Was ist neu am Kalten Krieg?

Zur Wiederholung geopolitischer Erzählungen in neuen Strukturen und Grenzen

Die Grenzen Europas sind auch die Grenzen in Europa und obwohl so oft von sich öffnenden Räumen gesprochen wird, sind die Grenzziehungen viel komplexer und entwickeln sich nicht linear. Sie kommen und gehen, werden stärker und schwächer und selbst die, die lange vergangenen schienen, können plötzlich wieder aktuell sein. Bestes Beispiel ist die Vorstellung des Kalten Krieges. Der neue Kalte Krieg ist keine reine Wiederholung des alten. Er ist eine neue Formation, die sich alter Denkmuster bedient und doch in einigen Punkten viel einseitiger ist als vor 1990. Dieser Beitrag will das Wechselspiel alter und neuer Denkmuster mit sprachtheoretischen und geopolitischen Ideen aufgreifen, um vor allem auf Gefahren einfacher Wahrheiten hinzuweisen.

von Christoph Creutziger, Münster

Mikhail Kamarov, Flickr, CC BY-SA 2.0
Foto: Mikhail Kamarov, Flickr, CC BY-SA 2.0

Aktuelle Debatten um Grenzziehungen in Europa kreisen stark um eine Auseinandersetzung mit Migration, Offenheit und Abgrenzung. Das ist zweifellos wichtig, sollte aber nicht den Blick auf andere, fundamentale Grenzziehungen verstellen. Der historische Kalte Krieg war „eine politisch-ideologische, ökonomische, technologisch-wissenschaftliche und kulturell-soziale Auseinandersetzung, die ihre Auswirkungen bis in den Alltag zeigte“ (Stöver 2012: 9) und dabei in all diesen Bereichen Grenzen zog. Bis heute prägen diese Grenzen auch die Vorstellung von Osteuropa – oft in deutlichem Widerspruch zur eigenen Verortung von Ost und West. In diesem Artikel geht es nicht um mögliche Wahrheiten hinter Grenzziehungen, sondern um die Imaginationen von solchen Unterschieden und die Emotionalität dieser Debatte. Ein Eingehen auf Emotionen und ‚gefühlte Wahrheiten‘ soll helfen, einen klaren Blick für die Bedeutung aktueller Konfliktanrufungen zu gewinnen. Dadurch soll nichts verharmlost oder aus dem Kontext gerissen werden, denn es geht hier – trotz aller berechtigter Kritik an der russischen Regierung und den Regierungspraktiken – nicht um eine Schuldfrage. Es soll nicht eine Seite über die andere als besser erklärt, sondern die Dichotomie selbst beleuchtet werden – mithin die Grenze und die Grenzziehung zugleich.

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Rückblick ins Archiv der Gegenwart

Zunächst ein Rückblick: Nach dem Ende des historischen Kalten Krieges gab es zahlreiche Hoffnungen und Phantasien, wie es für Europa in einer sich vereinenden Welt weitergehen könnte: Freihandel von Lissabon bis Wladiwostok oder eine gewaltige Friedensdividende. Zweifellos gab es schon früh erste Enttäuschungen, weil sich vor allem die Politik des Westens zu sehr darauf konzentrierte, sich als Sieger zu sehen – und Russland als Verlierer (vgl. Reuber 2014, Steiniger 2004: 52), statt einen Ausgleich anzustreben. Dennoch gab es z.B. beim bündnisübergreifenden ‚War on Terror‘ ab 2001 viele Signale der Entspannung. Für eine kurze Zeit schien es, als ob die Ost-West-Widersprüche an Bedeutung verlieren könnten – ersetzt durch neue Vorstellungen wie den „Kampf der Kulturen“ (Huntington 1996), die Betonung der Nord-Süd-Widersprüche oder die Vorstellung eines generellen und letztgültigen Sieges des liberalen Kapitalismus in Verbindung mit einer liberaleren Demokratie (Fukuyama 1992). Diese Leitbilder sind sehr widersprüchlich und waren nie unumstritten (vgl. z.B. Derrida 1994, Ó Tuathail et al 2006, Reuber/Wolkersdorfer 2003, Reuber/Strüver 2009), aber dennoch medial sehr präsent. So gesehen gab es eine Zeit, in der in Europa „Westen, jederzeit und in jeder Himmelsrichtung“ (Erpenbeck 2015: 10) zu sein schien. Die Frage ist also, wie durch die Konflikte in Georgien (2008) und der Ukraine (2013/14) alte Denkmuster so schnell wieder hegemonial und sichtbar werden konnten – allgemeiner ausgedrückt, warum solche Raumbilder so schnell überzeugen und im Ernstfall Menschen emotional und physisch mobilisieren können zu Hass, Krieg und Grenzziehungen.

