Weltoffenheit an der deutsch-polnischen Grenze: Wie aus Frankfurt (Oder) und Słubice die Stadt Słubfurt wird

Die Wahl von René Wilke, dem erst 33 Jahre alten gemeinsamen Kandidaten von Linkspartei und Bündnisgrünen zum Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder), hat in Zeiten von AfD und Pegida einen kleinen Hype um die Stadt ausgelöst. „Was wäre eigentlich, wenn es im Osten mehr Städte wie Frankfurt gäbe? Wenn dort an manchen Orten, im Windschatten von Pegida, eine neue Kultur der Offenheit entstanden wäre?“, fragte Zeit-Redakteur Christian Bangel, selbst ein Kind der Stadt, bereits am Vorabend der Stichwahl in einer äußerst lesenswerten Reportage, ohne die 17 Prozent für den AfD-Kandidaten im ersten Wahlgang zu verschweigen. Anlässlich der gestellten Frage nach den Ursprüngen dieser „ostdeutschen Weltoffenheit“ veröffentlichen wir ein Interview mit Michael Kurzwelly aus unserer aktuellen Printausgabe, das wir bereits im vergangenen Herbst geführt haben. Kurzwelly ist Aktionskünstler und hat 1999 Słubfurt ins Leben gerufen. Słubfurt bringt nicht nur Menschen aus Frankfurt (Oder) und der polnischen Nachbarstadt Słubice zusammen, sondern auch Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika.

Słubfurt ist ganz praktisch im Alltag verankert, wie hier beim gemeinsamen Stadtfest Bunter Hering von Frankfurt (Oder) und Słubice: Die Stadtbrücke und Grenze als Ort der Begegnung. Foto: Sebastian Bretag, Flickr, CC BY-SA 2.0

Seit 20 Jahren existiert eine neue Stadt auf der deutsch-polnischen Grenze: Michael Kurzwelly im Interview über Słubfurt

Es ist ein grauer Herbsttag in Frankfurt (Oder) – im Stadtteil Furt, wie Michael Kurzwelly sagen würde, der Erfinder von Słubfurt, einer neuen Stadt an der Oder, bestehend aus den ehemaligen Städten Frankfurt (Oder) und Słubice. Wir sind verabredet am Brückenplatz, an dem sich eine alte Sporthalle befindet. Auf dem Dach steht mit großen Lettern „Parlament“ geschrieben. Vor dem Gebäude steht ein Schild mit dem Wappen der Stadt Słubfurt. Darauf ist geschrieben: „Dies ist ein offener Ort. Alle dürfen sich hier zuhause fühlen und ihre Ideen einbringen.“ Übersetzt ist der Satz in weitere Sprachen: Polnisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Arabisch… Drinnen sitzt Michael Kurzwelly, der eine Besprechung mit einem Kollegen führt. Ich nehme Platz auf einer Couch und bereue ein weiteres Mal, in der Schule keinen Polnischunterricht gehabt zu haben, denn die beiden reden ohne Unterbrechung auf Polnisch. Bis zum Interview nutze ich die Zeit und lese die Słubfurter GazetaZeitung, die dort ausgestellt liegt. Sie erscheint auf Deutsch und Polnisch. Darin finden sich Berichte über das Stadtleben. In einem Kommentar fordert eine Słubfurter Bürgerin einen botanischen Garten für die Stadt, wie es ihn eben in jeder anderen europäischen Hauptstadt auch gibt.

Einleitung und Fragen von Stefan Kunath, Frankfurt (Oder)

Michael Kurzwelly gestaltet zusammen mit Słubfurterinnen den Brückenplatz. Foto: Sebastian Bretag

Ost Journal: Herr Kurzwelly, was muss man über Słubfurt wissen, wenn man noch nie davon gehört hat?

