Postsozialistisch – postsowjetisch – postkolonial

Poststrukturalistisch geprägte Analysen von Ost-West-Verhältnissen

von Sjoma Liederwald, Berlin

Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in der Sowjetunion und den Staaten des Warschauer Pakts verschwand auch die Vorstellung einer Teilung der Welt in drei Lager: die kapitalistischen Industriestaaten des Westens, die sozialistischen Industrienationen des Ostens und die Entwicklungsländer des Südens. In Analysen der internationalen politischen und ökonomischen Beziehungen dominiert nun das Begriffspaar vom Globalen Norden und Globalen Süden.

In diesem Begriffspaar ist zwar Platz für Herrschaftsverhältnisse und Ungleichheiten im globalen Maßstab, das postsozialistische Europa und die postsowjetischen Staaten wurden aber bei Entstehung des Konzeptes nicht mitgedacht. Vor diesem Hintergrund haben sich  Theoretiker*innen wie Madina Tlostanova, Manuela Boatcá, Larry Wolff und Michał Buchowski ausgehend von postkolonialen Theorien und insbesondere Edward Saids Konzept des Orientalism daran gemacht, neue Zugänge zur Analyse dessen zu entwickeln, was als Osteuropa gilt. Dabei sind die Arbeitsfelder der Autor*innen ebenso unterschiedlich wie ihre Sozialisation.

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Dieser Artikel erschien in der Printausgabe Ost Journal 01/2017: Was ist Ost-Europa? Wenn Sie das Ost Journal durch ein Abonnement unterstützen, erhalten Sie unsere Artikel in der Printausgabe und gehören zu den ersten Leserinnen und Lesern.

Ausgedachtes „Osteuropa“ und postkoloniales Russland

Ich selber habe nach einem Freiwilligendienst bei einer Menschenrechtsorganisation im  zentralrussischen Voronež angefangen, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Die Wissenshierarchien, meine Überlegenheitsgefühle als ‚linker‘ Aktivist und die Unsicherheiten der russischsprachigen Aktivist*innen im Umgang mit mir machten mir das bestehende Machtgefälle zwischen Ost und West allzu deutlich. Meine Auseinandersetzung mit diesen Ungleichheiten steht im Spannungsfeld zwischen der Erkenntnis, dass der Export ‚westlicher‘ Vorstellungen in die Ukraine oder nach Russland für die politische Arbeit vor Ort ungeeignet ist und der Tatsache, dass ich aber gleichzeitig die dortigen Kämpfe gegen Ungleichheiten unterstützen will. Mit Madina Tlostanova und Larry Wolff will ich zwei Autor*innen vorstellen, die sich ebenfalls mit diesem Machtgefälle auseinandergesetzt und meine aktuellen Positionen entscheidend geprägt haben.[i]

Madina Tlostanova forscht an der Universität der Völkerfreundschaft in Moskau zur Position des russischen Imperiums gegenüber ‚dem Westen‘, zum russischen Kolonialismus und den postkolonialen Verstrickungen im ehemaligen Machtbereich des Russischen Zarenreiches und der Sowjetunion. Selber aus einer usbekisch-tscherkessischen und muslimischen Familie kommend, ist einer ihrer Schwerpunkte die Position von Frauen in den ehemaligen russischen Kolonien sowie die Auswirkungen von Islamfeindlichkeit im postkolonialen Russland, dem Kaukasus und Zentralasien. Auch versucht sie mögliche Auswege aus diesen Verstrickungen anzubieten, wobei sie einen Schwerpunkt auf Wissensproduktion und den Abbau von Wissenshierarchien legt.

Larry Wolff, Osteuropahistoriker an der New York University und Enkel galizisch-jüdischer Einwanderer*innen, beschäftigt sich hingegen vor allem mit der historischen Entwicklung von Ost-West-Verhältnissen. Der Titel eines seiner zentralen Werke Inventing Eastern Europe (1994) ist dabei Programm. Ihm geht es um die Feststellung, dass ‚Osteuropa‘ an und für sich eine Erfindung frankophoner und deutschsprachiger Philosophen der Aufklärung ist. Besonders Rousseau und Voltaire sieht er als Wegbereiter einer Einteilung Europas in einen zivilisierten, fortschrittlichen Westen und einen wilden, gefährlichen Osten.  Wolff ist es auch, der in dieser Hinsicht und in Anlehnung an Edward Said von Demi-Orientalism spricht. So wird Osteuropa zwar als etwas Fremdes wahrgenommen, allerdings im Gegensatz zum ‚Orient‘ als etwas Fremdes im Inneren und nicht als Fremdes, das von außen kommt. Fast jede wissenschaftliche Arbeit zum Thema der Konstruktion Osteuropas verweist früher oder später auf die Werke Larry Wolffs, was seine Bedeutung für diesen Forschungsstrang verdeutlicht.