Eine theoretische Klärung könnte vom Begriff des Archivs im Sinne Foucaults (1973) abgeleitet werden. Er geht davon aus, „dass aktuelle gesellschaftliche Diskurse Teile ihrer hegemonialen Deutungsmacht aus ihrem historischen Gewordensein beziehen. Die Gesamtheit der historischen Diskursformationen bezeichnet Foucault als Archiv. Dabei benutzt er einen weit gefassten und stark diskurstheoretisch sinnverschobenen Archiv-Begriff, der aus Sicht der Politischen Geografie auch beim Verstehen aktueller Begründungsmuster, Feindbilder etc. in virulenten Konflikten nützlich sein kann.“ (Reuber 2014)

In der Archäologie des Wissens (1973) beschreibt Foucault das Archiv als eine Formation, die bewirkt, dass Dinge nicht einfach so, sondern in „einem ganzen Spiel von Beziehungen erschienen [..], die die diskursive Ebene charakterisieren; daß sie, anstatt zufällig erscheinende und ein wenig planlos auf stumme Prozesse gepfropfte Gestalten zu sein, gemäß spezifischer Regelmäßigkeiten entstehen“ (Foucault 1973: 187). Er versteht das Archiv als „das allgemeine System der Formation und der Transformation von Aussagen“ (ebd. 188) und somit in einer diskursiven Rolle und nicht als ruhenden Ort. Archiv, als spezifisches Element innerhalb der Diskurstheorie, ist vielmehr ein Ort, in dem die Bedeutung der Dinge durch ihre sprachliche Aufladung und Beziehung zueinander entsteht und es keine absolute Wahrheit außerhalb von Sprache (im weitesten Sinne) gibt.

Anknüpfungen und Kontinuitäten für die „Archive der Geopolitik“ (Reuber 2012) sind keineswegs nur Regierungserklärungen oder –handlungen, sind nicht nur strategische und kriegerische Auseinandersetzungen, sondern „individuelle[..] Werke, [..] Bücher und die Texte“ (Foucault 1973: 183) und all das, was heute als ‚Popkultur‘ beschrieben wird: z.B. prägende Filme, Musik und Serien (in denen die russischen Bösewichte einen Akzent auch in den deutschen Synchronfassungen behalten). Computerspiele und Romane genauso wie Zeitungsartikel – in allem schlummert immer auch eine Vorstellung von Raumpolitiken; sie bedienen sich klassischer Ansichten oder brechen mit ihnen, doch meist wird die Grundsätzlichkeit einer Dichotomie aufrechterhalten. Das Archiv somit ist nie geschlossen, sondern lebt vom Archivieren und Herausholen, wie beispielhaft die durchgehende Berichterstattung in deutschen Nachrichtenmagazinen über das Thema ‚Kalter Krieg‘ zeigt.

Abbildung 1.

Die neue Sprache des Kalten Krieges

Viele Kämpfe im Kalten Krieg waren blutig, ob Afghanistan, Vietnam oder Nicaragua: an vielen Orten der Welt wurde gekämpft und getötet. Nur in den Zentren selbst blieb es ‚kalt‘, weshalb der gesamte Begriff eigentlich eine Farce und Beispiel für kulturellen Eurozentrismus ist. Das Potenzial einer viel größeren Zerstörung ist keine Rechtfertigung dafür, das Töten in der Peripherie zu verharmlosen, indem der Krieg als ‚kalt‘ und damit als nicht aktiv bezeichnet wird. Ein einfaches Erwähnen solcher Probleme hilft jedoch nicht, sich dieser Sets von Vorannahmen zu entziehen, in die auch dieser Text eingebettet ist. Dies ist wichtig, um die folgenden Erkenntnisse sprachlicher Untersuchungen einordnen zu können.

