Plattenbau trifft auf Kulturwissenschaften

Plattenbau trifft auf Kulturwissenschaften

Der Kulturwissenschaftler Rüdiger Hahn im Interview über die Gegenwart und Zukunft der Platte

von Stefan Kunath

Kaum ein Gebäudestil steht mehr für den Osten als die Platte. In Ostdeutschland wurden die leerstehenden Platten nach der Wende vielerorts rigoros weggerissen. Nur ihrer massenhaften Verbreitung ist es zu verdanken, dass sie aus dem ostdeutschen Stadtbild auch 25 Jahre nach der Wende nicht wegzudenken ist. Doch die Platte und ihre Bewohnerinnen und Bewohner haben einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, findet Rüdiger Hahn. Er ist Kulturwissenschaftler und interessiert sich neben den architektonischen Aspekten vor allem für die historischen, sozialen und ästhetischen Gesichtspunkte der Platte. Er behauptet, dass sich anhand der Platte exemplarisch die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten von Ost und West ablesen lassen. Unter anderem führte er Stadtspaziergänge in Berlin Friedrichsfelde für das Bürgerbegegnungszentrum Quatschtrommel durch. Dort befindet sich Deutschlands älteste Siedlung in Plattenbauweise. Die Besonderheit an diesen Spaziergängen war, dass nicht er, sondern vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner der Plattenbausiedlungen zu Wort kamen.

Rüdiger Hahn
Rüdiger Hahn in der Platte im Grünen: Hier drückt er seine Zigarette aus. Foto: S.Kunath

Mit Rüdiger Hahn traf ich mich an einem lauen Nachmittag im Mai, natürlich in einer Plattenbauwohnung, die sich in Berlin-Mitte befindet, ganz nah an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Kaum in der Wohnung angekommen, fällt Hahn sofort die Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer auf. Diese ist typisch für Plattenbauten, sagt er. Eigentlich sollten Kochen und Wohnen zusammengelegt werden. Doch diese Idee ist seinerzeit bei der Bevölkerung nicht auf Gegenliebe gestoßen. Die Durchreiche ist deshalb ein Kompromiss. Weil viele Plattenwände keine tragende Funktion haben, wird die Durchreiche heute teilweise weggerissen, um auf individuelle Wünsche heutiger Mieterinnen und Mieter einzugehen. Vor dem Interview räumt Rüdiger Hahn also gleich mit einem Vorurteil auf: Die Platte ist gar nicht so sehr standardisiert, wie immer angenommen, sondern die Wohnungen haben ein hohes Maß an Flexibilität und Variabilität. Doch unser Interviewort ist trotz Durchreiche nicht mehr ganz authentisch, schließlich fehlt der Originalboden, den Hahn als „ekelhaft, weich“ in Erinnerung hat. Das Interview für das Ost Journal führte Stefan Kunath.

Ost Journal bestellen

Das Interview erschien im Juni in der Printausgabe 01/2017. Möchten Sie nicht auf die neuesten Artikel warten? Dann abonnieren Sie Ost Journal.

Ost Journal: Welche Assoziationen haben Sie, wenn Sie den Begriff „Platte“ hören?

Rüdiger Hahn: Na gut, wo ich schon mit der Materie befasst bin, habe ich natürlich schon die Assoziation vom Großtafelbau, also Platte im Sinne einer technologisch gefertigten Platte. Ich habe die Assoziation DDR beziehungsweise Ostdeutschland, denn das ist schon miteinander verbunden. Auf andere Länder aus meiner Sicht übertragen funktioniert der Begriff einfach nicht mehr, auch wenn man Parallelen findet.

Aber Platte an sich ist aus meiner Sicht etwas spezifisch Ostdeutsches. Und Platte ist auch etwas, und das ist mein Hauptansatzpunkt als Kulturwissenschaftler, was eine Identifikationsebene schafft.

Das ist das, was mir sehr häufig begegnet ist: Viele Menschen identifizieren sich sehr stark mit dem, was sie unter Platte verstehen, das heißt mit der Architektur und mit den hauptsächlich existierenden Großwohnsiedlungen. Das ist meines Erachtens etwas, das deckungsgleich in ganz Ostdeutschland ist.