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Beide Autor*innen sind in einem spezifischen Umfeld postkolonialer Wissensproduktion, in welchem Edward Said und sein umstrittenes Konzept des durch europäische und nordamerikanische Forscher*innen erfundenen Orients die wichtigste theoretische Grundlage ist.[ii] Tlostanova verfasst außerdem Aufsätze und Bücher gemeinsam mit Walter D. Mignolo, dem Autor von The Idea of Latin America (2005) und einem wichtigen Autor zum Postkolonialismus Lateinamerikas.

 

Madina Tlostanova und Walther D. Mignolo: Von subalternen und janusköpfigen Imperien

Dass Russland eine Kolonialmacht vornehmlich im Kaukasus und Zentralasien war und ist, ist die entscheidende Vorannahme in Tlostanovas Werken. Ohne sich diese Vorannahme bewusst machen zu können, bleiben Tlostanovas eigentliche Ansätze letztendlich unverständlich. Für Tlostanova ist klar, dass Zentralasien – ebenso wie zum Beispiel Südamerika – zu einem gemeinsamen postkolonialen Universum gehören (Mignolo / Tlostanova 2012: 2).

Der Dreh- und Angelpunkt bei Tlostanova ist aber der Begriff des „subaltern empire“ (Tlostanova 2008:  1). Ebenso findet sich der Begriff des „Janus-faced empire“ (ebd.). Gemeint ist die seltsame Zwischenposition großer Reiche wie des russischen Zarenreichs beziehungsweise der Sowjetunion oder des osmanischen Reichs als Kolonialmacht und Objekt kolonialistischer Träume europäischer Imperien wie dem französischen oder dem deutschen: „One eye is pointing towards Western capitalist and dominant empires, while the other looks towards their own colonies.“ (Mignolo / Tlostanova 2006: 209)

In einer Art „intellektueller Kolonisierung“ (Tlostanova 2008: 1)  habe die politische und kulturelle Elite orientalistische Diskurse aus Frankreich, England oder Preußen übernommen. Diese könnten aber nicht wie dort durch die Abwertung des „wilden Anderen“ zur positiven Selbstdarstellung genutzt werden, da man selber in diesen Diskursen ein „wilder Anderer“ sei (2008: 2).

Diese einseitige Übernahme kolonialistischen Wissens führt in den Augen Tlostanovas zur  Verdrängung der eigenen intellektuellen Traditionen und schlussendlich zu Abhängigkeiten von diesen Diskursen, die ungeeignet seien, die Realitäten im politischen Zentrum und den Kolonien zu erfassen. Dasselbe Prinzip wird beispielsweise auch für das Osmanische Reich und die deutschen Kolonien als gültig angesehen (Mignolo / Tlostanova 2006: 212).

Zur Legitimation einer russischen zivilisatorischen Mission im Kaukasus und Zentralasien hätten diese Diskurse durchaus nutzbar sein können. Ähnlich wie zum Beispiel in Frankreich seien so etwa die Geschlechterverhältnisse in den Fokus der russischen und sowjetischen Politiken geraten. Insbesondere die in Zentralasien verbreitete Homosexualität wurde als Beweis der Rückständigkeit angesehen (Tlostanova 2008: 4).

Wie wenig insbesondere der Hijab als Symbol der Rückständigkeit taugt, verdeutlicht Tlostanova an anderer Stelle, wenn sie darauf hinweist, dass der Hijab im Kaukasus für viele Frauen weniger ein Symbol religiöser Unterwerfung als vielmehr Ausdruck der Zugehörigkeit zur ökonomischen Elite vor Ort sei.[iii]

 