Wie im Beispiel am Ende des oberen Abschnitts (Abbildung 1) dient hier als Grundlage ein exemplarischer Korpus aus allen Ausgaben von Focus, Spiegel und Stern der letzten 17 Jahre. Der Kalte Krieg ist dabei nicht nur Thema in Artikeln zur Weltpolitik, sondern zieht sich durch alle Ressorts. Bei Untersuchungen von solch großen Textsammlungen geht es weniger um eine genaue Einordnung eines einzelnen Artikels, als vielmehr um generelle Muster im Sprachgebrauch und die Veränderung von Sprachbeziehungen. Wie und in welchem Zusammenhang Worte und Themen verbunden werden, ist ein andauernder Aushandlungsprozess, in dessen Analyse viel über aktuelle Diskurse gefunden werden kann. So zeigt sich z.B. eine doppelte Verengung des Kalten Krieges: Beim Vergleich aller Raumbezüge, die im Zusammenhang mit diesem Begriff auftauchen, fällt auf, dass ab 2014 der Kalte Krieg fast nur noch im Osten stattfindet. Es gibt quasi keinen Konflikt zwischen ‚dem Westen‘ (USA, (West-)Europa etc.) mehr mit ‚dem Osten‘. Während also Kalter Krieg in den Jahren 1950 bis 1990 als internationaler Konflikt und Konfrontation zweier Systeme gesehen wurde und bis 2014 auch medial so verhandelt wurde, wird Kalter Krieg nun zunehmend als Problem Russlands dargestellt, das zurzeit vor allem in der Ukraine stattfindet.

Abbildung 2: Es wurde ein Teilkorpus aller Artikel in den genannten Magazinen aus den Jahren 2014 bis 2016 mit dem Gesamtkorpus (2000 bis 2016) verglichen und räumliche Begriffe, die bei einem Vergleich der Korpora sowohl signifikant waren als auch eine relativ hohe Bedeutung (Effektstärke) hatten, herausgearbeitet. Die Größe der Worte entspricht ihrer Signifikanz im Vergleich zum Gesamtkorpus.

Die zweite Verengung baut darauf auf und betrifft die Vorstellung von Russland. Es mag banal klingen, aber Russland ist ein großes Land, von dem allein der europäische Teil etwa so groß ist, wie die gesamte EU und in dem insgesamt etwa 140 Millionen Menschen leben. Dennoch wird Russland häufig mit „Putin“ übersetzt. Das gesamte Handeln in und von Russland verengt sich in der Pressewahrnehmung zunehmend auf eine Person bzw. eine Symbolisierung. Sichtbarmachen lässt sich das z.B. am Vergleich der entsprechenden Inhalte in allen von Google News betrachteten deutschen Nachrichtenseiten. Darin wird deutlich, dass Putin seit 2013 häufiger Inhalt ist als Russland.

Abbildung 3.

Dieser Befund zieht sich dabei durch fast die gesamte deutschsprachige Medienlandschaft, wie in den folgenden Überschriften exemplarisch sichtbar wird: „Streit um ‚Mistral‘-Schiffe: Putin bekommt sein Geld zurück“ (srf.ch/news, 06.08.2015 gleichlautend kurzzeitig auf tagesschau.de), „Putin vernichtet Lebensmittel“ (news.at, 06.08.2015), „Angst vor neuer Putin-Invasion“ (Bild, 02.08.2017). Diese Beobachtungen sollen die beschriebenen Phänomene nicht in Frage stellen und – wie bereits erwähnt – nicht fundamentale Probleme und Missstände der russischen Regierung verschweigen. Hier soll aber nicht die offensichtliche Kritik, sondern strukturelle Überlegungen im Focus stehen. Mehr zu diesem Druck, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, im nächsten Abschnitt.

Zunächst ein letztes Beispiel für den Wandel der Sprache: durch die Einführung des Konzeptes ‚Neuer Kalter Krieg‘ ist der Begriff des Kalten Krieges scheinbar wieder ‚frei‘ geworden. Er wird seit 2017 viel allgemeiner benutzt (z.B. „Kalter Krieg um Katar / am Golf“ (Süddeutsche, 05.06.17; tagesanzeiger.ch, 06.06.17; DLF, 03.07.17) um auf Konflikte hinzuweisen, die in den Zentren der Konfrontation ohne Waffengewalt ausgetragen werden.

