Trabi-Safari: Ein polnischer Blick auf Ostdeutschland

Seit dem Fall der Berliner Mauer sind 28 Jahre vergangen, doch viele Ostdeutsche fühlen sich in der Bundesrepublik nach wie vor fremd. Die Flüchtlingskrise hat dies schmerzhaft verdeutlicht.

von Kaja Puto, Frankfurt (Oder)/Hoyerswerda/Bautzen/Weißwasser
Übersetzung aus dem Polnischen von Heinz Rosenau

Am meisten ärgern mich diese ganzen DDR-Museen. Im Fernsehen haben sie mal so eines in Berlin gezeigt. Da setzen sie die Touristen an einen mit Wachstuch bezogenen Tisch, servieren ihnen dünnen Tee in Gläsern und spielen ihnen alte Nachrichtensendungen vor. Und die Touristen lachen sich tot. Eine Zuckerdose aus Kristall? Herrlich. Matrjoschkas in den Regalen? Wie lustig. Und da, ein alter Verdienstorden, ich schmeiß mich weg. Guckt nur, was für Höhlenmenschen wir damals aufgenommen haben. Ach, diese Ossis. Und wenn sie über Flüchtlinge reden, dann nur über Ärzte und Rechtsanwälte. Nur Gutes, was Schlechtes darf man ja nicht sagen.“

„Weißt du, wie sie in Berlin Stadtrundfahrten mit alten Trabanten nennen? Trabi-Safari!“ Quelle: sporras, Flickr, CC BY-SA 2.0
„Weißt du, wie sie in Berlin Stadtrundfahrten mit alten Trabanten nennen? Trabi-Safari!“ Quelle: sporras, Flickr, CC BY-SA 2.0

Uwe, ein etwa siebzigjähriger Rentner, schaut sich nervös im Zimmer um, als prüfe er, ob sich nicht auch in seiner Wohnung irgendwelche kompromittierenden Relikte aus dem alten System befinden. Er lebt seit den Achtzigerjahren in diesem Wohnblock, es wäre also durchaus möglich. Auf den ersten Blick ist nichts zu sehen – die Wohnung wurde bereits zu IKEA-Zeiten renoviert. Ich habe Uwe durch Max kennengelernt, seinen Enkel, mit dem ich mich zuvor im Zentrum von Frankfurt (Oder) getroffen habe. Er hat mir gleich vorgeschlagen, ich solle doch seinen Großvater besuchen, der wohne nicht weit von hier und könne mir am besten erklären, was in Ostdeutschland alles falsch läuft.

„Ich sage nicht, dass wir damals die besten Möbel auf der Welt hatten. Und unsere Autos waren sicherlich schlechter. Aber wir wussten wenigstens,“ echauffiert sich Uwe, „dass wir sie für uns selbst produzierten. Heute haben sie uns alles weggekauft und verdienen an unserer Arbeit. Und in den Geschäften verkaufen sie importierte Tomaten. Was soll das? Irgendjemand muss ja davon profitieren. Wer? Wir bestimmt nicht. Und sagen darf man nichts, schließlich haben sie für uns Billionen ausgegeben.“ Uwe streckt die Arme aus, als wolle er zeigen, wie groß der Fisch war, den er gefangen hat. „Billionen, Billionen Euro. Und wo wir schon bei Autos sind: Weißt du, wie sie in Berlin Stadtrundfahrten mit alten Trabanten nennen? Trabi-Safari!!!“

Max blickt ein wenig spöttisch auf seinen Großvater, doch hin und wieder nickt er auch. Er wird lebhafter, wenn Uwe auf das Thema Wirtschaft kommt, ergreift jedoch erst das Wort, als sein Großvater auf die Toilette muss.
„Die Regierung holt die Flüchtlinge ins Land, um billige Arbeitskräfte zu haben“, sagt er düster. „Nur, dass es hier keine Arbeit gibt, und als es welche gab, haben die Polen sie uns weggenommen.“ Max merkt anscheinend, dass er etwas gesagt hat, das mich verletzen könnte, denn er beißt sich auf die Lippe und verstummt. Ich sage ihm, für wen ich meine Reportage schreibe – ob mich das in seinen Augen auch zu einem Wirtschaftsflüchtling macht? „Naja, die Polen sprengen sich wenigstens nicht in die Luft …“

„Sondern klauen nur Autos?“, souffliere ich ihm. Ich weiß, dass Max an rechtsextremen Demonstrationen gegen Ausländer teilnimmt, die sich erst in den letzten Jahren zunehmend auf den Islam fokussiert haben.