Larry Wolff: Wie Europa in Ost und West geteilt wurde

Wie die Vorstellung einer Teilung Europas in einen ‚zivilisierten Westen‘ und einen ‚wilden Osten‘ entstand, versucht Larry Wolff nachzuzeichnen. Das Schlüsselwerk ist wohl Inventing Eastern Europe (1994), welches ergänzt wird durch Regionalstudien zur habsburgischen Provinz Galizien und dem Verhältnis der Republik Venedig zu ihren slawischen Untertanen an der Adria. Larry Wolffs Grundannahme ist, dass es bis zur Neuzeit keine Einteilung Europas in Ost und West gegeben habe. Vielmehr habe sich noch zu Zeiten der Renaissance aufgrund der dominierenden kulturellen und ökonomischen Position der Toskana eine Teilung in Nord und Süd verfestigt. Voraussetzung für die Wandlung der Nord-Süd-Achse zu einer Ost-West-Achse sei die Verschiebung der kulturellen Zentren nach Norden, namentlich Paris, London und Amsterdam, gewesen (Wolff 1994: 4-5). Abgeleitet aus dem Französischen entwickelten sich in einer Art ‚philosophischer Geographie‘ die Bezeichnungen ‚l’europe orientale‘ und ‚l’Orient européen‘ für das als slawisch verstandene Europa (1994: 6). Der Maßstab dieser philosophischen Geographie war die Zivilisation, freilich als wenig greifbares aber umso populäreres Konzept für die genannten kulturellen Zentren. Der europäische Orient wurde dabei in einem Annäherungsprozess an diese Zivilisation gesehen, nicht – und das ist wichtig – als ihr barbarisches Gegenstück (1994: 12-13). Leider geht Wolff nicht darauf ein, welche Entwicklungen diese Annahme Osteuropas als entstehender Zivilisation begünstigten. Dabei arbeitet er durchaus heraus, wie die aufklärerischen Politiken von Peter I. und Katharina der Großen ihre deutschen und französischen Beobachter*innen beeindruckten. Wie widersprüchlich diese Haltung in ihrer Praxis war, wird an gleicher Stelle deutlich. Die Erschließung der heutigen Ukraine und der Krim nach westlichem Vorbild sei nur ein potemkinsches Dorf, nur eine Fassade, hinter der immer noch die gleichen wilden und exotischen Asiaten hausten. Solche und ähnliche Versuche der Annäherung an die Zivilisation wurden von französischen und deutschen Beobachter*innen schlicht nicht anerkannt (1994: 130-133).

Die Widersprüche erklärt Larry Wolff aus der Rolle Osteuropas als Projektionsfläche aufklärerischer Fantasien. Am Beispiel des Verhältnisses von Voltaire zum Russland unter Katharina der Großen und am Beispiel der Beziehungen Rousseaus zur Polnischen Republik wird dies besonders deutlich: Voltaire findet bei Katharina den aufgeklärten Absolutismus, mit dessen Hilfe das unzivilisierte Polen und die unzivilisierte Türkei „tolerant und glücklich“ werden sollen (1994: 211). Rousseau fand in Polen eine Nation, „which has never mixed too much with its neighbors“ (1994: 240) und die als leuchtendes Beispiel für Patriotismus galt, der es letztendlich aber doch an wirtschaftlicher Ordnung und militärischer Disziplin mangelte. Besonders Voltaire habe dabei eine kulturelle Grenze durch Europa gezogen, die auch heute noch anerkannt würde und durch seine geisteswissenschaftliche und literarische Fortschreibung die Grenzziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht habe (1994: 283).

Westlich dieser Grenze würde der Osten als etwas betrachtet werden, das erkundet, besessen, gefüllt werden kann. Eine historische Linie dieser Vorstellungswelt habe zum Vernichtungskrieg Hitlers in Polen und der Sowjetunion geführt (1994: 15). Das Stigma vom rückständigen Osteuropa sei letztendlich so mächtig, dass es nach 1989, also auch nach der Überwindung des ‚Eisernen Vorhangs‘, weiterlebe. Dies ist erkennbar im Bemühen Polens oder Ungarns, das Stigma ‚Osteuropa‘ abzulegen und den Begriff Mitteleuropa zu etablieren.

 

Madina Tlostanova und Walther D. Mignolo: Border Thinking als Ausweg

Eine mögliche Strategie, um sich von dieser Selbstabwertung zu befreien, entwirft Tlostanova gemeinsam mit dem bereits erwähnten Walther D. Mignolo (2006; 2012).

Dabei enthält der Ansatz sowohl die Bezeichnung Border Thinking als auch Decolonial Thinking, beides gilt als gleichrangig. Mignolo und Tlostanova wollen hier nicht nur postkoloniale Zustände beschreiben, sondern sie mit einer Dekolonisierung des Denkens überwinden (2006: 207, 215).  