Michael Kurzwelly: (lacht) Na gut, das ist natürlich klar. Frankfurt und Słubice wurden 1999 aufgelöst und zusammengeführt zur Stadt Słubfurt. Also dem Stadtteil Słub auf post-polnischer Seite und dem Stadtteil Furt auf post-deutscher Seite. Warum? Ganz einfach, weil die Menschen beiderseits der deutsch-polnischen Grenze Identifikationsprobleme hatten. Unser Ziel war es, eine neue Identifikation anzubieten. Wir wissen ja, dass die Wirklichkeit eine Konstruktion ist. Das heißt, im Grunde sind auch Deutschland und Polen Wirklichkeitskonstruktionen, die es nur deshalb gibt, weil es eine genügende Anzahl von Leuten gibt, die daran glauben. Wenn sich das jetzt ändert und die Leute anfangen, an etwas anderes zu glauben, dann ändert sich das auch. Das ist ganz einfach. Słubfurt ist eine neue Wirklichkeitskonstruktion und damit auch ein neues Angebot, sich mit einem neuen Raum zu identifizieren. So wurde 1999 die Stadt Słubfurt gegründet und 2000 in das Register der europäischen Städtenamen eingetragen. Seitdem entwickelt sich Słubfurt prächtig. Außerdem ist Słubfurt die erste Stadt, die sich nicht aus der Vergangenheit in die Zukunft, sondern aus der Zukunft in die Gegenwart entwickelt. Das heißt, wir feiern kein tausendjähriges Bestehen oder zehnjähriges oder siebzehnjähriges und so weiter, sondern wir wachsen aus der Zukunft und das ist das Eigentliche, was uns interessiert.

 

Wie sehen die Aktivitäten in der Stadt Słubfurt aus?

Wir haben erstmal alle Strategien durchgespielt, die der nationalstaatliche Raum benutzt, um Identifikation zu erzeugen. Es ging darum, dass sich die Menschen mit Słubfurt identifizieren. Als erstes haben wir also eine Mauer gebaut um Słubfurt herum. Die Grenzen von Słubfurt haben wir nach der Mengenlehre festgelegt. Also wir haben eine Einheit aus Polen, eine Einheit aus Deutschland. Da, wo sich beide Einheiten berühren, haben wir einen Zirkel eingestochen, einen neuen Kreis gezogen um Słub und Furt herum und auf dieser Linie haben wir angefangen eine Mauer zu bauen.

 

Und die Mauer kann man auch besichtigen?

Genau, die kann man sich anschauen. Eine steht am Platz der Leere im Stadtteil Słub, ehemals Platz Bohaterów, was auf Deutsch hieß, Platz der Helden. Helden gibt es ja nicht mehr, deswegen nun Platz der Leere. Und hier im Stadtteil Furt ist sie am Dreiländereck, da wo Deutschland, Polen und Kaufland aneinander treffen. Die Mauer ist jeweils 25 Meter lang. Das reicht auch, weil dann wissen die Leute, ich bin jetzt hier in Słubfurt. Und jetzt können sie auch ein Stück Mauer im Vorgarten bekommen, wenn sie etwas entsprechend zahlen an die Stadt Słubfurt natürlich.

 

Also doch nicht weg mit den Grenzen?

Ein Raum braucht seine Grenzen, um ihn als seinen Raum erleben zu können. Ich halte überhaupt nichts vom Geschwafel ‚Grenzen weg!‘ – das ist verlogen. Grenzen gibt es immer. Schon die Haut ist unsere Grenze. Die Frage ist nur, wie ist denn die Grenze beschaffen? Und wie wollen wir sie behaupten? Und auch da können wir gucken, wie der Nationalstaat verschiedene Narrationen ausbildet, um seine Grenzen zu behaupten.

Ich halte überhaupt nichts vom Geschwafel ‚Grenzen weg!‘ – das ist verlogen. Grenzen gibt es immer. Schon die Haut ist unsere Grenze. Die Frage ist nur, wie ist denn die Grenze beschaffen?

 

Zuerst kam also die Mauer. Was kam als Nächstes?

Dann kam die Umbenennung der Straßen. Jede Ideologie, jedes System musste sich auch in den Straßennamen niederschlagen. Künstler werden instrumentalisiert. Es gibt Nationalstaaten, die sagen: „Das sind unsere Künstler!“ Deutschland beruft sich natürlich auf Goethe, Schiller, Kleist. Aber interessant wird es auch bei Nikolaus Kopernikus, den Polen für sich genauso beansprucht wie Deutschland. Da sieht man, wie absurd das ist. Kopernikus hat zu einer Zeit gelebt, als es den Nationalstaat noch gar nicht gab. Kopernikus hat Polnisch gesprochen. Er hat mit Sicherheit auch Deutsch gesprochen und Latein als Sprache der Gelehrten. Wenn du ihn gefragt hättest, „Sind Sie Deutscher oder Pole?“, dann hätte er dir den Vogel gezeigt. Heute gibt es aber regelrechten Streit: Wem gehört der eigentlich? Der gehört niemanden, nur sich selber. Aber diese Mechanismen funktionieren. Beim Sport funktioniert das auch prima. Der Sportler hat eine Fahne auf der Brust, rennt durch die Gegend und gewinnt und eine ganze Nation freut sich. Das ist Monty Python pur.

