28 Jahre deutsche Einheit: Alles westdeutsch?

Am Mittwoch werden 28 Jahre deutsche Einheit gefeiert. Dann wird ein weiteres Mal Bilanz gezogen über die Integration des Ostens in die Bundesrepublik. Wo aber bleibt die Debatte über die Integrationsfähigkeit des Westens?

von Katja Schittko, Dresden/Berlin

 

Sprechen wir dieser Tage von Ostdeutschland, sprechen wir von der AfD, Köthen, Chemnitz, Rechtsextremismus und besorgten Bürgern (wo sind eigentlich die besorgten Bürgerinnen?). Aber ist das der Stand der deutschen Einheit? Die Feststellung, dass der Osten „rechts“ ist? Dass der Osten verletzt und demokratiefeindlich ist?

Am vergangenen Mittwoch stellte der Ostbeauftragte der Bundesregierung Christian Hirte den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit vor. Der Bericht beschreibt auf 114 Seiten die enormen Anstrengungen von den Wendejahren bis in die Gegenwart. Und er beschreibt die großen Unterschiede, die geblieben sind. Ostdeutsche haben 1989/90 quasi über Nacht vieles verloren: ihren Job, das Kollegium, die Politik, Routinen und Anerkennung. Spricht man mit Menschen in den neuen Bundesländern über die letzten 28 Jahre, erfährt man von Einschnitten und Unsicherheiten, von Kampf und Neuanfang. Jeder hat seine Geschichte. Jede ihre Erzählungen. Vieles unterscheidet sich und doch haben alle eins gemein: den Versuch, sich an westdeutsche Verhältnisse anzupassen.

 

„Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen“

„Ostdeutsche sind irgendwie auch Migranten: Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen“, sagte Prof. Dr. Naika Foroutan, Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, kürzlich in einem Interview mit der taz. Sind Ostdeutsche also auch Menschen mit Einwanderungsgeschichte?

Vieles aus dem Bericht zum Stand der Einheit und der daraus folgenden Debatte spricht für diesen Vergleich. Es wird erwartet, dass der Osten sich integriert. Sich an Löhne und Renten anpasst, die Städte grün und die Menschen glücklich werden.

Nichts spricht gegen diese Integrationsleistungen. Ganz im Gegenteil. Doch hat der Osten noch so einiges vor sich. Das Vertrauen in die Demokratie muss weiter gestärkt werden. Das kann nicht von staatlicher Stelle verordnet werden, das muss die Gesellschaft miteinander erringen. Auch wirtschaftlich hinkt der Osten dem Westen hinterher: Kaum ein Großunternehmen hat seinen Sitz in den ostdeutschen Bundesländern. Noch immer sind Ostdeutsche in leitenden Position der Bundesverwaltung unterrepräsentiert. Noch immer ist die Wahlbeteiligung geringer und die Zufriedenheit niedriger.

 

Integrationsleistungen des Westens erforderlich

Aber wenn der Stand der deutschen Einheit debattiert, wissenschaftlich, strukturell und politisch jedes Jahr aufs Neue ausgewertet wird, wo ist dann das Kapitel über die Integrationsbemühungen des Westens?

Die deutsche Einheit setzt voraus, auch die unterschiedlichen Voraussetzungen im Osten verstehen zu wollen, den Ostdeutschen zuzuhören und ihre vollbrachten Leistungen anzuerkennen. Von den Ostdeutschen kann man viel lernen: Zum Beispiel wie man schwierige Situationen meistert, Umbrüche aushält und das Zugehörigkeitsgefühl dennoch nicht verliert. Wir können von Ostdeutschen lernen, die eigenen Kinder in ein anderes gesellschaftliches, politisches und ökonomisches System zu entlassen und sie handlungsfähig zu machen, auch wenn man es vielleicht selbst nicht so gut geschafft hat. Durchhaltevermögen und Tatendrang sind gute Synonyme für den Osten.

 

Neue Diskussion notwendig

Auch im kommenden Jahr wird die Bundesregierung einen neuen Jahresbericht veröffentlichen. Der Solidaritätszuschlag wird dann ausgelaufen sein. Die Debatte um die Stärkung des Ostens und dessen Leistungen nicht. Die Diskussion über den Stand der deutschen Einheit braucht daher eine neue Perspektive: über die Integrationsbemühungen des Westens. Es geht darum, dass sich der Osten nicht nur dem Westen annähern muss, sondern zu einem echten Zusammenwachsen zwei Seiten gehören. Erst wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen und voneinander lernen, erst dann werden wir von einer gelungenen Einheit der Bundesrepublik sprechen können.


Beitragsbild: Thiémard Horlogerie, Flickr, CC BY-SA 2.0

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