OJ: Was hat Sie dazu gebracht, sich mit der Platte auseinanderzusetzen? Was ist so besonders an der Platte?

RH: Da gibt es jetzt mehrere Ebenen: Erstmal bin ich selbst ein Kind der DDR und ich bin Teil der Nachwendegeneration, auch wenn ich nicht in der Platte groß geworden bin. Ich habe zwar eine gewisse Distanz zum Thema und zu den Zeiten. Aber ich kann mich irgendwo auch damit identifizieren und das macht das ganze Feld über die Nachwendezeit und DDR-Geschichte für mich interessant. Ich habe zwar eine andere Perspektive als meine Eltern, aber ihre Perspektive kenne ich zu einem gewissen Punkt auch aus eigenen Erfahrungen.

Das zweite Feld ist, dass ich in Frankfurt (Oder) auf die Platte gestoßen bin. Ich komme aus einer ostdeutschen Kleinstadt, da hatte ich mit der Platte nicht so viel zu tun. Das war dort alles mittelalterliches Gemäuer. Ich bin dann tatsächlich in Frankfurt auf die Platte gestoßen. Ich habe da zum ersten Mal selber in einer Platte gewohnt, in der Großen Scharrnstraße im Zentrum von Frankfurt. Ich habe mich dann auch im Verein Studierendenmeile engagiert, der in diesen leerstehenden Plattenbauten und in den Ladenlokalen, die dort im Erdgeschoss sind, eben versucht hat, Kunst- und Kulturleben dort zu etablieren und zugleich die Verbindung zur Uni zu wahren, um eben auch dieses studentische Leben da unter zu bringen. Aus meiner Sicht waren dafür die Plattenbauten in Frankfurt hervorragend geeignet, eben weil sie leer standen. Ich habe dann dort die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in Frankfurt und gerade diejenigen in der Großen Scharrnstraße, dass sie da sehr genau und sehr interessiert darauf schauen und fragen, was passiert denn da? Sie kannten das alles noch aus DDR-Zeiten und sie haben sich tierisch geärgert, dass die Straße jetzt so verfällt und leer steht. Da habe ich gemerkt, wie wichtig das Thema für die Menschen ist, die dort leben und dort groß geworden sind und über die Zeiten und Zeitenwenden die Entwicklungen beobachten. Da dachte ich, das ist ein interessantes Gebiet, das offensichtlich noch nicht so im Fokus der Öffentlichkeit und der Wissenschaft steht. Da wollte ich mit meiner kulturwissenschaftlichen Perspektive beitragen.

OJ: Sie sagen, die Platte ist Teil der ostdeutschen Identität und dass die Menschen im Osten zumindest mit der Platte vertraut sind. Aber inwiefern ist denn die Platte nicht auch typisch für den Sozialismus? Es gab schließlich Plattenbau nicht nur in der DDR, sondern auch in anderen ehemaligen Ostblock-Staaten oder im ehemaligen Jugoslawien.

RH: Sie ist insofern typisch für den Sozialismus, als dass die Verbreitung der Platte in sozialistischen Staaten weiter ist als in nicht-sozialistischen. Das hat hauptsächlich mit den politischen Rahmenbedingungen zu tun: Wenn ich eine zentral gesteuerte Wirtschaft und Politik habe, kann ich leichter größere Siedlungen bauen, was in kapitalistischen Staaten schwieriger ist, wo Grund und Boden in Privatbesitz sind. Man hat dort kleine Zellen, die man erst zu einer großen zusammenfügen muss, was sehr schwierig ist, um größere Siedlungen zu bauen. Da waren die Voraussetzungen in den sozialistischen Staaten anders und das verbindet sie auch. Was die DDR nach meinen Kenntnissen recht einzigartig macht an der Stelle ist der Grad der Typisierung.

Diesen Grad der Typisierung, dass ich wirklich wenige vorherrschende Plattenbautypen habe, habe ich in anderen sozialistischen Staaten nicht gefunden. Da habe ich eher das Gefühl, dass es außerhalb der DDR wirklich nach Siedlungen unterteilt ist.

In Polen sieht man zum Beispiel eher die Siedlung, mit der man sich identifiziert und weniger die Typen der Platte. Nach meinem Erfahrungsstand ist in Ostdeutschland die Identifikation mit dem jeweiligen Typus der Platte höher.