Manchmal helfen bei der symbolischen Grenzverschiebung auch die Naturkräfte mit. Ein niedergerissener Grenzpfahl auf der Insel Ziegnwerder im Stadtteil „Furt“. Foto: a.fiedler, Flickr, CC BY-SA 2.0

Zur Identifikation mit einer Gemeinschaft gehört die Teilnahme der Mitglieder. Wie ist es damit in Słubfurt bestellt?

Als die Identifikation mit dem Raum gewachsen ist, ging es natürlich darum, dass die Słubfurter darüber selber entscheiden wollten, was in ihrem Stadtraum passiert oder nicht. Also haben wir dann die ersten Kommunalwahlen von Słubfurt durchgeführt. Studenten der Viadrina, ich habe dort einen Lehrauftrag, die hatten sich das ausgedacht. Wir haben das Grundgesetz von Słubfurt entwickelt mit der Wahlordnung. Die besagt, es müssen mindestens zwei Słuber und zwei Furter zusammenkommen, um eine Partei zu gründen. Das wurde per Speed-Dating gelöst und so entstanden dann sieben Parteien. In beiden Stadtteilen hatten wir dann über 600 Wahlplakate zu hängen. Wer noch keinen Ausweis hatte, konnte auch noch schnell eine Greencard bekommen und dann noch wählen.

 

Wie läuft die Arbeit im Parlament ab?

Wir haben regelmäßig Sitzungen des Słubfurter Parlaments. Nur die Parteien gibt es nicht mehr. Das heißt, jeder, der kommt, und teilnimmt an so einer Sitzung, ist automatisch Stadtverordneter und hat eine Stimme. Insofern entwickelt Słubfurt als eine Art Labor nicht nur einen neuen Denk-, sondern auch einen neuen Handlungsraum. Jetzt sitzen wir hier am Brückenplatz im Café Blabla. Das wurde von Bürgerinnen und Bürgern aus Słubfurt selbst entwickelt. Das sind alles unterschiedliche Leute, die ihre Ideen eingebracht haben und deshalb gibt es auch Słubfurt noch. In eine ganze Stadt, da passt einfach unglaublich viel rein. Wir haben Radio Słubfurt, wir haben unsere eigene Währung, wir haben die ZeitbankCzasu. Wir sind auch eine Solidargemeinschaft. Alle Geflüchteten bekommen natürlich sofort von uns einen Ausweis. Und Słubfurt ist seit 2010 auch Hauptstadt von Nowa Amerika. Wir haben die gesamte deutsch-polnische Grenzregion umgedeutet. Und auch hier haben wir genau dieselben Strategien genommen, die schon mal verwendet wurden.

 

Nowa Amerika? Neues Amerika? Weshalb dieser Name für die deutsch-polnische Grenzregion?

Den Namen Nowa Amerika, den haben wir uns nicht etwa ausgedacht, weil wir Amerika so toll finden. Friedrich der Große hat im 18. Jahrhundert das Warthebruch trocken gelegt, analog zum Oderbruch, und hat den Bauern, die nach Amerika auswandern wollten, gesagt: Ihr bleibt hier. Hier ist euer neues Amerika! Und er hat diesen Landstrich tatsächlich Neuamerika genannt. Es entstanden Siedlungen, die bekamen Namen wie New Hampshire, Florida, Jamaika, Sumatra, New York, Zaragossa, Savannah, Malta… Da haben wir gedacht: Das ist Wirklichkeitskonstruktion pur. Deshalb haben wir das übernommen für den gesamten deutsch-polnischen Grenzraum. Jetzt sind wir der Nabel der Welt. Und Berlin und Poznań sind am Arsch der Welt.

Das Telefon von Kurzwelly klingelt. Die Tochter eines Geflüchteten ruft an. Kurzwelly klärt einige organisatorische Angelegenheiten. Er warnt die Anruferin, dass sie ihn unter der polnischen Nummer angerufen hat und es teurer werden könnte.