Zu den Zielen von Border Thinking gehören die Schaffung neuer Formen der Wissensvermittlung, der Abbau von Abhängigkeiten in der Wissensproduktion von ehemaligen Kolonialmächten, die Stärkung von Alternativen zum postkolonialen System (2012: 17) und das Bestreben, den imperialistischen Universalismen von „Kant, Hegel, Marx“ die lokalen Differenzen entgegenzustellen (2006: 211). Sie fordern Wissensproduktion abseits der vorherrschenden Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch und eine Wiederaufnahme arabischer, indischer und russischer Philosoph*innen in den literarischen Kanon. Das Gefühl einer aufgezwungenen, negativ besetzten Identität, wie zum Beispiel der osteuropäischen, bezeichnet Tlostanova unter Bezugnahme auf W.E.B. DuBois als doppeltes Bewusstsein. Für Tlostanova eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches border thinking. Erst durch die Reflexion, dass die eigene osteuropäische Identität ein Ergebnis kolonialer Machtverhältnisse ist, wird eine Befreiung von dieser Identität möglich. Durch diesen reflexiven Charakter grenzt sich Border Thinking ab von den drei vorherrschenden Strategien im Umgang mit postkolonialen Verhältnissen: Erstens, fundamentalistische Opposition zum Westen basierend auf Religion und Nationalismus; zweitens, der Wille, wie die Überlegenen zu werden und sich dabei deren Sprache und Wissen anzupassen und drittens, der Wettbewerb im kapitalistischen Rahmen ohne kulturelle Assimilation wie in China oder dem postsowjetischen Russland. Damit wehren sich Mignolo und Tlostanova verdeckt gegen den häufig geäußerten Vorwurf, dass postkoloniale Theorie islamistischen Antisemitismus oder autoritäre Regime vom Schlage eines Wladimir Putin rechtfertige (vgl. do Mar Castro Varela / Dhawan 2015: 140-150).

 

Kritik und Ausblick

Die Schwächen von Tlostanovas Ideen und Konzepten sehe ich auch eher an anderer Stelle. So beschreibt Tlostanova den Prozess der intellektuellen Kolonisierung Russlands viel zu einseitig. Äußerst wirkmächtige Ideologien wie den Eurasianismus eines Alexander Dugin, panslawische Philosophien oder auch den Anarchismus, den ich ausdrücklich als eine Erfindung der ‚osteuropäischen‘ Peripherie verstehe, lässt sie vollkommen außer Acht. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Wahrnehmung Russlands als ‚wildes Anderes‘ im ‚Westen‘. Die Heilige Allianz zur Abwehr revolutionärer Bestrebungen nach 1815 zwischen Preußen, Habsburg und dem Zarenreich beweist durchaus, dass Russland als ebenbürtig und ‚Eigenes‘ angesehen wurde.

Wolff begeht den Fehler, die Verantwortung für die Teilung Europas ausschließlich im Westen zu verorten. Dabei hätte die Einbeziehung russisch- und polnischsprachiger Literatur das bestehende Machtgefälle und die osteuropäische Selbstabwertung deutlicher machen können.

Auch methodisch hat Wolff seine Schwächen. So kann er kein einziges Mal nachweisen, dass Voltaire von ‚Osteuropa‘ gesprochen hat. Zwar bringt er mehrere Stellen an, wo Voltaire die Grenzen dessen nachzeichnet, was für andere ‚Osteuropa‘ ist (Wolff 1994: 195-196). Ob das zur Darstellung eines geschlossenen Diskurses reicht, scheint aber fraglich. Überhaupt beschränkt sich Wolff häufig auf die Darstellung des literarischen Diskurses. Die Bezüge zu realen Politiken, wie etwa den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg, bringt er viel zu wenig ein. Dadurch schwächt er unnötig seine produktive These.

Die Schwächen in Tlostanovas dekolonialer Politik sehe ich in der Fokussierung auf die Wissensproduktion und den Wissenstransfer im Border Thinking. Zwar geht es beim Border Thinking vor allem darum, eine neue Struktur zu schaffen, die weitere Kämpfe, z.B. gegen ökonomische und militärische Gewalt, ermöglichen soll. Mignolo und Tlostanova verpassen es aber, dieses Ziel angemessen hervorzuheben und erwecken so den Eindruck, Dekolonisierung könne sich auf die Wissensproduktion beschränken. Auch stellt sich die Frage, welche Reichweite ein so akademisch formulierter Ansatz in der Praxis haben kann.