 

Die Gefahren der einfachen, universalen Geschichte

Die Gefahren, die sich sowohl aus dem Wiederaufgreifen als auch aus Verschiebungen von Begriffen ergeben, betreffen mehrere Bereiche, von denen hier vier Perspektiven besprochen werden sollen: Erstens ist es sprachtheoretisch spannend zu sehen, wie eine scheinbar so feststehende Bezeichnung wie ‚Kalter Krieg‘ immer wieder neu interpretiert werden kann bzw. im Sinne Derridas iteriert (vgl. Moebius 2003: 88) wird. Die Bedeutung ändert sich einerseits in der Wiederholung und auch über die Zeit. Eine Bezeichnung bezeichnet nie mehr genau das, was sie vorher bezeichnet hat – und zugleich tut sie scheinbar genau das (vgl. ebd. 88ff). Es werden also Vorstellungen erzeugt, die auf neue Situationen angewandt werden, egal wie sehr sie passen, und es rückt dergestalt beispielsweise die Angst vor einem Atomkrieg und Handelssanktionen in einen gedanklichen Raum. Die Anrufung großer Konzepte ist aber kein Phänomen, das nur innerhalb der unmittelbaren Sprache bleibt, sondern von da aus unsere Vorstellungen der Welt prägt.

Die zweite Gefahr ist auf einer anderen Ebene, großräumig und verbunden mit den Ansätzen der kritischen Geopolitik (Ó Tuathail et al 2006; Wolkersdorfer 2001; Reuber/Wolkersdorfer 2003; Dodds et al 2013). Es scheint ein Bedürfnis von Politikberatung und Feuilleton zu sein, Situationen in geopolitischen Leitbildern zu erfassen. Eine Kritik der Plausibilität solcher oft dualen Vorstellungen, die in den ‚Archiven der Geopolitik‘ gespeichert waren und werden erscheint immer angebracht, denn die gesamte Geschichte der klassischen Geopolitik ist sehr heikel: In ihren Anfängen versuchte sie Nationalstaaten quasi wie Organismen zu verstehen, die einen Boden brauchen und Ausbreitungsfläche. Daraus leitete sich schnell die Blut-und-Boden-Theorie des Nationalsozialismus ab (vgl. Reuber 2012: 74ff). Aber auch danach wurden immer wieder Großerzählungen bemüht (siehe Einleitung in diesem Beitrag) um die Sinnhaftigkeit kleinerer Interventionen zu begründen. Genau das passiert auch durch die Erzählung eines neuen Kalten Krieges. Die Verlegung von Armeen erscheint darin irgendwann schlicht logisch; das kommentieren aller Flugbewegungen führt zu einem Gefühl realer Bedrohung. Die Erzählung des neuen Kalten Krieges gelangt über die Archive der geopolitischen Vorstellungen in die Rolle einer glaubhaften Erzählung, ohne dass die oben aufgezeigten Widersprüche viel beachtet würden. Allgemeine Leitbilder führen also auch hier dazu, Denkhorizonte zu verengen.

Die dritte Dimension soll die Bedeutung emotionaler Aufladungen in aller Kürze beleuchten. Erstaunlich oft wurden große Medien mit Kommentaren und Leser*innenbriefen in Bezug auf die Russlandberichterstattung konfrontiert, die eben diese Berichterstattung für zu negativ hielten (vgl. SZ 19.02.2015, Handelsblatt 14.08.2017). Nicht minder emotional wurden ‚Putinversteher*innen‘ kritisiert. Der oben beschriebene Druck, sich in dem Spannungsfeld einer Positionierung zu Russland ‚richtig‘ zu verhalten, ist im Vergleich zu anderen Politikfeldern außergewöhnlich. Dies zeigt sich auch bei einer emotionalen Kartierung zentraler Begriffe im Umfeld des ‚Kalten Krieges‘ auf Twitter, wo über Russland und Putin der Anteil emotionaler Tweets sehr hoch ist. Emotionen sollten also unbedingt Teil einer (selbst)kritischen Beurteilung sein.