Entschuldige mich. Da siehst du, das ist Słubfurt. In Słubfurt geht es nicht alleine um Deutsche und Polen. Słubfurt ist zwar hier an dem Ort und es ist auch ganz wichtig, dass Menschen aktiv sind, die hier in Słubfurt leben. Aber Słubfurt ist in gewisser Weise auch ein Modell, über das man global diskutieren kann. Słubfurt ist Denken und Handeln jenseits der Idee vom Nationalstaat. Alle Menschen, die hier leben, gehören zu Słubfurt. Deshalb haben alle Geflüchteten sofort einen Personalausweis von Nowa Amerika bekommen. Und hier auf dem Brückenplatz, im Café Blabla, sind sehr viele Menschen aus Afghanistan. Mohammed macht Musik für uns. Majid hat einen Schlüssel. Riaz aus Syrien hat einen Schlüssel. Charlotte aus Kamerun hat einen Schlüssel. Aber auch Heidi aus Frankfurt hat einen Schlüssel. Sie musste im vergangenen Jahr bei uns Sozialdienst leisten. Sie war total gegen Ausländer. Heute ist sie ganz dick mit Charlotte befreundet.

Charlotte aus Kamerun hat einen Schlüssel. Aber auch Heidi aus Frankfurt hat einen Schlüssel. Sie musste im vergangenen Jahr bei uns Sozialdienst leisten. Sie war total gegen Ausländer. Heute ist sie ganz dick mit Charlotte befreundet.

Das sind alles Leute, die sich einbringen. Diese Menschen machen die Energie aus. Gleichzeitig kann man von außen darauf schauen und sehen: es geht also tatsächlich, jenseits von der Idee Nationalstaat etwas zu entwickeln. Natürlich ist es woanders schwieriger, geradezu unmöglich, zum Beispiel an der israelisch-palästinensischen Grenze, so ein Projekt zu machen. Oder an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Oder an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Es gibt aber genügend andere Grenzen, wo man so arbeiten kann und wo das hier auch schon Alltag sein könnte. Słubfurt ist also ein Modell und ein Laborversuch.

 

Wie haben denn, ich sage jetzt mal, die alten Stadtverwaltungen von Frankfurt (Oder) und Słubice auf die Idee reagiert? Wie war es, als das Projekt begann und noch unbekannt war?

Das ist natürlich schon sehr lange her, 1999. Polen war noch kein Mitglied in der EU. Es war für die Leute wesentlich schwieriger, sich überhaupt vorzustellen, dass es mal so sein könnte. Im Grunde hat sich die Realität jetzt schon peu à peu in Richtung Słubfurt verändert. Es gibt natürlich immer noch zwei Stadtverwaltungen. Ich behaupte ja, es gibt nur eine Stadtverwaltung mit zwei Stadtteilbürgermeistern von Słub und von Furt. Und dann gibt es noch den Oberbürgermeister von Słubfurt. Einerseits klingt das wie Zukunftsmusik. Andererseits leben wir es hier im Alltag. Das heißt, wir haben hier Parlamentssitzungen, in denen wir unsere nächsten Projekte beraten. Das ist zwar immer noch recht klein, aber es entwickelt einmal auf der lokalen Ebene Bürgergesellschaft mit einem Demokratieverständnis, das von unten funktioniert, wo eben nicht alle vier Jahre ein paar Politiker gewählt werden, die dann in meiner Verantwortung handeln. Ich bin selber als politisches Wesen in der Lage, diesen Raum zu gestalten mit allem, was ich einbringe. Wenn jemand in Słubfurt eine Idee hat, dann reicht es nicht, wenn er will, dass jemand anderes diese umsetzt. Er muss sich selber miteinbringen, denn ansonsten wird aus dieser Idee nichts. Das ist ein Lernprozess für die Leute.

Wenn jemand in Słubfurt eine Idee hat, dann reicht es nicht, wenn er will, dass jemand anderes diese umsetzt. Er muss sich selber miteinbringen, denn ansonsten wird aus dieser Idee nichts. Das ist ein Lernprozess für die Leute.