Max lächelt, aber er sagt nichts. Als wir uns von seinem Großvater verabschieden und in die Stadt zurückgehen, fängt er an, Englisch mit mir zu sprechen, und antwortet nur noch oberflächlich auf meine Fragen. Er hat an einer Tankstelle gearbeitet, aber jetzt sucht er etwas anderes. Wegziehen kam für ihn nie infrage, auch wenn seine Freundin ihn deswegen vor Kurzem verlassen hat. Er hat etwas gegen Fast Food, gegen Weihnachten und gegen die Berliner.

Frankfurt (Oder) betrachtet aus dem polnischen Słubice. Quelle: endless autumn, Flickr, CC BY-SA 2.0
Frankfurt (Oder) betrachtet aus dem polnischen Słubice. Quelle: endless autumn, Flickr, CC BY-SA 2.0

Der hässliche, halbfertige Bürgersteig aus den Achtzigerjahren ist menschenleer. Frankfurt ist eine Universitätsstadt, doch die meisten Studenten der hiesigen Europauniversität wohnen in Berlin. Im wilden Osten zu studieren ist ja ganz interessant, aber leben möchte man hier eher nicht. Wie viele andere ostdeutsche Städte verlor auch Frankfurt nach 1989 fast die Hälfte seiner Einwohner. Als aus einem der Hauseingänge zwei lachende Mädchen mit Kopftüchern treten, mustert Max sie mit verächtlichem Blick. Schließlich verabschieden wir uns, ohne einander in die Augen zu sehen.

 

Ein paar Zahlen

Das durchschnittliche Bruttomonatsgehalt in den neuen Ländern (derzeit rund 2 800 Euro) liegt bei etwa drei Vierteln des Westniveaus, und die privaten Konsumausgaben betragen 79 Prozent dessen, was die Westdeutschen aufwenden. Das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde beträgt in den alten Ländern 50 Euro und in den neuen Ländern 35 Euro. Von den 500 reichsten Deutschen wohnen gerade mal 20 östlich der ehemaligen Grenze, davon 14 in Berlin. Die Arbeitslosigkeit im Osten ist mit 12 Prozent fast doppelt so hoch wie im Westen, auch das Armutsrisiko liegt in den neuen Ländern (zwischen 18,8 und 23,6 Prozent) deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 15,5 Prozent. Keiner der dreißig größten deutschen Konzerne hat seinen Sitz in Ostdeutschland, dort spielen Landwirtschaft und einfache Dienstleistungsbranchen wie etwa Callcenter eine größere Rolle. So lauten die 2015 veröffentlichten Ergebnisse einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

In den neuen Bundesländern leben heute zwei Millionen Menschen weniger als 1991, etwa 300 000 Wohnungen wurden abgerissen. Die Kosten der deutschen Einheit werden auf über zwei Billionen Euro geschätzt.

Diese Statistiken würden vermutlich kaum außerhalb der Wirtschaftsteile der großen deutschen Zeitungen diskutiert werden, gäbe es da nicht eine andere Zahl, die die öffentliche Diskussion im Moment beherrscht: die der AfD-Wähler. In den Bundestagswahlen im September 2017 erhielt die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ in den neuen Ländern etwa doppelt so viele Stimmen (21,9%) wie im Westen – überwiegend von Männern mit niedrigem Einkommen aus Regionen, in denen fast keine Ausländer leben. Ihr bestes Ergebnis (35,5%) hatte die AfD im Wahlkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge, dessen größte Stadt gerade einmal 40 000 Einwohner hat.

Um diese unterschiedlichen Ergebnisse zu erklären, interpretiert man die Statistiken zur deutschen Einheit derzeit in alle möglichen Richtungen.

