Am Ende gewinnt das Regime

Ost|block – Diese Kolumne teilt die Welt

Das Regime in Moskau kann zufrieden sein. Auch wenn die eigene Mannschaft im Viertelfinale gegen die kroatische Auswahl gescheitert ist, war die Weltmeisterschaft außenpolitisch ein Erfolg für Russlands Machthaber und kam ohne bedeutende Zwischenfälle aus. Klar, die zwei Kroaten, die nach dem Sieg über das russische Team die Krim an die Ukraine zurückforderten. Aber was stören Putin zwei Kroaten, welche die Krim an die Ukraine zurückfordern? Im Gegensatz zu den Anführern der westlichen Welt haben die beiden Kroaten immerhin ihren Mund aufbekommen.

Ach, und dann gab es im Finale noch diesen kurzen Zwischenfall mit mutmaßlichen Aktivist*innen von Pussy Riot? Geschenkt. Die FIFA hat brav die Kameras weg geschwenkt und Zeitlupen von vergeigten Torchancen gezeigt. So wie die FIFA jede politische Botschaft bei der WM überspielt (und bestraft) hat. Die Welt wird die Aktivist*innen in kürzerer Zeit vergessen haben als eine Zugfahrt nach Sibirien dauert.

Pussy Riot beim WM-Finale in Russland
Pussy Riot spielte beim WM-Finale mit. Quelle: Instagram, wearepussyriot

Den meisten Fußballfans ist das sowieso egal. Entweder sind sie selbst rechts und sehen in Putin das Idealbild eines starken Führers. Einen Typen, den sie gerne in ihrer eigenen Ethnie finden würden oder zumindest als Geldgeber der eigenen „europakritischen“ Partei. Oder sie sind schlichtweg verblödet unpolitisch. Linker Aktivismus, oder das, was sie dafür halten, stört oder zerstört den Sport, Politik hat auf dem Spielfeld halt nix zu suchen, während die Nazis im E-Block halt Tradition sind. So oder so ähnlich schon tausendmal gehört. Putin hat sein Russland international wieder normalisiert, wenn auch ungewiss für wie lange. Wenn er aber morgen das Baltikum überfällt und Finnland annektiert, wird man in Deutschland von FDP bis Pegida Verständnis dafür haben.

 

Neidlos muss man die Propagandafähigkeiten Putins anerkennen. Ein paar Homosexuelle wurden tot geprügelt, dafür wurde der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und die Stadien sowjetischer Traditionsvereine modernisiert.

 

Der Westen hat abermals in seinem Umgang mit dem Putin-Regime versagt, ernsthafte Boykottbestrebungen seitens der westlichen Sportverbände blieben vollkommen aus. Auch innenpolitisch werden die Nutzen über den Kosten der Weltmeisterschaft bleiben. Ein ohnehin patriotisch-euphorisiertes Volk konnte sich als großzügiger und verlässlicher Gastgeber präsentieren, ein Auflehnen gegen den Status Quo russisch-oligarchischer Verhältnisse wird sich in Grenzen halten. Neidlos muss man die Propagandafähigkeiten Putins anerkennen. Ein paar Homosexuelle wurden tot geprügelt, dafür wurde der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und die Stadien sowjetischer Traditionsvereine modernisiert. Für die russische Seele ein guter Deal.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, das wusste schon Sepp Herberger, so lauert auch die nächste Weltmeisterschaft schon hinter einer Ecke. Katar ist der Name des despotischen Verbrecherstaates, in dem als nächstes um den hässlichen Goldpokal gespielt wird. Im Winter muss man dazu sagen, denn die heißen Wüstensommer, in denen derzeit Sklaven(!) schuften, um Stadien aus dem Nichts zu erschaffen, kann man den Fußballspielern aus aller Herren Länder einfach nicht zumuten. Man könnte sich als Fan überlegen, ob es nicht unanständig ist, in vier Jahren dorthin zu pilgern oder die Spiele im Fernsehen zu verfolgen, damit die FIFA ein paar Milliarden weniger daran verdient, das Image eines menschenrechts- und minderheitenverachtenden Machthaber aufzupolieren. Aber mit Anstand hat Fußball noch nie viel zu tun gehabt, vor allem nicht in Deutschland.

Jaja, wir leben im Kapitalismus und da muss man halt Kompromisse eingehen – sparen Sie sich ihre Leserbriefe. In Ordnung finden muss man das alles trotzdem nicht.

Lee Wiegand

… ist ein unverbesserlicher Pessimist und Kulturmarxist, sowie Träger des Leninordens. Er studiert mit mäßigem Eifer Kulturwissenschaften und Russistik an der Universität Potsdam, beruflich versucht er die Tageszeitung neues deutschland zu retten. Bundesweit bekannt machte ihn sein Beitrag für die WM-Kolumne Abseits (fast Pulitzerpreis).

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