Es passiert dann Erstaunliches: Ich denke an Heidi. Sie ist seit 20 Jahren arbeitslos. Ihr fehlte nur eine Gruppe von Menschen, die sie so anerkannte, wie sie ist. Sie kam hierher und wollte erstmal mit Ausländern nichts zu tun haben. Sie wollte nicht im Garten arbeiten. Ich habe sie gefragt, was sie gerne macht. „Basteln“, antwortete sie. Ich sagte, setz dich hier in das Café Blabla und bastel und wenn sich jemand dazusetzt und mitbasteln will, lädst du ihn dazu ein. So fing es an. Heute ist sie jemand, der regelmäßig hierherkommt, sauber macht, mithilft beim Renovieren. Das ist nur ein Fall. Wir können uns nicht rühmen, die halbe Stadt verändert zu haben. Słubfurt zeigt aber, dass wir ein anderes Modell von Arbeit brauchen, das sich nicht über Arbeit definiert, sondern über Leben, dass sich solche Menschen wie Heidi nicht mehr schämen brauchen oder als Mensch zweiter Klasse fühlen. Hier hat sie einen Raum gefunden, wo sie Mensch erster Klasse ist. Wir sagen: Wir brauchen dich, es ist toll, was du hier machst. Außerdem hat ihre Freundschaft zu Charlotte auch Charlotte sehr geholfen, sich hier wohlzufühlen.

 

Słubfurt ist ein soziales Kunstprojekt. Wie beschreiben Sie denn Ihr Kunstverständnis?

Als wir angefangen haben, waren wir mit dem konservativen Kunstverständnis der Leute in dieser Gegend konfrontiert. Wir sind hier eben in der Provinz. Für die meisten ist Kunst Malerei, Bildhauerei, Grafik. Es muss am besten über das Sofa passen. Dann vielleicht noch Performance-Installation oder Videokunst. Aber alles immer gedacht in Medienkategorien. Słubfurt ist aber Wirklichkeitskonstruktion. Es ist ein konzeptionelles Projekt, das aber auch angewendet wird. Für viele Leute ist das nicht nachvollziehbar. Ich mache es aber ganz bewusst nicht so, dass ich sage: Hier kommt jetzt ein Kunstprojekt, das können sie in der Galerie ausstellen. Sondern Słubfurt stellt sich in den Raum mit der Behauptung, diese Stadt gibt es. Deshalb habe ich als allererstes alles an Substituten hergestellt, die eine Stadt braucht. Stadtwappen, Touristeninformation, Tourist Guide. Dann sehen die Leute sowas und wissen das nicht einzuordnen und denken: Was fällt dem denn ein? Einfach selber eine Stadt gründen? Wer hat dem das erlaubt? Auf polnischer Seite gab es anfangs Befindlichkeiten: Da kommt jetzt ein Deutscher und will Polen annektieren.

Was fällt dem denn ein? Einfach selber eine Stadt gründen? Wer hat dem das erlaubt? Auf polnischer Seite gab es anfangs Befindlichkeiten: Da kommt jetzt ein Deutscher und will Polen annektieren.

 

Wenn man während des Bundestagswahlkampfes die Stadtbrücke von Słubice nach Frankfurt (Oder) überquert, sieht man als erstes die Wahlplakate der AfD mit dem Slogan ‚Grenzen schützen!‘ – auch auf deutscher Seite gibt es Widerspruch.

In Polen haben wir PiS. In Słubice gibt es Narodowe Słubice. Das ist eine Bewegung ohne Parteistatus. Das ist eine sehr kleine Gruppe von Leuten, erstaunlicherweise sehr junge Leute. Die haben Aufkleber hergestellt. Auf einem dieser Aufkleber ist das Stadtwappen von Słubfurt abgebildet und rot durchgestrichen. Das haben sie überall in den Hausaufgängen in Słubice geklebt. Dort gibt es also eine Gegenbewegung, für die Słubfurt ein rotes Tuch ist. Aber zu Beginn war es noch eine andere Richtung. Die Grenze war noch zu. Man stand hier in langen Schlangen. Dann gab es den Gedanken: Jetzt wollen die Deutschen Słubice annektieren.

 

Wie haben Sie damals auf diese Gedanken reagiert? Auf das konservative Kunstverständnis? Auf die Sorgen auf polnischer Seite, Słubfurt wäre ein Projekt zur Annexion von Słubice?