Als vierte Perspektive soll schließlich eine generelle Kritik an der „singlestory“ (Adichie 2009) die Ebenen zusammenbringen. In „the danger of a single story“ beschreibt Adichie, wie sehr sie in ihrer Jugend den allgemeinen Geschichten glaubte und wie sehr diese Geschichten ihre Vorstellung von der ganzen Welt prägten. Es gibt im Zusammenhang mit Russland und dem Kalten Krieg eine mächtige Lesart einer solchen ‚singlestory,‘ die immer widerspruchsfreier erzählt werden kann. Rückschlüsse erscheinen darin in sich so logisch, dass es kaum nötig erscheint, sie zu hinterfragen. Die persönliche Geschichte Putins, Fotos von ihm beim Reiten oder Jagen, scheinen Politik zu erklären und werden als glaubhafte Belege russischer Aggression gedeutet – selbst seine Jugend. All das ist sicher spannend, um sich der Person Putin zu nähern, aber die Gleichsetzung mit politischem Handeln scheint zu verkürzt.

Dass eine solche Verengung der Erzählung nicht zwangsläufig ist, zeigen viele Beispiele: Trotz in Deutschland verbreiteter Skepsis gegenüber Trump (Focus, 1.02.2017) werden die USA nicht im Ganzen ihrem Präsidenten gleichgesetzt. Auch wurden die Bürger*innen der DDR in der BRD nicht insgesamt diskreditiert, nur weil die Regierung offensichtlich schlecht war. Es geht Adichie nicht darum auf Kritik oder Angst zu verzichten:„The problem with stereotypes is not that they are untrue, but that they are incomplete. They make one story become the only story“ (Adichie 2009). Eine konkrete (politische) Handlung kann gleich bewertet werden und doch zu einer anderen Schlussfolgerung führen, wenn wir nicht bei Stereotypen verweilen.

 

Rückblick mit Ausblick

Es ist etwas faul am neuen Kalten Krieg. Faul, weil er sich der Ideen alter geopolitischer Konzepte bedient, ohne dass diese je wirklich aufgearbeitet wurden. Faul auch, weil allein durch die Wahl des Begriffes eine territoriale Falle ausgelöst wird: Wenn Russland beteiligt ist, muss es Kalter Krieg sein; weil Putin ‚komisch‘ ist, muss Russland ‚böse‘ sein. Auch wenn dieses ‚böse‘ etwas alltagssprachlich klingen mag, steckt genau darin ein Kern des Problems: Russland wird emotional als anders, als böse gedeutet.

Die Vorstellung vom (neuen) Kalten Krieg ist eng verwoben mit Vorstellungen von Osteuropa, denn unter allem lauern noch größere Raumstereotype. Solche, in denen es zu einer Verknüpfung von Geopolitik und Identität kommt (vgl. Paasi 1996; Strüver 2005, Miggelbrink 2014, Hall 1994) und in denen Russland der lang übersehene „Elephant in the room“ (Casula 2012: 76; vgl. Henderson 2003) beim Konzept des „Orientalismus“ von Edward Said (2003 [1978]) ist. Eine Konstruktion also, in der sich der Westen sein Selbstbild des ‚Eigenen‘ in Abgrenzung zum ‚Anderen‘, dem Östlichen, schafft. Dass hier die Kritik vor allem an diesem scheinbar Eigenen, am Westen, geübt wird, soll nicht bedeuten, dass es nicht auch andere Stereotype gibt. Die Vermutung aber, dass das Raumbild auf der anderen Seite genauso konstituiert wird, ist so irrig wie die Annahme, dass ‚der Orient‘ den Okzident zur Selbstdefinition bräuchte (vgl. Said 2003, Husseini de Araújo 2011). Die ‚single story‘ zu durchbrechen, ist eine Aufgabe, die einem nicht von denen abgenommen werden kann, die man konstruiert. Der Prozess gelingt aber vermutlich leichter, wenn die Konstruktion nicht weiter im Verborgenen geschieht. Trotz der Polyphonie neuerer Erzählungen bildet der Ost-West-Antagonismus eine gedankliche Einrastposition, in der sich Erzählungen zu leicht verfangen. „When we reject the single story, when we realize that there is never a single story about any place, we regain a kind of paradise“ (Adichie 2009). Ein Paradies, in dem nicht alle Probleme gelöst sind, aber in dem die Dinge mehrere Geschichten haben können, in dem auch das Politische weniger zwangsläufig ist und in dem nicht aus Angst vor einem Kalten Krieg ein Krieg ausbricht.