Das Stadtzentrum Magdeburgs ist gepägt vom Plattenbau. Dieses Foto zeigt das Zentrum in den 1960ern, Foto: railasia, Flickr, (CC BY-SA 2.0)
Das Stadtzentrum Magdeburgs ist gepägt vom Plattenbau. Dieses Foto zeigt das Zentrum in den 1960ern, Foto: railasia, Flickr, (CC BY-SA 2.0)

Mich interessiert aber auch die Westperspektive. In den Großwohnsiedlungen in Berlin in Gropiusstadt oder im Märkischen Viertel waren die grundsätzlichen Ideen am Anfang die gleichen. Das geht auf eine gleiche Entwicklung zurück: Also schneller Wohnraum plus die Paradigmen der Moderne. Ich denke an die Charta von Athen unter anderem von Le Corbusier. Da berufen sich Ost wie West darauf. Also die geistesgeschichtliche Entwicklung ist zumindest bis in die 1970er Jahre identisch und knüpft aneinander an. Also die Ideen von Satellitenstädten und der autogerechten Stadt, das ist hier wie da gewesen. Auch im Westen wurde es anfangs als Verbesserung der Wohnverhältnisse verstanden, natürlich. Wenn man sich die Wohnverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg anschaut, ist es auch so gewesen.

Auch im Westteil Berlins ist die Platte verbreitet wie hier in Kreuzberg, Foto: S.Kunath
Auch im Westteil Berlins ist die Platte verbreitet wie hier in Kreuzberg, Foto: S.Kunath

Dann gab es dahingehend im Westen den Bruch, wo nach meinen Kenntnissen die Regierungen durch politische Instrumente die Großwohnsiedlungen nicht mehr weiter gefördert haben, sondern dann der Eigenheimbau gestärkt wurde. Das wurde dann zum vorherrschenden Bild und zum Ziel des Einzelnen, dort zu wohnen. Damit wurde natürlich der Plattenbau oder die Großsiedlung massiv abgewertet. Dieser Schritt wurde im Osten nicht vollzogen. Das gab es nicht, dass man gesagt hat, zieht in Einfamilienhäuser. Es ist ein interessanter Aspekt, den ich aber noch nicht überblicken kann, wie eben heute Menschen in diesen Großsiedlungen im Westen das sehen.

Die geistesgeschichtliche Entwicklung des Wohnens waren in Ost und West bis in die 1970er Jahre identisch. Dann kam es im Westen zum Bruch und das vorherrschenden Bild wurde das Eigenheim. Dieser Schritt wurde im Osten nicht vollzogen.

Ich bin mir relativ sicher und ich habe es auch schon gehört, das man auch in Gropiusstadt in Westberlin noch Menschen findet, die schon von Anbeginn der Zeit dort wohnen und vielleicht auch gerne dort wohnen. Aber die Frage ist, wie verbunden sind sie mit ihrem Viertel? Und wie stark ist diese Verbindung? Und wie sieht sie aus vom Charakter her? Das kann ich aber nicht beantworten.

OJ: Sie sagen, dass sich anhand der Platte verschiedene Diskurse in Ost und West festmachen lassen. Die Platte stehe stellvertretend für Differenzen und Probleme, aber auch für das Gelingen im Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten.

RH: Mir fallen spontan die Stereotype ein, die an der Platte hängen und die ich bezogen auf meine Vortragsreihe auch annahm und die sich dann auch bestätigt haben. Hierzu gehört, dass die Menschen in der Platte zumindest in Berlin, und ich nehme an, auch woanders in Ostdeutschland, unter einem Stigma leiden. Das muss man fast sagen. Ich habe wirklich das Gefühl gehabt, sie leiden ein bisschen darunter. Es ist dieses Stigma, das industriell gefertigten Bauten im Westen anhängt, dass sie nämlich sozial schwache, prekäre Milieus beherbergen und mit Gewalt und Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Das ist zwar durchaus eine reale Entwicklung, die aber erst später kam. Aber im Westen ist das bis heute vorherrschend. Also wenn man in Berlin von der Gropiusstadt spricht, kann man dann die Menschen mal fragen, was sie damit verbinden. Das ist hauptsächlich Gewalt und Verbrechen und Armut. Und das wurde nach meinen Annahmen und meinen Erfahrungen in den 90er Jahren übertragen auf diese ostdeutschen Plattenbausiedlungen, wo dieses Bild aber gar nicht bekannt war und auch nicht auf Fakten traf. Die Realität sah gar nicht so aus. Und da haben sich dann die Menschen schon sehr herabgesetzt gefühlt. Und sie haben dann, ich sage mal, so eine Art kollektiven Minderwertigkeitskomplex entwickelt, der nicht nur in Bezug zu Plattenbauten existiert, sondern auch in anderen Themenfeldern vorherrscht.