Nichtsdestotrotz bietet Tlostanova zahlreiche Anknüpfungspunkte für emanzipatorische Politiken und präsentiert mit Border Thinking einen anspruchsvollen politischen Ansatz für den postsowjetischen und postsozialistischen Raum. Und so sollte jede politische Praxis in ‚Osteuropa‘ darauf hinterfragt werden, ob sie bestehende Abhängigkeiten und Ungleichheiten verfestigt oder abbaut.

Tlostanova und Wolff bieten zusammengenommen einen – zugegeben sehr intellektuellen – Horizont für emanzipatorische Politiken im Ost-West-Verhältnis des 21. Jahrhunderts.[iv] Die kritische Analyse der Einteilung in West- und Osteuropa, kombiniert mit den Ideen des Border Thinking, kann, bei ausreichendem Willen, die eigenen Vorannahmen zu reflektieren, zum Abbau von Machtverhältnissen führen.

Die Reaktion auf autoritäre Entwicklungen in Polen, Russland oder Ungarn kann nicht im ewigen Vorwurf der ‚Barbarei‘ bestehen. Sie muss vielmehr die Frage beinhalten, warum die parlamentarische Demokratie nach deutschem oder französischem Vorbild dort so wenig Anziehungskraft zu besitzen scheint.

 

Anmerkungen

[i] Ich bin durchaus der Meinung, dass es ein hierarchisches Ost-West-Verhältnis gibt, in dem vornehmlich der Westen die Grenzen zieht. Zur Zerstörung dieser Grenzen braucht es aber nicht nur eine Dekonstruktion des Ostens, sondern auch eine Dekonstruktion des Westens. Ich sehe sowohl bei Tlostanova als auch bei Wolff die Gefahr, bei der Kritik des bestehenden Machtverhältnisses dies nicht genug zu berücksichtigen. Deshalb habe ich in diesem Aufsatz versucht je nach Kontext deutlich zu machen, worauf sich die vorgestellten Autor*innen beziehen, wenn sie vom „Westen“ sprechen.

[ii] Zur Kritik an Edward Said und seinem Werk: sehr wohlwollend do Mar Castro Varela / Dhawan 2015: 104-118; ausgewogener Todorova 1999: 23-29; gänzlich ablehnend Warraq 2007.

[iii] Tlostanova 2015: 41. Hier folgt Tlostanova, ohne es explizit zu erwähnen, aber doch offensichtlich, den Ansätzen Gayatri Spivaks, die bei der Praxis der Witwenverbrennung in hinduistischen Gesellschaften auf ähnliche Zusammenhänge hinweist: Vgl. do Mar Castro Varela / Dhawan 2015: 196.

[iv] Ergänzbar um Vorschläge von Michał Buchowski, Maria Todorova, Manuela Boatca; u.a. Michał Buchowski (2006: 463-482) zeigt auf, welche verheerenden Folgen die einseitige Übernahme westlicher Vorstellungen von Modernität im postsozialistischen Polen hat.

Literatur:

Buchowski, Michał: “The Specter of Orientalism in Europe: From Exotic Other to Stigmatized Brother.” In: Anthropological Quarterly 79/3, 2006, S. 463-482.

do Mar Castro Varela, Maria / Dhawan, Nikita: Postokoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: Transcrip Verlag, 2015.

Mignolo, Walter D.: The Idea of Latin America. Oxford: Blackwell Publishing, 2005.

Mignolo, Walther D. / Tlostanova, Madina: Learning to unlearn. Decolonial Reflections from Eurasia and the Americas. Columbus: Ohio University Press, 2012.

Mignolo, Walther D. / Tlostanova, Madina: “Theorizing from the Borders. Shifting to Geo- and Body-Politics of Knowledge.” In: European Journal for Social Theory 9/2, 2006, S. 205-221.

Said, Edward: Orientalism, New York: Pantheon, 1978.

Tlostanova, Madina: “Postcolonial post-Soviet trajectories and intersectional coalitions.” In: Baltic Worlds 1-2, 2015, S. 38-43.

Tlostanova, Madina: “The janus-faced Empire Distorting Oriental Discourses. Gender, Race and Religion in the Russian/(post)Soviet Constructions of the Orient.” In: Worlds & Knowledges Otherwise, Spring, 2008, S. 1-11.

Todorova, Maria: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1999.

Warraq, Ibn: Defending the West. A Critique of Edward Saids Orientalism. Amherst: Prometheus Books, 2007.

Wolff, Larry: Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment. Stanford: Stanford University Press, 1994.

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