 

Herz der Finsternis

Der Niedergang Hoyerswerdas begann mit dem Zerfall des Kombinats Schwarze Pumpe. Die zu DDR-Zeiten rasch gewachsene Stadt erlebte nach 1989 einen massiven Aderlass: Von den ehemals 70 000 Einwohnern blieben weniger als die Hälfte. Dafür kehrten die Wölfe zurück, die man in dieser Gegend seit Langem nicht mehr gesehen hatte. Zahlreiche Plattenbauten der Hoyerswerdaer Neustadt wurden abgerissen. Es existierten unterschiedliche Pläne, was an ihrer Stelle entstehen sollte, schließlich fand sich jedoch kein finanzkräftiger Investor. Also beließ man es bei einem Park. Am Rande des Parks steht ein Denkmal in Form eines Torbogens, dessen Pfosten durch einen gläsernen Regenbogen verbunden sind und der die Aufschrift „Herbst 1991“ trägt.

„Ich muss dich gar nicht fragen, warum du ausgerechnet nach Hoyerswerda gefahren bist“, schreibt mir Anna, die hier als freiwillige Flüchtlingshelferin gearbeitet hat und erst vor Kurzem weggezogen ist, um zu studieren. „Es steht ja alles schon im ersten Satz bei Wikipedia.“

Lausitz Tower in Hoyerswerda, Quelle: JogiBaer2, Flickr, CC BY 2.0
Lausitz Tower in Hoyerswerda, Quelle: JogiBaer2, Flickr, CC BY 2.0

Vielleicht nicht im ersten Satz, aber ich weiß, dass Hoyerswerda sich in Deutschland vor allem mit einem Ereignis verbindet: den Ausschreitungen im September 1991 gegen mosambikanische und vietnamesische Vertragsarbeiter der damaligen Lausitzer Braunkohle AG. Mehrere Tage lang bewarfen aufgebrachte Einwohner die Fenster eines Arbeiterwohnheims, in dem sich die Migranten verbarrikadiert hatten, mit Steinen und Brandsätzen. 32 Personen wurden verletzt, die Polizei griff kaum ein. Schließlich entschied man sich, die 230 verängstigten Ausländer zu evakuieren: Die Vertragsarbeiter wurden, unter dem Jubel der Menge, in blauen Ikarus-Bussen aus der Stadt gefahren.

„Es wurde gesagt, dies seien die schlimmsten Ausschreitungen seit der Reichkristallnacht gewesen“, schreibt Anna. „Es gibt keine Entschuldigung für das Verhalten der Einwohner, aber man muss wissen, dass wohl auch das Gerücht eine Rolle spielte, die Vertragsarbeiter hätten ihren Lohn zum Teil in Westmark erhalten. Bereits vor dem Fall der Mauer durften sie im Gegensatz zu den DDR-Bürgern ohne größere Einschränkungen in den Westen reisen. Ich stimme vollkommen zu, dass dies einer der schrecklichsten Vorfälle in der neueren deutschen Geschichte war, aber die Westdeutschen tun oft so, als sei Fremdenfeindlichkeit nur ein Problem der Ossis. Wenn ich an der Uni erzähle, dass ich in der Region Hoyerswerda mit Flüchtlingen gearbeitet habe, bekomme ich ein abfälliges Schnauben als Antwort.“

Verfestigt wurde das Bild der fremdenfeindlichen Ostdeutschen durch weitere Übergriffe, unter anderem einen brutalen Angriff auf ein Flüchtlingsheim in Rostock (mit dem berühmten Bild eines Mannes im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und eingenässter Jogginghose, der den Arm zum Hitlergruß ausstreckt). Auch die Mitglieder der neonazistischen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) stammten aus dem Osten.

„Blinder Radikalismus kann überall vorkommen, genauso, wie es überall offene und einfühlsame Menschen gibt“, erklärt Anna. „Die Menschen transformieren ihre Frustration in Fremdenhass. Vor Kurzem habe ich gelesen, dass irgendjemand bei einer Diskussion in Dresden gesagt hat, er werde so lange zu den Pegida-Demonstrationen gehen, bis er eine Arbeit und eine Freundin finde. Wir dürfen nicht so tun, als sei der Erfolg der AfD in den neuen Ländern nur ein Zufall, aber selbstverständlich hat er seine historischen Ursachen.“

Die SED verurteilte zwar die Geschehnisse des Dritten Reichs, doch de facto wurde die DDR nie entnazifiziert. Ehemalige Mitglieder der NSDAP setzten ihre Karrieren fort, der „Stolz aufs Vaterland“ wurde offen propagiert, und es gab auch keine 68er-Bewegung, die Kritik an der Verarbeitung der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit geübt hätte. Zudem hatten die DDR-Bürger auch keine Gelegenheit, das Leben in einer multikulturellen, auf der Achtung der Menschenrechte basierenden Gesellschaft kennenzulernen.