Das Stigma von Gewalt und Armut wurde in den 90er Jahren übertragen auf die ostdeutschen Plattenbausiedlungen, wo dieses Bild aber gar nicht bekannt war.

Deswegen sage ich, dass die Platte für diese Diskurse stellvertretend steht. Das ist ein Feld, wo man die Stereotype anhand der Platte festmachen kann. Ich habe jetzt häufig die Erfahrung gemacht, dass die Menschen ihre Platte noch viel heftiger verteidigen, weil sie eben immer der Kritik ausgesetzt war von außen und sie jetzt immer sehr, sehr stark sagen, nein, das ist schön hier! Wir wohnen gerne hier! Und das überbetonen sie dann, dass es keine Gewalt gibt und dass ihr Wohngebiet ordentlich und sauber ist. Manchmal wird da schon zu viel Achtsamkeit darauf gegeben.

OJ: Es gibt schon viele ostdeutsche Großsiedlungen, wo die Menschen diese Siedlungen verlassen haben in den 90ern und 2000ern und insofern frage ich mich, ob es nicht auch Herausforderungen der Transformation gibt, die man anhand der Platte festmachen kann. Ich denke an das Schrumpfen der Städte, den Stadtumbau Ost, wo vor allem die Platten abgerissen werden.

RH: Diese Entwicklung sehe ich. Woran das liegt, kann ich dir nicht sagen. Aber es war natürlich so, dass sich das vorherrschende Paradigma in Bezug auf Stadtentwicklung im Westen schon in den 80er, wenn nicht schon in den 70er Jahren verändert hat. Dort ging die Entwicklung zu einer Verdichtung der Innenstädte. Das ist das, was bis heute anhält, dass Menschen wieder eher im Zentrum leben wollen und nicht in Peripheriestädten, die draußen vor den Toren der alten Städte stehen. Das hat sich auf den Osten einfach übertragen. Durch die Abwanderung, die natürlich Fakt war und auch noch ist in einigen Gebieten, war es natürlich so, dass zuerst diese Großsiedlungen leer gezogen wurden. Aber ich denke, das hängt wirklich mit diesem vorherrschenden Paradigma zusammen.

OJ: Böse Zungen würden behaupten, so schnell wie die Platte entstanden ist, so schnell verschwindet sie auch wieder.

RH: Ja, in einigen Städten ist es so. Das ist richtig. Ich sage mal, etwas, das nicht historisch gewachsen ist, sondern auf diesen Bildern der Moderne, also aus den 20er Jahren zurückführend, entstanden ist, und das nicht 1000 Jahre alt ist, sondern 50, das kann man natürlich auch wieder einfacher beseitigen. Da sind weniger Gefühle mit verbunden. Das ist so diese Assoziation: Ein 500 Jahre altes Gebäude abzureißen ist wesentlich schwieriger als ein Gebäude, das 50 Jahre alt ist. Das ist rational betrachtet absurd, weil eigentlich das viel länger stehen müsste, was neu ist.

OJ: Wer lebt denn heute in der Platte? Was gibt es für Typen von Plattenbaubewohnern? Und warum finden diese Leute die Platte attraktiv?