Literatur

Adichie, ChimamandaNgozi: The danger of a single story.transcript 2009, URL = <ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story/transcript/>

Casula, Philipp: Hegemonie und Populismus in Putins Russland.Bielefeld: transcript 2012.

Derrida, Jacques: Specters of Marx: The State of the Debt, the Work of Mourning and the New International. London: Routledge 1994.

Dodds, Klaus/MerjeKuus/Joanne Sharp: The Ashgate Research Companion to Critical Geopolitics. London: Routledge 2013

Erpenbeck, Jenny: gehen ging gegangen. München: Knaus 2015.

Foucault, Michel: Die Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973.

Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. München: Kindler 1992.

Hall, Stuart: Ausgewählte Schriften/Rassismus und kulturelle Identität.Hamburg: Argument Verlag 1994.

Henderson, Sally: “The Elephant in the Room: Orientalism and Russian Studies”. In: Slovo – interdisciplinary academic journal of Russian, Post-Soviet, Central & East European affairs 2003 Vol. 19.2 N. 2, S. 125-135.

Huntington, Samuel: Kampf der Kulturen. Hamburg: Spiegel Edition 1996.

Husseini de Araújo, Shadia: Postcolonial Studies: Jenseits vom »Kampf der Kulturen«: Imaginative Geographien des Eigenen und des Anderen in arabischen Printmedien. Bielefeld: transcript 2011.

Miggelbrink, Judith: „Crossing lines, crossed by lines: everyday practices and local border traffic in Schengen regulated borderlands”. In: Jones, Reece / Corey Johnson, C. (Hg.): Placing the border in everyday life. London: Routledge 2014, 137-164.

Moebius, Stephan: Die soziale Konstituierung des Anderen. Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida. Frankfurt/ New York: Campus 2003.

Ó Tuathail, Gearóid / Simon Dalby / Paul Routledge (2006): The geopolitics reader. London: Routledge 2006.

Paasi, Anssi: “Inclusion, exclusion and the construction of territorial identities: Boundaries in the globalizing geopolitical landscape”. In: Nordisk Samhällsgeografisk Tidskrift 23, 1996, 6-23.

Reuber, Paul / Anke Strüver: „Diskursive Verräumlichungen in deutschen Printmedien: Das Beispiel Geopolitik nach 9/11“. In: Döring, J. und Thielmann, T. (Hg.): Mediengeographie. Theorie – Analyse – Diskussion. Bielefeld: Transcript 2009, 315-332.

Reuber, Paul / Günter Wolkersdorfer: „Geopolitische Leitbilder und die Neuordnung der globalen Machtverhältnisse“.  In: Gebhardt, Hans / Paul Reuber / Günter Wolkersdorfer, G. (Hg.): Kulturgeographie. Aktuelle Ansätze und Entwicklungen. Heidelberg und Berlin: Spektrum Akademischer Verlag 2003, 47–66.

Reuber, Paul: „Geopolitische Repräsentationen in den Medien. Alte Leitbilder oder neue Risikoszenarien?“ In:  S+F, Jahrgang 32 (2014), Heft 3, Nomos 2014.

Reuber, Paul: Politische Geographie. Paderborn: Schöningh 2012.

Said, Edward: Orientalismus. Frankfurt/M: Fischer 2003 [1973].

Steiniger, Rolf: Der Kalte Krieg. Frankfurt/M: Fischer Taschenbuchverlag 2004.

Stöver, Bernd:  Der Kalte Krieg. 4. Auflage, München: C.H. Beck 2012.

Strüver, Anke: „Stories of the „boring border“. The Dutch-German Borderscape in People’s Minds.”In: Forum Politische Geographie 2, Berlin: LIT Verlag 2005.

Wolkersdorfer, Günter: „Politische Geographie und Geopolitik: Zwei Seiten derselben Medaille?“ In: Reuber, Paul / Günter Wolkers-dorfer: Politische Geographie: Handlungsorientierte Ansätze und Critical Geopolitics. Heidelberg: Geographisches Institut 2001.

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