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass die deutschen Medien, also de facto die westdeutschen Medien, ständig von den fremdenfeindlichen Ossis erzählen und vergleichbare Ausschreitungen im Westen bagatellisieren“, sagt Anna. „Ich wäre mal gespannt, wie viele Westdeutsche zu den Pegida-Demonstrationen kämen, wenn sie diese Kundgebungen nicht mit den dummen Ossis assoziierten.“


Während einer der zahlreichen Diskussionen über die Integration der Flüchtlinge stellte ein ostdeutscher Zuhörer der Sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping die Frage: „Warum integriert ihr nicht erst mal uns?“ Und der Anteil von Lebensgemeinschaften zwischen Ost- und Westdeutschen beträgt nur 10 Prozent, ist also ungefähr so groß wie der Anteil von Ehen zwischen Deutschen und Ausländern bzw. Ausländerinnen.


Mitten im Herzen der Neustadt befindet sich das Lausitz-Center, ein modernes Einkaufszentrum, das gleichzeitig auch der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens in Hoyerswerda ist – so scheint es zumindest an diesem Freitagnachmittag. Ich spreche einen jungen Syrer an, der vor dem McDonalds sitzt. Elijah würde gerne sein in Syrien unterbrochenes Studium der Ingenieurswissenschaften in Deutschland fortsetzen. Er beschwert sich nicht über das Leben in Hoyerswerda, von den Übergriffen hat er zwar gehört, doch er selbst hat mit den Menschen hier fast ausschließlich gute Erfahrungen gemacht, und die schlechten sind es nicht wert, sich daran zu erinnern.

„Ich wäre mal gespannt, wie viele Westdeutsche zu den Pegida-Demonstrationen kämen, wenn sie diese Kundgebungen nicht mit den dummen Ossis assoziierten.“

„Es ist nur schade, dass ich kaum Gelegenheit habe, Gleichaltrige kennenzulernen“, sagt Elijah. „Der einzige Ort, an dem ich ihnen begegne, ist die Warteschlange im Jobcenter.“

 

Eine Stadt, die das Gespräch scheut

Noch bevor ich nach Bautzen fahre, grabe ich den Kontakt zu einem Jungen wieder aus, den ich irgendwann zu Gymnasialzeiten bei einem deutsch-polnischen Jugendaustausch kennengelernt habe. Ich frage ihn, ob er etwas Zeit für mich habe, ich schriebe gerade an einem Artikel über die Ossis. Er lehnt rundweg ab. Es hilft auch nichts, dass ich ihn an die Bushaltestelle erinnere, vor der wir gemeinsam Du hast den schönsten Arsch der Welt gesungen haben.

„Ich würde mich gern mit dir treffen, aber ich spreche nicht mit Journalisten“, schreibt Arthur. „Deine Facebook-Seite macht auf mich den Eindruck, als könnten meine Aussagen verfälscht werden.“

Bahnhof Bautzen, Quelle: Hans-Jörg von Schroeter, Flickr, CC BY-ND 2.0
Bahnhof Bautzen, Quelle: Hans-Jörg von Schroeter, Flickr, CC BY-ND 2.0

Im Grunde wiederholt sich die Situation, als ich in Bautzen ankomme und um ein abgebranntes Hotel herumgehe, das als Flüchtlingsunterkunft dienen sollte. Es dauert fast eine Stunde, bis ich hier jemandem begegne. Es ist eine ruhige Wohngegend, voller hübscher kleiner Einfamilienhäuser. Ich bemerke ein frisches Graffiti gegen den G20-Gipfel und zwei antifaschistische Stencils. Eine Frau um die Fünfzig tritt aus einem der Häuser, ich spreche sie an.