RH: Was ich in Berlin sehe, gerade in Ostberlin, hat man auf der einen Seite diese alten Plattenbaubewohner, die wirklich seit Anbeginn der Gebäude dort wohnen. Das sind wirklich Erstbewohner. Das fand ich interessant, dass da mir sehr viele begegnet sind, die Ende der 60er, Anfang der 70er dort eingezogen sind und bis heute da wohnen. Manche haben die Wohnung nochmal gewechselt, weil jetzt saniert wurde und Aufzüge eingebaut wurden oder sie barrierefreie Wohnungen brauchten. Aber die, die ich auf meinen Stadtspaziergängen getroffen habe, sind auch in der Wohnung geblieben beziehungsweise fast im gleichen Haus oder im Viertel zwei Häuser weiter. Das ist ein Typ. Das Gegenläufige:

Man sieht heute, zumindest in Berlin und in Polen ist es mir auch schon begegnet, dass die Platte zu einem Phänomen geworden ist, das hip ist. Dass es also auch wirklich junge Leute gibt, die gar nichts mit der DDR zu tun haben. Die sagen, das sind moderne Gebäude, die minimalistisch sind und dann entsprechend drin leben.

Die diesen Betoncharakter mögen, die den Kontrast mögen zum Grünen, das draußen ist. Man wohnt in einem sehr einfachen und zurückhaltenden Raum, hat aber gleichzeitig draußen die Natur. Das ist ein starker Gegensatz und das ist etwas, was viele als hippen Faktor sehen und deswegen in die Platte ziehen.

Modern und grün: Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf zeigte sich während der Internationalen Gartenausstellung 2017 von der schönsten Seite Foto: Ferran Porta, Flickr, (CC BY-ND 2.0)
Modern und grün: Der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf zeigte sich während der Internationalen Gartenausstellung 2017 von der schönsten Seite, Foto: Ferran Porta, Flickr, (CC BY-ND 2.0)

Natürlich ist es auch eine Preisfrage, in Berlin-Mitte aber nicht mal mehr das. Da sind die Mieten schon fast auf Altbauniveau. Und man hat natürlich auch, das darf man nicht verschweigen, gewisse Gebiete wie zum Beispiel Berlin-Marzahn, wo sozial prekäre Milieus wohnen, wo fast ausschließlich Hartz-IV-Empfänger wohnen und wo auch, was meine persönliche Erfahrung ist, die Wohnungsbaugesellschaften das zum Teil befördern, indem sie andere Blocks sanieren und dadurch Hartz-IV-Empfänger verdrängen in Blocks, die nicht saniert sind. Zum Beispiel wird an einem Block ein Aufzug angebaut und dadurch hat man natürlich höhere Mieten, die das Jobcenter nicht mehr bezahlt. Das ist eine Entwicklung, die ich in Marzahn, Hellersdorf kenne ich nicht so gut, durchaus beobachtet habe.

OJ: Vom Außenbild könnte man auch denken, im Grunde genommen geht es um die Idee der Gleichheit, aber offensichtlich ist dieser utopische Anspruch, dieser visionäre Anspruch auch gestorben dadurch, dass ein sozialistischer Gedanke nicht mehr prägend ist in der Wohnungswirtschaft.

RH: Ich bin relativ skeptisch, was die Idee der Gleichheit angeht, ob das wirklich so vorherrschend war oder noch ist. Es war natürlich zumindest auf die DDR bezogen der Fall, dass man gesagt hat, Wohnraum ist erstmal ein Grundbedürfnis. Das müssen wir sicherstellen. Und wir wollen allen, ich sage mal, ähnliche Wohnverhältnisse ermöglichen. Dafür steht die Platte. Was dagegen spricht ist, dass man rein theoretisch in diesen Plattenbauten völlig unterschiedliche Wohnkonzepte verwirklichen kann. Das heißt, es gibt von Ein-Raum-Wohnungen bis zu großen Wohnungen mit fünf oder sechs Zimmern alles. Und das widerspricht eigentlich diesem Bild der Gleichheit.

Die DDR wollte Wohnen als Grundbedürfnis sicherstellen. Dafür steht die Platte. Gegen die Gleichheit spricht aber, dass mit Plattenbauten völlig unterschiedliche Wohnkonzepte verwirklicht werden konnten, von Ein-Raum-Wohnungen bis zu großen Wohnungen mit fünf oder sechs Zimmern.