2003 habe ich zum Beispiel einen Film gemacht, wo ich eine virtuelle Touristengruppe durch Słubfurt führe. Dieser Film hat den Leuten die Herzen geöffnet, weil er sehr mit Humor arbeitet. Da stehe ich in der Schlange beim Grenzübergang und erzähle der Gruppe: „Hier gibt es die lange Schlange, weil unser Bürgermeister von Słubfurt immer Kaffee und Kuchen ausgibt und alle stellen sich in die Schlange und wollen auch ein Stück abhaben.“ In Wirklichkeit stehen sie natürlich da, um ihre Ausweise zu zeigen. In Słubice auf dem Basar gab es massenweise Gartenzwerge zu kaufen. Da habe ich mich mit dem Händler unterhalten und ihn gefragt, ob er bereit ist, sich filmen zu lassen. Ich habe ihn darum gebeten, nicht Słubice und nicht Frankfurt zu sagen und zu erklären, dass das seine Kunst ist. Und dann hat er dort erzählt und sich immer weiter reingesteigert. „Hier ist meine Edition von diesem Jahr: Maulwürfe!“ (lacht) Diesen Humor, den haben die Leute verstanden. Es geht hier um eine humorvolle Hinterfragung.

 

Kann man denn sagen, dass es bestimmte Gruppen oder bestimmte Typen von Menschen gibt, die bei Słubfurt mitmachen?

(denkt nach) Es sind sehr unterschiedliche Berufsgruppen. Da müsste ich jetzt überlegen.

 

Oder anders gefragt, sind es die ureingesessenen Frankfurter oder Słubicer, die da mitmachen?

Es ist so, am Anfang hatten wir nur einen Frankfurter und die meisten waren eben Wessis. Auf polnischer Seite waren es Polen, die nicht hier in Słubice geboren und aufgewachsen sind, also Zugezogene. Das lag meines Erachtens daran, dass Zugezogene eher neugierig waren. In Frankfurt wurde ich erstmal komisch beäugt. Ist das ein Wessi? Der Besserwessi? Das haben die Leute sehr schnell rausgekriegt, alleine schon wenn ich Viertel nach zwei und nicht vierteldrei sage. Dann war klar: Das ist ein Wessi. Obwohl, manchmal haben mich die Leute für einen Polen gehalten. Ich habe acht Jahre in Poznań gelebt und spreche fließend Polnisch. Ohne mir das zu sagen, haben sie mich als Alibi-Polen benutzt, bis sie dann rausgekriegt haben, das ist ja gar kein Pole! (lacht)

In Frankfurt wurde ich erstmal komisch beäugt. Ist das ein Wessi? Obwohl, manchmal haben mich die Leute für einen Polen gehalten. Ohne mir das zu sagen, haben sie mich als Alibi-Polen benutzt, bis sie dann rausgekriegt haben, das ist ja gar kein Pole!

Über den Lauf der Jahre hat sich das geändert, aber es gibt immer noch Leute, die finden das überhaupt nicht gut, was wir hier machen. Das merken wir auch an den Reaktionen in der Verwaltung. Wir machen halt einfach Dinge. Da macht dann die Verwaltungsstruktur Probleme, das Bauamt zum Beispiel oder das zentrale Immobilienmanagement. Ich habe jetzt in der Zeitung gelesen, es gibt zwei Interessenten, die dieses Gebiet hier kaufen wollen, um hier ein Fünf-Sterne-Hotel daraus zu machen. Da bin ich nochmal gespannt, wie sich das entwickelt. (lacht)

 

War das nicht auch das Problem mit dem alten Rathaus von Słubfurt? Dort wollte doch auch ein Investor das Grundstück kaufen.

Das ehemalige Rathaus war der ehemalige Grenzübergang. Unsere Idee war, das soll bleiben, um aus einem Teil eine Gedenkstätte über die ehemalige Grenze zu machen. Einen anderen Teil hätte man an Vereine geben können. Das wäre ideal gewesen. Die Gebäude waren nicht besonders hübsch, aber sie waren Teil der Erinnerungskultur. Deswegen sollte man sowas nicht abreißen. Es hatte so etwas Überstürztes. Man wollte es plötzlich loswerden. Nun, es gab unterschiedliche Gründe. Das Gelände an den Brückenköpfen ist Bundesgelände. Die Stadt wollte gerne dieses Gelände haben, aber der Bund wollte es mit den Häusern abgeben und dafür sehr, sehr viel Geld. Die Stadt hat immer darauf plädiert, die Häuser nicht haben zu wollen. Die Stadt wollte nur das Grundstück. Der Bund aber wusste mit den Gebäuden nichts anzufangen. Letztendlich wurden die Gebäude abgerissen, aber ja, 2008 haben wir das zum Rathaus von Słubfurt erklärt.

 

Eine Stadt ohne ein Rathaus, fehlt da nicht etwas?

