Call for Papers Ausgabe 01/2017: Was ist Osteuropa?

Der Call for Papers für die erste Ausgabe ist geschlossen und ist lediglich zur Dokumentation weiterhin sichtbar. Eigeninitiativ können Sie Texte an die Redaktion über mail@ost-journal.de einsenden. Die Texte werden dann von der Redaktion geprüft.

Das Thema Ost-Europa erfreut sich in den letzten Jahren eines immer größeren öffentlichen Interesses. Überall blühen Ost-Europa-Institute und Ost-Europa-Studien. Die Umbrüche und Wandlungsprozesse, die in Ost-, Süd-, und Südost-Europa in den letzten 26 Jahren stattgefunden haben, scheinen nach wie vor in vielen Fragen nicht aufgearbeitet. Jenseits von (N)Ostalgie und Ressentiments stellt sich die Frage nach dem heutigen Verhältnis zu ehemaligen sozialistischen Regimen. Im Forschungsbereich zu diesem Thema beziehungsweise in den verschiedenen Disziplinen, die sich damit auseinandersetzen, gab es und gibt es verschiedene Ansätze. Die einen denken Ost-Europa als einen spezifischen historischen Raum unter dem Einfluss des Sozialismus. Behauptet wird zum Beispiel, dass die „etwas andere“ Entwicklung heutiger osteuropäischer Demokratien gerade den Nachwirkungen des staatssozialistischen Systems zu verdanken sei. Oft geht diese Argumentationsrichtung darauf, die Demokratiedefizite beziehungsweise postulierte Rückständigkeit Osteuropas mit dem antidemokratischen Erbe der Vergangenheit zu erklären. Man spricht bei solchen Ansätzen gerne auch von pfadabhängigen Entwicklungsprozessen. Andere wiederum neigen zu Dekonstruktionsversuchen und sehen in den heutigen Erscheinungen in post-sozialistischen Ländern keine notwendigen kausalen Zusammenhänge mit den ehemaligen politischen Systemen am Werke oder plädieren zumindest für eine eingehende Kontextualisierung. Sie gehen davon aus, dass jedes sozialistische System eine individuelle Ausprägung sei und, sofern sie feststellbar seien, individuelle Nachwirkungen habe, welche vielfältige Verschränkungen zwischen vergangenen und gegenwärtigen Strukturen und Institutionen zulassen. Ein anderer Ansatz hingegen, in Anlehnung an kunsttheoretische Diskurse, stellt der liberal-demokratischen, kapitalistischen These vom Ende der Utopie die Retroutopie entgegen. Als melancholische Rückschau, die das Ende der industriellen Moderne und den damit einhergehenden Verlust des Sozialen betrauere, sei die post-sozialistische Situation nur eine Spielart der postutopischen globalen Suche nach Gesellschaft.

In der ersten Ausgabe unseres Ost Journals beabsichtigen wir, uns in Beiträgen verschiedenster Art an das Thema Ost-Europa anzunähern.

Nichtsdestotrotz, es gibt spezifische Begriffe, die vor allem mit diesem Wissenschaftsbereich assoziiert werden: Transition und Transformation gehören zur gängigen Terminologie der Beschreibung post-sozialistischer Gesellschaften. Während der Begriff der Transformation eher wertneutral ist und einen offenen Prozess ohne klaren Ausgang definiert, hat die Transition eine eindeutige Markierung: sie beschreibt den politischen Übergang aus einem autoritären beziehungsweise totalitären Regime in ein (liberal)demokratisches politisches System mit freier Marktwirtschaft. Diese Unterscheidung übernehmen wir in unserem Umgang mit dem Thema als Richtlinie. Das Post-Sozialistische beziehungsweise Post-Kommunistische deutet dabei auf die Frage nach der Abgeschlossenheit beziehungsweise Unabgeschlossenheit der Vergangenheit. Wir bevorzugen es zum Beispiel, vom Post-Sozialismus zu sprechen, um den (Staats)Sozialismus als politisches System nicht mit dem Kommunismus gleichzusetzen, der (auch) eine Gesellschaftsutopie oder Ideologie bezeichnet.

In der ersten Ausgabe unseres Ost Journals beabsichtigen wir, uns in Beiträgen verschiedenster Art an das Thema Ost-Europa anzunähern. Deshalb ist die Fragestellung eine weit gefasste mit möglichst viel perspektivischem Spielraum. Es ist uns wichtig, eine Diskussionsplattform zu errichten, deren Richtung wesentlich von den AutorInnenbeiträgen angegeben wird, und das Anliegen nach intellektuellem Austausch zum Thema Ost-Europa fördert und dokumentiert. Die Beiträge haben verschiedene Formen: Reportagen, wissenschaftlichen Artikel, Kommentare, Essays.  Alle Artikel mit wissenschaftlichem Anspruch müssen dem Standard wissenschaftlichen Arbeitens genügen. Die Texte können entweder auf Deutsch oder Englisch verfasst werden, auf Anfrage werden sie auch in die jeweilige Muttersprache übersetzt. Es ist ein Abstract (ca. 300 Wörter + Keywords) einzureichen; der Titel muss nicht feststehen, es sollte allerdings klar formuliert werden, worüber der Autor/die Autorin schreiben wird. Die Deadline für Abstracts ist der 5. Dezember 2016, die Zusage für die Texte erfolgt Anfang Januar, die Einreichung Ende März per Email an die Redaktion. Die Veröffentlichung der Texte findet gegen Ende Mai statt. Die Auswahl der Texte wird anhand der Abstracts von der Redaktion in Absprache mit den Bundestagsabgeordneten getroffen, da die Artikel durch Abonnements der MdBs finanziert werden. Kürzere Texte werden mit 50 Euro vergütet, längere mit 100 Euro.

Schlagworte: Post-Sozialismus, Post-Kommunismus, Transition, Transformation, Pfadabhängigkeit, Ostalgie, Jugonostalgie, Postutopie vs. Retroutopie, Ost-West-Konflikt, Postkolonialismus/Neuer Imperialismus, Osteuropäische Geschichte, Region, regionale und überregionale Identitäten, soziale Dynamiken in politischen Systemen, Demokratisierungsprozesse, Generationenkonflikt, Wertewandel, Integration und Akzeptanz des/r Anderen, soziale Entwicklung und Gestaltung der Gesellschaften, Gemeinsamkeiten/Differenzen, Inklusion vs. Exklusion, wirtschaftlicher Aufbau, Polarisierung in der Gesellschaft, Protestbereitschaft, Medienwahrnehmung, Kunst als Kritik, Ängste, Ressentiments, sozialer Wandel, soziale Mobilität, post-revolutionäre Zivilgesellschaft, Karriere und Lifestyle, Hoffnungen, Wünsche, Enttäuschungen, Jugendkultur im Osten, Widerstand von Jugendlichen, Kultur in den 1990ern, Architektur im Osten, Kunst und Kultur, Tourismus, Perspektiven auf Osteuropa, Perspektiven vom Osten auf den Westen, Orientalismus, Ost-West-Beziehngen, Minderheiten, Biographieforschung, Identitätsbildung, Identitätskonflikte, Säkularismus und Religion, Migration, Grenze/Grenzregionen/Grenzstädte, Stadt/Land-Gefälle, Geschichtspolitik, Kriege und Gewalt, Vergangenheitsbewältigung/Aufarbeitung des Sozialismus, transnationale/internationale Kooperation, EU und europäische Integration, politische Systeme, politische Konflikte, Rassismus, Nationalismus, Probleme und Perspektiven der Transformation, Globalisierung, Sprache, Medien

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