„Und jetzt willst du von mir wissen, was ich über die Flüchtlinge denke?“, entgegnet sie gereizt. „Ich bin keine Rassistin, aber bestimmt schreibst du trotzdem, dass ich eine bin. Hier war schon mal einer, der solchen Unsinn verzapft hat …“

Sie lässt mich stehen. Ich bin nicht sicher, wen die Frau genau meinte, aber später finde ich eine Artikelreihe mit dem Titel Unter Deutschen, die der Berliner Schriftsteller Dmitrij Kapitelman während eines vierwöchigen Aufenthalts in Bautzen für Die Zeit verfasste und die das Motto „Raus aus Liberalland, rein in die national befreite Zone“ trägt. Der Begriff „National befreite Zone“ bezeichnet im neonazistischen Diskurs einen ethnisch „sauberen“ und von den „rechtmäßigen“ Besitzern beherrschten Raum.

Auf dem Weg in Richtung Zentrum komme ich an einem kleinen Wochenmarkt vorbei. Ein ganz gewöhnlicher Markt: man kann hier Fleisch, Milchprodukte und Eier, bunte Morgenröcke und Unterwäsche, aber auch Weihnachtsschmuck kaufen. Darunter auch einen weihnachtlich herausgeputzten Plastikvogel: einen Vogel, der dazu dient, andere Vögel abzuschrecken.

 

Be Deutsch

Der bekannte deutsche Satiriker Jan Böhmermann produzierte für das ZDF einen Videoclip mit dem Titel Be Deutsch, der das Thema der deutschen Identität behandelt und eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen zeigt: den echten, liberalen Deutschen, die aus der Vergangenheit gelernt haben, auf der einen und den blindwütigen, zurückgebliebenen Rassisten auf der anderen Seite. Der Videoclip richtet sich gegen rechte Populisten auf der ganzen Welt, doch die Deutschen aus den neuen Ländern merken schnell, mit welcher der beiden Gruppen sie sich identifizieren sollen: mit der bunten, multikulturellen Veganerparade in Birkenstocks oder mit der Schar trauriger, grauer Gestalten. Ein Mädchen aus der bunten Gruppe fordert ihre rückständigen Widersacher auf: „Read Kant, cunt!“ [Lies Kant, du Fotze!]. Der Videoclip endet mit dem Sieg der echten, bunten Deutschen, die den grauen die Hand reichen und sie auf die gute Seite der Macht ziehen.

34% der Ostdeutschen, die der Ansicht sind, dass es nach wie vor Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt, nehmen die Westdeutschen als arrogant wahr.

 

Die da oben

„Das geht ja noch, ich dachte, hier würde es schlimmer aussehen“, sagt Steve, ein junger Geograf, der mich auf meiner Reise in die kleine, wie ausgestorben wirkende Stadt Weißwasser in der Nähe der polnischen Grenze begleitet.
In der Tat, Weißwasser wirkt trotz seiner chaotischen Struktur (es ist der Typ Stadt, in der die Einwohner auf die Frage, wo sich denn das Zentrum befinde, unterschiedliche Auskünfte geben) wie eine nette, kleine Stadt, die sich mit dem Leben, so wie es ist, abgefunden hat – auf jeden Fall im Vergleich zu den düsteren Plattenbauten in Hoyerswerda. Wir unterhalten uns darüber, dass die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West zwar eine Rolle spielen, jedoch keine allzu große, schließlich muss niemand in Deutschland Hunger leiden.

„Es ist eher ein symbolischer Unterschied, der sich zum Beispiel in der Sprache bemerkbar macht“, sagt Steve, der selbst aus einem kleinen Dorf in Sachsen stammt. „Wenn die Ostdeutschen in den Westen reisen – also in der Regel, um dort zu arbeiten –, dann sagen sie immer noch, dass sie nach drüben fahren. Oder wenn meine Großmutter zum Beispiel über Politiker spricht, redet sie immer von „denen da oben.“

© Kaja Puto
© Kaja Puto

An einem verkrusteten Gebäude entdecken wir eine Art Wandzeitung – den für Osteuropa typischen Ausdruck von postmodernem Nationalismus –, an der sich nebeneinander die Wut auf die „Verräterin an ihrer Rasse“ Angela Merkel, auf die großen, „imperialistischen“ Parteien und – last but not least – die Schäden durch den Bergbau Bahn bricht. Aber auch die Sehnsucht nach Preußen und einem geeinten Niederschlesien.