Bei Słubfurt ist es anders als bei vielen Kunstvereinen, die ihre Gallerie haben seit x-Jahren. Es geht um den gesamten Stadtraum. Deshalb finde ich es viel spannender, je nachdem, was sich gerade anbietet, in diesen Kontext hinein zu gehen und dann den entsprechenden Raum zu nutzen, als nur auf einen Raum fixiert zu sein. Zumal ich auch weiß, dass wenn man sich einen Raum an das Bein bindet, egal ob klein oder groß, sind damit regelmäßige Kosten verbunden. Słubfurt hat keine institutionelle Förderung. Wir leben von Projekt zu Projekt.

Charlotte betritt den Raum, von ihr hat Kurzwelly bereits im Interview geredet. Sie begrüßen sich herzlich.

 

Ich hätte jetzt noch gefragt, was für die Zukunft ansteht, aber das war auch ein schönes Schlusswort…

Also ich habe es ja schon gesagt, Słubfurt ist die erste Stadt, die von der Zukunft in die Gegenwart wächst. Insofern verändert sich Słubfurt ständig, je nachdem, was es für Herausforderungen gibt. Momentan ist eine große Herausforderung für mich persönlich die Flüchtlingspolitik. Seit 2014 haben wir einen Chor gegründet mit Geflüchteten. Aus dem Chor ist unsere Solidargemeinschaft heraus gewachsen. Wir leben modellhaft vor, wie wir Zukunft gestalten können. Menschen wie Charlotte sind ganz wichtig für unser Projekt. Es ist auch für mich persönlich eine Freude, endlich wieder Französisch reden zu können. Ich habe drei Jahre in Frankreich gelebt.

Słubfurt ist nicht nur deutsch-polnisch. Słubfurt ist, wie es sein kann in der Welt in einigen Jahren.

Und: Ich habe ganz viel gelernt über den noch immer bestehenden Kolonialismus von Europa in afrikanischen Ländern. Wenn ich die ganze Flüchtlingsdebatte höre, durch alle Parteien hindurch, auch Die Linke, da wird verschwiegen, was es immer noch für Hintergründe gibt. Warum kommen denn die Menschen? Ich habe angefangen zu forschen, vor allem über Kamerun, weil ich viele Kameruner kennen gelernt habe. In Kamerun ist die Währung noch immer völlig abhängig von Frankreich. Der afrikanische Franc wird in Paris hergestellt. Die Staatsreserven Kameruns liegen in der Banque Nationale de Paris. Wenn Kamerun die abrufen will, müssen sie dafür Zinsen zahlen. Seit Kamerun seit den 60er Jahren unabhängig ist, zahlt Kamerun immer noch fast 50 Prozent seiner Steuereinnahmen als Infrastruktursteuer nach Frankreich. Frankreich lebt von den afrikanischen Ländern. Die großen Firmen, Total, Elf, Bolloré, haben Kamerun im Griff. Wenn Kameruner investieren oder eine eigene Firma aufmachen wollen, dann kommen die nicht an Bolloré vorbei. Wenn dann Entwicklungsminister Gerd Müller großkotzig von einem Marshall-Plan redet, dann ist das kein Marshall-Plan, sondern ein Plan zur weiteren Kolonialisierung Afrikas. Es wird der Raum geschaffen für weitere große Firmen, landgrabbing zu betreiben und den Bewohnern von kleinen Dörfern ihr Land wegzunehmen. Diese Menschen haben dann keine eigene Möglichkeit mehr, ihre Felder zu bestellen. Fünf Leute aus dem Dorf werden angestellt, die restlichen haben nichts zu tun. Dann hier von Wirtschaftsflüchtlingen zu reden, ist verlogen. Wir brauchen eine komplett neue Politik. Was kann ich hier als Kleiner tun? Ich kann das öffentlich machen. Und ich kann vor allem den Menschen, die hierherkommen, das geben, was ihnen zusteht, nämlich Teil unserer Gesellschaft zu sein und mitzumachen. Das ist Słubfurt. Słubfurt ist nicht nur deutsch-polnisch. Słubfurt ist, wie es sein kann in der Welt in einigen Jahren. Ich will nicht arrogant sein und sagen: Das ist es. Es aber zu probieren und dafür ein Labor zu sein, das ist das Eigentliche, was an Słubfurt dahintersteckt.

Michael Kurzwelly, ich danke für das Gespräch.

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