Armenien kommunistisch, religiös und kontrastiv

von Ani Poghosyan, Erevan

Das kommunistische Symbol

Das Jahr 1986, Eriwan. Der Platz der Republik benannt nach Lenin war voll. Die Vorsitzenden der kommunistischen Partei platzierten Blumen vor der Statue Lenins zum Tag der Hauptstadt. Die offizielle Veranstaltung wurde von einem Gedicht begleitet. Laut diesem Gedicht, heißt es, wäre Lenin alle Wege des Todes gegangen, die Ewigkeit für sich als Wächter eingesetzt und mit seiner Geburt der Krieg überwunden. Dann haben die Vertreter der kommunistischen Partei und ihre Anhänger, d. h. fast das ganze Volk, geschworen, der kommunistischen Partei treu zu bleiben.

Lenin war für das sowjetische Volk mehr als ein Führer. Er wurde vor den Gebäuden, in den Gebäuden, auf jedem Stück, fast in jedem Haus, also überall, dargestellt. Der große Bruder folgte allen. Lenin war wie ein religiöses Symbol, zu dem die sowjetischen Nationen gebetet haben.

Wie bei anderen Religionen wurden auch hier die Gegnervertrieben, geprügelt oder umgebracht. Die Anhänger wurden im Gegensatz dazu privilegiert und waren zynisch. Sie waren von Pflichten entlastet und standen über anderen, obwohl parallel propagiert wurde, dass alle gleich waren, aber vielleicht wareneinige doch gleicher als andere.

Armenien zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Foto: Arthur Chapman, Flickr, (CC BY 2.0)
Armenien zwischen Kommunismus und Kapitalismus, Foto: Schachbrett auf dem Marktplatz in Jerewan, Quelle: Arthur Chapman, Flickr, (CC BY 2.0)

Der Tod Gottes

Die Statue ist das visualisierte Gedächtnis in unserer Zeit des Vergessens. Jede Statue enthält ein Gedächtnis in ihrer Struktur. Wir stellen Statuen auf, um die Vergangenheit zu fixieren; zumindest, um sie nicht zu vergessen.

Die Statue von Vladimir Lenin wurde im Jahre 1940 im Herzen von Eriwan auf dem Platz der Republik aufgestellt. Das war eine klassische Statue von Lenin mit typischen Einzelheiten wie der Zeitung Prawada in der rechten Hand und dem besorgten Gesichtsausdruck.

Die unruhigen Zeiten haben für Lenins Statue in den 70-iger-Jahren angefangen. Das war die Zeit der nationalen Blüte. Endlich hatte man das Recht über die Fragen zu sprechen, über die die Kommunisten verboten hatten zu sprechen, wie die Frage des Genozids der Armenier/innen im Jahre 1915.

Im Februar des Jahres 1991 wurde die Statue von Protestierenden mit Farbstoff eingesprüht. In einer Nacht war sogar eine Bombe vor dem Sockel der Statue explodiert.

Die Entscheidung, die Statue zu demontieren, wurde vom Stadtrat getroffen. Nach dieser Entscheidung sollte die Statue bis zum 22. April des Jahres 1991 demontiert worden sein.

An diesem Tag war der Platz der Republik mit Menschen gefüllt. Tatsächlich waren sie Zeugen einer einzigen Szene: wie Gott stirbt. Zerstört wurde das Symbol, das unsterblich schien. Das war der Tag des Todes der sowjetischen Idee und des sowjetischen Gottes. Das, was in Eriwan am 13. April stattgefunden hat, war mehr als ein Abbau einer Statue, das waren ein Abbau der Vergangenheit und der Aufbau einer besseren Zukunft. Zumindest haben die Menschen darauf gehofft und so gedacht.

Es bleibt nur, sich vorzustellen, wie oft Unsterblichkeitsdeklarationen über Lenin auf diesem Platz laut herausgeschrien wurden.