„Ich glaube schon, dass sich die AfD-Wähler in den alten und den neuen Ländern voneinander unterscheiden“, sagt Steve. „Im Westen stimmt man vor allem gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel, im Osten zwar auch, aber es ist euch ein Zeichen des Protests, des Ärgers über die Stigmatisierung der Ossis, ein Ausdruck von Frustration und Unverständnis. Ein großer Teil der Ostdeutschen fühlt sich kolonialisiert von den politischen, kulturellen und medialen Eliten im Westen. Es gibt im Osten noch nicht einmal eine Zeitung mit überregionaler Bedeutung. Die Wiedervereinigung war in Wirklichkeit keine Vereinigung, sondern eher ein Anschluss der DDR an die BRD. Alle dachten, die Ossis würden ihre Vergangenheit einfach vergessen und die Welt der anderen schon irgendwie zu der ihren machen.“

Wir bleiben vor einem verlassenen Gebäude stehen, an dem ein Schild mit der Aufschrift „Wir retten unser Volkshaus“ hängt.

„Die Wiedervereinigung war in Wirklichkeit keine Vereinigung, sondern eher ein Anschluss der DDR an die BRD. Alle dachten, die Ossis würden ihre Vergangenheit einfach vergessen und die Welt der anderen schon irgendwie zu der ihren machen.“

„Es stimmt aber auch, dass die Ossis die Schuld lieber bei anderen suchen als bei sich selbst“, bemerkt Steve. „Es sind immer die da oben, die schuld sind. Sie wollen ihr altes Volkshaus zurück, aber es fällt ihnen schwer, etwas Neues aufzubauen. Die Menschen in Sachsen beschweren sich oft über die öffentlichen Verkehrsmittel, dabei ist das Netz hervorragend ausgebaut, sie fahren halt nur lieber mit dem Auto. Oder sie jammern, dass ihre Kneipe geschlossen wurde, dabei sitzen sie selbst zu Hause vor dem Fernseher.“

Als ich nach Polen zurückfahre, schickt mir Steve noch einen Link zu einer ARD-Dokumentation.

„Es gibt da eine superlustige Szene“, schreibt er. „Jemand erzählt erst, wie die Menschen in der DDR an den staatlich vorgeschriebenen Festpreisen für Tomaten verdient haben, und gleich darauf empört er sich über die Flüchtlinge, weil sie mit Wertgutscheinen bezahlte Wasserflaschen ausleeren, um an das Flaschenpfand zu kommen. Ein echter Deutscher würde so etwas nie tun.“

Ich antworte Steve mit einem Link zu einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor, Ralph Bollmann, schreibt dort:
„Sie sind schon lange im Land, aber noch immer unterscheiden sich die neu Hinzugekommenen deutlich von denen, die bereits länger dabei sind. Sie haben weniger Erfolg im Beruf und verdienen weniger Geld. Sie sind mit ihrer Lebenssituation im Schnitt weniger zufrieden und schimpfen über die Republik, die sie aufgenommen hat. Sie neigen politisch häufiger autoritären Ideen zu und pflegen oft auch kulturell die Gebräuche ihres Herkunftsstaates, teilweise in regelrechten Parallelgesellschaften. Erstaunlicherweise nehmen die Abschottungstendenzen der zweiten Generation zum Teil sogar zu. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass im Integrationsprozess etwas schiefläuft.“

Die Rede ist selbstverständlich von den Ossis.
„Wenn jemand so etwas über die Polen oder die Türken schriebe,“ bemerkt Steve, „gäbe es einen großen Aufschrei.“

Einige Namen in diesem Artikel wurden geändert.

Die Autorin

Kaja Puto ist Journalistin, Redakteurin, Übersetzerin und Sozialaktivistin. Ihr Interesse gilt den Ländern Mittel- und Osteuropas, dem Südkaukasus sowie den Themen Migration und Europa. Sie schreibt unter anderem für Krytyka Polityczna, die Tageszeitung Gazeta Wyborcza, die Zeitschriften Nowa Europa Wschodnia und Polityka sowie das Portal Eastbook.


Dieser Artikel erschien zuerst beim Goethe-Institut Polen.


Titelbild: sporras, Flickr, CC BY-SA 2.0

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