Man darf sich glaube ich nicht täuschen lassen von dem, was man von außen sieht. Von außen hat man schon eine strikte Formsprache, das häufig auf ein Raster oder ein Muster zurückgeht. Aber im Inneren muss das nicht immer alles gleich sein. Es ist nur, dass ich meinen Wohnstatus nicht nach außen kehre, aber im Inneren ist da durchaus sehr viel individueller Spielraum, und auch früher schon gewesen. Es waren natürlich auch die Politik und die wirtschaftlichen Verhältnisse, die dem entgegen gewirkt haben. Ich nenne den Wohnraummangel, den wir heute auch wieder haben. Es war eine scheinbare Gleichheit. Es gibt mit Susanne Hopf und Natalia Meier auch zwei Künstlerinnen, die diese Plattenbauwohnungen immer im gleichen Typ fotografiert haben, vom gleichen Grundriss sogar. Und dann sieht man, wie unterschiedlich die Wohnungen auch sind und wo man auch einen sehr unterschiedlichen Charakter festmachen kann. Da ist von Gleichheit nichts zu sehen.

OJ: Sie haben das Thema Platte und Kunst angesprochen. Darauf würde ich gerne noch etwas mehr eingehen. Es gibt zwar die Phänomene von Wegzug und Abriss. Aber es gibt auch die Ideen von Recycling und der Stärkung der Zivilgesellschaft in diesen Großwohnsiedlungen. Daraufhin sind auch viele Kunstprojekte entstanden.

RH: Erst kürzlich habe ich über Paul Eis gelesen, der Plattenbauten fotografiert und dann einfach koloriert, was erstmal sehr simpel klingt. Aber da ist natürlich dieses Raster, was immer gleich ist: Das zieht Künstler an, um dann da Vielfalt reinzubringen oder damit irgendwas anzustellen. Ich glaube, solche monotonen Formen sind für Künstler sehr interessant, weil man da viel machen kann und es verändern kann.

Die Arbeiten von Paul Eis – hier aus seinem Instagram-Profil.

Das ist ja auch das, was man sieht, wenn man draußen rumgeht. Ich weiß nicht, ob man da von Kunst sprechen kann, aber das, was die Wohnungsbaugesellschaften zum großen Teil machen, aus meiner Sicht manchmal gelungen, manchmal auch nicht, vom Platten einfärben über das Anfügen eines neuen Musters bis hin zu Wein und Laub oder gar große Murals. Gerade in Berlin hat man da sehr viel, was Kunst am Bau ist. Es ist eine große Fläche, die präsent im Stadtbild ist. Warum sollte man die nicht für Kunst nutzen? Es zieht Kunst sehr stark an. Es ist prädestiniert dafür. Das ist Kunst im öffentlichen Raum, die damals wie heute gefördert wird: Das ist auch etwas, was durchaus Anspruch der DDR war, dass ein oder zwei Prozent der Baukosten in Kunstwerke mit zu investieren waren. Soweit ich das weiß, wurde das auch bis zum Ende durchgezogen. An der Kunst wurde nicht gespart. Auch heute ist es ähnlich, dass ein paar Prozente des Budgets im Wohnungsbau in Kunst im öffentlichen Raum investiert werden müssen.

OJ: Nun, wo wir schon  über Gegenwart und Vergangenheit der Platte gesprochen haben, frage ich mich, wie sehen denn die Zukunftsaussichten der Platte aus?

RH: Das ist eine gute Frage. Was ich im Rahmen der Vortragsreihe mitgenommen habe, aber auch aus einem Gespräch mit einem Architekten, ist das Potential der Platte auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit.

Die Meinung vieler Architekten und Materialwissenschaftler ist, dass die industriell angefertigten Platten ein sehr hochwertiges Bauelement sind. Damals wurde sehr viel Energie in die Produktion der Platten verwendet und man kann die Platte im Grunde über mehrere hundert Jahre verwenden. Deshalb ist es im Prinzip nicht nachhaltig, die Platten zu zerstören und zu Schotter zu machen, weil sie energetisch gar nicht so schlecht sind.

