefühl junger Ost-Europäer*innen zu Europa bzw. zur EU wird zu einer politischen Stellungnahme gegen Nationalismus (Bach/Glas), jedoch ohne die Widersprüche des Neoliberalismus aufzulösen und damit die Tiefe der westlichen Gesellschaftskrise, die nicht nur eine Krise der EU ist, zu begreifen. Vielmehr bleibt diese EU trotz der Krise ein Vorbild und Sehnsuchtsort (Muradyan). Neben wissenschaftlichen Beiträgen und Reportagen finden sich aber auch ein eindrückliches Interview mit dem Kulturwissenschaftler Rüdiger Hahn zum Thema Plattenbau und ein kritisches Gedicht der jungen bosnischen Journalistin Hana Ćurak. Die Autorin definiert Ost-Europa als Ort, an dem man sich die Frage stellt, wer die Grenzen besser definieren wird als die Väter zuvor. Ost-Europa ist jedoch nicht der einzige Ort, an dem man sich diese Frage stellt. Es gibt allerdings zurzeit wohl überall falsche Antworten, mit denen wir uns nicht zufrieden geben.


Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Martina Poljak

Postsozialistisch – postsowjetisch – postkolonial.
Poststrukturalistisch geprägte Analysen von Ost-West-Verhältnissen
Sjoma Liederwald

Soziale Kosten der ökonomischen Transformation in Estland –
Der Preis des Wachstumsparadigmas
Lilian Pungas

„Ost-Deutschland“: Under Western Eyes
Katalin Gennburg

Meine Nachwendezeit in Ostdeutschland und der Slowakei
Ráchel Herrmannová

„Es ist nicht mehr möglich, mit alten Methoden ein
modernes Land zu gestalten“ Interview mit der armenischen Abgeordneten Mane Tandilyan
Hasmik Muradyan

Die Zerrissenheit junger Georgier. Zwischen Nationalstaat und EU.
Therese Bach, Othmara Glas

Träume der Transition, erläutert durch Träume des Kapitalismus
Martina Poljak

Home is (t)here:
Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina in San Francisco heute
Zorana Simić

Gegenwart und Zukunft der Deutsch-Russischen Beziehungen
Elisabeth Motschmann, Gernot Erler, Wolfgang Gehrke, Michael Georg Link

Alles nur Propaganda?
Sergej Ėjzenštejns Oktober und die Große Sozialistische Oktoberrevolution
Lisa Füchte

Plattenbau trifft auf Kulturwissenschaften –
Interview mit Rüdiger Hahn
Stefan Kunath

Vorstellung „Warum Ost Journal?“

„What is Eastern Europe?“
Hana Ćurak

Foto: Belgrad Zemun 1, Quelle: Steffen Emrich, Flickr(CC BY-ND 2.0), Bearbeitung: 3bke

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