Als der Prozess angefangen hat, hat man aus technischen Gründen zuerst den Kopf von der Statue abgetrennt. Das hat den Eindruck hinterlassen, die Statue wäre „hingerichtet worden“. Es brachte die Anwesenden zum Lachen.

Neben der Statue von Lenin waren auch viele andere Statuen, die die kommunistische Vergangenheit symbolisierten, demontiert worden. Es gibt die Meinung, dass dadurch die Agression des Volkes besser kontrolliert wurde.

Die alte Realität wurde durch Zerstörung von Statuen aus dem Gedächtnis des Volkes auf der Ebene des Sehens gelöscht. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Statue und der Kopf von Lenin werden heute im Hof der armenische Nationalgalerie aufbewahrt, obwohl es besser gewesen wäre, ein Museum zu eröffnen, wo alle Symbole des sowjetischen Armenien aufbewahrt werden, wie es beim DDR-Museum in Berlin der Fall ist.

Künstler/innen haben schon lange darüber diskutiert, ob es die richtige Entscheidung war, die Statue abzubauen. Ihrer Meinung nach war die Statue ein richtiges Meisterwerk. Aber es wäre naiv zu glauben, dass die Statue auf dem Platz aus künstlerischen Gründen errichtet wurde. Die Aufstellung der Statue war eine rein ideologische Entscheidung, genauso wie ihr Abbau auch eine ideologische Bedeutunghatte.

 

Das richtige Gesicht des religiösen Armeniens

Die CIA hat vor Kurzem Unterlagen veröffentlicht, in denen man auch eine Notiz über das sowjetische Armenien, geschrieben am 12. Juni im Jahre 1958, finden kann. Das Dokument enthält interessante Einzelheiten über den Alltag des sowjetischen Armeniers: Trotz der Tatsache, dass die Armenier/innen das kommunistische Regime ablehnten, sind die Beziehungen zwischen armenischen und russischen Bürger/innen in Armenien gut gewesen.

Die in Eriwan angestellten sowjetischen Luftkräfte wären diszipliniert gewesen und hätten sich ordentlich benommen. Die administrative und militärische Kontrolle der Zivilbevölkerung würde vom Militär gesteuert. Die Stadtregierung würde von Beamten gestellt, die meistens Armenier/innen wären und zur kommunistischen Partei gehörten.

In den Nachkriegszeiten der Jahre 1947-48 sind etwa 8000 bis 10000 Armenier/innen aus Frankreich, Griechenland und den Vereinigten Staaten nach Armenien zurückgekehrt. Aber nicht alle konnten sich an das kommunistische Regime gewöhnen. Viele von ihnen wären gerne zurückgegangen, wenn sie die Möglichkeit und eine Erlaubnis der kommunistischen Partei bekommen hätten.

In Eriwan gab es drei aktive Kirchen. An den Gottesdiensten nahmen meistens Frauen und Vertreter der alten Generation teil. Die Jugendlichen zeigten meistens kein Interesse an der Kirche,was man heute über die Jugend nicht sagen kann. Das war das Resultat der kommunistischen Ideologie, wo kein Gott außer Lenin existierte oder existieren durfte.

Viele armenische Kommunisten haben ihre Kinder zu Hause getauft. Sie haben gedacht, dass es ein Risiko für ihre Karriere wäre, in die Kirche zu gehen und dort das Kind taufen zu lassen.

Alle Bemühungen des Regimes, die Spekulation auf dem Markt zu verringern, waren erfolglos. Tief in der Seele sind die Armenier/innen richtige Kapitalisten. Es ist den Kommunisten nicht gelungen, die Lust der Armenier/innen auf Profit zu unterdrücken.

 

Die problematische Unabhängigkeit

Am 21. September des Jahres 1991 wurde die Unabhängigkeit Armeniens ausgerufen. Die Unabhängigkeit ist aber zu keinem Unterpfand der Sicherheit und Entwicklung geworden. Für das Land begannen schwere Zeiten. Der Ausbruch des Krieges im Berg Karabagh, die schwere wirtschaftliche Situation, die Blockade von westlichen und östlichen Nachbarn, keine Heizung, Gas, Strom und auch keine Hoffnung. Die ganze Nation rätselte, ob dieser Krieg die letzte Seite ihrer Geschichte sein wird oder nicht.