Ein Architekt meinte, und das fand ich interessant, der hatte da gar nicht erst den Blick darauf, aber er ist im Verlaufe der 80er Jahre darauf gekommen, dass die Häuser auch von ihrer Struktur her sehr gut angelegt sind, was die Energieeinsparung angeht. Die ganzen wärmeerzeugenden Elemente sind im Hausinneren. Das heißt, die Wärme, die aus Küchen und Bad kommt, strahlt nicht direkt nach außen, sondern heizt die Wohnung. Und das Raster von sechs Metern beziehungsweise zwölf Metern ist ziemlich günstig, weil das Verhältnis von Innenwänden zu Außenwänden ein sehr gutes ist, was man selten hat, und es dadurch zu geringen Wärmeverlusten nach außen kommt. Außerdem sind aus technologischer Sicht die Platten, die nach außen gehen, recht gut gedämmt. Ich glaube schon, dass das für die Zukunft ein Argument ist. Die heutigen Platten sind auf jeden Fall nachhaltiger als diese Wohnungen, wo jeder sich ein eigenes Häuschen baut. Und natürlich stellen sich beim Diskurs über den Wohnraummangel, den wir heute haben, die gleichen Fragen, die sich nach dem Krieg in den 50er und 60er Jahren gestellt haben: Wie können wir relativ schnell für viele Menschen an einem Ort viel Wohnraum schaffen? Da ist industrielles Bauen zumindest wieder ein potentieller Lösungsweg.

OJ: Abschließend würde ich gerne wissen, wo denn Ihrer Meinung nach die schönsten Platten stehen.

RH: (lacht) Ich denke sehr wenig in solchen Superlativen. Die schönsten Platten? Wir können uns mal aus Deutschland rausbewegen, auch wenn ich grundsätzlich sagen muss, dass die Plattenbauten aus der DDR recht schön sind, weil sie schlicht sind. Ich bin ein Anhänger der sehr einfachen und sehr schlichten Sachen. Den Plattenbauten wird sehr häufig ihre Monotonie vorgeworfen, aber ich mag diese Monotonie, die man dann vielleicht irgendwie durchbricht mit Farbe oder was auch immer, aber man hat ein klares Raster und das finde ich grundsätzlich erstmal schön. Was dem dann ein bisschen entgegensteht sind häufig Plattenbauten in Polen, die dann doch zum Teil sehr verspielt und auch manchmal sehr futuristisch sind. Man hat dann interessante Einfälle gehabt, wie man die Balkonbrüstungen gestaltet. Zum Teil ist das rund, zum Teil ist das nach außen gewölbt. Dann hat man auch ganz andere Raster mit ganz einfachen Veränderungen. Das finde ich schon sehr spannend, weil das diesem Monotonie-Vorwurf entgegenwirkt. Es gibt ein Beispiel in Wrocław, wo es große Plattenbausiedlungen gibt. Einige Wohnungen sehen aus wie Raumschiffe (lacht). Die finde ich sehr, sehr schön und sehr, sehr spannend.

OJ: Um den Berliner Gendarmenmarkt herum gibt es auch Plattenbauten, was mir gar nicht so bewusst war. Die finde ich schon sehr schick.

RH: Das sind Plattenbauten, so wie das Nikolaiviertel auch. Das ist eine andere Phase des Plattenbaus. Wenn wir jetzt von diesen Großwohnsiedlungen wegschauen, das ist alles in den 1980er Jahren entstanden, wo dann auch in der DDR dieses Paradigma vom Streben in die Innenstädte aufgegriffen wurde. Das ist der postmoderne Plattenbau, wo man eine Stilsammlung versucht hat. Das industrielle Bauen wurde verbunden mit historischen Straßenzügen und historischen Formen, die aber keine Kopie waren. In der Hinsicht ist es schon interessant, wenn auch nicht in jedem Fall schön aus meiner Sicht.

Nikolaiviertel, Till Westermay, Flickr, (CC BY-SA 2.0)
Postmoderner Plattenbau in Verbindung mit historischen Zügen im Berliner Nikolaiviertel, Foto: Till Westermay, Flickr, (CC BY-SA 2.0)

Das hat man nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Städten, wo dann in den 80er Jahren die Innenstädte wieder mit Plattenbauten errichtet wurden, dann zum Teil nur dreistöckig oder noch kleiner.

OJ: Rüdiger Hahn, ich danke für das Gespräch.

Fotoquellen

Titelbild / Magdeburg zu DDR-Zeiten: railasia, Flickr, (CC BY-SA 2.0)

IGA in Marzahn-Hellersdorf: Ferran Porta, Flickr, (CC BY-ND 2.0)

Nikolaiviertel: Till Westermay, Flickr, (CC BY-SA 2.0)

Alle übrigen Fotos: Stefan Kunath, Ost Journal

Print Friendly, PDF & Email