Die Leute, die bei der Demontierung von Lenins Statue da waren, haben vielleicht von solch einer Zukunft nicht geträumt. Sie dachten, dass die allerschwerste Etappe der Geschichte schon vorbei wäre, dass das unabhängige Armenien ein Traumland sei, dass die Geschäfte voll von Lebensmitteln sein würden und endlich Reisefreiheit herrschte. Eigentlich ist es schwer, eine/n Armenier/in zu finden, die/der im Ausland keine Verwandtenhat. Die Leute haben den Rubel schnell vergessen und fingen an, von Dollars zu träumen.

Im Jahre 1991 hat der Krieg im Berg Karabagh angefangen. Der neuen Regierung von Armenien wurde keine Chance gegeben, um praktische Erfahrung zu sammeln. Man musste gleich die Herausforderungen der Unabhängigkeit überwinden. Herausforderungen, die oft Menschen das Leben gekostet haben.

Im Jahre 1994 wurde zwischen den Konfliktseiten Armenien, Azerbaidschan und Berg Karabagh der Waffenstillstand ausgerufen. Armenien versucht jetzt, seinen eigenen Weg der Entwicklung zu gehen, manchmal unlogisch, manchmal unklar und kontrastiv.

 

Die zweideutige Realität des heutigen Armenien

Wie stark der Kommunismus das heutige Armenien beeiflusst hat, ist schwer einzuschätzen. Aber sogar die Jugendlichen, die nicht in der Sowjetunion gelebt haben, erinnern sich an die sowjetischen Zeiten mit unversteckter Nostalgie. Die Vertreter/innender älteren Generation können mit den neuen Zeiten und ihren Herausforderungen schwer Schritt halten.

Armenien war eines der reichsten Länder der Sowjetunion. Ja, die Kommunisten haben ein moralisches Massaker im Land, wie auch in anderen sowjetischen Ländern, durchgeführt, aber sie haben auch aufgebaut, renoviert und ernährt. Wahrscheinlich war das für die Menschen wichtiger als Redefreiheit, Menschenrechte und Unabhängigkeit. Unabhängigkeit bringt auch Verantwortung mit. Das Geheimnis der Diktaturen besteht vielleicht auch darin, dass Menschen Angst vor der Verantwortung für das eigene Leben haben.

Heute steht Armenien zwischen seiner kommunistischen Vergangenheit und der kapitalistischen Gegenwart.

Die Gebäudeund die Häuser, wo wir wohnen, sind kommunistisch. Die Kleidungen, die wir tragen, und die Autos, die wir fahren, sind kapitalistisch.

Die Universitäten, an denen wir studieren, sind kommunistisch, die Arbeitsmärkte sind kapitalistisch. Die renovierten Straßen sind kapitalistisch, Hinterhöfe sind meistens unordentlich, also kommunistisch. Das Lächeln, das der Pförtner hat, ist kapitalistisch, das Halblächeln der Polizisten ist kommunistisch. Die Banken sind kapitalistisch, ihre Vorsitzenden sind Kommunisten. Die Bestechung ist kommunistisch, die Korruption ist kapitalistisch. Alternative ist Sache des Kapitalismus, Zweideutigkeit ist Sache des Kommunismus. Und endlich, die Demokratie ist kapitalistisch, aber die kriminellen Schattierungen dieser Demokratie sind kommunistisch.

Wie es zu bemerken gilt, ist Armenien ein Land bestehend aus vielen Kontrasten. Die Kontraste sehen gut aus auf den Bildern, in der Literatur, im Theater, wo fast alle Meisterwerke aus realen oder erfundenen Kontrasten bestehen, aber in der Politik sind sie wertlos und gefährlich. Sie verlangsamen die Entwicklung eines Landes, das den Fortschrittwie frische Luft braucht.

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